trog#9 Katzenjammer in Kayseri

Es dauerte ein wenig nach Spielende, bis allen dämmerte, was da gerade geschehen war. Nicht nur verschenkte das deutsche Nationalteam eine 10 Punkte Führung kurz vor Ende der regulären Spielzeit und verlor recht desaströs nach Verlängerung – Nein, man hatte sich selbst auch um die Weiterreise nach Istanbul gebracht und um die Riesenchance als Team einen Schritt nach vorne zu machen. Jetzt fliegt man zwar dorthin, aber sieht höchstens noch die Transithalle von innen, während 4 andere Teams aus der Kayseri-Vorgruppe durch die Tür mit der Aufschrift Exit/Luggage claim gehen dürfen.

Es war einfach so so bitter, so nah dran und doch alles verloren. Schock und Frust saßen und sitzen tief, Wut, Trauer und Enttäuschung mischten sich hinein. Sprachlos, ratlos war der überwiegende Tenor. Warum das Foul bei 2 Punkten vor? Und wenn das Foul um den letzten Schuß selbst zu haben, warum in Himmelsnamen den überragenden Cipriano foulen? Warum die vielen TOs in der Schlußphase und der Overtime? Warum das kopflose chaotische Spiel? Warum nicht anständig ausgeboxt beim Rebound? Warum kein Inside Game trotz klarem Längenvorteil? Warum keine Pässe auf den Lowpost, keine Aktionen aus dem Lowpost, wenn denn mal der Ball dahinkam? Die Zone, die zeitweise probiert wurde, war gut, zeigte Wirkung, man sah aber, dass sie überhaupt nicht eingespielt war und so die Rausblockprobleme beim Defensivrebound noch vergrößerte. Die Mann-Mann-Defense war gegen die pfeilschnellen Angolaner immer nen Schritt zu langsam.

Fazit: Zone mau, Mann lahm, vorne viel zu viele Schüße von draußen, kein Inside game, keine Butter-und-Brot-Spielzüge für die Schlußphase. Und das war dann das.

Nix ohne Dirk? Das werden leider jetzt wieder viele fragen

Und ich teile die Meinung einiger nicht, die sagen, dass gute Teams immer auch ihr Schockerlebnis haben müßen, einen Tiefpunkt sozusagen um daran zu wachsen. Das mag zutreffen bei Teams wie dem, das in Indianapolis bei der WM 2002 Bronze holte und im Folgejahr bei der EM in Schweden grandios unterging, nur um 2 Jahre später Silber zu holen. Meiner Meinung nach trifft das für diese Mannschaft nicht zu, denn die hat noch nichts erreicht. Gar nichts. Gewinnen, weiterkommen, mehr sehen, mehr erleben wäre für dieses Team viel wichtiger gewesen um daran zu wachsen.

Gestern in Kayseri: Deutschland trauert.....

Letztes Jahr, das erste ohne Übervater Nowitzki, war ähnlich, aber da hatten sie noch das “Privileg der Jugend” und es wurde viel verziehen, auch eine gruselige, komplett unnötige Niederlage gegen Mazedonien, die das Weiterkommen kostete. In der Endbilanz der EM 2009 stand nur 1 Sieg bei 5 Niederlagen, aber es stand dort auch in fetten Lettern das Versprechen auf eine bessere Zukunft.

Ein Teil dieser Zukunft war 2010. Und ehrlichgesagt habe ich gerade bei den ganz jungen Spielern am wenigsten Fortschritt gegenüber 2009 gesehen. Pleiß einmal ausgenommen, der sich langsam wirklich macht. Besser als 2009 waren eigentlich nur die “älteren” Greene, Hamann und Jagla. Ironischerweise genau die Spieler, die gestern Abend auch am Schluß die entscheidenden Fehler machten. Harris, Günther, Benzing und teilweise Staiger haben mich eher enttäuscht. Elias Harris hat irgenwo im schönen Staate Washington seinen Schuß verloren und wirkte zeitweise wie ein Fremdkörper im Team. Benzing wirkte verunsichert, hatte Probleme in der Verteidigung. Staiger hatte eine tolle Vorbereitung, konnte die Leistung aber nur im Angolaspiel wiederholen. Günther fiel vor Polen mit Verletzung aus. Große Veränderungen zum Vorjahr sehe ich aber auch dort nicht.

....Angola jubelt!

Versteht mich nicht falsch, ich will keinen der Jungs schlecht reden, ganz im Gegenteil. Ich sehe das schlummernde Potential, sehe die Möglichkeiten, ärgere mich aber gerade deshalb maßlos, was und wie wenig bislang daraus gemacht wurde. Wenn ich nicht sehen würde, wie gut sie sein könnten, würde ich mich nicht halb so ärgern.

Güle, Güle - Tschüß, Deutschland!!!

Zum großen Teil sind die jungen Spieler heute ein Opfer der deutschen Basketballpolitik der letzten 10 Jahre. In den 90ern gab es Harnisch, Mike Koch, Kai Nürnberger, Welp, Gnad, Rödl usw.. Später kamen Pesic, Arigbabu, Okulaja, Roller, Femmerling usw. hinzu. Alles Leute die dank Ausländerbeschränkung (auf 2) von Jugend an in ihren Clubs ran mußten, teilweise 2 Liga, aber unerheblich. Man denke nur mal an das Alter in dem damals signifikante Minuten fällig wurden. 16, 17 war da normal. Bisschen Welpenschutz gabs auch, aber nicht lange, dann wurde mit einem Maßstab gemessen – Leistung mußte her, Verantwortung übernommen werden. Die Welt drehte sich weiter, die Ausländer-Beschränkungen fielen, die jungen Deutschen rückten urplötzlich in den Hintergrund. Der schnelle Erfolg in der Liga wurde meist mit Einkäufen von außerhalb bewältigt. Der Nachwuchs wurde rar, deutsche Minuten auf dem Feld zeitweise gar etwas heraushebenswert positives – sogar bezahlt wurde dafür. Schon krank eigentlich, wenn man das ganz genau durchdenkt. Eine deutsche Liga bezahlt deutsche Vereine, die jungen deutschen Spielern Minuten Spielzeit geben. Im besten Falle geht das als skurril oder exotisch durch.

