Ludwigsburg 2009/10: Mit neuem Schmuckkästchen zu altem Glanz?

Um zu verstehen, wo jemand hingeht und vor allem warum, muß man meistens auch darauf schauen, wo er herkommt. Im Falle von Ludwigsburg geht der Blick deshalb etwas weiter zurück, als üblicherweise in einer Saisonvorschau.

Kader

PG Kyle Bailey
PG/SG Domonic Jones
PG David McCray
SG Michael King
SF/PF Michael Haynes SF Richard Chaney
SF Ziyed Chennoufi
PF Quadre Lollis PF Marco Sanders [PF Rashaun Freeman, verletzt]
C Kyle Visser C Philipp Heyden

Hinzu kommen noch die 2 20jährigen deutschen Kooperationsspieler Tim Koch (SF), der in den abgelaufenen 2 BBL-Jahren schon einige wenige Kurzeinsätze hatte, und David Michalczyk (PG).

Im März 2004 kam in Ludwigsburg Silvano Poropat für den glücklosen Trainer Bruno Soce. Poropat paßte prompt. Er, sozusagen ein „Ehren-Ludwigsburger“ und „Eigengewächs“, kannte die Strukturen, das Umfeld, die Sponsoren und das Publikum. Schnell entwickelte er eine klar identifizierbare Handschrift für guten Ludwigsburger Basketball. In den darauffolgenden 3 vollen Saisons (2004/05 bis 2006/07) wurden jedes Mal die Playoffs erreicht, 2005 und 2007 stand man auch im Final Four des Pokalwettbewerbs.

Höhepunkt dieser Erfolgsgeschichte war sicher die Traumsaison 2006/2007, die Silvano Poropat mit seinen „Gelb-Schwarzen“ überraschend sogar auf dem 2. Hauptrundenplatz abschließen konnte. Es folgte der Einzug ins Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft (1-3 gegen Bamberg) und der Titel „Trainer des Jahres“ für Poropat, neben dem schon erwähnten Pokalerfolg. Most valuable player (MVP) dieser Saison wurde ebenfalls ein Ludwigsburger: Guard und Antreiber Jerry Green. Ludwigsburg war mit seinem begeisternden Offensivbasketball, der einfach Spaß machte, die punktestärkste Mannschaft der Saison (82.2Punkte/Spiel) und ganz eindeutig auf dem aufsteigenden Ast. Denn publikumswirksamer, attraktiver und erfolgreicher Basketball waren auch sehr gute Argumente in der jahr(zehnt)elangen Diskussion um den Ludwigsburger Hallenneubau. Nach ungeliebten Ausflügen (ULEB-Cup/Sindelfingen, Stuttgart) und unfruchtbaren Diskussionen um Baubeteiligungsmodelle mit zwei anderen Nachbarstädten, sowie letztlich erfolglosen, „sportimperialistischen“ Umwerbungen aus Stuttgart (neue Porsche-Arena), stand der Spatenstich für Ludwigsburgs ureigene Arena mit Januar 2008 endlich fest (http://www.arena-ludwigsburg.de). Tolle Saison und Arena in greifbarer Nähe – aus Sicht der Macher bei den EnBW-Basketballern lief also alles optimal und perfekt nach Plan. Dann aber kam die völlig vermurkste Saison 2007/2008. Die endete für Ludwigsburg auf Platz 13 und war gar nicht gut für das Timing mit der neuen Halle, da half auch der Titel des Vizepokalsiegers nicht mehr – Poropat mußte unerwartet gehen. Für die so werbewichtige letzte Saison 1AA (ante Arena) sollte in der vergangenen Saison 2008/2009 also ein kompletter Neuanfang gewagt werden. Was dann geschah, ist wohl im Nachhinein nur noch unter „Mißverständnis“ einzuordnen.

Es mußte die Blaupause, das Abbild, für Poropats Stil und Erfolg gesucht werden, aber mit anderem Foto auf dem Bewerberdeckblatt. Irgend jemand griff jedoch versehentlich in die Schublade „Negative“, denn statt Kontinuität in der flotten EnBW-Spielanlage folgte das genaue Gegenteil davon. Mit Rick Stafford holte man einen erfolgreichen, beinharten Ex-BBL-Spieler, aber auch einen BBL-Headcoachnovizen, der seinem Lebenslauf treu blieb und Defense predigte wie praktizieren ließ. Das Personal passte aber nicht zur Philosophie und zeigte sich irritiert, besonders Teamleader und Kapitän Woudstra hat seine Stärken im Organisieren einer kultivierten Spielweise und nicht im Umsetzen eines Basketballcatenaccio. Defense wins zwar Championships, aber nur, wenn man auch ab und an mal selber punktet und die baden-württembergischen Herzen gewann die solide Maurerarbeit (Platz 11 am Ende) schon mal gar nicht.

