trog #3 Hoşgeldiniz Kayseri’ye – Willkommen in Kayseri!

Wird sind seit einer Woche hier und ich merke zunehmend, dass die Neuankömmlinge, aber auch Daheimgebliebenen Infos möchten, Infos brauchen. Wie ist das Wetter, was kann man Essen, was machen, was besser lassen. Hier also „Kayseri for Dummies“ und vieles mehr. Und ich wünschte, ich hätte all die Infos gehabt, bevor ich herkam. Egal, einer muß sich ja blamieren und die Wissbegier stillen über eine Stadt, die alles ist, aber keine Touristenstadt. Die erste Frage ist ganz oft: was machen Sie denn ausgerechnet hier in Kayseri? Ungefähr dieselbe Frage, die ich mir gestellt habe, damals im Dezember.

Langsam werde ich eine echte Türkin, zumindest aber beinahe eine echte Kayserili. Wobei, da muß man aufpassen, was man sagt. Das kann ein Kompliment sein, muß es aber nicht, dazu später mehr. Ich schmeiße ständig alle Pläne um, halte mich nicht an Verabredungen, bin immer zu spät, seh alles locker und im Zweifel trinke ich erstmal einen Tee. Heute sollte eigentlich ein trog über die Türkei im allgemeinen und unsere unglaublichen Abenteuer im www im besonderen her, die uns ganz allein in eine moderne türkische Appartmentsiedlung brachten – mitten rein ins volle Leben. Egal, das hier ist auch wichtig. Samstag kommen noch mehr deutsche BB-Touristen, Team und Betreuer sind schon hier und ich die geborene Reiseleiterin, also los gehts.

Die Stadt Kayseri (Hauptstadt der gleichnamigen Provinz) liegt, wie schon gehört, auf 1100 m am Fuße des erloschenen Vulkans Ericyes Dagi. Der ist knappe 4000m hoch. Wer Zeit hat und kann, sollte dort hoch fahren – und `ne dicke Jacke mitnehmen. Beeindruckende Schönheit, viel Natur und kühle, aber natürlich extrem dünne Luft entlohnen reichlich. Apropos kühl: als wir ankamen waren es um die 40°C Höchsttemperatur, inzwischen hat es jeden Tag mehr abgekühlt und wir sind so bei 31/32°C max.

 Nachts wird es nun auch merklich kühler, fast braucht man einen Pulli zu ganz späten Uhrzeiten. Überhaupt die Luft hier. Mitten in der Stadt ab dem frühen Nachmittag macht sich nicht nur die müdemachende sauerstoffarme Luft bemerkbar, sondern auch der rasante Autoverkehr. Besser sollte man Busverkehr sagen. Hunderte von Bussen überqueren den zentralen Platz der Stadt zwischen Hilton Hotel und Großer Moschee pro Stunde. Darunter auch einige uralte Dieselmonster, die einem das Atmen schwer machen. Dazu noch viele Autos und Massen an Fußgängern und es entsteht ein lebendiger Brei aus Krach, Staub, Abgasen und wildem Leben. Direkt hinter dem Hilton ist ein großer Park, der eine Ausnahme macht und viel Ruhe bietet vor diesem Tagesirrsinn.

Das Stadtbild ist voller Moscheen, sie sind allgegenwärtig und der Muezzin ruft 5 mal am Tag. Die beiden wichtigsten Male zu Sonnenaufgang und Sonnenuntergang (ca. 4:25 und 19:35 Uhr). Eine Moschee zu besuchen ist auch als Tourist gar kein Problem. Lange Hosen sind im Stadtbild für beide Geschlechter sowieso eigentlich ein Muss. Wobei ein Gast in der Türkei absolute Narrenfreiheit hat. Er darf fast alles und es wird ihm immer geholfen. Fast schon beschämend oft. So oft und so freundlich, dass ich mir immer häufiger wünschte, ich wäre keine Mitteleuropäerin und hätte daher kein so eingebautes Problem und automatisches Schuldbewußtsein mit all der entgegengebrachten Freundlichkeit und den Geschenken. Nur ein Platz in Kayseri ist davon ausgenommen: der Teil des Cumhuriyet Meydane (Platz der Republik) direkt an der großen Moschee und Zitadelle. Hier lauern die Schlepper der Teppichhändler und hier hat die Freundlichkeit nur einen Zweck: Teppiche verkaufen. Es hat sich unter ihnen rumgesprochen, dass Basketball in der Stadt ist, sie fragen nun gezielt danach, um einen Startpunkt für ein Gespräch zu finden. Nichts bösartiges, alles überhaupt kein Problem, man sollte sich nur ganz einfach niemals draufeinlassen, denn es ist sonst unsagbar schwer sie wieder loszuwerden. 

