Blogauskas #7 – EM ist kein Spaß!

Ein Gastbeitrag der EM-Expeditionsteilnehmerin Kepta Duona, die uns die unmenschlichen Strapazen einer EM-Reise nahebringt (ohne die allerdings auch alles nur halb so lustig und interessant wäre. Dies gilt für beides: die Strapazen und die Teilnehmerin ;-) ):

EM ist kein Spaß – So viel steht fest. Dass es kein Vergnügen ist, sondern pure, harte Arbeit, sieht man schon lange im Vorfeld der Reise.

30. Januar 2011, abends in Mittelhessen. Drei Orte, eine ICQ-Verbindung und ein SMS-Ticker in den Auswärtsbus. Es ist der Abend der langersehnten EM-Gruppenauslosung. Wer werden die Gegner in der Vorrunde sein? Sind diese schlagbar? Und – WO werden wir spielen? Fragen über Fragen und an jenem Abend würde es endlich die Antworten geben.

Man sitzt gespannt vor dem Livestream und wartet darauf, dass die Auslosung endlich los geht. Doch bevor es dazu kommt muss man sich durch eine zweistündige „Show“ quälen, die an den nationalen Vorentscheid Litauens für den Eurovison Songcontest erinnert. Trashpop vom Feinsten wird geboten und selbst der litauische Nationalspieler Simas Jasaitis erscheint während eines Liedes seiner Freundin auf der Videoleinwand im Hintergrund und macht sich zum Affen. Wie auch immer. Jeder wie ers braucht. Irgendwann ist das Leiden überstanden – oder auch nicht. Die Auslosung beginnt. Wir haben nur zwei Wünsche. Bitte nicht mit Lettland in eine Gruppe kommen und bitte nicht die Vorrunde in Siauliai spielen müssen. Warum? Ganz einfach. Die Letten sind bei der vorangegangenen EM in Polen schon in Scharen in Danzig eingefallen und haben traumatische Eindrücke bei gewissen Personen hinterlassen. Und da Litauen noch deutlich näher an Lettland liegt und wir keine Traumatherapie in Gruppensitzungen abhalten wollten war unser Wunsch: Bitte, bitte nicht mit Lettland in eine Gruppe. Und warum wir nicht nach Siauliai wollten ist auch offensichtlich. Die Stadt ist eine ausgesprochen schöne Industriestadt, die im Krieg fast vollständig zerstört wurde, die so gut wie keine Hotels besitzt und auch sonst recht wenig zu bieten hat.
Unser persönlicher Super-GAU wäre allerdings gewesen, so stand es von Anfang an für uns fest, mit Lettland in eine Gruppe zu kommen, die dann den Spielort Siauliai erhält, da die lettische Grenze lediglich 50 km entfernt ist.
Nun ja, die Geister die man ruft…
So saßen wir an jenem Abend gespannt vor dem Laptop, die Show ist überstanden und die Auslosung beginnt. Frankreich, Serbien und Italien sind bereits in unsere Gruppe gelost worden. Viel schlimmer geht’s nicht. Die Gruppen füllen sich weiter und es bleiben nur noch wenige Möglichkeiten übrig. Deutschland ist in Gruppe B. Gruppe A ist wieder am Zug und siehe da, LETTLAND. Glück gehabt. Denkste. Das Wort Latvia prallt an Gruppe A ab und reiht sich in die Teilnehmer der Gruppe B ein. Aus Jubel wird Unverständnis und der Moderator erläutert, dass im Vorfeld festgelegt wurde, dass Litauen und Lettland nicht in eine Gruppe kommen können. Naa, DANKE…
Die einzige Hoffnung: Nur nicht Siauliai. Und wo wir jetzt gespielt haben ist allseits bekannt.

Nachdem die Gruppen und die Spielorte bekannt sind, kann die Planung endlich los gehen. Es wird Stunden über Stunden im Internet gesucht, Links an den anderen verschickt und telefoniert – miteinander und mit Hotels und Ferienhaubesitzern in Siauliai und Umgebung. Die Reaktionen sind überall die gleichen, wenn man erwähnt, dass man eine Unterkunft für Anfang September sucht. Es wird nicht mal mehr in dem Kalender nachgeschaut, es wird sofort verneint, manchmal erntet man noch ein mehr oder weniger hämisches Lachen. Wie kann man auch nur Anfang Februar erwarten eine Unterkunft im September zu bekommen…

Nach und nach bekommen natürlich auch Freunde und Bekannte mit, dass man plant drei Wochen nach Litauen zu fahren (ja, mit dem Auto zu fahren). Man bekommt immer ähnliche Fragen zu hören. „Warum das denn?“, „Wieso fahrt ihr für das Geld nicht lieber in die Karibik?“, „Es gibt eine Deutsche Nationalmannschaft im Basketball?“ und „Warum genau fahrt ihr genau mit dem AUTO nach Litauen?“. Nun ja, die Antworten sind eigentlich recht deutlich. Wir fahren mit dem Auto weil wir ein Auto in Litauen brauchen um von A nach B zu kommen und ein Mietwagen ist indiskutabel, da dieser ca. 3000 Euro für drei Wochen kosten würde.

