Gastbeitrag: Drei Tage in der Trójmiasto

Berichte von Fanreisen veröffentlichen wir gerne. Insbesondere, wenn sie Einblicke in den Europäischen Basketball geben, der in der deutschen Öffentlichkeit sonst weniger Aufmerksamkeit findet. Heute schreibt der SD-User jochensge über einen Kurzurlaub in der „Dreistadt“ Gdynia, Gdansk und Sopot, wo das Euroleague-Team Asseco Prokom mit dem deutschen Nationalspieler Jan Jagla spielt und vergangene Woche gegen den Euroleague-Halbfinalisten Partizan Belgrad antreten musste. Aufklärung über Namenschaos, ein Spielbericht und der Rat, mal einen Kurzurlaub zu wagen.

Bisher waren für mich regelmäßige Auslandfahrten meist nur mit den Besuchen von Fußballstadien bzw. dort stattfindenden Spielen verbunden. Bei meinen anderen „Lieblings-Sportarten“, die ich auch regelmäßig vor Ort anschaue, war der Fokus bisher auf Deutschland gerichtet, wenn gleich auch einige Hallen im Ausland bei den oben genannten Fußballfahrten nebenher besucht wurden. Diesmal wurde eine Fahrt ausschließlich für ein ausländisches Basketball-Spiel unternommen. Es ging in die Trójmiasto (polnisch für Dreistadt), das für die direkt aneinander liegenden Städte Gdańsk, Gdynia und Sopot an/bei der Ostseeküste Polens steht, um dort das Euroleague-Spiel Asseco Prokom Gdynia gegen KK Partizan (Belgrad) anzuschauen. Im besonderen Fokus bei dem Spiel, aber kein Hauptgrund zu diesem Spiel zu fahren, war natürlich auch der deutsche Nationalspieler Jan-Hendrik Jagla, der seine 2. Saison beim polnischen Serienmeister spielt.

Bilder aus Danzig gibt es im EM-Reisebericht von oldschoolballer.

Am Mittwoch (10.11.2010) ging es mit dem Flieger von Bremen direkt nach Gdańsk, nach kurzem Stopp in der ausgesuchten Herberge direkt weiter mit der gut ausgebauten „S-Bahn-Linie“ von Gdańsk nach Gdynia bis zur Vorortstation, die recht nahe bei der Halle von Asseco Prokom Gdynia liegt. Die reservierte Karte war auch hinterlegt, so dass ich recht flott und früh das Innere der Hala Sportowo-Widowiskowa, oder auch international schlicht Gdynia Sports Arena, betreten konnte. Die Halle wurde Ende 2008 eröffnet, hält 5000 Plätze für Zuschauer bereit und kostete ca. 21,5 Mio. EUR. Zusätzlich wurde auch die Bauzeit aufgrund von Bauplanungsfehlern erheblich verlängert. Also auch in Polen gibt es ähnliche Problemen bei größeren Bauprojekten, und bei dem Preis gibt es auch in Deutschland ähnlich ausgestatte Hallen. Asseco Prokom Gdynia spielt seit der Eröffnung seine Euroleague-Spiele aufgrund schlechterer Hallen in Sopot und Gdańsk und seit der Saison 09/10 auch seine Ligaspiele in der neuen Halle.

Asseco Prokom Gdynia war für mich in den letzten Jahren zum einen ein Club, der sportlich in der Euroleague auch sich aufmerksam gemacht hatte, aber auch mit ständigen Namenswechseln Verwirrung stiftete. Daher ist eine Aufklärung notwendig:

