Fastermann. Alba verliert auch gegen Siena.

Einer meiner Chefs, wahrscheinlich der,von dem ich am meisten gelernt habe, brachte mir für den Fall der Nachrichtenberichterstattung mal einen Begriff bei: Fastermann. Ein Fastermann ist, wenn fast etwas passiert wäre. Fast wäre der Chemielaster in den Kindergarten gefahren. Fast wäre der Zug aus der Spur gekommen. Fast wäre Deutschland Fußball-Weltmeister geworden. Es sind – im Guten wie im Bösen – Ereignisse, die nie eingetreten sind, obwohl es gut hätte sein können, und die deswegen nur geringeren Nachrichtenwert haben. So wie: Fast hätte Alba gegen Siena gewonnen. Oder: Fast wäre aus Alba eine gute Basketballmannschaft in Europa geworden. Aber eben nur fast. Und wenn es so weitergeht, können wir auch wieder jammern: Fast wäre Alba in die zweite Runde der Euroleague gekommen.

Die Chance zum Ausscheiden stehen nicht so übel. Die Franzosen haben nun ebenfalls zwei Siege, wenn sie nächste Woche mit mehr als drei Punkten gegen uns gewinnen, dann sieht es übel aus – es sei denn, wir schaffen dann ganz viel unerwartete Erfolge: In Tel Aviv, gegen Malaga. Dem allem mal vorausgesetzt, wir schlagen die Euroleague-Trümmertruppe aus Danzig. Wenn Alba nicht weiterkommt, dann liegt es erstmal am eigenen Unvermögen. Wir hatten es mehrfach in der Hand. Gegen Tel Aviv wäre es Glück gewesen – die Mannschaft ist deutlich talentierter als Alba. In Polen wäre es Pflicht gewesen. Und gestern gegen Siena hätte es gut sein können.

Hätte, hätte, Fahrradkette. Es gibt ein paar Dinge, die ich nicht verstehe: Die Unaufmerksamkeit zu Spielbeginn. Wie gegen Tel Aviv haben zwei Drittel der Mannschaft sowohl zu Beginn der ersten, wie auch der zweiten Hälfte ganz private Gedenkminuten eingelegt. Schaffartzik und Wood dachten daran, wie es früher war, als sie noch warfen. Miralles erinnerte sich an die Zeit, als er noch einen Ball festhalten konnte und Dedovic erinnerte sich an sein blendendes Aussehen nach dem letzten Friseurbesuch und wollte jede Gefahr vermeiden, dieses mit viel Drei-Wetter-Taft fixierte Meisterwerk aus Scherengeschicklichkeit und Rasiervermögen in Unordnung zu bringen. Unser Trainer, der einer anderen Friseurschule anhängt, war entsprechend zornig.

All unser Misserfolg ist deswegen erstaunlich, weil Siena ja in aller aller Regel mit vier Mann verteidigt. Bobby Brown ist da immer noch, sagen wir, auf dem Niveau von Mladen Pantic und Slavko Stefanovic, um mal zwei Namen aus dem Reich der Basketball-Finsternis zu bemühen. Eins gegen eins kanns noch ordentlich aussehen, aber, wie mein Nachbar so schön sagte: Am ersten Block endet seine Defense mit einem nur leicht enttäuschten Gesichtsausdruck. Ärgern kann man sich vor allem, weil im vierten Viertel trotzdem noch alles gut geworden wäre, als Wood die Brown-Mängel nutzte.

Ärgern kann man sich, weil am Anfang zwei mittelgute Bundesligaprofis reichten, um uns durcheinander zu birngen. Benjamin Ortner war zu Saisonbeginn noch mit einem Kurzzeitvertrag als Ovcina-Ersatz in Gießen. (Gießen!!). Und Kangur meuchelte vor ein paar Jahren noch mit Leverkusen im Niemandsland der Tabelle und hat dann so eine mittelgute Italien-Karriere gemacht. Dass Siena ihn überhaupt genommen hat, liegt an Not und Elend in der Toskana. Und die beiden quälen uns.

