plog #11 – !Do widze-nia, Gdansk! Auf Wiedersehen, Danzig!

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(OSB schreibt) Einfach nach Hause fahren ging nicht nach dem Spiel vom Mittwoch, ein bißchen hats uns jetzt gepackt, das EM-Fieber, und Resturlaub gibt’s auch noch. Also, auf geht’s, weiter nach Bydgoszcz. Ab jetzt ist nichts mehr geplant. Wir haben keine Unterkunft und keine Tickets und fahren einfach mal heute (Freitag) morgen drauflos. Mal sehen was passiert.

Nachtrag vom dritten Spieltag: Das erste Spiel Russland – Frankreich war unfassbar gut. So ein gutes Spiel habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Alles zum Zungeschnalzen, alles vom Feinsten. Athletik, Finesse, Kampf, Taktik – simply poetry in motion.

Die Trojmiasto (Dreistadt) aus Gdansk, Sopot und Gdynia mit ihren zusammen knapp 800.000 Einwohnern war für die letzten 8 Tage unser „home away from home“ und wir haben uns wirklich pudelwohl gefühlt. Ganz schnell eingelebt und Jeder hat uns geholfen, wo er nur konnte. Spitzenparkplatz in der Innenstadt, Internet, Kartenleser für die Fotos, Geheimtipps der Einheimischen, Abkürzung zur Halle im Berufsverkehr, einfach alles gabs hier für uns, trotz technischer Probleme und Verständigungsschwierigkeiten und ein Spitzenwetter hatten wir auch noch. Monika, unsere polnische Vermieterin mit dem harten englischen Akzent eines Schmiedehammers, sorgte dafür dass es uns an nichts fehlte. Danke, Danzig! Dziekuje, Gdansk!

Eine schöne Stadt

Eine schöne Stadt

Die offensichtliche Schönheit Danzigs ist natürlich Pflichtprogramm gewesen, aber lange halt ich das nie aus. Stadtviertel, die man unbedingt meiden sollte, sind mein Kapitel im Reiseführer. Die gibt’s hier aber nicht. Wie magisch ziehen mich also die alten verfallenden Werften an. Nur wenig davon ist noch in Betrieb, viel rostet, rottet und gammelt einfach so vor sich hin. Unkraut wuchert, Häuser verfallen. Morbide Schönheit. Nur einen Wohnblock (das Equivalent eines 5-Sterne-Penthouses) habe ich fotografiert, dann wandert der Knipsomat weg in die Plastiktüte. Nur Touristen tragen Rucksack. In manchen Gebäuden haben sich Künstlerkolonien eingenistet. Maler, Musiker, Fotografen, Bildhauer, Literaten bringen etwas Aufbruchstimmung in die Tristesse. Fast alle der 15.000 Werftarbeiter der weltberühmten Leninwerft (jetzt Danziger Werft) haben ihre Jobs verloren, viele sind noch immer arbeitslos. Aber sie sind auch stolz, denn jeder von ihnen war damals Teil der Befreiung Polens und das spürt man überall. Was als Arbeitskampf auf einer einfachen Werft begann, endete hollywoodesk mit dem Zerfall des gesamten Ostblocks. So sehen es jedenfalls die Polen und ich verstehe jetzt warum. Was wir immer mit unserer Gorbimanie wollen, haben sie nie verstanden, der kam doch erst viel später und auch nur weil es ihren harten, langen und verlustreichen Kampf (seit 1980) schon gab. Diese völlig unterschiedliche Sicht der jüngeren Geschichte ist ein großer Teil des deutsch-polnischen Missverständnisses. Ich bin verblüfft, habe aber nie eine andere Sicht wahrgenommen – bis jetzt.

Das Tor der Werft, die die "Wiege der Solidarnosc" war.

Das Tor der Werft, die die "Wiege der Solidarnosc" war.

Jetzt kämpfen sie müde einen anderen Kampf, die Werftarbeiter, der aber wohl längst verloren ist, eine amerikanische Investorengruppe will eine Hafencity ähnlich wie in London bauen und Zehntausende sollen hier weg. Erst kommt das Bauen, dann die Moral.

