plog #17 – Klub Polskich Nieudaczników – Club der polnischen Versager

Nein, bitte, bitte. Nicht gleich losschreien – bitte erst lesen. Danke.

Meinungsbildung gilt bei mir erst ab dem mindestens zweiten Nachdenken und daß das plog keineswegs so simpel daherkommt, wie diese Überschrift im ersten Moment suggeriert, sollte auch inzwischen klar sein. Also, nochmal, erst lesen, dann motzen (oder besser lachen).

So nah dran an der Überraschung, so elend knapp. Nur kleine 2 Pünktchen fehlen am Schluß zur Verlängerung, drei sinds bis zum Sieg und zum Ticket nach Katowice. Vielleicht wars der verpasste Dreier am Schluß von Jagla, der seine Füße nach dem cut hoch von der Grundlinie einfach noch nicht richtig sortiert hatte? Oder noch so ein irrer Downtownschuß von Heiko? Oder wenigstens der schöne, aber fälschlicherweise abgewunkene put-back-dunk von Tibor, klar vor der Sirene, zum rechnerischen Ausgleich und zur Verlängerung? Viel Konjunktiv, viel hätte, könnte, wenn und aber, heute am Tag danach. Die Mannschaft sitzt schon im Flieger, die Spieler zerstreut es in alle Himmelsrichtungen – hinein in die Alltage der verschiedenen Ligen oder gar erst in die Jobsuche auf dem Weg dorthin.

Es war ein Team, das wir sahen.

Es war ein Team, das wir sahen.

Die EM geht weiter ohne Deutschland, die meisten angereisten Fans müßen auch nach Hause und es wäre trotzdem einfach (fast) zu schön gewesen, wenn die Cinderellastory des Adlerteams noch weitergegangen wäre. Man hat es ihnen einfach so gegönnt. Die Überlegungen, hätte man nur weniger Turnover gehabt, mehr Rebounds geholt, weniger zweite Versuche der Kroaten zugelassen, den Dreier von Loncar verhindert oder doch besser gefoult kurz vor Ende, statt bis zum Schluß zu verteidigen, sind so logisch wie sinnlos. Von 3-14 auf 19-18 im ersten Viertel und noch einmal von 34-41 auf 50-49 Ende des Dritten Viertels hatte man sich herangekämpft. Überraschend, denn die Kroaten galten (auch wegen der Freundschaftsspiele vor der EM) als haushoher Favorit. Am Schluß waren es ein paar Kleinigkeiten, die den Ausschlag zu Gunsten Kroatiens gaben. Für eine dritte Aufholjagd fehlten einfach Zeit, Kraft und ein wenig Glück.

Auch zu Hause gab es ein wenig allgemeines Ärgern über die verpasste Chance und die Enttäuschung war groß, denn viele haben (laut brüllend) vor den Fernsehgeräten mitgefiebert, aber keine 24h später ist auch klar, daß diese EM für Deutschland letztlich ein großer Erfolg war.

Beinahe niemand hätte dem Team diese Leistung zugetraut, von Kanonenfutter war allzu oft die Rede. Jetzt fragt man: warum eigentlich? Ein paar Fakten: Nowitzki fehlte. Das Team ist jung, in Teilen völlig unerfahren und wohl kein Team bei der EM in Polen hatte eine solche seltsame Zusammenstellung, wie das unsere. Lauter Akteure, die teilweise noch nicht ein einziges Spiel in ihrer obersten Heimatliga absolviert haben (Staiger, Harris, Benzing) oder dort zuletzt nur wenig gespielt hatten (Femerling, Ohlbrecht, Pleiß) und kaum einer von den anderen, der auch nur annähernd zu den allesentscheidenden Spielern seines Heimatclubs gehört, Schaffartzik einmal ausgenommen. Sechs von 12 waren Frischlinge im Nationaltteam, auch das dürfte Rekord in Polen gewesen sein. Ein Neunzehnjähriger, zweimal 20, zweimal 21 Jahre auf dem Bogen, das hatte auch kein anderes Team. Beinahe ein kleines Wunder, daß man damit so gut aussah.

All dies sind Dinge, die die Nörgelfraktion nicht vergessen sollte. Gleichzeitig ist es natürlich richtig, daß im Prinzip ja nur ein Spiel (von insgesamt 6) gewonnen wurde und drei Spiele zumindest so etwas wie unklug gespielt wurde und unnötig verloren wurde (Lettland, Mazedonien, Kroatien), dies halten die Unzufriedenen wiederum berechtigt den Enthusiasten vor.

Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte und ist eben nicht so einfach schwarz und weiß wie die Mannschaftstrikots. Bei genauer Betrachtung muß man einfach stolz sein auf die Mannschaft, realisieren, daß sie eine gute Zukunft hat, wenn sie nur spielen darf und mordsmäßig viel Spaß gemacht hats auch noch.