Die EM ist nicht nur im Vorfeld kein Spaß, sondern auch währenddessen. Es ist harte Arbeit. Drei Spiele pro Tag. Würde man alle sehen wollen wäre man mindestens acht Stunden in der Halle. Also etwa ein Drittel des Tages. Die niederen Dinge des Lebens wollen natürlich auch befriedigt werden, so etwas wie Nahrungsaufnahme, Körperhygiene oder auch einfach Schlaf. Aber wer braucht schon Schlaf. Wenn dann das Spiel um 23:00 Uhr Ortszeit vorbei ist und man aus der Halle kommt, hat man logischerweise Hunger. Eine Möglichkeit ist in der Unterkunft kochen. Da aber der Tag für Basketballschauen und Bloggen draufgegangen ist, bleibt zumeist nur eines der wenigen noch um diese Zeit geöffneten örtlichen Dienstleistungsunternehmen des Nahrungsmittelhandwerkes aufzusuchen. Warum man nicht in der Halle gegessen hat? Weil sich das Angebot von Schokoriegeln über Chips zu belegten Brötchen (lediglich mit Schinken, was für Vegetarier eine Herausforderung darstellt) und frittiertem Brot, an dem man sich die Zähne ausbeißt, erstreckt. Also verbringt man acht Stunden mehr oder weniger ohne Nahrungsaufnahme in der Halle. Sofern man es denn schon zum ersten Spiel geschafft hat. Bisweilen war das nicht der Fall.

Ebenfalls nicht der Fall war, dass wir die Innenstadt Siauliais im Hellen gesehen haben. Man kommt in der Regel erst nach 23:00 Uhr aus der Halle (ein Hoch auf die Zeitverschiebung) und nach 23:30 aus einer Schlammpfütze namens Parkplatz.  Wenn man keine Lust hat auf Fastfood geht es in den Supermarkt, der dankenswerterweise extra während der EM bis 00:00 Uhr geöffnet hat um dort etwas zu finden, das in kürzester Zeit zubereitet werden kann. Bis man dann zu Hause, zurück im Wald ist, ist es tiefste Nacht. Meist führt der Weg über Tütensuppen direkt ins Bett.
Nach mehr oder weniger viel Schlaf wird dann gegen 10 Uhr aufgestanden und dann über kurz oder lang gebloggt und anschließend in UNSER Einkaufszentrum gefahren, wo es kostenloses W-LAN gibt. Dort wird dann der Blog fertiggeschrieben und die Bilder hochgeladen. Anschließend geht es wieder in die Halle und wenn man aus dieser rauskommt ist es dunkel und das ganze Drama geht wieder von vorne los. Ob wir nochmal die Stadt im Hellen sehen werden? Man darf gespannt sein.

Mit der Zeit schleicht sich auch der Lagerkoller ein. Menschen, die sich im Normalzustand gut verstehen, keifen schon während der Vorrunde wegen kleinsten Meinungsverschiedenheiten und Kommunikationsproblemen an. Dialog morgends nach Kochaktion nachts: Sie: „Du könntest auch mal den Abwasch machen“. Er: „Wieso? Du hast doch die Töpfe zum Kochen benutzt!“. Mittlerweile sind wir sechs Leute in unserem Waldhaus, was die Lage mit einer Dusche morgens zeitlich auch nicht verbessert. Das ständige Leben aus dem Koffer (es gibt einfach keinen Platz für Klamotten, nasse Handtücher, Waschzeug, Bücher) nervt entsetzlich. Bis zum Punkt wo schon das Auffinden des letzten Paares frischer Socken einen Glückshormonflash verursacht. Oder das Gegenteil für laute Wutausbrüche sorgt.

Aber was macht man nicht alles. Im Nachhinein wird alles von unserem Hirn verklärt. Es ist ähnlich wie für einen Läufer nach einem Marathon – während des Laufes und kurz danach sagt er sich, „Nie wieder solche Anstrengungen und Strapazen.“ Aber mit der Zeit kommt die Verklärung und die positiven Dinge überlagern die negativen. Das schlechte wird vom Hirn vergessen und verdrängt, so ist das nun mal. Aber so wie der Marathonläufer sich nach einiger Zeit wieder sagt, dass alles gar nicht so schlimm war und man ja doch wieder einen Lauf wagen könnte, so ist das auch mit der EM. Am Ende gab es dann bestimmt genug Momente, die für Schlafmangel, schlechte Ernährung und Stress entschädigen, sodass das Hirn den Prozess der Relativierung in Kraft setzt – und in 2 Jahren geht alles von vorne los. Trotzdem gilt für die Dauer der Meisterschaft: „EM ist kein Spaß!“

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4 Gedanken zu „Blogauskas #7 – EM ist kein Spaß!

  1. Ihr schein ne Gruppe von Basketball-Reiseliteraten zu sein… ? ;-)
    Hört sich wirklich nach ner Menge Alarm an. Aber Ihr werdet heute hoffentlich für alle Mühen entschädigt. Diesen Text sollte es für die Spieler als MP3 zum download geben… ;-)
    Habt Ihr Oma in der Hütte vergessen?
    Und was ist eine Ferienhaube? Und wer setzt sich auf so etwas??? ;DDDDD

  2. Dass die Frauen auch immer so einen Ärger machen müssen wegen dem bisschen Abwasch… :D:D;)

    Letztendlich ist es mit eurer Tour wie bei Auswährtsfahrten, wo dich die Kumpels auch fragen: “ Bisse bekloppt? Kommt doch auch uff’n Fernseh, musste doch net nen janzen Tach durche Gegend tuckern!“

    Aber am Ende seid ihr die, die etwas erleben, und wir die, die – zwar mit Socken und vollem Magen – aber ohne Atmosphäre und neue Eindrücke „auffe“ Couch hocken müssen.
    Da tut so ein Blog schon gut. :)

    Aber das mit der Oma würd mich auch interessieren…

  3. Pingback: Blogauskas #8 – Showdown in Vilnius | gruebelei.de

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