Den „Basketball zum Abgewöhnen“ wollten sich zunächst immer weniger Fans ansehen, dann auch der Vereinsvorstand nicht mehr und so kam die fast erwartete, aber zeitlich ungewöhnliche, Vertragsauflösung mit Stafford, nur 1 Spieltag vor Saisonende und 1 Jahr vor regulärem Ablauf.

Die stadteigene Arena hatte unterdessen Gestalt angenommen, der Startschuß zur Einweihungssaison 2009/2010 stand beinahe schon bevor und die gegebenenfalls 5315 Plätze (bei voller Steh-/Sitzplatzauslastung) müßen an den Fan gebracht werden. BBL-Urgestein Tyron McCoy (Gießen, Lich, Frankfurt, Oldenburg, Leverkusen) ist und bleibt Cotrainer (seit August 2008 im Verein) und übernahm für das letzte Spiel der Seuchensaison 2007/2008 den Job an der Seitenlinie.

Letzter Gegner in der seit 1972 bespielten Rundsporthalle war passenderweise und ausgerechnet Tübingen.  Zur Abschiedsparty hatten die südlichen Rivalen im Bus auf der B27 offensichtlich gleich das optimale Geschenk mitgebracht, denn Dank tatkräftiger Nachbarschaftshilfe aus Tübingen konnte man Tolga Öngören in Ludwigsburg als neuen Headcoach gewinnen, sicherlich ein Glücksfall für die EnBW. Und Pech für Tübingens Fans, die den charismatischen, zugänglichen, medienkompatiblen Trainer nur zu gern behalten hätten. Mal schauen, wie viele der Tübinger Getreuen („Ohne Tolga – ohne uns!“) in der neuen Saison ihren alten Coach besuchen werden.

Der Stempel des türkischen Ex-Spielers und neuen Headcoachs Öngören ist bei der Teamzusammenstellung der EnBW Ludwigsburg sofort zu erkennen. Bei den deutschen Spielern wurde auf Kontinuität gesetzt, nur PG David Michalczyk ist neuer Kooperationsspieler.  David McCray, Ziyed Chennoufi, Marco Sanders, Philipp Heyden und Tim Koch blieben. Und fast logisch, dass Forward und Topspieler Michael Haynes (14.4pts, 4.8rbs)* mit seinem Coach zusammen aus Tübingen umzog. Auffallend ist, dass alle regulären Neuverpflichtungen mit mehrjährigen (Options)Verträgen ausgestattet wurden. Kontinuität ist ein wichtiges Stichwort für den Teamballer Öngören, ebenso wie Variabilität und Flexibilität. Verpflichtet wurden nur Spieler, die ( außer Visser) alle mehrere Postionen spielen können und auch werden. Weder gibt es eine hierarchische Zuordnung von fünf festen Starterplätzen, noch eine sture Festlegung auf einzelne Positionen. PG, Ex-Veilchendünger und neuer Teamkapitän Kyle Bailey (27), der aus Göttingen (14.2pts, 4.4rbs, 3.3ass, 1.3stls) wechselte, wird mit dem erfahrenen Scorer SG Michael King (31) auf dem Feld stehen, aber sicher auch mit Co-Kapitän PG/SG Domonic Jones (28, 2.Jahr LB, 11.5pts, 2.4rbs ) oder gar in der ganz kleinen schnellen Formation mit der deutschen Pointguardhoffnung David McCray.

King, ein echter „Knipser“ und überdurchschnittlich guter Verteidiger, der auch mal die 3 spielen kann, wechselte aus Griechenland (Larissa, 15.1pts, 3.9rbs). A2-Nationalspieler und Wadenbeißer par excellence, David McCray, geht ein wenig unter bei den ganzen namhaften Neuverpflichtungen. Wenn er Minuten bekommt, ist er ein Typ, der ganze Spiele kippen kann und würde er in den Siebzigern ballen, trüge er bei seiner intensiven floor-burn-Terrierdefense sicherlich ein paar schmucke Knieschützer mit Steppnaht. Immer voller Einsatz, immer gute Laune, ein pass-first PG, mit durchaus lauten Ansagen, der seine Mitspieler mitreißt und antreibt. Ob er die Rolle schon in dieser Form und so extrovertiert in der BBL zeigen darf, kann getrost bezweifelt werden, zu wünschen wäre es ihm und den Zuschauern aber auf jeden Fall.

Verhaftet dem Öngörenschen Eurostyle wurden zwar sieben US-Amerikaner verpflichtet, alle aber mit Europa- und/oder BBL-Erfahrung, größtenteils ältere, respektive reifere, Spieler. Aus der Vorsaison einzig verbliebener US-Spieler ist Comboguard Domonic Jones. Alles Teamplayer ohne allzu große Egos, alles gestandene Profis mit bereits minimal 2 Jahren Auslandsliga auf dem Buckel. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil gegenüber den BBL-Teams mit vielen Frischlingen an Bord. Ebenfalls augenfällig: alle Verpflichtungen sind mit einem guten Offensivarsenal ausgestattet, gleichzeitig aber auch gute bis überdurchschnittliche Verteidiger. Die große Herausforderung für Trainer Öngören ist, hier klare Hierarchien zu schaffen, Aufgaben präzise zu verteilen und so Hahnenkämpfe zu vermeiden.

