Blogauskas #2 – Von litauischen Wölfen und deutschen Adlern

Mittwoch Nacht 00:30 Uhr Ortszeit. Der erste Sieg dieser EM 2011 ist geschafft und Israel mit sage und staune 91:64 (40:26) geschlagen. Unser Auto bahnt sich im Schritttempo seinen Weg zurück in die litauischen Wälder. Hier fährt man(n) Quad. Über Stock und Stein in völliger Dunkelheit geht es über unbefestigte Waldwege zurück in unsere einsame Jagdhütte im Nirgendwo des Naturparks südlich von Siauliai. Die Wölfe heulen – und wir wünschten, das wär ein Witz. Und nein, es sind keine Hunde. Im Auto wird es still und auch das anfängliche Witzereissen über irgendwelche Gruselfilme ist nicht mehr lustig. Irgendwann sind wir dann da und Jäger Petras öffnet uns das Tor. Er hat uns die Luxushütte überlassen und wohnt selbst ganz einfach für die Zeit der EM. Basketball hasst er, denn im eigentlich armen Litauen wandert das ganze Geld in diesen Sport und diese EM. Trotzdem hat er natürlich das Spiel von Litauen im Fernsehen geschaut und ist nun euphorisch. Deutschland gewonnen, Litauen gewonnen – die unvermeidliche Logik gebietet es offenbar, dass wir selbst gebrannten Whisky zusammen trinken müssen, wie er unmissverständlich klar macht. Er ist kein großer Mann, aber wie er so da steht mit der Kristallglasflasche in der Hand, lässt er absolut keine Zweifel des über den weiteren Verlauf des Abends zu. Zwischen Biber-, Fuchs- und Wolfsfellen gleich neben der Berliner Einbürgerungsurkunde seines Großvaters ausgestellt durch das Ministerium des Inneren des Deutschen Reiches 1941, samt aller mulmigmachenden Insignien, wird ausgeschenkt und angestoßen, mit ziemlich verheerenden Folgen. Die meisten von uns trinken keinen Alkohol und wir haben noch nichts gegessen seit dem Frühstück in Vilnius vor 17 Stunden. Nun gut, EM ist kein Spaß. Jeder von uns wusste das vorher. Schlafmangel, Zeitmangel, kein Essen, zu wenig zu trinken. Und spätestens am dritten Tag werden die Spiele ineinander verschwimmen, die, die man live sieht und die, die man in den Pausen auf den Hallengängen sieht, mit denen, die in den Shopping Malls auf Videoleinwänden wiederholt werden. Man wird nicht mehr wissen welcher Tag und welches Datum ist. Wer gegen wen schon gespielt hat und wie es ausging. Das selbst gebrannte, braune rauchig schmeckende Zeug beschleunigt diesen Karusselleffekt unerhört.

Kurz vorm endgültigen Einschlafen unter Uhurufen und anderen Waldgeräuschen, in einer Hütte, die kein Schloss an der Tür hat, wird das Spiel noch einmal durchgesprochen. Der Anfang war holprig, es sah nicht wirklich gut aus. Die Defense immer einen Schritt zu langsam und jeder israelische Spieler machte in jedem Angriff ein schnelles Dribbling lässig vorbei an seinem deutschen Gegenspieler und ließ sowohl Manndeckung als auch die Zone recht alt aussehen. Auch ihr schnelles Passspiel konnten die Israelis ziemlich ungehindert aufziehen. Der deutsche Angriff war ähnlich unwach. Steffen Hamann sichtlich angeschlagen – Hut ab, wie er auf die Zähne biss – zusammen mit Heiko Schaffartzik in der ersten Fünf. Dazu Benzing, Nowitzki, Kaman, der sich zwei schnelle Fouls fing, auch wegen Unwachheit. Von der israelischen Ganzfeld-Zonenpresse war man sichtlich überrascht und sah nicht gut aus dagegen. Kaman zeigte zwar Basketball-IQ und bot sich gegen die Presse genau in der richtigen Sekunde an der richtigen Stelle an, wurde aber von den Ballvorschleppenden großzügig ignoriert. Auch die Trap gegen den Pointguard brachte 2, 3 Ballverluste – ebenso wie die Reinzieher mit mädchenhaften (ich darf das!) Rauspassern. Erst nach einer Bauermann-Auszeit kam der deutsche Express im zweiten Viertel in Fahrt. Zuvor waren es lediglich die unnachahmlichen Nowitzki-Flamingo-Würfe, ebenso gezwungen wie unstoppable, die Deutschland vorne hielten, dann kam Kaman dazu. Zusammen schafften die beiden 10 von 18 in der ersten Hälfte. Zum Schluss der ersten Halbzeit gelang ein 15-3-Lauf und das war dann das. Steinepurzeln allenthalben.