Jetzt mal im Ernst: Leute wie Thomas Ress, das sind alles sehr, sehr solide Basketballspieler. Kein Supermann, früher immer so für 15 Minuten gut. Was man aber wissen kann: Er ist der italienische Nationalmannschaftscenter, der ausgeprochen gut wirft, und das schon seit 1891, wenn ich sein Alter richtig schätze. Und selbst wenn die jungen Leute von Alba sich an die alten Geschichten vielleicht auch nicht mehr erinnern: Seine Freiwürfe zeugten von Werferqualität. Wieso steht ausgerechnet der dann kurz vor Ende so allein an der Dreierlinie?

Siena war besser als im Hinspiel, aber keine Übermannschaft. Wenn Brown nicht auf dem Feld war, hatten sie keinen Spielmacher (was macht Rasic eigentlich?). Trotzdem waren wir bei den Guards meist unterlegen. Sie spielen mit eineinhalb Scheincentern (Was macht dieser Kasun?).

Es gab auch gute Seiten. Alba hat im vierten Viertel sieben Minuten äußerst ansehnlichen Basketball gespielt. Gewinnen kann man so auch. Fast jedenfalls.

Sinn und Verstand

Alba hat in der Europaliga ein Spiel gewonnen. Auswärts in Siena. Nach gefühlt 400 Niederlagen in Folge. Überzeugend. Ohne einen einzigen Ausfall im Team. Selbst wenn es noch einmal knapp wurde, nicht die Nerven verloren. Geduldig gespielt. Manchmal fast zu geduldig. Kann das wahr sein?

Ist es, und trotzdem sollten wir uns nicht allzu viel darauf einbilden. Denn Siena ist eine Trümmertruppe. Weiterlesen

Gastbeitrag: Euroleague Final Four in Barcelona (1)

robbe nimmt die vier europäischen Spitzenteams für euch auseinander, die sich am Wochenende (Halbfinals an diesem Freitag, Finale am Sonntag) im Euroleague Final Four in Barcelona gegenüberstehen:

VORGESCHICHTE

Neues Spiel, neues Glück?

Die Saison 2010/11 war von Beginn an nicht wie jede andere. Der neue Court – 6,75m-Linie, rechteckige Zone – bot Diskussionsstoff. Es folgte eine Hauptrunde mit zahlreichen Überraschungen, weil die großen Klubs in der Offense nicht die Effizienz der Vorjahre brachten und vor allem mit dem Distanzwurf Probleme hatten. Die Sicherheit kam langsam im Laufe der Saison, so dass die Dreierquote in den Viertelfinals (37,9%) ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Spätestens in den wichtigen Spielen des Top16 war definitiv Schluss mit lustig. Mit Olympiakos, Panathinaikos, Real Madrid, Barcelona, Caja Laboral, Valencia, Montepaschi und Maccabi standen weitestgehend die Favoriten im Viertelfinale. Unrühmliche Ausnahme war CSKA Moskau, das katastrophal startete, Ex-Partizan-Macher Vujosevic unter mächtigem Druck der Fans in die Wüste schickte und schlussendlich in der Vorrunde scheiterte.

Die Zuschauerzahlen können sich sehen lassen. Gepowert durch neue, attraktive, besser gelegene Hallen in Ljubljana und Istanbul strömten 24,6 Prozent mehr Zuschauer in die Arenen als in der Vorsaison.

DIE VIERTELFINALS

In den Viertelfinals wurde fantastischer Basketball gespielt. Ein Basketballfest mit taktischen Kniffen, wahnsinniger Intensität und überraschenden individuellen Leistungen.

