Klassenkampf vs. Ringelpietz

In seiner Spätlese zum griechischen Wein(en) aus der Berliner Euroleague Qualifikation benutzte gruebler das Wort „Klassenkampf“ mit Blick auf das Spiel von ALBA bei den LTi Gießen46ers am morgigen Freitagabend.

Wie ich es auch dreh und wende, der Begriff mag einfach nicht passen. Die BBL ist mindestens schon eine Dreiklassengesellschaft, zwischen ganz oben und ganz unten wird höchstens noch sporadisch gekämpft in den letzten Jahren. Und Marxistisch-soziologisch korrekt würde dies voraussetzen, dass Gießen über die Arbeitskraft verfügt, Berlin über das Kapital. Letzteres ist unstrittig, einen vollständigen ganztägigen BBL-Arbeitsnachweis haben die 46ers aber leider noch nicht abgegeben.

Vergangenen Sonntag, auswärts bei den Frankfurt Skyliners, sah man aber bereits erste gute Fortschritte im Gießener Spiel. Die Verteidigung wirkte sortierter, der Angriff geduldiger und vor allem mental war das Ankommen der Ballbeweger in der harschen BBL-Wirklichkeit offenbar leidlich bewältigt worden.

Erst zum Ende des dritten Viertels hin knickten die mittelhessischen Youngster mit zunehmendem Druck mehr und mehr ein. Auf seiten der Bänker aus Frankfurt brauchte es dazu nicht viel mehr als einen sensationellen Derrick Allen und einen sehr gut aufgelegten PG Aubrey Reese, der wohl die Position in der ersten Fünf von Roller übernommen hat.

Da kommt ALBA schon mit erheblich mehr Startkapital an die Lahn. Ein eingespieltes Team mit rekordverdächtigen 8 verbliebenen Vorjahresspielern und nur einem echten Neuzugang, Kenan Bajramovic, der – ganz hip – noch leichte Integrationsresistenzen zeigt.

Es hakt sicher hier und da noch in der blaugelben Wertschöpfungskette und die Enttäuschung der verpassten Euroleaguequalifikation ist groß, aber Gießen dürfte leider nicht viel mehr als ein willkommener Sparringspartner zum Saisonauftakt sein. „So lange wie möglich“ will man nach eigenem Bekunden „Alba ärgern“. Zu groß sind die Unterschiede auf allen Positionen und seit der Verletzung von A-Nationalspieler Johannes Lischka (Mittelhandbruch) fällt auch noch der starting SF längerfristig aus. Schon wieder eine schwere Verletzung eines Starters. Die Stochastik rebelliert, aber es ist Tatsache. Seit Chucks Kreuzbandriss nach der Gießener Halbfinalsaison 2004/05 erwischt es die 46ers immer wieder mit fast schon unheimlicher Regelmäßigkeit und Härte. Mo Jeffers, der Mittelhandbruch aus der letzten Saison, wurde zwar heute nachverpflichtet, trifft aber erst am Samstag in Deutschland ein und hat seit 8 Monaten kein Wettkampfspiel mehr absolviert. Außer Rams gegen Vikings letzten Sonntag – auf der Tribüne.

Bleibt die spannende Frage, wie es in Sachen Trainer vs. Publikum aussieht. Nicht zu überhören waren die Dissonanzen nach dem Hagenspiel. Es folgte Vladi Bogojevics Trainerentschuldigung in Presse und im 46ersTV, die unter Umständen nicht bei allen gleich den gewünschten Erfolg haben wird. Eintrag ins Klassenbuch statt Klassenkampf. Wenn es wirklich die hoffnungsfroh brummende Osthalle – die sich eher handzahm als höllisch präsentierte – war, die den Gießener Frischlingen so viel Verdruß bereitete, wären mehr öffentliche Vorbereitungsspiele vielleicht ein probates Gegenmittel gewesen. Dieser Zug ist leider abgefahren und es hilft nichts, Heimspiele werden hier (noch) vor Publikum ausgetragen. Gibt es am Freitag schon die fällige reinwaschende Versöhnung zwischen der Stadt und ihrem Sohn oder war das erst der Weichspülgang?

