Blogauskas #6 – Wassertreten und Wehmut

Heute ist unser letzter Tag in Siauliai. Noch einmal ging es auf den Freiplatz am Wohnblock, noch einmal strahlend blauer Himmel tagsüber, tolles perfektes Wetter. Warm, fast heiß und ne leichte Brise. Zum letzten Mal sitzen wir neben unserer Eislauffläche in unserem Einkaufscentrum – man kennt uns schon. Die verrückten Deutschen, die auf nem Laptop rumhämmern. Jetzt zum letzten Mal Schlittschuhlaufen und dabei auf der Riesenleinwand die Spiele von gestern anschauen. Ein ganz besonderes Vergnügen. NOT.

Heute ist nicht alles so spassig. Einerseits die Wehmut unsere Waldhütte verlassen zu müssen, wir haben Siauliai richtig lieb gewonnen und verlassen die Stadt nur ungern, aber auch das wieder umziehen müssen und neu eingewöhnen schreckt uns. Andererseits die beiden Spiele gestern Abend in den Gruppen A und B, die die Euphorie mit einem großen Knall aus dem EM-Ballon entliessen. Während Deutschland schnell, kurz und knackig zurücklag und insgesamt kopflos und chaotisch wirkte, fiel unser Blick in einer frustinduzierten Pause auf die Bildschirme in den Umläufen und die entsetzten Gesichter der Litauer, die auf sie starrten. LIT – ESP 12:37. Oha! Die Gastgeber erhielten eine Klatsche vom Titelverteidiger und die Stimmung in der Stadt sank schlagartig auf arktische Temperaturen. Realistisch betrachtet hatten die Litauer mit ihren ganzen Verletzten von vornherein gar keine Chance, das interessiert Otto Normallitauer allerdings wenig. Zu sehr sehnt man sich den Titel im eigenen Land herbei. Deutschland hingegen ist vollständig angetreten, spielen was sie können tun sie aber irgendwie trotzdem nicht. Es ist mir von Anfang an zu hektisch, zu unstrukturiert. Zu viele Wechsel, zu viele Experimente. Es sieht aus, als wäre man noch in Bamberg beim Supercup in der Testphase. Erst mit zwei Pointguards gestartet, kurz darauf kein einer mehr auf dem Feld. Warum verstehe ich nicht, es würde aber auch nichts helfen, wenn ichs täte, denn das deutsche Spiel leidet einfach darunter. Die Spieler geradezu haltlos auf dem Parkett – fast wie wir auf der Eisfläche. Denn Serbien spielt keineswegs überirdisch. Sie machen nur, was sie können, geradlinig, schnörkellos. Alte jugoslawische Basketballschule und unspektakulär. Mit Ausnahme von Milos Teodosic, der mit einer mühelosen Leichtigkeit über das Parkett fliegt und einen Zauberpass nach dem anderen raushaut. Uns steht der Mund offen. Völlig ohne einen Tropfen Schweiß zu vergiessen hat er am Ende fast ein Triple Double in nur 28 min. aufgelegt (12, 9, 9). Schluck. Deutschland hingegen bekommt kein Bein auf den Boden. Nowitzki wird gut verteidigt und nimmt nur schwere Schüsse gegen den Mann, die nicht fallen. Dito die von Chris Kaman, der scheint, als habe er ein Wurfkreuz auf der Freiwurflinie markiert und sich selber Zoneneindringverbot erteilt. Gezwungen, planlos und nicht wirklich wach. So wirkte es zumindest von außen. Streckenweise sieht es sogar ohne die beiden NBA-Stars mehr nach Teamplay aus, als mit. Tribut an die viel zu kurze gemeinsame Trainingszeit? Am Ende kommt man noch einmal durch eine Energieleistung Nowitzkis einstellig heran, der kurz darauf stocksauer ist, denn seine Mitspieler ziehen vor allem in der Verteidigung nicht richtig mit. Deutschland ist eben nicht Dallas. Solche Momente sind es, die Spiele drehen, Spiele entscheiden. Dirk erwartet, dass alle von einer Sekunde auf die andere aggressiv sind, wenn sie die Chance wittern, in den höchsten Gang schalten und noch einmal alles in die Waagschale werfen. Dieser Killerinstinkt fehlt seinen Kollegen aber sichtlich, denn die starren größtenteils vorne nur auf ihn und hinten können sie die berühmte Schippe nicht drauflegen. Kurzes Anbrüllen mit Neu-Fraportskyliner Tim Ohlbrecht, ist normal, muss auch mal, ist aber sehr symptomatisch – es hätte auch jeder andere sein können, denn Dirk N. ist sichtlich enttäuscht. Er hat mehr erwartet – und wir auch. Nach Spielende wissen es die Spieler selbst am besten, dass sie mit ihren passiven Spiel ne Riesenchance versäumt haben. Nun wirds nämlich bitter. Die Zwischenrunde in Vilnius ist zwar schon vor dem abschließenden Spiel gleich gegen die supernetten Letten gesichert, aber man schlägt nun in der Landeshauptstadt als „Tabellenletzter“ auf. Mit null Punkten. Mumpfff. Und ob sich dies entscheidend ändert gegen die A-Gruppe mit Spanien, Litauen und wohl Polen ist völlig unklar.