Das berühmte Werfttor samt Schild

Das berühmte Werfttor samt Schild

Essen und Trinken sind immer wichtig, vor allem aber im Urlaub. Man will ja wissen was die Leut´ so essen, dort wo man gerade is(s)t.
In unserem Dorf Bojano (Slogan frei nach den Fanta4: „Bojano –das könnt in der Toskana sein, isses aba nich!“ ) gibt es ein polnisches Spezialitätenrestaurant, das wir eigentlich für geschlossen hielten. War es aba nich. Es macht einfach nur um 19:30Uhr zu. Immer. Auch samstags, warum haben wir nicht herausbekommen. An den Preisen kann es nicht liegen, die sind wirklich spottbillig, es ist immer voll dort und an unserem letzten Abend hier in Gdansk, geht es endlich hinein.

Keiner versteht ein Wort, die Sprachführer zu Hause vergessen. 2.5 km Ex-Schlamm-jetzt-Rüttelpiste einmal hin, einmal zurück ohne Straßenbeleuchtung? No way. Und warum neigt man eigentlich dazu, das Gegenüber anzuschreien, wenn man nicht verstanden wird? Auch ständiges Wiederholen hilft offenbar immer. Ich will nur, was ich kenne: zurek (eine Suppe), salata, dorsz (Dorsch). Yes, er versteht mich! Die anderen sind mutiger und wollen „Spezialitaty polski“ (schließlich ist man ja im polnischen Spezialitätenrestaurant), ein nicht existenter, eigenkreierter Ausdruck, aber es klappt – man nickt. Im Hintergrund wird eifrig telefoniert, es erscheint ein Junge, vielleicht 16 oder 17, der kann englisch und hilft aus. Es wird ein richtig schöner Abschiedsabend, natürlich mit viel unvermeidlichem Wodka. An Wodka ist einfach kein Vorbeikommen in Polen, es ist wie mit dem Brustkasten von Turiaf. Das Essen ist lecker, aber der Junge sagt einfach nicht, was es ist. Vielleicht weiß er es nur nicht auf englisch. Die Rechnung kommt, wird bezahlt und wir gehen, der Junge kritzelt was hinten auf den Ausdruck, den man immer mitnehmen muß. Im Innenlicht vom Auto dreh ich um und lese: „love it or vomit“. Ein Witzbold und Poet als Aushilfskellner. Priceless. Der Sprachführer sagt über den Rechnungsausdruck: gefüllte Eier mit Hering, Kalbshirn auf polnische Art, Kutteln, Leber, Nierchen und Kalbsfüße in Aspik. Wodka kann man einfach nie genug haben. Ansonsten ist das hier ein Suppenland, da kann man gar nichts falsch machen, allein sprachlich (zupa). Einfach alle mal bestellen und durchtesten. Das gleiche gilt für Fisch (ryby).

See you in der Zwischenrunde!

Oldschoolballer lässt grüßen

Es gibt noch viel mehr passende Fotos auch aus der Halle. Allein, mir fehlt grad die Zeit, sie anzupassen und hochzuladen. Sie folgen aber irgendwann im Laufe der nächsten Tage. Und falls jemand Tickets oder Tipps für OSB und den Aufenthalt bei der Zwischenrunde hat: Ich leite gerne alle Infos weiter: einfach an gruebler (at) gmx.de wenden.

Was ist das polnische Wort für "mural"?

Was ist das polnische Wort für "mural"?

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3 Gedanken zu „plog #11 – !Do widze-nia, Gdansk! Auf Wiedersehen, Danzig!

  1. „gefüllte Eier mit Hering, Kalbshirn auf polnische Art, Kutteln, Leber, Nierchen und Kalbsfüße in Aspik“

    Kein Wunder, dass er das nicht auf Englisch konnte ;-) Und vielleicht besser, das erst nach dem Essen zu wissen ;-)

    Ich mag den Plog. Kompliment, auch das ist Gießen.

  2. Pingback: Gastbeitrag: Drei Tage in der Trójmiasto « gruebelei.de – Ansichten eines Basketballfans

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