Jordi Bertomeu über die deutsche Liga und Eurocup-Finals in Bamberg

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Image via Wikipedia

Da schreibe ich Mittwoch noch über die Rolle der deutschen Liga in Europa und am Abend kommentiert Jordi Bertomeu in Bamberg die Lage des deutschen Basketballs. Jordi Bertomeu ist der CEO der Turkish Airlines Euroleague und wenngleich bei Fans nicht immer wohlgelitten (Why ULEB is evil and Jordi the devil himself) vermutlich einer der mächtigsten Männer des Europäischen Basketballs. Nun gibt es von ihm O-Töne über Basketball in Deutschland.

Die beiden youtube-Videos sind wichtig. Es ist eine der seltenen Gelegenheiten aus dem Munde von Jordi ungeschnittene O-Töne zur Zukunft der Euroleague und zu Lizenzen zu hören.

Bertomeu lobt Bamberg, die Entwicklung des Projekts und die Fans. Unser Sport wird für die Fans gemacht, der Support der Fans ist das wichtigste, sagt er. Eine Binsenweisheit, die aber wohl nicht überall in Europa zutreffend ist, wenn man sich die Zuschauerzahlen ansieht. Selbst in starken Ligen wie der griechischen oder russischen Liga sind die Ränge oft leer. Euroleague-Spiele in der Türkei oder Italien finden schon mal vor wirklich kleinen Zuschauerzahlen statt. Egal ob nun bei ALBA oder Bamberg, die deutschen Teilnehmer der europäischen Wettbewerbe sind hier etwas besonderes.

Besonders hervorzuheben ist aber, was Bertomeu über die Entwicklung der Beko BBL sagt. Die Beko BBL habe sich festgesetzt in der Spitzengruppe der europäischen Basketballligen. Seiner Ansicht nach findet man in Europa keine andere Liga in Europe, die in den letzten Jahren so im Hinblick auf die Zuschauerzahlen, die Budgets, die Sichtbarkeit in den Medien gewachsen ist. Die deutschen Clubs gehören zu den stabilsten Clubs in Europa. Auch das Projekt Bayern München begeistert ihn. Man kann sich schon die Augen reiben, wenn man sieht, dass trotz der Wirtschaftskrise das Durchschnittsbudget unserer Clubs in zwei oder drei Jahren um etwa 20 % auf rund 3,3 Millionen Euro gestiegen ist.

Es ist eine schöne Zusammenfassung dessen, was die Liga in den letzten Jahren auszeichnet. Die Stabilität wird nach den Krisen Kölns, Gießens, Nürnbergs, Nördlingens und anderer besser. Dreieinhalb Fernsehsender übertragen gemeinsam BBL, Euroleague und Eurocup in Deutschland. Dazu viele Nachberichte der öffentlich-rechtlichen. Ja, das sind gute Fortschritte und auch wir im Web 2.0 freuen uns über wöchentlich mehr Inhalte.

Dass dieser Prozess der Konsolidierung sportlich nicht ohne Folgen bleibt, sehen wir allerdings auch. Nicht nur wegen der Quote, sondern wohl auch, weil die Clubs vor dem Hintergrund steigender Budgets sehen wir ein Rekord von rund 300 Transfers. Das sportliche Profil der Clubs entwickelt sich langsam. Oldschoolballer und ich sind uns einig, dass das, was gegenwärtig sportlich in der Liga geboten wird, lange nicht an die Qualität der letztjährigen Playoffs oder gar europäische Spiele heranreicht. Die Ligarealität ist nach einem tollen Basketballsommer ernüchternd. Wir scheinen nicht allein, denn die gegenwärtigen Zuschauerzahlen in der Liga begeistern überhaupt nicht. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sehen wir ein Minus von 8 % zum Vorjahr.

Spannender als die momentan allgegenwärtige Lobhudelei der Liga sind aber Jordi Bertomeus Aussagen über das Euroleague-Format im zweiten Teil der Pressekonferenz.

Die Öffnung der Euroleague für mehr Länder sieht Bertomeu mittlerweile positiv. Manch einer wird jetzt wohl den Vorwurf der Heuchelei machen. Klar sagt er aber auch, dass die Euroleague in den nächsten fünf, sechs Jahren wohl kaum über 24 Teams wachsen wird und Veränderungen aufgrund der Entscheidungsmechanismen schwierig sind. Frustrierende Antworten für die belgischen Journalisten.

