Gastbeitrag: Euroleague Final Four in Barcelona (2)

Heute folgt der zweite Teil von robbes Euroleague Final Four Beitrag mit einem ganz genauen Blick auf die 4 Teams und einzelne, herausragende Spieler:

TEAM BY TEAM

Montepaschi Siena – Die Toskaner sind die besten Balldiebe der Liga und stellen die effektivste Verteidigung, trotz schlechter Werte beim Defensivrebound und hoher Werte bei den gegnerischen Nahdistanzversuchen- und Quoten. Sie machen enormen Druck am Perimeter und stören den Distanzwurf, geben dafür am Brett Punkte auf. Acht Klubs spielten diese Saison eine effektivere Offense. Bo McCalebb ist nicht der klassische Point Guard, erkennt aber Scoring-Situationen und bricht dann explosiv aus. Häufig liegt der Ball auch in den Händen von Kaukenas und Moss. Distanzwurf von Lavrinovic und Stonerook auf der 4 kann Serien und Spiele entscheiden. Im Viertelfinale 2009 machte Obradovic die Zone zu und gab Stonerook konsequent den Dreier. Dieser verwarf 16 seiner 20 Distanzwürfe.
Schlüsselspieler: Shaun Stonerook – äußerlich ein auffälliger Typ, aber was er auf dem Parkett verteidigt, ackert, passt und Bällen hinterher hechtet wird regelmäßig übersehen.

Panathinaikos – Die Griechen sind mit ihrem langen, vielseitigen Kader auf praktisch jeder Position in der Lage ein Lowpost-Mismatch zu kreieren – auf der 1 über Diamantidis, auf der 2 über Sato, auf der 3 über Perperoglou, auf der 4 über Tsartsaris, auf der 5 über Batiste,
Vougioukas und Maric. Das brach Barca das Genick, aber Montepaschi hat physische Spieler auf jeder Position. Das Pick and Roll läuft primär durch Diamantidis, aber Obradovic legt Wert auf Variabilität und zieht Nicholas und Calathes als sekundäre Ballhandler heran. Distanzwurf von Fotsis ist ein X-Faktor. Zweiteffektivste Offense der Liga, fünfteffektivste Defense. Allerdings sind Obradovic & Co-Itoudis für ihre akribische Spielpräparation bekannt. In einem Final Four sind sie nur schwer zu bezwingen. Je mehr der Gegner über seine Individualisten geht, je mehr Transition-Basketball, desto weniger Einfluss für Obradovic. Aus diesem Grund sind Montepaschi & Maccabi schwerere Gegner für die Grünen als gemeinhin angenommen wird. Schlüsselspieler: Dimitris Diamantidis wird MVP, das steht fest. Nach 2007 endlich wieder Fulltime-Point Guard, prompt die erneute Final Four-Teilnahme.

Maccabi Tel Aviv – Zweiter bei den Steals, dritteffektivste Verteidigung (viel Matchup-Zone), effektivste Offense, Klassenbester bei den Ballverlusten, schnellstes Team unter den Final Four-Teilnehmern. Keine hochkomplexe, perfektionierte Halbfeldoffense, aber die spielen schnelle Teams nie. Wer schnelle Körbe erzielen will der stoppt nach eigenem Rebound, Block oder Steal nicht bei 20 auf der Uhr ab und leitet ein Setplay ein, sondern attackiert situativ. Gerade deswegen wird es für Real Madrid darum gehen, Schortsanitis früh auf der Uhr vom Korb fernzuhalten und Pargo/Eidson den Drive zu verweigern.  Beim Spiel gegen Sofo stellt sich immer die Frage – Doppeln oder nicht? Lange war das Doppeln ein äußerst vielversprechendes Konzept, nur hat der Grieche in dieser Saison sein Passspiel aus dem Double Team so sehr verbessern, dass sich diese Frage ernsthaft stellt. Schlüsselspieler: 99% der Befragten würden auf Schortsanitis oder Pargo setzen, für mich ist es Chuck Eidson. Seine Scoring-Effektivität mag zu wünschen übrig lassen, aber die Dimension, die er durch sein Ballhandling und Passspiel ins Spiel bringt, macht Maccabi erst zu einem überragenden Transition-Team. Außerdem: Zweitbester Balldieb der Liga.

Real Madrid – Halbfeld-lastigstes Team der Liga. Gehen häufig in den Lowpost (über Tomic) und sammeln satte 38,9 Prozent der eigenen Fehlwürfe ein – Hauptgrund dafür, dass ein Team das niedrigprozentig wirft dennoch solide punktet. Messina-Basketball bedeutet passen. Daran hat sich in Madrid nach dessen Rücktritt nichts geändert. Warum auch? Emanuele Molin war 10 Jahre lang Messinas Assistenztrainer. Real wird in Barcelona den Basketball spielen, den Messina installiert hat. Nur die Spielpräparation und die Entscheidungen im Spiel wird ein anderer treffen. Ob Molin diesen Job gut macht wird sich zeigen – unterschätzen sollte man ihn jedenfalls nicht. Schlüsselspieler: Sergio Llull – niedrige Effektivität, aber ein Energiebündel mit starker Perimeterverteidigung. Motor des Teams.

