Mit Leib und Seele in der Boxarena

Donnerstag war es endlich so weit. ALBA war zurück in der Schmelinghalle. Xaver war draußen laut, die Fans drinnen. Dank des doofen Windes bayerischen Namens (ein Schelm…) hätte ich es fast nicht zum Spiel geschafft. Doch ein Kranich war so mutig und flog mich mitten durch den schönsten Sturm noch zur zweiten Halbzeit. Von den Farben würden diese Vögel des Glücks übrigens auch hervorragend zu unseren Trikots passen. 

Was die zweite Halbzeit dann brachte, war ein emotionaler Ausflug in die Vergangenheit. Dicht, eng, laut und so verdammt nah dran war es in Block C. Fünfeinhalb Jahre nach dem Umzug in die o2world kam die Erinnerung auf, wie es damals war, als mich die Begeisterung in Berlin packte. Als ich nach Jahren der Tribünenabstinenz erkannte, dass für mich Fan aus der Provinz mit Schulturnhallen auch dieser große blöde Bonzenclub doch eine Heimat bieten kann. Natürlich ist es anders als in der Turnhalle, aber die Attitüde passte. Es war laut und noch immer Basketball und kein Kunstprodukt, nur die bunte Tüte, die ich mir als Dreikäsehoch in der Pause holte, war irgendwo auf dem Weg dem Bier gewichen. Spätestens mit dem Einzug in Block C waren wir dann auch angekommen. Aber: Ich bin kein Fan, der die großen Erfolge ALBAs erlebt hat. Ich kam, als Muli schon gefeuert war und sah wie ALBA gegen Bonn gewann, später wie Penberthy gegen Bonn Freiwürfe vergeigte und ein Jahr später, wie ALBA 0:3 gegen die Drachen rausflog. Die einzige Meisterschaft, die ALBA in meiner Schmelinghallenzeit gewann, die wurde in Bonn erspielt.   

Ich weiß nicht, ob jemand, der aus der Provinz kommt, heute mit der o2world warm wird. Natürlich, die Schulturnhallen gibt es auch  nicht mehr, aber dennoch ist der Enternainmenttempel etwas anders. Es ist – dio beschrieb dies treffend – ein Glück, dass Olympia scheiterte und die fast perfekte Basketballarena gebaut wurde, vielleicht gerade weil sie als Boxarena für Blick auf den rechten und den linken Haken, den Infight, die Schilder des Nummernmädchens und den Referee gebaut wurde. Es ist die unmittelbare Nähe zum Geschehen, es sind die kurzen Wege und die Offenheit. Kein Schließer, der meckert, kein Graben und Gitter, das dich vom Geschehen trennt, und alles mitten in einem Kiez, in dem man nach dem Spiel verweilen kann. Natürlich ist das bei aller Wahrheit ein romantisierendes Bild. Donnerstag hat es gezeigt: Zusatztribünen sind komisch, Anzeigetafeln kann man da kaum lesen, Video gibt’s auch kaum und das Bier schmeckt auch nur in der Erinnerung  besser.

Sportlich war die zweite Halbzeit gegen Rom objektiv betrachtet nicht die ganz große Offenbarung. Zu sehr ließen sich die Albatrosse den zunächst mal erspielten Vorsprung aus der Hand nehmen. Rom zerfahren und auch Berlin bei allen guten Aktionen irgendwie – nicht zum ersten Mal in der Saison – wackelig. Dazu die Aufregung über die Schiris in so einer kleinen Hallen natürlich emotionaler. Schreitherapie nenne ich ja zuweilen das Fandaseien… Und die Römer trafen schließlich auch die wilden Dinger, Baron schien nicht anders als durch Foul zu stoppen. Auch Hosley machten unsere gellenden Pfiffe nichts aus. Doch irgendwie zauberten die Albatrosse das hervor, was sie diese Saison so besonders macht oder besser: machen kann. Sie packten das Spiel, sie verteidigten in den richtigen Momenten und machten die wichtigen Punkte. Genau so macht ALBA Spaß. Redding, Logan und Radosevic besiegelten den Sieg. 

Mir ist nicht egal, dass ALBA nach der Niederlage gegen Bamberg am Sonntag an den Playoffrängen lediglich kratzt, aber es macht diese Saison Spaß und ist ein Team für das ich gerne laut bin, weil es meist kämpft, kratzt und beißt. Am Donnerstag war dies offenkundig das kollektive Gefühl, der Sieg erhofft, aber nicht erwartet, nicht klar, aber klar erkämpft und daher umso schöner. Jubel in der Schmelinghalle ist dann doch intensiver. Die Schmelinghalle tobte, mein Sitznachbar kanalisierte alle Energie in seine Arme und hob mich jubelnd hoch. Nur meine eine Rippe, die fand das gar nicht gut, knackste kurz und fühlt sich seitdem wenigstens geprellt. Nun hab ich sie wenigstens, meine ganz eigene Schmelinghallengeschichte. Sie kann ihre Herkunft als Boxarena halt doch nicht verleugnen…  Manchmal ist die Coolness der Sauerstoffwelt dann doch nicht ungesund und manchmal ist Leib und Seele dann mehr als nur ein Slogan. Doch vielleicht passt das Bild und hilft diese Saison nur eines: Zähne zusammenbeißen und weiterbrüllen, auch wenn die nächsten Wochen – wie schon an diesem Wochenende in Bamberg oder gegen Bremerhaven – möglicherweise schmerzhaft werden… 

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