Das Resultat ist klar: Die Maßnahmen “too little, too late” und Spieler, die nicht bereits mit 16, 17 ihre Kämpfe ausfechten, ihr “Angolaerlebnis” oder “Türkeitrauma” auf dem ein oder anderen Level, in der ein oder anderen Form, bereits durchlebt haben. Spieler die stattdessen behütet aufwachsen, gepflegt wie ein Juwel, selten wie der Dodo, ganz, ganz vorsichtig eingesetzt. Das bedeutet aber auch: keine Frusterlebnisse, keine Presseschelte, kaum bittere gegebenenfalls durch einen eigenen Fehler verschuldete Niederlagen. Und dann kommt so was wie eine WM and you never know what hit you. Es ist ein bißchen so, als würde unsere Basketballjugend in einem Aquarium hochgezüchtet um dann ins Meer geworfen zu werden. Darwin freut sich – die Angolaner auch. Es wird noch dauern bevor das was wieder was wird.

So, dass war das von mir aus Kayseri. Wenig, sehr wenig geschlafen, mit nem Brummschädel aufgewacht, Muskelkater im Basketballherz, das Endlos-Replay vom Game in der Birne. Und der letzte Tag gegen die coolste, netteste, lustigste Mannschaft des Turniers: Jordanien. Bedeutungslos das Spiel, unglaublich liebenswert der Gegner. Beim Essen, dass die Jungs am ganz normalen Fanstand einnahmen, erzählte uns ein Spieler, er seie nur mit zur WM gefahren, das ganze harte Training und so, kein Urlaub, you know, um einmal Dirk Nowotzki live spielen zu sehen. Und jetzt wär der nicht da. Riesige Enttäuschung bei ihm. Bei uns auch, aber wegen des Ausscheidens, nicht wegen Nowitzki. Und es kommt die Frage auf: Unterkunft in Istanbul annulieren? Anschlußflug nach Deutschland buchen? oder doch noch dort bleiben? WM und Stadt erleben? Weitertroggen oder nicht? Einmal drüber schlafen hat noch nicht gereicht.

osb sagt schon mal Tschüß.

PS: eigentlich sollte ja heute der Gag von unserer facebookseite verbraten werden, von wegen “Jordan?” “Ja, okay, der Mann war gut aber gleich ein ganzes Land nach ihm benennen?” Bin aber nicht in Stimmung :-(

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10 Gedanken zu „trog#9 Katzenjammer in Kayseri

  1. manmanman… wat ne üble Angelegenheit… :-(((((((
    Ihr tut mir wirklich a bisserl leid und ich kann Euch wirklich nur raten, den Milchreis mal mit so ner richtig schön matschigen Dosenerdbeere zu versuchen… ;D

    Hut ab für Deinen Einsatz und es ist mal wieder ein Vergnügen -selbst nach diesem traumatischen Erlebnis ;-)- Deine Zeilen zu lesen!

    btw: Ihr solltet nach Istanbul fahren. Ist superklasse dort und da Ihr ja quasi nix anderes vorhabt….

  2. Danke zunächst mal für die vielen tollen Eindrücken von der WM. Kann dem Artikel eigentlich im Bezug auf die Analyse nur zustimmen. Ich hoffe nur, dass uns das Turnier nicht allzu weit zurückwirft. Und es zumindest als Lerneffekt das Team nach vorne bringen.

    Ein Punkt findet in meinen Augen zu wenig Berücksichtigung: Bauermann. Auch er muss sich hinterfragen lassen, dass das Team die Nerven verlor und vor allem kein Lowpost-Spiel aufgezogen wurde. Oder hat das Team selbsttätig den Weg in die Zone verweigert? Da muss sich Bauermann auch selbst hinterfragen (wovon ich aber auch ausgehe).

    • Ja. Aber wenn ich auf das Thema eingegangen wäre, wäre ich auch noch beim Unterbau gelandet. Die Jugendförderung ist mMn nach immer noch lausig bzw im hobbymässigen Bereich angesiedelt.
      Dann hätte ich aber Arg-Srb verpasst und unser Spiel auch noch ;-) deshalb habs ichs gar nicht erst angeschnitten.

  3. Liebe Oldschoolballerin, mein Tipp: Hol Dir Dein Gepäck in Istanbul vom Band. Die Stadt würde sich schon ohne Basketball lohnen – und die guten Teams sind ja noch dabei.

    • Hm, ja mal sehen. Eigentl hab ich tatsächlich schon nen Date mit Argentinien.

  4. Der Grübler scheint ja noch in den USA zu weilen… und Ihr habt rübergemacht nach Jordanien? Immerhin Gießen hat doch das 1. Spiel gewonnen… so schlimm ist es doch nicht…
    Wäre wirklich schade… hab das hier doch immer sehr gerne gelesen…
    ;-)

  5. Pingback: Junge Spieler und ein seltenes Twenty/Ten? « gruebelei.de – Ansichten eines Basketballfans

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