Zurück zum Moscheebesuch: kein Problem bei angemessenem Verhalten. Also lange Hosen für alle. Frauen sollten das Haar mit einem Tuch vollständig bedecken, die Schuhe müssen natürlich immer ausgezogen werden. Wir empfehlen die Kursunlu Camii zu besuchen, es ist die ursprünglichste Moschee in der City. Wenn man vor dem Hilton steht, mit dem beeindruckenden halbmondförmigen Gebäude im Rücken, dann ist die Moschee direkt rechts im Grünen. Bilder von Menschen im allgemeinen und Betenden ganz im Besonderen nur nach Nachfrage und häufiger Rückversicherung. Nicht einfach drauflosknipsen. Vor der Moschee kein Problem, auch beim Beten, innen würde ich es ohne heimischen Führer lassen, aber wie gesagt, es wird einem tatsächlich alles verziehen.

Zum Thema Kleidung gehört auch noch die Sonnenbrille. Auf keinen Fall vergessen, die UV-Einstrahlung ist schon extrem und schmerzt auf der Netzhaut. Je nach Konstitition macht sich an Tag 2 bis 3 auch die Höhenluft bemerkbar. Ich weiß 1100 m (wir wohnen auf 1500) sind nicht viel, aber so als Flachlandtiroler merkt man es irgendwann einfach. Dauergähnen, dauermüde. Einfach ganz, ganz viel Trinken und viel Schlafen, geht ganz schnell von alleine weg.

Praktisches: eine grüne Fußgängerampel heißt nicht immer, dass man sicher loslaufen kann. Also Augen und Verstand gebrauchen. Wer den Bus oder die Tram nehmen will, kauft sich vorher an einer Art Kiosk eine Magnetkarte, die es als Einzel-oder Mehrfahrtenticket gibt und stempelt sie beim Fahrer elektronisch ab. Im Bus kann man die Karten nicht kaufen. Mehrere Leute können auf eine Karte fahren (mehrfach abstempeln). So lange in eine Richtung gefahren wird, ist Umsteigen zahlungsfrei. Es gibt ne supermoderne Straßenbahn („Tram“), die muß man mal benutzt haben und sei es nur um ins funkelnagelneue Einkaufscenter „Kayseri Park“ zu fahren. Das ist so neu, das ist auf keiner Karte drauf, kennt aber Jeder hier. Stadtauswärts an der 2. Moschee, die direkt an der Sivas-Straße steht, aussteigen und durchfragen. Die Tram fährt in der Mitte auf dem Sivas Bulvari (Boulevard) hin- und her. Oder man nimmt ein Taksi – kann man bedenkenlos tun, Abzocke gibts keine, einfach stetig wiederholend „Kayseri Park“ sagen und in die grobe Richtung (Osten) wedeln. Ich mag Einkaufscentren nicht, dieses aber schon. Es gibt sehr sehr, viele Geschäfte und nen Intersport mit den schönen offiziellen T-Shirts und im obersten Stockwerk nicht nur Burger King und McDo, sondern auch das bessere „Türkische Fast Food“. Empfehlenswert!

Besser und günstiger kauft man natürlich rund um die Zitadelle ein, dort ist alles ein Basar und jeder ein Händler. Aber ruhig einmal weiter in das echte türkische Leben hineinwagen, es ist so interessant, dass wir es nach 1 Woche immer noch nicht groß aus Kayseri herausgeschafft haben. Und Hilton im Rücken, nach rechts laufend (Süden) tobt unter den „Arkaden“ dort das echte, einheimische Leben. Immer wieder zieht es uns in diese Gassen des alten Kayseri abseits von Einkaufsstraße und Zitadelle. Hier wird frisches Brot verkauft, Fettkringel gebacken und anschließend in Honig ertränkt. Händler und Handwerker sitzen, hocken in den kleinen Straßen vor ihren winzigen Geschäften und man kann beinah alles bekommen.

Die Menschen sind unglaublich freundlich, neugierig und hilfsbereit, man wird ständig angesprochen. Unbedingt ausprobieren: Pastirma, den köstlichen luftgetrockneten Schinken, der mit Paprika eingerieben ist. Frisches Ekmek (Brot) dazu kaufen. Fertig ist die köstlichste Mittagsmahlzeit.