Der Ursprungsclub Trefl Sopot wurde 1995 in Sopot gegründet und spielte anfangs in der dritten polnischen Liga. Es folgte ein Aufschwung, der – wie ich finde – im Basketball nicht so selten ist. Man stieg jedes Jahr auf und schon in der Saison 1997/1998 war man in der 1. Liga angekommen. Zur Saison 1998/1999 gab es einen im Nachhinein wichtigen Schnitt, denn der Softwareanbieter Prokom wurde (Namens-)Sponsor und sorgte für die finanziellen Mittel um sich weiter in der 1. Liga zu etablieren. 2000 erfolgte erstmal ein Titel, der des Pokalsiegers, 2004 wird man erstmals polnischer Meister. Im Hintergrund finanziert Prokom die weitere Entwicklung, entwickelt sich selbst auch weiter und wurde im April 2008 vom polnischen IT-Konzern Asseco übernommen, so dass auch der Basketballclub in Asseco Prokom Sopot umbenannt wird. Nur ein Jahr später geschieht dann ein großer Schnitt; Asseco Prokom übernimmt den Basketballclub alleine und siedelt ihn zur Saison 2009/2010 nach Gdynia um, wo man wie geschrieben ja nun auch Ligaspiele in der neuen Arena spielt. In Sopot waren aber nicht alle so glücklich darüber, so dass man mit Hilfe einer Wildcard im Rahmen der Ligaerweiterung von 14 auf 16 Clubs einfach einen neuen Club Trefl Sopot gründete und direkt in der 1. Liga starten durfte. Über die gemeinsame Historie ist man sich nicht direkt einig, denn sowohl Asseco Prokom Gdynia, als auch Trefl Sopot zählen die Titel bis zur Trennung zum eigenen „Record“. Kurioserweise wurde auch im Sommer 2010 eine 11.000er-Zuschauer-Arena in Sopot eröffnet (Hala Gdańsk-Sopot bzw. Ergo Arena – oldschoolballer brachte Fotos), die keine 10km-Luftlinie von der ja ebenfalls neuen Halle in Gdynia entfernt ist. Man mag zwar gerne nach außen die Kooperation zwischen den drei Städten hochhalten, intern dürfte da aber wohl was schief gelaufen sein, wenn man sich mit ähnlich modernen Hallen gegenseitig Konkurrenz macht. In der neuen Halle spielt Trefl Sopot, für Asseco Prokom könnte jedoch auch ein zeitweiser Um- oder auch Rückzug nach Sopot anstehen, wenn die ULEB auch wirklich bei den Auflagen für A-Lizenzhalter der Euroleague Ernst macht und nur Spielorte zulässt, die eine Kapazität über 10.000 Plätze bereithalten. Zusammenfassend muss man also mittlerweile aufpassen, welchen Club man mit Trefl, Sopot, Asseco, Asseco Prokom oder Asseco Prokom Gdynia meint. ;)

Der heutige Gast ist KK Partizan m:ts aus Belgrad (letzteres Kürzel ist ein Sponsorenzusatz eines Mobilfunkunternehmen). Beide Teams waren bisher schlecht in die Euroleague-Saison gestartet. Asseco Prokom Gdynia mit 0-3, Partizan mit 1-2. Bei Partizan wurde der schlechte Start in Euroleague und auch der heimischen Regionsliga NLB-League (aka. Adrialeague) mit einem nicht kompletten Kader in Training und Spiel erklärt. An diesem Abend ist das Team weitgehend komplett. Trotz Gdynias Fehlstart ist die Halle zu knappen 4/5 gut gefüllt. Während Gdynia ganz BBL-like auf 5 US-Spieler setzt, die weit über 50% der Spielminuten (110:42 von 200:00) auf dem Feld stehen, spielt Partizan wie oft in verschiedenen Artikel und Beiträgen hier und in anderen Medien erwähnt mit viel eigenem Nachwuchs. Die 3 US-Spieler bei Partizan erhalten aber ebenfalls viel Spielzeit. Bei Gdynia stehen insgesamt 4 polnischen Spieler im Kader, von denen einer gar nicht spielt und die drei anderen mit die wenigste Spielzeit bekommen. Zumindest in diesem Spiel bestätigt sich mein Unbehagen gegen die Quote und den Verweis auf Quoten in anderen Ligen. Während zwar in der heimischen polnischen Liga eine Mindestquote von polnischen Spielern vorgeschrieben ist, ist in der Euroleague der Spielereinsatz komplett freigegeben. Und diese Freiheit wird auch benutzt, sowohl von kleineren Teams wie Gdynia, als auch „Musterschülern“ wie CSKA Moskau oder auch Olympiakos (zumindest in der letzten Saison). Die Kader sind dafür riesig, da man fast zwei komplette Teams unterhält. Einen für die relativ schwache heimische Liga, die man dominiert und eines für die finanziell und auch sportlich wesentlich wichtigere Euroleague. Im Roster von Asseco Prokom für die polnische Liga stehen nicht weniger als 25 Spieler.