Die deutschen Journalisten fragen nach einer A-Lizenz für Bamberg. Die A-Lizenz, das Recht zur mehrjährigen Teilnahme ohne Rücksicht auf die Entsendung durch die nationalen Ligen, ist der feuchte Traum jedes europäisch ambitionierten Clubs. Es ist Planungssicherheit und die Aussage, zu einem elitären Kreis von 14 Franchises der Euroleague zu gehören.

Ziemlich deutlich sagt Bertomeu, dass eine A-Lizenz für ein deutsches Team nicht zur Debatte steht, solange Deutschland sich nicht mehr als einen Platz in der Euroleague erstreitet.  Die wechselnden Meister und die Position „national organization“ stehen dem entgegen. Gerade auch das, nämlich die Zustimmung der Liga ist hier ein Faktor. Dass diese in der Vergangenheit schon für ALBA fehlte, wird immer wieder gemunkelt.

Zudem ist das wichtigste der sportliche Erfolg. Nicht nur aller Clubs der Liga, sondern auch der Kandidaten für eine A-Lizenz. Die Euroleague hat jetzt ein 3-Jahres-Ranking, nach dem die Setzliste erstellt wird und mittelfristig ein Auf- und Abstieg möglich werden soll. Bamberg mag diese Saison mit zwei Siegen aus drei Spielen auf einer Welle der Euphorie reiten. Doch noch sind sie in diesem Ranking abgeschlagen auf Platz 42. ALBA Berlin hingegen ist nach den Erfolgen Pavicevic‘ in Europa in den letzten zwei Jahren auf Platz 18 und damit nur einen Platz hinter Asseco Prokom, dem Club, der nach vorherrschender Interbasket-Lesart gegenwärtig der Favorit für die nächste A-Lizenz ist.

Was also ist die Lehre, die wir hieraus ziehen können? Es ist ergreifend einfach. Deutsche Teams müssen mit ihren vier Startplätzen in den Wettbewerben der ULEB, also Euroleague und Eurocup, beweisen, dass sie zählbares aufs Parkett bringen. Es geht – auch wenn es kein so transparentes System ist, wie bei der FIFA – ums Sammeln von Punkten. Die wirtschaftlichen Hausaufgaben sind gemacht. Aber auch wenn das letzte Jahr sportlich gut war, brauchen wir über mehrere Jahre konstante Erfolge. Mit ein paar Rechenspielen wird deutlich: Top16 in EuroCup und Euroleague ist hier für alle das Mindestziel.

Ein positives Ergebnis deutet sich aber an. Es könnte sein, dass die verbesserten Strukturen in Deutschland ein weiteres Highlight nach Bamberg bringen. Laut Heyder hat Bertomeu zumindest die Möglichkeit in Aussicht gestellt, dass ein EuroCup-Top4-Turnier nach Bamberg kommen könnte. Ich zitiere mal, was infranken konkret schreibt.:

Er könne sich durchaus vorstellen, hier eine Veranstaltung der Uleb, wie beispielsweise ein Top-4-Turnier des Eurocups, durchzuführen“, berichtete Bambergs Manager Wolfgang Heyder voller Stolz.

Klar ist Bamberg neben Berlin einer der beiden möglichen Standorte in Deutschland. Es ist eine Euroleague-Halle. Man wird im Eurocup keine Finals an einen Teilnehmer vergeben, so scheidet Berlin also aus.  Stechert als Euroleague-Halle erfüllt die Standards, ist allerdings vergleichsweise klein.  Wenn der ULEB ne 6800er-Halle ausreicht, warum nicht. Jordi hatte in Berlin ein perfektes Final Four, in Göttingen hatte die FIBA ein großartiges Final Four… Warum nicht auch den EuroCup nach Deutschland und so Werbung für den Sport machen und die Liga und ihre europäischen Flaggschiffe für gute Arbeit abseits des Parketts belohnen.

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8 Gedanken zu „Jordi Bertomeu über die deutsche Liga und Eurocup-Finals in Bamberg

  1. Sind in den gefallenen Zuschauerzahlen auch die noch fehlenden Alba-Spiele eingepreist gewesen?
    Alba hat erst vier Spiele bestritten, andere bereits sieben oder acht.