Hauptstadt gegen Provinz. Glückskinder gegen Pechvögel. Professionelle Großorganisation gegen piefigen Familienbetrieb. Europäische Expansionsinstitution gegen „Raus aus den Schulden“. Ballkunst gegen Überlebenskünstler. Gentechnik gegen BBL-DNA. Penthouseyuppies gegen Kellerkinder. Internationale Härte gegen Milchgesichter. Stundenlang könnte man die Gegensätze aufzählen ohne derer müde zu werden, was sich jedoch zur Zeit auf SD tut, spottet jeder Beschreibung. Ähem, Verzeihung. Ich meine, ist zu schön um wahr zu sein. Durch grueblers Verlinkung aufmerksam geworden, lag ich eben spätestens beim ersten lässig rausberlinerten „Mimimimi“ im Gießen-Alba-Thread unter dem Schreibtisch vor Lachen.
Willst du ALBA oben sehen, mußt du die Tabelle drehn. Ein wenig FIBA-Magic und schon macht sich die Beamtenhauptstadt gemeinschaftlich mit den Schmuddelkindern im Forum locker. There are some things in life money just can´t buy…..

Vorbericht auf der Giessen 46ers Homepage

Ich bin dann mal weg…

OldSchoolBaller
P.S.: War es nicht so, dass der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt? Und dass diese Proletarierdiktatur selbst nur den Übergang zur klassenlosen Gesellschaft bildet? Juchu, das wär mal was….viel Spaß dabei auf SD (und vor allem in der Halle)!! ;-)

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6 Gedanken zu „Klassenkampf vs. Ringelpietz

  1. Hab ich wirklich Klassenkampf geschrieben? Verdammt. Die Geschichte aller sportlichen Wettbewerbe ist die Geschichte von Klassenkämpfen… Aufsteiger gegen Serienmeister. Absteiger gegen Überflieger. Klassenkampf würde bedeuten, dass man sich in der Vormachtstellung ablöst. Das war bei Leverkusen und ALBA so. Aber bei Gießen und ALBA? In einer Liga, die sich selbst als klassenlose Gesellschaft des absoluten Wettbewerbs definiert, damit kokettiert, dass jeder jeden schlagen könne? Gießen kann’s ja mal zeigen… Die Gießener Produktivkräfte sind malade und jung. Die Berliner Produktivkräfte noch nicht so richtig effizient allokiert (gibt es das als Verb?).

    Revolution müsste übrigens von unten kommen…Gießen wäre dafür prädestiniert :-P

    Wahrscheinlich werden weder Oldschoolballer noch ich das Spiel sehen. Unsere Produktivkraft wird von der besitzenden Klasse anderweitig zur Mehrwertschöpfung gebraucht ;-)

  2. Damit die Revolution auch wirklich kommen kann muss sich jedoch in Gießen erst mal ein Klassenbewusstsein entwickeln. Gießen muss also von der „Klasse an sich“ (eine Gruppe von Menschen, die nach ihrer Stellung im Produktionsprozess objektiv zusammengehört), zur „Klasse für sich“ (eine Gruppe von Menschen,die subjektiv zusammengehört, weil sie ein gemeinsames Bewusstsein ihrer geteilten Lage besitzt) werden.

    Gibt es in Gießen schon dieses Klassenbewusstsein?
    Reicht es aus, wenn sich ausschließlich in Gießen dieses Klassenbewusstsein entwickelt?
    Oder müssen mehrere Teams zur „Klasse für sich“ werden, um in einer möglichen Revolution eine Chance zu haben?

    Also in dem Sinne: „Kleine, finanzschwächere Teams aller Länder vereinigt euch!“

  3. Danke OSB – Du bist die Beste! Es ist so witzig und gleichzeitig so wahr, das ist ganz ganz hohe Schule: Wahrheitslose Witze kann jeder reissen und die humorlose Wahrheit erzählen sowieso – die Kombination ist der Kunst!
    Bitte bitte schreib auch eine Vorschau auf Dienstag, von mir aus lüge bis die Balken biegen, du brauchst keine Ahnung von Göttingen haben, ist egal, ich würde gerne was von Dir über die Veilchen lesen – Grübler haut ja immer nur sachlich drauf!!!! „zwinker mein Freund, zwinker)!
    Grüße ins Hessenland!

  4. alles wunderbar, der dicklich-komische junge vom schulhof…äh…alba durfte auch mal mitmachen und konnte etwas unerwartet konnte die revolution von unten starten. der tabellenletzte schlägt den bundesdino.

    oleole!

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