In den Reihen von Gdynia und Partizan sind neben dem dem deutschen Nationalspieler Jagla auch andere, aus BBL-Zeiten bekannte Gesichter zu sehen. Bei Gdynia der in Berlin erfolgreiche Bobby Brown, der nach einer Saison bei Alba es für einige Saisons in die NBA schaffte. Und Ronnie Burrell, der je eine Saison in Köln und Bonn spielte, dort aber insgesamt nicht überzeugen konnte. Auf serbischer Seite spielt der, für seine starken Leistungen in 4 Jahren in Tübingen bekannte Raško Katić. Auch erwähnenswert der serbische Nationalspieler Dušan Kecman bei Partizan, der im Gegensatz zur üblichen Wechselrichtung vom „armen“ Partizan zu europäischen Spitzen-„zahl“-clubs den Weg zurück genommen hat. Ein kleines „Klassentreffen“ gibt es auch noch, denn Giddeon (Gdynia), Jawai und Gist (Partizan) nahmen beim 2008 NBA Draft teil.  Das Spiel startet ausgeglichen, Partizan spielt jedoch konsequenter die trainierten Systeme durch, was unter dem Strich sehenswerter ist als die teilweise hektischen, aber erfolgreichen Aktionen bei Gdynias Spielern. Der Eindruck wird auch durch die Halbzeitstatistik bestätigt, der bei Gdynia überwiegend Mittel- bis Weitdistanztreffer, Partizan jedoch deutlich mehr Nah-Mitteldistanztreffer zuschreibt. Gdynia erkämpft sich trotz eigentlich ausgeglichener Reboundstatistiken immer wieder wichtige Offensiv-Rebounds, die relativ schnell zu Korbaktionen führen. So kann Partizan trotz spielerischer Überlegenheit zur Halbzeit nur 39:36 führen. Die 2. Halbzeit läuft im Grunde genau so weiter: Partizan mit dem systematischeren Basketball, Gdynia immer wieder mit gelungenen Einzelaktionen, jedoch auch vielen Turnovers. Insbesondere Bobby Brown versucht möglichst diese Statistik anzuführen und hat zum Spielende 5 TO auf seinem Konto stehen. Die Entscheidung fällt dann in der letzten Minute. Partizan lässt reihenweise Freiwürfe ungenutzt um die herausgespielte 5-Punkte-Führung auszubauen, jedoch nutzt Gdynia diese Chance nicht. Ewings Fehlpass auf Jagla besiegelt Gdynias 4. Euroleague-Niederlage in Folge. Als Fazit war das Spiel insgesamt sehenswert, aber sicherlich kein Spiel, an das man sich in 5 Jahren noch erinnert. Jagla macht insgesamt ein ordentliches Spiel, holte die meisten Rebounds für Gdynia. Etwas enttäuschend war für mich auch die Stimmung in der Halle. Trotz gut gefüllter Halle kam nie eine solche Stimmung auf, die dem Gegner Angst macht. So standen kein einziges Mal die normalen Zuschauer auf und klatschen oder riefen etwas. Der eigentliche Fanclub ist da einfach zu klein um ausreichend Wirkung zu erzielen. Achja, um mal im WDR-sport-inside-Sprachgebrauch zu bleiben: Gdynia hat nicht nur einen Fanclub, auch 20 Engel, verkleidet als Cheerleader. Partizan-Fans, die ja auch für ihre gute Stimmung bekannt sind, waren bei dem Weg und der Attraktivität des Spiels verständlicherweise nur vereinzelt angereist.

Nach dem Spiel leerte sich die Halle auch schnell, die Pressekonferenz wurde auch aufgrund fehlender Journalistennachfragen recht zügig abgearbeitet. So war für mich der Abend auch im Grunde zu Ende, nur noch die Fahrt nach Gdańsk musste absolviert werden. Die folgenden zwei Tage wurde noch ausgiebig Gdańsk touristisch begutachtet bevor am Freitag wieder der Rückflug nach Bremen angetreten wurde. Die Tour war insgesamt gelungen. Die ganze polnische Pommernregion ist auch bezüglich des Basketballs eine interessante Gegend, da alleine 4 Clubs der 1. polnischen Liga aus dieser Region kommt. Einen Besuch wert sind sicherlich auch die zukünftigen Derbys zwischen Trefl Sopot und Asseco Prokom Gdynia. Aber auch allgemein kann man wohl behaupten, dass die polnische Liga in den letzten Jahren und auch in den nächsten sich weiter positiv entwickeln wird und Anlass geben wird, sich hauptsächlich oder nebenbei Spiele anzugucken. Die erwähnten Hallenneubauten sind nicht die einzigen, auch in Kozsalin und Zgorzelec sind mittelgroße, neue Hallen in Bau. Bei einer günstigen Gelegenheit werde ich sicherlich wieder diese nutzen um mir ein Spiel der polnischen Liga oder einen Europapokalauftritt anzusehen.

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Ein Gedanke zu „Gastbeitrag: Drei Tage in der Trójmiasto

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