Ich bin dann mal weg…

…sollte das blog vorgestern noch heißen und von der beschwerlichen Saisonreise und Sinnsuche mittelhessischer Basketballliebhaber auf dem Pilgerpfad Jakobsweg, der hier in Gießen Altenfelsweg heißt und zur Osthalle führt, berichten.

Das Leben, manchmal dynamischer als man selbst, war wieder schneller als mein Schatten und crosste mich am Freitag mindestens so übel over wie seinerzeit (1997? check auf youtube: correct!) der noch maisreihenlose Rookie AI den MJ.

Noch Fragen an die Antwort? ;-)

Arbeit ganz früh noch vor dem Hühnerfüttern begonnen (kleiner Tipp: es war noch dunkel), ohne Frühstücks- und Mittagspause alles in Rekordzeit abgewickelt, gleichzeitig per Handy organisiert was der Akku hergab, nebenbei noch Laptop mit blog gefüttert. Multitasking at its best. Alle verbleibenden Aufgaben wurden auf verständnisvolle Kollegenschultern abgeladen, die ja wissen, daß ich mich per Kuchen revanchiere (grade zu Saisonstart ist der Spielplan aber diesmal extrem eng, Leute, es kann also noch dauern, bindet besser noch keine Lätzchen um). Schnell nach Hause und da wartete AI dann in meinem Carport. Ja, nicht wirklich, okay, okay. Aber eine Serie von bitterbösen Moves des Lebens, die mir sozusagen die Planungsknöchel brachen.

Die Nachbarskinder wollen uuuunbedingt mit, sind schon ganz aufgeregt, zählen die Tage runter wie bei Weihnachten und haben letzte Nacht kaum geschlafen, sagt ein Notizzettel mit Nagel in die Holzwand geschlagen, ihre roten „…für ewig“-T-Shirts hingen auch dran in einer Tüte. Zeitplan minus 40 Minuten mindestens. Am PC also schnell das, was vom blog (grueblerschockschwerenot: 1524, stich!) schon da war, vom Laptop auf die gruebelei übertragen und dabei parallel festgestellt, daß der Vater aller Busfahrer einfach nur genial ist.

Standesgemäß hat die Gießener Fantruppe nämlich bei Auswärtsfahrten nicht irgendeinen angeheuerten Busfahrer, sondern verfügt selbstverständlich in ihren Reihen über einen eigenen in Deluxeausgabe. Dieser Lenker (aller Denker) kam, ich weiß nicht wie, auf die spontane wie geniale Idee aus der Gießener Innenstadt mit 2 Bussen eine Sonderfahrt zur Osthalle springen zu lassen. Gesagt, getan. Zeitplan wieder minus eine Stunde. Jetzt war klar, kein blog mehr heute und damit auch keine Vorschau auf die Saison und Haaaagen (und der MTV!!!) – weise Entscheidung im nachhinein.

An sich ist die Idee mit der Auswärtsfahrt zur eigenen Halle natürlich schwachsinnig, denn alle die mit wollen wohnen überall, nur nicht in der City. Bevor ich geschlagen werde: ja, ja bis auf ganz wenige, ganz wichtige Ausnahmen. Auf dem Gießener Ring zur Osthalle ist kein Problem, aber rein in die Stadt? zum Berliner Platz? Am Freitagnachmittag? Ferienanfang? Blanke Katastrophe, aber muß, da einfach unglaublich kultig. Hin Hort, zurück Hause, Leihkinder umziehen, Raubtierfütterung, -tränke und los. Einsammeltreffen mit ein paar anderen Fans, die Vorfreude riesig, ganz viel Hoffnung, das endlich, endlich, endlich alles besser wird. Seit Tagen brummt die Stadt vor Spannung auf das erste Heimspiel und auch die ganz schweren Fälle von erworbener Lederallergie, eine ernstzunehmende immunologisch bedingte Überempfindlichkeit gegen alljährlichen Abstiegskampf, melden sich auf die allerletzte Minute gesund und dienstfähig zurück. Jetzt gehts los…….jetzt gehts los.

Vorletzten Donnerstag hatten wir schon ein wenig geübt und den Kultspieler aller Gießener Kultspieler in der Bankenstadt besucht. Ein Tag, der seit Monaten knallrot in den Kalendern stand. Eigentlich verrückt, das Spiel wollte kein Mensch sehen, aber alle fuhren mit. Chuck Eidson in Frankfurt, darüber mußte man nicht sprechen, ein absoluter Pflichttermin, stand gar nicht zur Debatte. Das hatte nichts mit Sport zu tun, das war ein dankbarer Besuch beim Großmeister, das war respektvoll und freudig Referenz erweisen, das war der MVP. Persönlich. Höchstselbst. Hätte nur noch gefehlt, daß ihm jemand Blumen mitbringt, ein wenig Selbstgebackenes sowie kränkelndes Milchvieh zum Handauflegen.