Plötzlich war der Knoten geplatzt und die Adler spielten sich frei. Jeder traf, Benzing, Schwethelm, Herber mit schönen Würfen von außen. Jeder jubelte für den anderen, feuerte den Teamkollegen an, das zahlreiche deutsche Publikum feierte. Das sind Momente in denen man zuschauen kann, wie eine Mannschaft zusammenwächst. Es hat beinah etwas Magisches. Ein schönes Anspiel Benzings auf die innen angebotene Hand von Nowitzki, der schulbuchmäßig mit Körper und Fußstellung seinen Gegner auf dem Rücken hält oder ein toller Alley von Heiko auf Tim führen zu laut beklatschten Dunkings. Überhaupt macht Schaffartzik ein sensationelles Spiel nach kurzer Akklimatisierung und führt die Mannschaft zum Sieg. Die Erleichterung ist förmlich spürbar. Aus Berlin simst es kryptisch, dass Timmy sich wahlweise von Dirk N. oder seiner Mutter nicht hat beibringen lassen, dass man andere Kinder in der Zone nicht schubsen darf. Ich fand, er hatte gut und energisch aufgepostet – und dafür eben von den exzellenten Refs ein Offensivfoul kassiert. Kann passieren, mir hats gefallen. Und Blaue Flecken muss.

Auch wir sind deutlich ramponiert vom ersten Tag, machen uns aber trotzdem gleich wieder auf in die schöne, aber leider nicht ausverkaufte Halle. Für den zweiten Spieltag werden vom Doktor erneut ein Sieg Deutschlands und selbst gebrannter Whisky verordnet. Das kann noch eine ganz, ganz böse EM werden ;-). O-Ton einer Randgruppenreisenden: „Ich hoffe, wir scheiden in der Vorrunde aus. Das Trinken hier halte ich nicht durch.“ Italien spielt viel Eins gegen Eins, Isolation mit seinen drei NBA-Stars Bellineli, Gallinari und Bargnani. Dagegen muss die Defense stehen. So viele valiuminduzierte Zonenpenetration wie gestern darf es heute nicht geben und wird es auch nicht. Nach Spielschluss wirkten die Spieler endlich angekommen in Litauen. Wir sind es jetzt auch, nach dem ersten Frühstück zwischen Wald und Mücken, mit einem Pferd auf der Veranda, dass sich bedauerlicherweise für einen Hund hält. Aber dazu morgen mehr. Jetzt zurück in die Zivilisation und den Blog per fast überall frei verfügbarem Wi-Fi (Autobahnschild: „@internetas 800m“) on stellen.

Schreibt auf, wie es euch daheim am Bildschirm oder auch in Siauliai in der Halle erging. Wir kriegen hier nämlich gar nichts mit, außer dass Chris Kaman uns an seinem freien Tag in unserer Waldhütte dringend besuchen muss.

Omma Margot sacht: „Uii, kelle, am Anfang warn se ja arg nervös, aber es ist ja nochemma gut gegangen. Das is en Pflichtsieg heute.“

osbaite grüßt aus Siauliai und prognostiziert `nen deutschen Sieg (wäre seit langem das erste Mal, dass wir 2 Spiele hintereinander bei so einem Turnier gewinnen).

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13 Gedanken zu „Blogauskas #2 – Von litauischen Wölfen und deutschen Adlern

  1. DANKE! für den wunderbaren Blog!!
    Wir freuen uns hier auch schon auf das zweite Spiel, das wir vom Sofa aus verfolgen werden.
    Liebe Grüße
    Bine

  2. Danke für die interessanten Einblicke in das littische HInterland. Die kompetenten Erläuterungen zum Spiel sind wir ja schon gewohnt und erfreuen uns trotzdem immerwieder gerne daran.

    Macht weiter so!

  3. Das ist mal wieder ganz wunderhübsch geschrieben. Und eins wird ganz klar: Fan-Sein ist serious business.
    Ist das wirklich eure Hütte auf dem Bild? Wohl kaum. Ein vergrößerte Märklin-Modellanlage ist das. Da bin ich sicher.

    PS: Trinkt nicht so viel ;)

  4. Wolltet ihr in diese Hütte, oder war das mehr dem Geld bzw. der Hoteldichte geschuldet.
    Und bist du eigentlich „nur“ als Fan da oder arbeitest du da irgendwie (neben dieser Tätigkeit hier) offiziell?

    Ich könnte noch 30 Fragen mehr stellen.