Gestandenster aller Männer ist natürlich Ex-Albaspieler, Powerforward und auch mal Notcenter Quadre Lollis (36), der zunächst bis Dezember aus der italienischen 2. Liga (Soresina, 13.0pts, 6.3rbs) nachverpflichtet wurde, nachdem der etatmäßige Starter auf der 4, Rashaun Freeman,  sich in der Vorbereitung verletzt hatte (Mittelfußbruch mit OP). Der explosive Freeman ist Jahrgang 1984 (und damit 1 Jahr jünger als auf den Webseiten von BBL und Lubu notiert) und könnte der Steal für EnBW werden, falls er schnell wieder ganz fit wird. Trotz beeindruckender Collegekarriere bei UMass und Einladung zum Predraftcamp 2007 von Orlando, gelang es dem reboundstarken Freeman nicht, auf sich aufmerksam zu machen, erst über die französische 2. Liga (ProB) kam er letztes Jahr dort in die ProA (Gravelines, 9.3pts, 5.4rbs) und Ludwigsburg dürfte wahrscheinlich noch viel Freude an dem Mann aus dem Staate New York haben, der übrigens aus dem selben Ort wie Coachinglegende Pat Riley stammt.

Kyle Visser, ein Wake Forest Produkt und einer der besten Center der heimischen Liga, wechselt aus Braunschweig (11.2pts, 5.8rbs) nach Ludwigsburg und tauscht seine gewohnten schwarzgoldenen Demon-Deacon-Farben gegen das lokale Gelb mit Schwarz. Dies war der erste Coup von Coach Ö., der richtig aufhorchen lies. Nicht nur Braunschweig hätte das rare Exemplar eines spielstarken und beweglichen Brettspielers gern gehalten, sondern die halbe Liga war in der Offseason an ihm interessiert.

Letzte der sieben Ludwigsburger Neuverpflichtungen ist noch ein Ex-Tübinger: SF Richard Chaney, der erst vor wenigen Tagen verpflichtet werden konnte. Vergangene Saison legte er grundsolide 8pts und 5rbs im Schnitt auf und ist ebenfalls ein guter Verteidiger. Die neue Ludwigsburger Vorzeigeposition 3/4 , mit diesem Extübingen-Duo, Talent Chennoufi, ggf. Michael King und Lollois/Freeman, braucht sich definitiv vor keinem anderen Club der Liga zu verstecken.

Zurück zum eigentlichen Fokus in Ludwigsburg. Die Arena ist hier dieses Jahr der Star. Und eben wegen des neuen Basketballtempels ist es dieses Jahr besonders wichtig, gut in die Saison zu starten, die schönen neuen, dunkelroten Sitze wollen schließlich belegt werden und vor allem sind 5 der ersten 7 Saisonspiele gleich Heimspiele. Eine ungewöhnlich hohe Zahl an offiziellen Vorbereitungsspielen belegt, daß man auf jeden Fall optimal vorbereitet sein will. Man will auch unbedingt in die Playoffs, am liebsten sogar in den Pokal, das hieße dann Platz 6 nach der Hinrunde – mindestens.

Offizielle Saisoneröffnung und Einweihung der wunderschönen neuen Halle „Arena Ludwigsburg“, deren Namensrechte noch für 3 Millionen Euro und 10 Jahre zum Verkauf stehen, war letzten Samstag gegen Galatasaray Istanbul. Das schicke Juwel wurde standesgemäß gegen den türkischen Traditionsclub mit einem 69:58 (35:29)-Sieg vor knapp 4000 Zuschauern in Betrieb genommen. Die Arena ist optisch ein echter Volltreffer und katapultiert Ludwigsburg in die Hallenelite der BBL. Die Stimmung am Eröffnungstag war gut, die Vorfreude auf die neue Saison ist riesig. Die Verantwortlichen sind, nach 2 holprigen Jahren, wieder voll im Plan. Jetzt muß Coach Öngören für seine Hochkarätermannschaft „nur noch“ den richtigen Schliff finden und für den spielerischen Glanz im neuen Schmuckkästchen sorgen.

Prognose: wenn von schweren Verletzungen verschont, könnte mit dieser cleveren türkischen Mischung Platz 6-9 drin sein.

[* = aufgeführt sind, soweit möglich, immer die Hauptrunden-Stats aus der Saison 2008/2009 der jeweiligen Liga]

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4 Gedanken zu „Ludwigsburg 2009/10: Mit neuem Schmuckkästchen zu altem Glanz?

  1. Ich als Tübinger wünsche Tolga mit dieser bemerkenswert zusammengestellten Mannschaft auf diesem Wege alles Gute für die kommende Spielrunde!

  2. @Zugvogel: Die neue Halle ist auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Bahnhofs. Zu laufen ca. 1 Minute, selber Schuld wenn man da mit dem Auto in die Stadt fährt.

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