    Wollte man FIBA-Challenge und Eurocup nicht demnächst zusammenlegen?
    Will man dann ernsthaft bei 24 El-Teilnehmern und, sagen wir 40-50 Eurocuplern bleiben?

    Europa ist für die wenigsten BBL-Vertreter ein positiv besetztes Ziel. Wer will, der kann mitmachen, wer nicht will, bleibt eben daheim in der BBL. Wenn „Europa“ immer nur für einen Teil der Liga ein interessante Sache darstellt, dann wird es immer schwer bleiben, feste Plätze in der ersten Reihe zu besetzen…

  2. Prokom ist nicht Favorit auf eine A-Lizenz, sondern sie haben schon eine A-Lizenz. Letzte Woche war Jordi in Polen und hat, anders als in Deutschland, nicht nur warme Worte mitgebracht, sondern wirklich gute Geschenke. ;-)

  3. Zum einen widerlegt der gute Mann, wie ich finde, die These der ach so schlechten BBL, wie uns viele SD User Woche für Woche weismachen wollen. (auch wenn in dieser Saison sicherlich noch Luft nach oben ist).

    Eine andere Sache ist, dass es für einen Großteil der BBL Klubs fast unmöglich ist, Europäisch zu spielen, weil es ein Zuschussgeschäft ist. Im Gegensatz zum Fußball kann man praktisch kein Geld einnehmen und muss für Reisen und Ausrichtung eine Menge Geld auf den Tisch legen. Für Vereine wie Bamberg, Berlin, Oldenburg und Quakenbrück machbar, aber Teams wie Trier, Gießen würden selbst bei sportlichem Erfolg wohl schwer überlegen müssen.

    Schön, dass Bamberg derzeit in der EL so einen Erfolg hat, aber Schade, dass es Alba abermals die Quali nicht geschafft hat. Es hätte Deutschland in Europa vielleicht dichter an eine A-Lizenz herangebracht.

    Was ich nach wie vor nicht verstehe,ist, warum die Spiele auf europ. Ebene so schlecht besucht sind. In Ol, kann man sich derzeit wieder munter Plätze ausssuchen. Liegt es an den unbekannten Namen? An den Preisen? Am Spieltag? Ich weiß es nicht. Wenn nicht mal die meisten DK Zuschauern verlängern, fragt man sich wirklich, woran das liegt. Für mich sind diese Spiele jedenfalls die Hightlights der Saison.

    • Ich denke man muss ganz genau differenzieren. Die BBL ist eine sehr starke Liga, was die Organisation und die Strukturen angeht. Ob sie sportlich wirklich gut ist, ist eine davon zu trennende Frage.

      Ich glaube nicht, dass die Clubs, die an den europäischen Wettbewerben teilnehmen, absichtlich „schlecht“ spielen, um Kosten zu sparen. Doch in der Breite fehlen hier Erfolge.

      Bei den Zuschauerzahlen ist es ein gespaltenes Bild. In Bamberg sind sie super. In Berlin im Europapokal teils besser als in der Liga. Dass sie in Oldenburg schlecht sind, könnte an einer fehlenden Europa-Tradition liegen und an dort bislang fehlenden Erfolgen. Das braucht vermutlich einfach etwas Zeit, bis es der Mehrheit so geht wie dir.

  4. Ich glaube es liegt weniger an der Tradition als am Geld und noch wichtiger als am Gegner:

    Wenn im Fußball die Gegner unbekannt ist, sagen wir mal Villabonne, oder keine bekannten Namen (sagen wir mal Iverson) haben dann kommt dann auch nur die „hardcores“. Die Gegner können aber nicht bekannter werden weil der europäische Basektball natürlich keine Präsenz in der deutschen Medienlandschaft hat – funktionieren tun die Zuschauerzahlen natürlich bei Real Madrid, Regal Barcelona oder auch den grichischen Clubs – deren Glanz färbt vom Fußball ab, selbst dann wenn sie nix miteinander zu tun haben.

    Zusätzlich ist für mich ganz persönlich auch noch die Anstosszeit häufig problematisch, alles nach 20 Urh empfinde ICH als zu spät – ich gehe natürlich trotzdem weil ich einen an der Murmel habe, schön ist aber anders.

  5. Pingback: Vor Europa « gruebelei.de – Ansichten eines Basketballfans

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