Von Quotendeutschen zu home-grown players

Wann immer man mit Insidern über die Quote spricht, wird deutlich, dass die Quote kein Selbstzweck ist. Das Nationalmannschaftsargument kommt vor allem bei Bauermann und einigen Fans zum Ausdruck. Aber die Wurzel des Übels ist etwas anderes. Es ist die hohe Fluktuation in der Liga und die Sehnsucht der Fans nach Identifikation. Ein Posting gegen die Deutschenquote und für eine Quote von home-grown players.

Vor ein paar Wochen habe ich anlässlich des Sporttalks mit Jan Pommer und Dirk Bauermann nochmal den Begriff des home-grown players in die Runde geworfen und diesen mit “Eigengewächs” übersetzt. Andere Ligen verwenden den Begriff bereits in ihren Quoten. Auch weil ich Widerspruch provozierte, will ich ihn noch einmal erläutern.

Ich wurde mal gefragt wie ich denn “home-grown players” übersetzen würde. “Eigengewächse” war meine Antwort. Das Wörterbuch schlägt “im Land aufgewachsen”, “selbst gezogen” und “einheimisch” vor.

Der Begriff stammt aus der Debatte um Quotenregelungen im europäischen Fußball. Er ist nicht neu, sondern von der UEFA längst praktiziert und in diesem PDF schön begründet. Auch in Frankreich findet er im Basketball Anwendung. (plus: schöne analyse auf Ballineurope)

“Home-grown player” (wahlweise auch homegrown player) ist ursprünglich wohl ein Begriff der Quotenregelung bei der UEFA:

Spieler gelten als „lokal ausgebildet“, wenn sie unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit oder ihrem Alter mindestens drei Jahre lang im Alter zwischen 15 und 21 Jahren von ihrem Verein oder einem vom jeweiligen nationalen Verband anerkannten Verein ausgebildet wurden.”

Die Zulässigkeit einer Quote von “home-grown players” wurde in der Debatte um die (Un-)Vereinbarkeit einer Inländer-Quote mit Europarecht im Streit zwischen Europäischer Kommission und UEFA  weitgehend rechtlich geklärt. Diese Debatte gab es auch auf schoenen-dunk schon mehrfach, zusammengefasst hab ich sie hier. Es ist ein wenig ein Scheinproblem, denn rechtlich dürfte eine Quote dann unproblematisch sein, wenn man statt “Deutsch” als Merkmal “home-grown players” nimmt. Nur ein anderer Begriff, aber eine fast identische Wirkung für den Nachwuchs.

Und um diesen geht es den Quotenbefürwortern doch vorrangig, oder? Ihre Rechtfertigung findet eine Quotenregel durch die Wirkung auf die Nachwuchsförderung, nicht durch den deutschen Pass. Eine Liga braucht Spieler, die vor den Augen der Fans wachsen, sich entwickeln. Spieler wie du und ich, mit denen man vielleicht sogar mal gemeinsam auf Körbe geworfen hat (schön geschildert von goldlocke) oder auf die gleiche Schule gegangen ist. Ob diese nun einen deutschen Pass haben, das ist mir herzlich egal.

Es ist übrigens – wenn die Liga durch Jan Pommer immer wieder verkündet, dass es doch spannend werden solle (und ich interpretiere: ALBAs/Bambergs/Leverkusens Dominanz gebrochen werden sollte) – aufschlussreich, dass die UEFA in oben verlinktem Paper ein ganz besonderes Argument für die Einführung einer Quote nennt:

Die Hauptprobleme lassen sich wie folgt zusammenfassen:

1. Mangelhafte Investitionen in die Spielerausbildung
2. Fehlendes Gleichgewicht in den Wettbewerben
3. Anhäufung von Spielern
4. Schwächung der Nationalmannschaften
5. Identitätsverlust.

• In Europa wird zu wenig in die Entdeckung und Förderung neuer Talente investiert. Stattdessen stellen wir fest, dass vermehrt nach schnellen und einfachen Lösungen gesucht wird: Man kauft Spieler, statt sie selbst auszubilden.

• Die UEFA hat daher neue Vorschläge erarbeitet, um die lokale Juniorenausbildung zu fördern. Wir sind überzeugt, dass unsere Vorschläge helfen werden, die Zukunft unseres Sports zu sichern. [...] Unsere Vorschläge könnten zu einer vertieften und besseren Ausbildung führen, weil die Klubs gezwungen wären, wenigstens einige ihrer Spieler selber auszubilden.

• Wir sind der Meinung, dass unsere Vorschläge den neuen, jungen Talenten eine bessere Zukunft bieten würden und das Spielerniveau dadurch etwas ausgewogener würde – dies in einer Zeit, in der die finanzielle Macht zu einem zu grossen Faktor für den sportlichen Erfolg zu werden droht.

Fast alles gilt so auch im deutschen Basketball. Beim letzten Punkt musste ich schmunzeln, geht man doch im Basketball davon aus, dass nur die großen Clubs von der Quote profitieren. Denn Sinn und Zweck der Quote ist es nicht, jetzt ALBA zu protegieren oder deutschen Spielern extrem hohe Löhne zu verschaffen (vom Sport gut leben zu können, dass ist freilich nötig). Sinn und Zweck der Quote kann ganz allein nur sein, die Vereine zu zwingen, die Nachwuchsarbeit ernst zu nehmen. Ich glaube nicht, dass es Ausbildungsfonds, NBBL und Schulprogramme ohne den Quotendruck und die 8%-Pflichtausgaben für Nachwuchsarbeit gegeben hätte. Doch das braucht Zeit. Deswegen ist mit einem schnellen Quotenanstieg auch nichts gewonnen. Nur ohne ein klares Signal hin zu einer erweiterten Quote werden es sich viele Clubs wie bislang bequem machen. Bauermann hat Recht: Noch tut es kaum einem Team in der Rotation wirklich weh. Mit 4 von 12 spürt man allenfalls erste strukturelle Effekte. Alles darunter war ohne signifikante Wirkung auf  Spielzeit und Anzahl.