    Und danke für den Blog.

    • Also mir hat osb nichts über einen Nebenjob als Förstern oder Schwarzbrennerin erzählt. Soweit ich weiß, ist sie schlicht und ergreifend Basketball-Fan(atisch). ;-)

  5. traumhaft.
    und ich mag mir gar nicht vorstellen, was heute Abend nach erneutem Double in eurer verwunschenen Märchenwaldhütte so abgeht. Woanders wird man mit Lebkuchen verführt, dort ist es selbstgebrannter Whisky. Seid auf der Hut… am Ende geht ihr noch mit Pferden Gassi.

    #blogauskas4ever

    • Mal sehen, ob und wie sie es in die Hütte schaffen. Und, wie feiert ihr in Berlin, Gießen und anderswo? Wo gibt es das beste Public Viewing? Wo muss man hin?

  6. Tja, irgendwo muss man ja schlafen. Z.B. nah zur Halle in einer Hütte oder 2 Stunden Busfahrt (pro Strecke) entfent in einem Hotel. Wer sich noch mal über Schlaglöcher auf unseren Straßen erregt soll sich mal die Strecken in Litauen oder Lettland antun. Das Gerüttel im Bus nach dem Siegerbier ist nichts für Konfirmandenbläschen oder Leute mit Bandscheibenproblemen.
    Was war denn das eigentlich mit dem Flugzeugabsturz bei Eurer Hütte?

    Gut, dass wir noch Biervorräte hatten. Am 1.September gibt es nämlich in Litauen (wegen Schulanfang) in normalen Läden keine alkoholischen Getränke zu kaufen.

  7. Pingback: EM-Rauschen #72 | gruebelei.de

  8. Wirklich sehr sehr schön geschriebener Text.
    Interessant, Impressionen aus Litauen abseits des Balles zu bekommen. Macht Spaß zu lesen und bringt einem die EM ein wenig näher, die sonst immer ein wenig austauschbar wirkt, da mangels Berichterstattung zu dem Land anders als bspw. bei einer Fußball-EM/WM wenig von den Eigenheiten des asutragenden Landes und der dortigen Euphorie ankommt. Von innen sehen Hallen ähnlich aus ;)

    Weiter so, freu mich auf weitere Texte. Und wenn Dtld so weiter macht, wird’s wohl nen längeres Training für die Leber werden.

  9. Irgendwann mache ich das auch mal. Das steht spätestens jetzt fest.
    In meinem magischen kleinen, blauen Notizblock steht das jetzt genau genau zwischem dem Auslandsjahr nach dem Abi und dem Sportjournalismusstudium. Man braucht Träume, und ich habe fest vor, die auch irgendwann irgendwie wahrzumachen.

    An der Entstehung von 2en der 3 Träume seid ihr beiden und einige andere SD’ler nicht ganz unbeteiligt.
    Nochmal ein Danke! für diesen Blog. Wirklich wunderbar.

  10. Hai, Osbaite Blogauskas (witzisch! ;-))!

    Sportlich nichts hinzuzufügen, kommt am TV auch nicht besser oder anders an. Für den unerträglich penetrant nervigen Händeschüttler Sascha Bandermann entschädigen Baeck und Buschi.

    „DBB-Natio-Trommler“ bloggt, dass es nicht möglich sei, die teutschen Fans in einen Blog, äh, Block zusammen zu bringen…

    Vielleicht kannst du ein paar Kleinigkeiten aus dieser Szene (dt. Fans) berichten. Wie ist der Kontakt, Zusammenhalt (?), sieht man sich nur in der Halle?!?

    Wie bist du / ihr denn an diese Försterunterkunft geraten? Das Dt. Team wohnt anscheinend ähnlich, wenn sich das auch „Hotel“ nennt. ;-)

    Und darf man mehr erfahren über die Reisegruppe, außer Omma Margot (deine Omma?)?

    Würde nicht solch neugierige Fragen stellen (siehe auch ob., ‚Sideshow‘), wenn deine Berichterstattung nicht so eloquent wie positiv launisch wäre, dass man daheim nicht genug davon bekommt (wahrscheinlich auch Fernweh dabei).

    @gruebler

    Weist du irgendwas über irgendeine Art public viewing in Berlin?

    Wenn wir uns treffen, wären wir schon mal 2. ;-)

    Ansonsten sitz ich nämlich im stillen TV-Kämmerlein wie vermutlich viele andere.
    Vielleicht hat ja auch jemand ein großes Wohnzimmer oder Garage mit bigsize-screen?!
    An Chips oder Bier soll nicht scheitern…

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