Chance vertan, Schritt nach vorne vertan. Es ist wie kneippsches Wassertreten mit der deutschen Mannschaft. In Polen bei der letzten EM 2009 hatte man einen neuen Weg begonnen – radikaler Umbruch, neue Mannschaft, junge Spieler. Auch bei der WM in der Türkei letztes Jahr sah das gar nicht so schlecht aus – ohne die NBA-Spieler. Ganz bewußt hat man dieses Jahr wieder 2 Schritte zurück gemacht und Kaman und  Nowitzki wieder dazugeholt, um den heiligen Gral vom Olympiatraum erneut wahr werden zu lassen. Ich hab mir Ende 2010/Anfang 2011 viele verbale blaue Flecken geholt, denn ich war gegen diesen Schritt. Absichtlich übertrieben und provokant gefragt: Wenn wir jetzt in der Zwischenrunde ausscheiden und Olympia futsch ist – haben wir dann nicht auf dem Weg zur EM 2015 im eigenen Land 3 Jahre verloren?

Ich sehe die mediale Aufmerksamkeit, ich weiß ohne Nowitzki hätten sich höchstens 20% der jetzigen Zuschauer die EM angesehen, ich weiß dass es toll ist, ihn spielen zu sehen. Ich weiß, dass wir ohne ihn nie eine Chance auf Olympia gehabt hätten. Ich weiß nur nicht, ob das die Nationalmannschaft wirklich für die Zukunft nach vorne bringt.

Optimal wäre es, wenn die Spieler endlich halbwegs aufwachen würden. Sie schulden es sich vor allem selbst und auch Dirk Nowitzki. Gegen Italien war es eine Superleistung, besonders kämpferisch. Wieso man darauf nicht aufbauen konnte, sondern statt dessen gegen Frankreich und Serbien in ein Riesenloch fiel, weiß nur das Team und der Coach. Optimal wäre es, sie würden mich einfach Lügen strafen. Mir wärs recht – ich kann das aushalten ;-)

Zum letzten Mal durch den Wald, zum letzten Mal echte Seeadler, zum letzten Mal heute Nacht ein unfassbar toller Sternenhimmel in völliger Finsternis ohne jede Lichtverschmutzung. Etwas was es zu Hause gar nicht mehr gibt. Genau wie Wasser aus dem eigenen Brunnen, dass Haut, Haare und Schmutzwäsche ungeahnt (und völlig conditioner- und weichspülerfrei) zart zurücklässt. Eine Nacht noch unter Uhus und Wölfen. Noch eine Nacht mit direktem Blick nach oben, Jupiter, Polarstern, die Milchstraße, der Mars, und all der andere Süßkrams über uns. Und Vilnius vor uns.

Heute gegen Lettland gehts um nichts mehr. Und doch um alles. Die Mannschaft muß sich jetzt zusammenraufen, Nowitzki den Spass am Spiel wiederfinden. Und den hat er nur, wenn die anderen sich mit ihm auf Augenhöhe trauen.

Omma Margot sacht: Ei Kelle, da wurd ja soviel gewechselt, da kam ich ja gar ned mehr mit. Heut kanns nur besser wern und dann kommt Spanien.

osbaite grüßt gefrustet aus Siauliai und hofft auf ne Trotzreaktion.

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9 Gedanken zu „Blogauskas #6 – Wassertreten und Wehmut

  1. Es braucht immer ein Ende für einen neuen Anfang. Die Fussballnachwuchsförderung wurde nach der Grotten-EM 2000 radikal umgestaltet. 2010 kam der Nachwuchs an. Um zu übernehmen. Um zu siegen.

    Das ist wahrscheinlich das Ende von Nowitzki und Kaman in der Nationalmannschaft. Das ist mehr oder weniger das Ende von Bauermann.
    Es muss neu losgehen. Nowitzki hat nochmal einen Schub gegeben dieses Jahr. Wir haben ein Vorbild. Der sympathische große Blonde ist einer von uns. Einer, zu dem wir aufblicken. Wenn meine Freunde, die normal nie Basketball gucken, auf einmal den „Einbeinigen“, den „Flamingo“ bringen, (oder es versuchen, wobei das wirklich nebensächlich ist) ist das einfach nur schön. Wenn auf einmal ein Riesenfussballfan auf Deutschland-Österreich verzichtet, um nochmal mit uns Basketball zu gucken, wenn auf einmal alle Basketball spielen wollen, wenn auf Facebook über die EM diskutiert wird … hat Nowitzki seine Arbeit gemacht.