DIE GESCHASSTEN

Es gibt Karrieren, die sind mehr Tragikomödie als Heldenepos.

Marko Jaric hatte seit Jahren so miserabel Basketball gespielt, dass er nicht mehr Basketballer, sondern nur noch Adriana Limas Gatte war. Bis Mitte der Saison blieb er ohne Job. Dann rief Pianigiani an, Jaric spielte mehr schlecht als recht, dennoch Qualifikation für das Viertelfinale. In Spiel 1 gegen Olympiakos schmiss der Serbe reihenweise Bälle so unbeholfen weg dass es weh tat. Siena verlor 41 zu 89. Anschließend machte er 24 Punkte bei 10 von 11 Würfen in Spiel 3 und lieferte in Spiel 4 weitere 12 Zähler hinterher. Ein griechischer Kollege bringt es anschaulich auf den Punkt: „He shat all over Olympiakos“. Strohfeuer oder nachhaltige Leistungssteigerung?

Auch Sofoklis Schortsanitis musste viel über sich ergehen lassen. Für Spiel 4 der griechischen Playoff-Finals 2009 brachten Panathinaikos-Anhänger Plastiktaschen der Supermarktkette Sklavenitis in die OAKA. Beim Aufwärmen wedelten Tausende enthusiastisch mit den Taschen und sangen dabei: „Schortsanitis, Schortsanitis, du hast den Sklavenitis leergefressen!“

2010 wechselte Sofo nach Tel Aviv und verspeiste die europäische Centerelite. Heute lacht niemand mehr.

Nikos Zisis erlebte nach einhelliger Meinung bereits mit 22 den Höhepunkt seiner Karriere, die überragende EM 2005. Zehn Monate später zertrümmerte Varejaos Ellenbogen seinen Kiefer, Zisis kam nie wieder richtig auf die Beine.

Doch als McCalebb ausfiel war er da, eliminierte das Trio Papaloukas, Spanoulis, Teodosic in den Playoffs und spielt nun sein drittes Final Four in vier Jahren.

EHRE WEM EHRE GEBÜHRT

Basketball punktet bei Medien und Fans. Mal ehrlich: Etwas anderes interessiert doch die wenigsten. Es sind die Punkte. Die besten Punktesammler bekommen die Schlagzeilen. Teamerfolg und ein paar Assists taugen noch ganz gut um nicht als Egozocker da zu stehen, aber am Ende geht es um Punkte, Punkte, Assists, Punkte, Rebounds. Eine dominante Defensivleistung wird hin und wieder anerkannt, aber bestimmt nicht glorifiziert. Den besten Verteidigern widmet man sich alljährlich mal beiläufig, weil es eben sein muss, man verteilt einen Award und beschließt anschließend dass es nicht genügend statistische Daten gibt um Verteidigungsleistung zu beziffern. Da müsste man ja selber hingucken! Ich bin der Meinung, dass wir uns dieser Basketballvolksverdummung nicht widerstandslos ergeben müssen.

Es gibt bei allen Final Four-Teilnehmern Spieler, deren Leistung der Boxscore nicht annähernd gerecht wird. Auch abseits des großen Diamantidis, der erst jetzt den MVP-Titel einstecken wird, als er – weil er mehr Würfe nimmt – zum ersten Mal in seiner Karriere im Schnitt zweistellig punktet. Shaun Stonerook ist ein defensiver Alleskönner. Kosta Tsartsaris verteidigt weit hinter der Dreierlinie mit einer Intensität, die Ihresgleichen sucht. Er liest Help-the-Helper-Situationen so verlässlich richtig wie nur wenige andere. Bo McCalebb ist ein fantastischer Balldieb. Guy Pnini ist lang, verteidigt bissig auf den Positionen 2-4. D’Or Fischer der beste Shotblocker der Liga. Antonis Fotsis bringt Mobilität und Aktivität. Romain Sato ist ein starker 1-1 Stopper. Nick Calathes entnervte in den Viertelfinals Juan Carlos Navarro so wie Prigioni zuvor im Copa del Rey-Finale. Doron Perkins entfacht am Perimeter unglaublichen Druck, dazu blockt er, stiehlt und sammelt Rebounds ein. Lior Eliyahu kann problemlos Guards vor sich halten.

Wer auch immer am Ende den Titel holt, Rollenspieler werden daran entscheidenden Anteil gehabt haben.

Tipp

Maccabi im Finale über Montepaschi

Vielen, vielen Dank an unseren Gastautor robbe für diese beiden tollen, ausführlichen Blogs zum FinalFour 2011 in Barcelona!

Spielplan heute: 18:00 Uhr Panathinaikos vs. Montepaschi, 21:00 Uhr Maccabi Tel Aviv vs. Real Madrid

Finaltag Sonntag: 13:30 Uhr Spiel um Platz 3, Finale um 16:30 Uhr

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2 Gedanken zu „Gastbeitrag: Euroleague Final Four in Barcelona (2)

  1. Super Bericht!!!Dass groesste Sportereignis neben dem Fussballchampionsleaguefinale
    steht vor der Tuere,schade dass man so wenig in Deutschland davon mitkriegt;-)

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