Der Chuckster, jetzt nach Eurocupwinner-und -MVP-Saison mit Lietuvos Rytas Vilnius, beim Renommierclub Maccabi Tel Aviv unter Vertrag, 2005 MVP der BBL und Held der Gießener Halbfinaltaten aus dem gleichen Jahr, freute sich sehr. Es war ihm aber auch unglaublich unangenehm. Die anderen Stars (Maciej Lampe, Alan Anderson, Andrew Wisniewski, Doron Perkins, D´or Fischer) bei Maccabi staunten nicht schlecht über den Trubel und das keiner sich für sie interessierte. Der Chuck. Ein Star, der kein Star sein, sondern einfach nur Basketball spielen will, weil er das Spiel so liebt. Wir hoffen trotzdem von Herzen gönnend alle, daß der Vertrag sehr gut dotiert ist.

Siebtes Bield

Da lacht der MVP....

Chuck

...und hier war es ihm furchtbar peinlich (alle stretchen, nur er posiert)

Erstes Bild

Große polnische Steh-Lampe Modell "Maciej"

Sechstes Bild

Skyliners Frankfurt-Maccabi Tel Aviv 69-95 (gute Besserung an die Frankfurter #20!)

Weiteres Highlight: Marius Nolte ahmt nach dem Spiel bewundernd Chucks Moves nach (beinahe, Marius, beinahe!).

Berliner Platz, Sonderfahrt, Ausstieg Osthalle. Schon 2 Stunden vor Spielbeginn lange Schlangen vor den Kassen und das Spiel muß trotzdem fast eine Viertelstunde später angepfiffen werden, wegen des Andrangs. Die Gießener sind bekloppt. 11. Platz, 16. Platz, 16.Platz, 17.Platz, Abstieg und Wildcard. Das sind unsere bragging rights aus der Zeitrechnung n. Ch. . Die erfolgreiche Saison 2004/2005 ist nur noch ein Kinofilm und beschäftigt inzwischen Spezialisten mit Forschungsschwerpunkt Präkambrium.

Und jetzt sind die Hagener zwecks Saisoneröffnung zu Besuch, endlich wieder da, nach all den Jahren. Sie sind nicht die Brandtnachfolger, denen ein paar Amerikaner mal das coolste Maskottchen der Liga verboten haben, die letzten Zwiebäcke haben sich verkrümelt, aber sie sind eben Hagener. Was Besseres kann es nicht geben, man mag sich schon immer. Und jetzt endlich muß es für die 46ers aufwärts gehen, die Fans sind aufgeregt wie kleine Kinder vor der Bescherung. Leider auch die Spieler. Was sich in den ersten Minuten auf dem Osthallenparkett abspielt, schlägt wie eine Ohrfeige pures Entsetzen in die Gesichter der treuen Fanscharen. So was hat die Osthalle noch nicht gesehen. Vorne konzeptlos, hinten orientierungslos liegt man mit Kraut-und-Rüben-Basketball schnell 8-24 zurück, doch weniger die Höhe als das „wie“ schocken. Kein Kampf, keine Arbeit, kein Wille, kein Mut. Von traditionellen Gießener Tugenden war weit und breit nichts zu sehen.

EmmaBus

Sonderfahrt

Speler

Vor dem Spiel noch cool und lässig mit MP3 im Ohr....

Zum Pausentee lähmendes Ensetzen im Foyer, Ungläubigkeit. Das, was die Leute jetzt zum Trinken bräuchten, wird hier nicht ausgeschenkt. Kamillentee oder Strohrum. Nur widerwillig begeben sich die Magengeschwürträger zurück in die Halle. Die Mannschaft fängt sich jetzt zwar etwas und kommt am Schluß mehrfach bis auf einen Punkt heran, die Chance zum Ausgleich wird jedoch kläglich vergeben, aber man hatte sowieso nie das Gefühl, als ob Gießen wirklich gewinnen könnte, obwohl die Zuschauer noch einmal alles probieren. Nach Spielschluß keine Pfiffe, etwas Applaus und nach der himmelhochjauchzenden Vorfreude nur noch zu Tode betrübte Zukunftsangst. Den Blog hab ich noch in der Nacht gelöscht, nicht ein Wort war mehr wahr. Schreiben wollte ich nichts mehr, aber ein juristischer Trick (AI ist nichts dagegen) und taktisch kluges Geschick des Berliner Trainers – Respekt, hier kann Luka P. sich heute eine große Scheibe abschneiden – schubsen den Bloggerrookie zum eigenen Glück.