Olympiakos gegen Montepaschi begann mit einem Schlachtfest: Siena spielte, als hätte man den Spielern Schlaftabletten verabreicht. Am Ende hieß es 89 zu 41. Die Toskaner revanchierten sich mit drei deutlichen Siegen in Serie. Drei Bilder bleiben im Kopf: 1) Wie Malik Hairston die Flügel der Roten ein ums andere Mal beim Offensivrebound überpowert; 2) Wie Marko Jaric in Spiel 3 im Pick and Roll Sprungwurf auf Sprungwurf über die ausgestreckten Arme von Nesterovic & Bourousis schießt; 3) Wie Spanoulis in den wichtigen Phasen den Ball hoffnungslos überdribbelt; Sowieso war es ein Scheitern des großen Guard-Trios Spanoulis, Teodosic, Papaloukas. Papaloukas spielte immer dann stark wenn er wirklich als Spielmacher agieren durfte, war aber zu oft Abseits des Balles unterwegs. Spanoulis/Teodosic klickte einfach nicht. Vielsagender Fakt: Stand der Serbe mit Spanoulis gemeinsam auf dem Parkett, schoss er 25,3 Prozent aus dem Feld, darunter 21,9 Prozent aus der Distanz. Letzte Saison hatten Papaloukas/Teodosic noch gemeinsam die Liga durcheinandergewirbelt, Letzterer wurde MVP. Wenn Obradovic addition by substraction erreicht hat, indem er den Ball zurück die Hände seines besten Spielers – Diamantidis – brachte, dann ist dies hier wohl ein Fall von substraction by addition.

Caja Laboral gegen Maccabi war von Anfang an die Serie mit dem höchsten Tempo, dem besten Flow und den spektakulärsten Offensivleistungen. In Spiel 1 retteten sich die Basken noch mit einer selbst für ihre Verhältnisse bombastischen Wurfleistung (13/26 Dreier) über die Ziellinie, in Spiel 2 warfen sie nicht schlechter (10/20), wurden aber im Lowpost von Big Sofo verprügelt. Am Ende drückte Pargo Logan den Gamewinner ins Gesicht. In Tel Aviv gab es trotz der Verletzung von Doron Perkins kurzen Prozess. In Spiel 4 machten die Gelben 99 Punkte in 67 Possessions. Wisst Ihr wie viele Possessions ein durchschnittliches NBA-Spiel hat? 92. Wie viele Punkte macht man mit 92 Possessions bei gleicher Effizienz? 136.

Zweifellos war Barcelona gegen Panathinaikos die meistbeachtete der vier Serien. Panathinaikos hatte das Viertelfinal-Heimrecht mit einer Heimniederlage gegen Lietuvos Rytas verspielt, während Barca Top16 mit 6:0 abschloss, darunter zwei Siege über Maccabi. Obradovic brannte von Beginn an ein Feuerwerk an der Seitenlinie ab, richtete giftige Kommentare an die Unparteiischen, die sein Gegenüber Pascual nach Spiel 2 nur halbherzig konterte. Barcelona gewann Spiel 1 trotz einer phänomenalen Leistung von Diamantidis mit 83:82, bevor die Griechen Spiel 2 mit 75:71 stahlen. Obradovic ließ konsequent von Rubio & Sada weg- und zu Navarro hin rotieren, womit beide Aufbauspieler – Werfen ist nicht wirklich ihre Stärke – nichts anzufangen wussten. In Spiel 3 & 4 näherte sich die Panathinaikos-Defense der Perfektion. Obradovic spielte häufig Box- oder Diamond and One-Defense (mit Calathes gegen Navarro), die sich bei jedem Versuch des Drives am oberen Zonenrand blitzschnell in eine Matchup-Zone verwandelte. Obradovic, Diamantidis und Calathes ernteten nicht zu Unrecht die Lorbeeren, aber vor allem die Defensivarbeit der Power Forwards Tsartsaris und Fotsis war so unfassbar gut, dass sie besondere Erwähnung verdient.