Ich habe einen neuen Lieblingsverein (Murren und kollektives Augenbrauenhochziehen in einer mittelhessischen Kleinstadt). Ich gründe einen Fanclub, werde 1. Vositzende und brauche lauter neue Fandevotionalien (Blankes Entsetzen in der Lahnstadt). Mein neuer Lieblingsclub kommt aus Berlin!!! (Mein Kopfkino produziert Tarantinoartiges in Kodakchrome. PCs fliegen vom Dachcafé, Monitore vom Elefantenklo, Peitschenhiebe, lebenslanges Osthallenverbot und Zwangsernährung mit Popcorn für den Rest meines Lebens.) Bevor doch noch jemand in den Gelben Seiten unter „E“ wie „Exorzist“ nachschlägt – es ist alles ganz harmlos. Ich bin nur verliebt. Und zwar in den polnischen Humor.

polska

„Am Anfang muß etwas mißlingen“ ist das Credo meines neuen Lieblingsvereins (www.polnischeversager.de ) und paßt wie die Faust aufs Auge auf die derzeitige Situation des deutschen Nationalteams. Es muß halt auch einmal was schiefgehen dürfen, ohne daß die Welt gleich einstürzt. Dieser Berliner Club ist dermaßen witzig und selbstironisch, daß es mir im ersten Moment die Sprache verschlägt. Wer ein bißchen auf der Webseite der Exilpolen in Berlin herumklickt, wird schnell verstehen, was ich meine – oder auch nicht, denn dieser Humor ist sicherlich nicht für jeden gemacht.

Hart an der Schmerz- und Humorgrenze eröffnete der „Bund der polnischen Versager – Polenmarkt e.V.“ ausgerechnet am 1. September 2001 um 05:45 Uhr diesen Club der polnischen Versager mit der Programmankündigung: „seit 5:45 Uhr wird zurückeröffnet“. Dieses Jahr zum achtjährigen Jubiläum heißt es im Programm: „In diesem Jahr schlafen wir um diese Zeit, also ist der Club geschlossen“. Starker Tobak. Einmal kurz und scharf eingeatmet, dann drauflosgelacht. Man, die haben Mut! Das ganze Projekt kommt mit einer fast unheimlichen Leichtfüßigkeit daher, gleichzeitig aber mit nachdenklich-philosophischem Tiefgang, das muß man einfach lieben.

Der Vereinsvorsitzende sieht die Zukunft für den Club sehr positiv, man baut auf deutschen Nachwuchs, denn aus Polen muß man nicht kommen um ein ordentlicher „Versager“ zu werden. Traditionell begegnen Polen dem universellen Versagertum, schon aus der eigenen Geschichte heraus, mit uneingeschränkter Sympathie, die Deutschen lehnten es bislang schlicht ab, meint er. Doch nach Zusammenbruch der „New Economy“ und dem kürzlichen Platzen der Kreditblase muß es jetzt einfach aufwärts gehen mit dem Verein. Seine Beobachtung: „Die Deutschen haben enorme Fortschritte in ihrem Verhältnis zum Versagen gemacht“.

popcorn

In diesem Sinne kann der kleine eine Sieg bei der EM auch ganz neu eingeordnet werden – und nicht immer ist alles gleich ganz furchtbar schlecht, was nicht auf Anhieb perfekt gelingt.

Kurz bevor ich in den Buddhismus abdrifte oder Plattitüden wie „Der Weg ist das Ziel“ raushaue, verabschiede ich mich lieber, denn ich muß unseren polnischen Gastgebern gegen Spanien die Daumen drücken. Die Kämpfen, wie wir gestern, um das letzte Ticket nach Katowice und ihnen ist es mindestens genausoviel zu gönnen wie unserer Mannschaft.

OldSchoolBaller läßt grüßen

PS: Schaut mal auf den Autorentag dieses Postings :-)

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11 Gedanken zu „plog #17 – Klub Polskich Nieudaczników – Club der polnischen Versager

  1. Der Link ist nicht kaputt, er versagt nur momentan ;-)
    Was mir völlig unklar ist: Welcher Arbeitgeber kann für soviel Dienst am Vaterland blind sein und die Basketball-Botschafterin von ihrer wichtigen Mission abziehen? Hat Spaß gemacht mit zu lesen, Deine Schreibe war ein Vergnügen, auch deshalb solltest Du einen Branchenwechsel in Betracht ziehen.

  2. Danke für die schönen Berichte!
    Bin dadurch vom BB-Großereignis-Gucker zum BB-Interessierten geworden. Zum Fan langt es noch nicht aber der Begriff ist ja eh so inflationär…
    Danke!

    • Am kaputny lynk ist ein Berliner Versager schuld… Da war ich gestern nach Tagesausflug nach Szczecin wohl einfach zu müde und hab ein http:// unterschlagen. Ist editiert.

  3. auch wir bedanken uns für ein sensationelles PLog… hat wirklich spass gemacht und es würde uns sehr freuen auch in Zukunft von dir zu lesen… *die F5 is ziemlich derbe abgenutzt und das kommt nicht vom ticker ;)*

  4. Man dankt ;-) sogar sehr, aber irgendwie werd ich hier grad (wie die Franzosen eben) so ein bißchen lebendig beerdigt, hab ich das Gefühl, wo meine trickreiche Rechtsberatung mir noch zuvor weiter(sofa)ploggen bis EM-Ende empfohlen hatte – sploggen sozusagen. Heute ein kurzer Schluckauf, aber morgen kommt wieder was, wenn ich die Technik überlisten kann.
    :-)

  5. Was macht eigentlich Mieszko, das Bison und offizielles EM-Maskotchen, auf dem Deutschland_huddle_Bild? Klaut es wirklich gerade Socke(?) das Portemoinnae aus der Arschtasche?
    Muss man denn immer die Bilder veröffentlichen, welche scheinbar die gängigen Stereotypen bestätigen sollen? :-D

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