Ihr macht euch lächerlich…

grölen wir Fans in der Halle, wenn der Unmut über die Herren in Grau zu groß wird. Das Spiel gegen Oldenburg war so eines und bereits während des Spiels bestraften die Schiedsrichter eine Vielzahl von Aktionen mit technischen Fouls. Es gab einen – oder mehrere – Freiwürfe, einen Ballbesitz und dann ging es weiter. Die Leidenschaft auf dem Feld bringt es mit sich, dass es hier und da zu unschönen Szenen kommt: Rangeleien, Schubser oder gar – zum Glück selten – eine echte Tätlichkeit. Meist zeigen die Referees nach kurzer Beratung eine Menge Fingerspitzengefühl. Sie beruhigen das Spiel mit ein paar technischen Fouls und es geht weiter. Im schlimmsten Fall kommt es zu einer Disqualifikation – dem Äquivalent zur roten Karte – und der anschließenden Entscheidung der Spielleitung, wie lang eine Sperre sein soll.

Die Spielordnung der Liga lässt es zu, dass eine von den Schiedsrichtern nicht wahrgenommene und nicht geahndete Entscheidung auf Antrag eines teilnehmenden Clubs oder der Liga nachträglich durch den Spielleiter geahndet wird. Der Spielleiter, das ist die Liga selbst. Wer gerade in der Presse von einem Urteil schreibt, irrt. Der Spielleiter ist nicht Teil der Sportgerichtsbarkeit, er ist nicht mehr oder weniger als der Referee abseits des Feldes, der die Spielordnung wahrt.

Nun hat Spielleiter Horstmann auf Antrag der Beko BBL entschieden, dass Alex Renfroe und Sasa Obdradovic jeweils EUR 2.000 zahlen müssen und für ein Spiel gesperrt sind. Anlass war das Gerangel zwischen den beiden während einer Auszeit.

Alle konnten diese Szenen sehen, Telekombasketball sei Dank. Nicht gesehen haben die meisten dann, dass unmittelbar nach der Auszeit die beiden Streithähne sich versöhnten, umarmten und Renfroe aufs Feld zurückkehrte und die Aufholjagd maßgeblich steuerte. Mundabwischen, weitergehen, no harm done. Alba-Inside hat mit zwei Interviews hier alles wichtige berichtet. Die mediale Aufregung hatte sich schnell gelegt.

Nur einer konnte oder wollte es nicht auf sich beruhen lassen, wie wir mit zweiwöchiger Verspätung erfahren: der Geschäftsführer der Liga, Jan „2020“ Pommer. In der unmittelbaren Nachberichterstattung gibt es keine Kommentare von ihm. Stattdessen erstattete er Anzeige. Genau zwei Personen waren hierzu überhaupt berechtigt: Die Liga und der Gegner.

Was treibt den Mann mit der charakteristischen Fönfrisur dazu, hier die Gouvernante zu spielen? Die Morgenpost bringt ein erhellendes Zitat:

Pommer, das lässt er durchblicken, ging es wegen der rund 250.000 Klicks eines Videos bei Youtube von der Szene auch darum, das Image der Basketball-Bundesliga zu schützen. „Der Vorfall“, argumentiert er, „hatte enorme Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit.“ Es solle nicht hängen bleiben bei den Betrachtern, dass so die BBL sei.

Es geht ihm offenbar um mediale Landschaftspflege. Die in den youtube-Videos dargestellte, arg verkürzte Narration legte er zugrunde. Den breiteren Kontext dieser Geschichte blendet er sichtlich aus. Die Konsequenz ist ein Eingriff in den sportlichen Wettbewerb: Die gerade sportlich wackelnden Albatrosse treten ohne Headcoach und Star beim Playoffaspiranten in Braunschweig an; zulässige Rechtsmittel und die Anrufung der Sportschiedsgerichtsbarkeit haben rechtzeitig keine Chance. Der Preis für Pommers politische Agenda ist die Verzerrung des Wettbewerbs. Diese PR-Arbeit durch Strafe ist indes ein Stil, den ich nur als unterste Schublade zu bewerten vermag.

Warum? Erstens kann man Pommer vorwerfen, dass er nicht die Chuzpe hatte, in der unmittelbaren Folge des Vorfalls öffentlich Position zu beziehen. Zweitens scheint sein Verständnis der Funktionsweise der Medien nicht besonders ausgeprägt zu sein, kommt doch gerade durch die Einschaltung der Spielleitung das Thema noch einmal mit brachialer Vehemenz in den Blätterwald und wird dort sicherlich noch einige Zeit bleiben. Schließlich – das bringt die Morgenpost auf den Punkt – hat die Liga ganz andere und unmittelbare Angriffe gegen sich selbst und ihre Schiedsrichter ungestraft gelassen (der Kurier berichtet).

Es geht mir nicht darum, das Verhalten von Obradovic und Renfroe zu rechtfertigen oder gutzuheißen. Nein, das war Mist. Das wissen wohl auch beide und haben es für sich geklärt. Und meinetwegen soll die Liga – wenn sie dies als ihr Leitbild versteht – auch ihr unpassend erscheinendes Verhalten und Bilder, die sie nicht will, sanktionieren. Offenbar ist David Stern da Pommer Rollenvorbild. Aber die Liga hat es dabei verdammt noch mal zu unterlassen, in den sportlichen Wettbewerb einzugreifen. Eine Geldstrafe hätte sicherlich gereicht. Wenn die gegenwärtigen Regularien ein solches Vorgehen nicht ermöglichen, dann muss man es entweder ändern oder es sein lassen. Baldi lässt sich dahingehend zitieren, dass sich die Liga in Person Pommer mit der Bestrafung von Emotionalität auf dünnes Eis begibt. Ich – mir droht ja keine Sanktion nach Liga-Statuten –  kann hier deutlicher werden: Mir drängt sich der Eindruck auf, dass dem Juristen Pommer der Blick für die Verhältnismäßigkeit abhandengekommen ist. PR-Arbeit durch das Einleiten eines Bestrafungsprozesses erachte ich als Missbrauch der in den Statuten eingeräumten Macht.

Die Entscheidungen sind in der Welt. ALBA spielt morgen ohne zwei. So bleibt abschließend nur der Griff zum Megaphon und der Ruf in Richtung Köln: Ihr macht euch lächerlich…