plog#16 Von einem deutschen Charaktertest, tödlichen Dramen, Rechtsberatung und einer Urlaubsliebe

(OSB schreibt) Am zweiten Spieltag (Sonntag) in Bydgoszcz spielt Deutschland wirklich blutleer gegen Mazedonien. Trotzdem steckt meiner Meinung nach noch Leben drin im Team, auch Dank Frankreich, das „für uns“ spielt und im dritten Spiel des Tages nach Rückstand noch Kroatien besiegt.

Tony Parker packt noch ein Ohhh- und Ahhh-Spiel aus, scort immer dann, wenn es nötig ist und passt Assists nur so um sich, wenn eben das gebraucht wird. Man hat oft das Gefühl, er spielt mit angezogener Handbremse, nur um dann umso überraschter zu sein, wenn er gleich 3 Gänge hochschaltet, als es drauf ankommt. Das kommt teilweise nicht nur bei uns arrogant rüber, aber er kann es sich leisten, denn er liefert ab, was er verspricht und zwar mit Ansage. Und wer kann so etwas schon?

Gegen 23:30 sind die beiden Teams Frankreich und Kroatien dann wieder im Hotel. Gegen 23:50 gibt es für sie Essen. Irgendwann danach ißt die griechische Nummer 10 (aus logisch nachvollziehbaren Gründen der Einzige, bei dem ich mich nicht getraut habe, nach einem Foto zu fragen) in der Lobby sein übliches Rieseneis mit Sahne.

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Das gilt nicht nur für den, der mehr oder minder hilflos versucht, Tony Parker auf dem Feld zu bewachen oder die deutsche Nationalmannschaft, die sich eine tolle Chance, beinahe ganz und vor allem ganz unnötig, schon verdorben hat. Nein, auch uns trifft es. Der letzte plog #15 beschrieb unter anderem die Angst vorm Kofferpacken – gemeint waren allerdings die der Adler(küken). Diese Angst wird nun plötzlich zur Realität – und zwar bei uns selbst. Die Franzosen sind Montag nachmittag wieder oben im W-Lan-minus-W-Raum, in der Lobby sieht man sie eigentlich nie (dort wohnen Hellas und Kroatien), und wir fachsimpeln ein wenig über das Spiel FRA-CRO vom Sonntag Abend und das „Endspiel“ um Platz 1 der Gruppe E am Dienstag gegen Griechenland. Bei der Frage nach der wirklich guten russischen 2-3-Zone, die in Halbzeit 2 den Sieg für den amtierenden Europameister bringt, passiert etwas merkwürdiges. Oder nein, besser gleich zwei Merkwürdigkeiten. Erstens klingelt ein Handy, das überhöre ich erstmal, denn zweitens spreche ich mit Guard Aymeric Jeanneau (#6) darüber, wie er die Verteidigung von Russia gesehen hat und ob es gut wäre, wenn Frankreich es gegen die Hellenen auch mit Zone versucht. Er und auch andere sagen dann etwas, was mich total verblüfft. Ja, sie haben die Zone gesehen, aber Nein, sie denken zwar daran, dass sie gewinnen wollen, aber nicht wie oder womit sie das könnten. Er sagt lässig: „Ich spiele hier nur“. Die Coaches machen die Taktik und wir führen die nur aus, sagen die Franzosen und zucken mit den Achseln.

IMG_0930

Da müsste (ich leg mich nicht mehr fest) Jeanneau sein. Und rechts im Bild "das Kabel"

Schon klar, daß nur der Trainer die Marschroute vorgibt und daß ich diskutierende Spieler mag wie Fußpilz, aber daß die Ballbeweger selbst so gar nicht darüber nachdenken, wie man den Gegner am besten knackt? Oder über die Gesamttaktik, oder die des Gegners? Oder, oder, oder? Ich hätte wahrscheinlich nächtelang analysiert, daher nicht geschlafen und in der Folge übermüdet mit 50 gegen Hellas verloren ;-) Das dürfte unter anderem erklären, warum ich hier sitze und tippe.

Das Handyklingeln war übrigens die unmißverständliche spielerische Marschrichtung eines anderen „Trainers“, der seinen Mitarbeiter sofort nach Hause und an die Arbeit beordert. Außertarifliches Angestelltsein hat heute echte taktische Nachteile. Kurz wird erwogen, sich zu trennen, der Mannschaftsgeist siegt aber und es wird gemeinschaftlich gepackt. Gut, daß keine Zeit zum Nachdenken bleibt. Aus dem Elysium der Wortpiraterei und seeligen Ploggerei hinab in den Orkus des schnöden Alltags. Seufz. Und es fällt der Abschied so ein bißchen schwer, das Gute, Wahre, Schöne hinter sich zu lassen und aus dem Wilden Osten zurück in den Sonnenuntergang zu reiten.

Es bleiben brennende Fragen aus der Heimat offen („Stellen Heiko und Jan, die sich ja das Zimmer teilen, ihre Betten mit den Fußenden aneinander, damit Jaglas Füße drüben etwas mehr Platz haben?“) und 5 Karten für den 3. Tag übrig. Die verschenken wir an eine polnische Familie, die wir ein paar Mal draußen auf dem Fangelände getroffen hatten. Sie wollten unbedingt dabei sein, könnten sich aber noch nicht einmal ein einziges Ticket leisten, also haben sie nur draußen mitgeschaut. Deren ungläubigen Blicke, blanke Freude und überschäumende Dankbarkeit sind Entschädigung genug für die zu durchfahrende Nacht. Dutzende ehrlich gemeinte Handküße von 3 freudestrahlenden männlichen Jugendlichen bekommt man auch nicht alle Tage. Besser als ein Foto von #10 Hellas. Ich muß Lachen, aber auch vor lauter Rührung ein paar Tränen verdrücken.