Real Madrid gegen Valencia blieb bis Spiel 5 die vergessene Serie. Ettore Messina hatte ein urchschnittliches Team zum Playoff-Heimrecht geführt, bevor er der Basketballwelt mit seinem Rücktritt die Schuhe auszog. Zu wenig Geduld, überzogenes Anspruchsdenken des Klubs prangerte er an. Sei ehemaliger Co- und neuer Interimscoach Molin änderte nicht viel, re-installierte allerdings Felipe Reyes als klare Nummer 1 auf der 4, wo ihm der erst 19-Jährige Nikola Mirotic unter Messina den Rang abgelaufen hatte. Real gewann eine langsame, physische, aber nicht hochklassige Serie durch solide Defensivarbeit und überwältigende Dominanz beim Rebound.

DAS FINAL FOUR

Aus dem Favoriten-Quartett Barca-Panathinaikos-Olympiakos-CSKA schaffte es nur ein Team ins Final Four. Ein Turnier der Außenseiter ist es dennoch nicht.

Siena und Tel Aviv gehören zu jenen Teams, die zwar im Regelfall keine Unsummen ausgeben können, die aber ein Monopol auf heimisches und in heimischen Arenen spielendes Basketballtalent besitzen. Die Israelis angelten sich vor der Saison, als Nachverpflichtung für den lebensgefährlich kranken Mikhail Torrance, Jeremy Pargo von Galil/Gilboa, Volltreffer. In der Vorsaison hatten sie Doron Perkins verpflichtet, BSL-MVP von Maccabi Haifa, noch ein Volltreffer. Zwei Jahre davor Terence Morris von Hapoel Jerusalem, schon wieder ein Volltreffer. Dazu kaufen sie erwiesene Fachkräfte, die in finanzschwächeren Teams, gewöhnlich in kleineren Ligen, den Durchbruch schafften: D’Or Fischer hatte sich in der belgischen Liga dumm und dämlich gereboundet, Chuck Eidson war EuroCup-Sieger und MVP mit Rytas, Alan Anderson hatte eine spektakuläre Saison für Cibona Zagreb hingelegt, Stephane Lasme in der Euroleague Angst und Schrecken unter den Körben verbreitet.

Siena funktioniert ähnlich. Terrell McIntyre, Romain Sato, Rimantas Kaukenas, Shaun Stonerook und David Moss hatten sich in der Serie A (bzw. B) bewiesen bevor Pianigiani und Minucci zugriffen. Bo McCalebb war bei Partizan der Durchbruch gelungen, Milovan Rakovic hatte in St.Petersburg für Aufsehen gesorgt. Man verrichtet solide Arbeit. Siena, Caja Laboral oder Tel Aviv, das ist der vorletzte Schritt auf der Karriereleiter.

Real Madrid hat Geld, wird aber keinen nachhaltigen Erfolg haben solange das Management nicht in der Lage ist Spieler entweder mit viel Know-How selber zu evaluieren oder diese Aufgabe alleine dem Coach zu überlassen. Dem jungen Kern um Llull, Suarez, Mirotic und Tomic steht eine erfolgreiche Zukunft bevor, doch bleibt zu befürchten dass der Name eines Spielers – nicht dessen Leistung – in diesem Klub weiterhin eine übergeordnete Rolle spielen wird.

Panathinaikos legt die Transferpolitik alleine in die Hände des Trainerteams und fährt gut damit. Die einzige Aufsehen erregende Verpflichtung der letzten Jahre ? Sarunas Jasikevicius. Nicholas, Fotsis, Pekovic, Nicholas, Sato, Maric, Vougioukas, Kaimakoglou – keiner dieser Namen war zum jeweiligen Zeitpunkt der große Hammer. Heute werden 59% aller Panathinaikos-Minuten von Griechen gespielt, dritthöchster Wert der Liga. Es ist nicht die ganz große Startruppe, aber eine hart arbeitende Einheit.

Vielen Dank an robbe für Teil 1! Morgen früh geht es weiter mit Teil 2 (Team-by-Team-Beurteilung, Chancen und Siegertipp)