    Wir stehen am Anfang eines langen Weges. Die deutsche Liga ist so stark wie nie, die Vereine verstärken ihre Nachwuchsarbeit, die Liga entwickelt sich, die Hallen sind voller denn je, Traditionsvereine sind zurück und greifen an, die Jugendnationalmannschaften machen sich.

    Es gibt jetzt eigentlich nichts mehr zu gewinnen. Es ist zu Ende. Und vielleicht ist es das was wir brauchen. Ja, wir spielen zu statisch und einfallslos. Ja, wir haben Probleme in fast allen Bereichen dieses Spiels .
    Aber das zählt jetzt nicht. 3 Spiele. 3 verdammte Spiele. Nein, besser: 1 Spiel. Und dann noch eines. Und noch eins. Von Spiel zu Spiel, von Wurf zu Wurf. Von Pass zu Pass.
    Mit Willen und Teamgeist. Zusammen. Ohne Ziel. Ohne Druck. Aber als Team. Dann kann man erhobenen Hauptes aus diesem Turnier gehen. Dann kann man sich stolz und dankbar von diesen wahnsinnig tollen Basketballbegeisterten verabschieden, die ne Woche in einer Waldhütte hausen, um die Mannschaft anfeuern zu können. Dann könnt auch ihr stolz auf das Team sein. Das ist jetzt wichtig.

    Gewinnen kann jeder… wir kommen wieder. Und das nächste mal, das nächste mal als Sieger.

    Von ganzem Herzen noch einmal einen Riesen Dank für diesen Blog und noch schöne Tage in Litauen!
    Grüße

  2. Was heißt hier „Kommentar“?!

    Das ist ja fast so was wie ’n Co-Blog!

    Da inhaltlich nichts hinzuzufügen ist, auch von mir einen Schönen Dunk an euch beide.

    Osbaite, wir kriegen hoffentlich noch ein bißchen zu lesen aus Vilnius (bzw Kaunas, wenn auch ohne D).

    Wie Tibor (ist DAS die dt. BB-Zukunft?) im Tv-Int.sagte, so’n Umzug kann auch ganz reizvoll sein…

  3. Also bei OSB wundere ich mich ja nicht mehr über die echt geilen Texte… und genieße sie „einfach“ nur noch!
    Aber der Herr backdoor_cut kommt hin&wieder einfach mal so aus dem Nichts und haut auch so geile Dinger raus!
    Sehr sehr schön :-)

  4. Auch von mir einen herzlichen Dank an OSB für die coolen Texte aus Siauliai. Ich hoffe wirklich wir hören noch ein bissl mehr von dir aus Litauen.

    Aber auch ein sehr guter Kommentar / Co-Blog von backdoor_cut!

  5. OSB bringt es auf den Punkt, so schön es für die Fans ist Nowitzki und Kaman spielen zu sehen, so kontraproduktiv ist es für die Entwicklung der deuschen Nationalmannschaft.

    Wie soll sich ein Team spielerisch entwickeln wenn es im Prinzip nur ein Motto gibt: Wo ist Dirk und wie bringe ich den Ball zu ihm.

    OSB – weiter so tolle Berichte und trotz der miesen deutschen Bilanz viel Spass in Litauen!

  6. Also ich hab zunächst schwer mit OSBs Ansicht symphatisiert… trage diese Gedanken auch seit dem letzten internationalen Wettbewerben und dem ewigen Gelechtze Bauermanns nach dem zweiköpfigen Monster mit mir rum. Allerdings wäre es wohl ein Unding gewesen, dem motivierten Finals MVP der NBA und Aushängeschilde des deutschen Basketballs den vorzeitigen Abschied nahe zu legen. Ok, so gerne ich Kaman spielen sehe und so sehr ich mich freue, wenn er für uns produziert, so sehr hätte ich mir doch gewünscht, dass Bauermann zumindest auf dieser Position etwas wagt…
    Schwer nachzuvollziehen ist für mich, warum Bauermann es häufig immer noch so aussehen lässt bzw. warum es zu häufig immer noch auf „Ball zu Dirk“ hinausläuft.
    Wie er selbst oft genug sagt, werden Spieler in wichtigen Momenten geformt… nur warum (mal abgesehen von Schaffartzig gestern), sieht es imho viel viel zu oft so aus, als interessiere ihn dieses Geschwätz von gestern nicht?
    Hoch gepockert würde ich sagen. Wie OSB sagt, keine Quali für Olympia = 3 Jahre verschenkt und dem Nachfolger Fragmente hinterlassen / Quali für Olympia = vermeintlich alles richtig gemacht…
    Aber nun… egal… die Wahrscheinlichkeit ist zwar gering, aber wer weiß, vielleicht geht ja doch noch was. Ich hab sooooo viel Bock auf weitere und entscheidende Spiele mit dem deutschen Team…

    • Hmmmm. Interessant finde ich eher, dass diese Meinung erst jetzt kommt. Erst nachdem das „Projekt Olympia“ wohl mit ziemlicher Sicherheit schiefgeht. Vorher klang das auch anders….

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