Dieser Gefühlsmix spiegelt ungefähr auch die Lage der deutschen Nationalmannschaft wider. In Gdansk gegen Les Bleus die ganze Zeit geführt und nur knapp verloren, dann sensationell und mutig den Europameister Rußland geschlagen und sich anschließend gegen die Letten tapfer gewehrt und mit Zwischenrunde belohnt worden. Nach dem Umzug nach Bydgoszcz folgte die Ernüchterung. Nicht nur der Blick aus dem Hotel ist jetzt ganz anders, größte Kreuzung der Stadt, statt Ostseestrand, das Klima in Gruppe E ist es auch. Die Gangart wird rauher, die Spiele ernster, die Furcht vor der eigenen Leistung (oder dem Versagen) lähmender.

Manchmal ist – siehe die unbekümmerten Franzosen – allzu angestrengtes Nachdenken gar nicht gut, das gilt wohl auch für das deutsche Nationalteam.

Einfach mal frisch von der Leber weg drauflosspielen und schaun was am Ende Buschis Ente so macht, muß die Devise gegen Kroatien heute lauten. Zu verlieren gibt es nur etwas, wenn man nicht alles versucht. Das Spiel wird ein Charaktertest. Hängen lassen, weil es *** läuft oder das Gameface rausholen auch wenn es am Ende nicht reicht? Ich bin sehr, sehr gespannt auf das Ergebnis. Denn dies – und vor allem die Art und Weise wie es erspielt wird – wird mitentscheiden über die Zukunft des Teams und das Ansehen zu Hause. Verlieren ist nicht schlimm, nur alles zeigen, was man kann, das muß.

Als Inspirationsmessage an das Team hier das youtube-Video der schrempflosen deutschen Mannschaft von 1993, das hoffentlich auch bei der suchenden Five schon angekommen ist.

Zu sehen ist hier  das Ende dieses unfassbaren Spiels (insgesamt Teil 5) und schon wieder gibt’s Tränchen, aber auch Gänsehaut. Auf geht’s Jungs, zeigt einfach, was ihr so draufhabt.

Mit der verfrühten Rückfahrt nach Deutschland müßte ja eigentlich auch dieses plog enden. Und eigentlich wäre nur ein ebenso dramatischer wie spektakulärer Schlußpunkt dem Ganzen ausreichend angemessen. Stichwortskript: Die griechische #10 lädt plogger auf Eis ein, ich werd ohnmächtig und falle rückwärts in Kanal. Genau dort liegt Schiff mit Ziegelsteinen für Berlins O3-Arena, die mit Kapazität von 85.000 Zuschauern ca. 2020 fertig werden soll. Versehentlich wird plogger dort miteingemauert und spukt fortan in den heiligen Hallen der Hauptstadt. Alba wird nie wieder Meister. Ein Exorzist muß her und die Fortsetzungen bis Teil 5 sind gesichert. Eigentlich schon cool, aber das irl vermeldet am Handy juristisch-trocken, daß mich Alba mindestens auf 4 plogs Sperre und 781 Trilliarden Zloty verklagen wird und daß man außerdem vorm Sofa weiterploggen kann. Hmmm, kann höchstens halb so langweilig werden wie öffentliches TV-Kuscheln zwischen Angie und Frankie. „Yes, we gähn“ kann ich auch.

Liebe Gemeinde, würde Buschi sagen (der müde aber agil in nur knielangen Jeans und orangem Hoody durch die Lobby zischt), wenn ihr nichts dagegen habt, ploggts also weiter.

Aber leider ist dieses plog hier heute schon viel zu lang geworden, daher muß ich um Geduld bitten. Die unglaubliche Geschichte einer Urlaubsliebe, die was Ernstes zu werden droht, kommt wohl erst morgen.

See you auf dem Sofa!

OldSchoolBaller läßt grüßen

Advertisements

12 Gedanken zu „plog#16 Von einem deutschen Charaktertest, tödlichen Dramen, Rechtsberatung und einer Urlaubsliebe

  1. Sag mal war zufaällig nicht der 10er der Griechen gemeint? Der dicke Schwarze (sorry, das is völlig politisch unkorrekt, aber so sieht er nunmal aus…) mit der #15 sieht so aus, wie ich mir die #10 nach deiner Beschreibung gedacht hatte :D

    Ansonsten vielen Dank für das Video (bzw. der Hinweis auf die 4 anderen). Hatte das Spiel vorher noch nie gesehen und das macht echt Gänsehaut :-)

  2. @zugvogel: Nein, vor dem hatte ich keine Scheu. Den gibts auf Foto und in Tarnung ;-) Du interpretierst in die falsche Richtung. Frag mal besser Ally ;-)

    • DSF würde es auch tun *g*
      Die A is aber grad zur Post ;-) Später mach ichs.

      Bevor das hier zur Privatunterhaltung wird: Buschi war mit der #15 im Fahrstuhl, es wurde dunkel ;-) Die Air France fliegt ja echt klasse da in Polen heute.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s