Nicht vergessen, es ist Ramadan. Kayseri ist als alte anatolische Hauptstadt, sehr gläubig. Die zweitreligiöseste Stadt in der Türkei hinter Konya. Niemand wird gezwungen, den Ramadan mitzumachen, keine Frau muß Kopftuch tragen, religiöse Toleranz ist oberstes Gebot. Es gibt viele Einwohner, die am „Ramazan“ nicht teilnehmen. Das heißt jedoch nicht, finde ich, dass man sich selbst wie der berühmte Elefant im Porzellanladen benehmen muß. Zum Beispiel gibt es am Anfang des Sivas Boulevard ein paar tolle Fischläden (Dalyan), die muß man einfach ausprobieren! Vorne zur Strassenfront hin, wird gegrillt was das Zeug hält und direkt verkauft (meistens zum Sandvics zum Mitnehmen). Viel schöner sind jedoch nach hinten raus die 4 kleinen, unglaublich guten und günstigen Restaurants, die alle zusammengehören, gleich sind, auch in den Preisen. Einfach zwischen den Tresen nach hinten durchgehen oder nach „Restaurant“ fragen. Für 20 türkische Lira (10 Euro) kann man zu zweit sehr lecker Essen und Trinken auch tagsüber und die Besitzer freuen sich, dass man so umsichtig ist, auf den Straßen den Leuten nichts vorzuessen, die noch bis abends warten müssen mit der Nahrungsaufnahme. 

Das abendliche Essen wird dann zur Zeremonie. Unsere bisher schönste Erfahrung war das „Fastenbrechen“ in einem fantastischen Restaurant „SDF“ nur unter Einheimischen. Es befindet sich auch am Sivas Boulevard 4 km vom Stadtzentrum entfernt und sieht von außen schlicht gräßlich aus. Wie ein US-Schnellrestaurant an einer Ausfallstraße in Gallup. Nach hinten raus hat es einen fantastischen Garten, wo man unter einem Blätterdach aus niedrigen Bäumen wunderschön sitzt. Im Ramadan macht es erst abends auf. Es werden 3 siebengängige Menüs geboten (Getränke incl.) Lamm (34TL), Rind (28TL) und Huhn (24TL). Man bestellt und erhält traditionelle Vorspeisen, die das Fasten brechen. Honig, der mit Bienenwabe gegessen wird, dicke Sahne, Datteln. Alle sitzen ruhig am Tisch mit Getränken und allem direkt vor sich. Niemand isst, niemand trinkt. Gedämpfte Gespräche, gespanntes Warten. Dann ertönt der Ruf aus der nahen Moschee, der Oberkellner sagt kurz etwas und langsam, bedächtig – ja fast andächtig – und still, beginnen alle zu essen. Zunächst dankbar und leise, dann fröhlich, ausgelassen und laut. Am Ende ist es fast eine Party. Für uns ein wunderschöner Abend, den wir nie vergessen werden. Wer in Kayseri ist, sollte so etwas wirklich unbedingt machen, ein traditionelles Abendessen nur unter Einheimischen. Die Adresse geben wir sehr gern weiter.

Nicht alles hier ist schön. Wirklich ganz und gar nicht. Kayseri ist absolut keine Touristenstadt, niemand macht hier Urlaub, aber gerade deshalb ist es vielleicht so spannend. Kayseri ist in den letzten Jahren geradezu explodiert. Die Einwohnerzahl hat sich seit 2000 mal so eben lässig auf 1.2 Millionen verdoppelt und vor 30 Jahren waren es gerade einmal 150.000 Einwohner. Das ist für unsere Verhältnisse unvorstellbar und dementsprechend sieht die Stadt außerhalb der City aus. Appartmenthochhäuser in Schreifarben, hunderte, tausende davon – wenn das mal reicht. Doch was für uns Inbegriff der Wohnscheußlichkeit ist, ist hier die Moderne. Ein wenig wohl wie in den 50ern, 60ern bei uns. Völlig schmerzfrei werden alte Stadtteile und Wohnviertel plattgemacht und heißbegehrte Appartmentgebäude errichtet. Wer in den ausufernden Outskirts der Boomtown Kayseri in solch einem Hochhaus wohnen kann und darf, der hat es geschafft und ist stolz darauf.

Ach ja, nur Touristen trinken Apfeltee, die Türken trinken echten schwarzen, bitteren Tee (cay) mit viel, viel Zucker. Und der echte türkische Kaffee ist eine Sensation. Da kann sich jeder Italiener nur noch verstecken. Leider wird zunehmend der sofortlösliche Nescafe oder normaler Filterkaffee als moderne Errungenschaft angesehen und kredenzt, noch aber bekommt man ihn, den Kahve orta (mittelsüß) und seine leckeren Kollegen. Es gibt ihn in schwarz (sade), wenig (az), mittel (orta) oder süß (sekerli). Vorher Bescheid sagen, der Zucker wird mitgekocht. Die Süßigkeiten und Nachtische sind fast einen eigenen Blog wert, in einem Land das tatsächlich und unglaublich eigene Pudding/Milchreisläden (muhallebici) hat! Auch die wären einen eigenen Beitrag wert, doch keine Zeit, wir müßen dringend wieder in die Stadt gehen :-).

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