Nur weil von jetzt auf gleich 6 Deutsche im Team stehen, oder einer auf dem Feld ist wird die Nationalmannschaft nicht plötzlich besser. Dazu ist zu viel versäumt worden, eine ganze Spielergeneration wird nun fast in Gänze übersprungen, schaut man sich den neuen Kader an.  Ein Effekt für die Nationalmannschaft wird sich dann schon automatisch einstellen, wenn erst einmal die Nachwuchsarbeit in der Breite und in der Spitze wirklich gut ist und alle Clubs hierfür Verantwortung übernehmen. Und wenn dabei – wie im Fußball geschehen – ein Nationalspieler für die Türkei, einer für Polen und einer für Kroatien bei rauskommt, der hier ausgebildet wurde und hier spielt? Das wäre doch ein schönes Extra.

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10 Gedanken zu „Von Quotendeutschen zu home-grown players

  1. volle zustimmung, zumal in 9/10 fällen homegrown = für deutschland spielberechtigt bedeutet und somit der eigentliche unterschied sowieso marginal ist.
    der punkt “identifikation mit spielern die man selbst erlebt hat” bzw deren weg man relativ hautnah mitverfolgt hat, stimmt auf jeden fall.
    es freut einen einfach wenn spieler gegen die man vor 2-3 jahren oder auch schon länger noch gespielt hat, jetzt bei(in meinem fall) den franken hexern, bayreuth, im U20-NT, etc auflaufen.

    des weiteren danke für die verlinkung auf goldlocke, toller sd-post, den muß ich glatt verpaßt haben ;D

  2. ” Ich glaube nicht, dass es Ausbildungsfonds, NBBL und Schulprogramme ohne den Quotendruck und die 8%-Pflichtausgaben für Nachwuchsarbeit gegeben hätte.” glauben ist nicht wissen. vor 3 jahren wurde nbbl eingeführt, da gab es keine quotendiskussion, kein quotendruck, da war das kein problem.

    • Vor drei Jahren gab es aber bereits den Beschluss des mittelfristigen Quotenanstiegs bis 2009/2010, dessen letzte Stufe wir jetzt sehen. Dieser erfolgte im Mai 2005. Die NBBL wurde ein Jahr später, zur Saison 2006/2007 eingeführt:

      Jan Pommer begründete die NBBL damals wie folgt:

      “Uns ist es mit der Nachwuchsarbeit sehr, sehr ernst”, sagt BBL-Geschäftsführer Jan Pommer. “Schließlich haben wir ein ambitioniertes Ziel vor Augen. Ab der Saison 2009/10 müssen vier von zwölf Spielern auf dem Spielberichtsbogen über die deutsche Staatsbürgerschaft verfügen – und das sollten nach Möglichkeit junge, talentierte Spieler sein.

  3. 2 weitere Sachen zum HGP die meiner Meinung nach sehr wichtig sind.

    1. durch den HGP werden “unerklärische” Einbürgerungen abgewendet. Da es ja die Nationalität sozusagen nicht mehr gibt werden dadurch auch die unglücklichen Bulgarischen oder Mazedonischen Pässe abgeschaft

    2. führt diese Regelung dazu dass die Talentiertesten Spieler sehr jung (mit 16 oder 17) von den grossen europäischen Vereinen aufgekauft werden nur damit die den jeweiligen HGP Status erhalten. Dies ist dann theoretisch auch mit US Spielern möglich

  4. Pingback: Quote ohne Effekt: Ahnenforschung statt Nachwuchsarbeit « Grübelei – Ansichten eines Basketballfans

  5. Bei den home-grown players geh ich voll mit, aber die Quote bereitet mir nach wie vor etwas Bauchschmerzen. Dio hat es bei SD gut auf den Punkt gebracht: Eine Quote hat noch nie ein Problem grundlegend gelöst, bloß abgeschwächt.
    Ein langsamer Quotenanstieg, der eine Verschärfung der jetzigen Regelung erst in einigen Jahren vorsieht, könnte aber tatsächlich ein guter Weg zu einer Abschwächung sein, einen übereilten Anstieg halte ich aber auch für falsch.

    Es wäre gut, den Druck auf die Vereine aufrecht zu erhalten bzw. noch einmal zu erhöhen, aber zwischen dem Ziel des kurzfristigen sportlichen Erfolges in der BBL, der zudem bisweilen durch die lästige “Pflicht” der europäischen Wettbewerbe gefährdet wird, auch noch Nachwuchsarbeit unterzubringen, dürfte vielen Vereinen Probleme bereiten.
    Ob hier eine Verkleinerung der Liga ein richtiger Ansatz wäre? Das Stichwort “Zuschauereinnahmen” ist wohl ein gewichtiges Gegenargument…
    Wichtig wäre, daß die powerhouses in dieser Hinsicht vorangehen und zeigen, daß sich sportliche Erfolge in der BBL, europäische Wettbewerbe und ambitionierte Nachwuchsförderung trotzdem irgendwie unter einen Hut bringen lassen – obwohl, lassen sie sich eigentlich…?

    Ich denke, die nahe Zukunft wird uns etwas klüger machen, ob die ersten strukturellen Effekte sich ausweiten oder doch wieder abschwächen. Den Faktor “Zeit” auch wirklich zu berücksichtigen und ernst zu nehmen, fällt aber nicht leicht in einer Diskussion, wo viele einen schnellen Erfolg der Quotenlösung durch rasche Verschärfung sehen wollen.

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