Was am Tag nach dem Spiel folgte, ist ein Trauerspiel und ich hoffe, daß das nicht noch böse endet. Auf der Postgame-Pressekonferenz diktiert Coach Bogojevic in die Blöcke:

Die Knisteratmosphäre in der Halle hat unserer Mannschaft nicht gut getan. Gerade unsere junge Mannschaft braucht eine Halle, die immer hinter dem Team steht und nicht – wie heute zuweilen geschehen – nach misslungenen Aktionen mit Stöhnen oder Pfiffen reagiert. Das ist nicht förderlich für die Leistung unserer Mannschaft. Ich liebe das Giessener Publikum, aber das musste ich mir einfach mal von der Seele reden.“ und „Ich bin Gießener, ich liebe das Gießener Publikum, aber ich brauche Unterstützung. Ich brauche eine volle Halle, keine Lippenbekenntnisse und keine 2000 Leute, die bei jedem Ballverlust buhen. Heute hatte ich 3700 Trainer und Kritiker in der Halle.“

Am Morgen liest es die Stadt in den Medien und verschluckt sich am Frühstücksbrötchen.

Wer nämlich in der Halle war, hatte irgendwie etwas völlig anderes wahrgenommen. Vereinzelt gab es, nach dem vierten Ballverlust in Folge, dem fünften 1-0 Korbleger von Griffin, dem neunten verschossenen Freiwurf (Mannschaftsbilanz: 38.9%!) und dem siebten Offensivrebound der Feuervögel, einige wenige Pfiffe oder kollektiv leidendes Gemeinschaftsstöhnen. Das wars dann aber auch schon. Ich hoffe, daß die Wahrnehmungsunterschiede sich sehr schnell klären lassen, sonst haben wir hier ein Problem. Ein Problem hat der Gießener Trainer auf jeden Fall jetzt schon, denn heute Nachmittag um 15 Uhr steht bereits das einstmals so prestigeträchtige Hessenderby bei den Skyliners an.

Merke, wenn man mit Bussen gemeinsam zur Halle fährt, dann auch noch auf dem kurzen Stück Fußweg spaßeshalber „Aus-, Aus-, Auswärtssieg“ skandiert und gleichzeitig aber aus den letzten 40 Auswärtsspielen nur eine anorektische Bilanz von 2 Siegen aufzuweisen hat, ist das zwar lustig, aber karmamässig irgendwie ungut. Vielleicht doch lieber Pilgerpfad?

Ich bin Gießenfan. Ich war Freitag beim Spiel und ich lebe noch. Hab sogar heute schon gelacht. Kriege ich jetzt auch den Friedensnobelpreis?

Ich bin dann mal weg…

OldSchoolBaller

Verschiedenes

gruebler, schau mal wer hier schaut am Schluß (*wehmütigsei*):

Mit Links zum Spiel

Giessener Allgemeine

Fotogallerie

Spielbericht der LTi Giessen 46ers

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8 Gedanken zu „Ich bin dann mal weg…

  1. Danke, dass du deinen inneren Schweinehund überwunden hast und trotz der Wunden in der Fanseele doch noch geschrieben hast. Vielleicht noch eine Anmerkung. Gießen hält bislang den Zuschauerrekord des ersten Spieltags.

    • Der Bericht auf MittelhessenTV ist zugegebenermaßen etwas arg sedierend, gepostet habe ich ihn nur, weil er die langen Schlangen vor den Kassenhäuschen zeigt und die tatsächlichen Zuschauerreaktionen neutral dokumentiert.

  2. Pingback: Fastbreakautobahnbaustellensieg « H A Y P H O E N I X

  3. http://www.giessener-allgemeine.de/Home/Sport/Lokalsport/Zusammenhalt-ist-gefragt-_arid,136466_regid,1_puid,1_pageid,115.html

    *thumbsup* Genau das ist es doch, wir brauchen Zusammenhalt und dann so eine Ohrfeige. Ich kann es immer noch nicht verstehen, auch gestern im 46ersTV war das keine Entschuldigung in der Sache, sondern nur in der Form.
    Heißt für mich wohl, ich brauche Hörgerät, Brille und noch so einiges, denn ich bin mit vielen anderen gemeinsam immer noch der Meinung, daß es so gut wie keine Unmutsäußerungen gab. Die, die es gab waren nur in einer Phase und nur kurz und vereinzelt. Ansonsten gab es ganz viel Unterstützung. Das wird auch in allen Videos deutlich. Ach, ich kapiers einfach nicht………naja, Freitag kommt der Tabellenletzte, da sollte was gehen ;-)

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