trog #5 Endlich: Dünya Basketbol Sampiyonasi!

Die Türkei ist ein sehr stolzes Land. Nicht nur stolz auf sich selbst als Nation und das Erreichte, eher noch viel mehr in der Hinsicht, dass sie unbedingt alles richtig machen möchten, ihre Gäste zufrieden stellen möchten, ihre Unzulänglichkeiten ausbügeln wollen – wobei die gerade oft den Charme ausmachen oder die Besucher es ohnehin nicht tragisch finden, was da eventuell gerade mal schief ging. Aus diesem Blickwinkel muß man auch die Basketball WM 2010 betrachten.

Für die Türkei ist das eine große Sache. Eine riesige geradezu. Mehr als jeder 2. Satz geht darum, dass man das Turnier gut organisieren will. Dass man ein guter Gastgeber sein will, die Welt sehen lassen will, dass die Türkei eine so große Veranstaltung ausrichten kann. Auch Hedo Turkoglus erster Kommentar auf die Frage nach der bevorstehenden WM, dreht sich nicht um den Sport. „Wir wollen die Welt sehen lassen, wie gut wir eine WM organisieren können“. Das ist in unseren Augen seltsam, aber sehr typisch für die Türkei und wirklich das mit Abstand wichtigste an dieser Veranstaltung. Es wurden keine Kosten und Mühen gescheut, die Superlative werden minütlich zitiert. Das größte Sportevent, das die Türkei je veranstaltet hat. Das drittgrößte Sportereignis der Welt überhaupt. Liveübertragungen in über 200 Länder und über eine Millarde Zuschauer (das „potentielle“ dabei wird nur in der Fußnote erwähnt). 25 Millionen Euro allein für die Eröffnungsfeier gestern Abend, die wir alle gemeinsam bei einem superleckeren überbackenen Hackfleischbrot und Ayran geschaut haben. Bislang wurden WMs immer mit 4 langweiligen Reden, ein paar tanzenden Kindern und `nem netten Song eröffnet. Das wars. Die Türkei hat sich hingegen gestern Abend mächtig ins Zeug gelegt, alles aufgefahren, was Rang und Namen hatte und nicht umsonst war einer der Höhepunkte die „Ode an die Freude“ – komplett mit deutschem Text (zum Mitsingen) und allem, auch einer griechischen Sängerin. Sicher, am Anfang wurde auch die türkische Nationalhymne gesungen, aber die mittlerweile offizielle Europäische Nationalhymne als Höhepunkt der Show zu präsentieren ist eine echte Ansage. Die Griechin auf der Bühne hat noch mehr Symbolkraft. Die Türkei möchte dazugehören, akzeptiert werden.

 Als wir hier ankamen, wollten wir unbedingt einen Mietwagen und einen Stadtplan. Beides besorgte uns unser neuer türkischer Freund, der jahrzehntelang in Hessen gelebt hat und nach dem magischen Wort „Gießen“ nicht mehr zu halten war. Es klingt merkwürdig für uns, für Türken ist das allererste Pflicht. Wir wurden hereingebeten, mit Kaffee versorgt und er telefonierte nach einem Freund. Viele nette Minuten später hatten wir auch schon das dritte Glas Tee (bezahlen durften wir nicht), Datteln und ein – zugegeben alles andere als tüvreifes – echt türkisches Auto. Nur beim Stadtplan war nichts zu machen. Nach langem Rumrennen und Telefonieren stellt sich raus, dass so etwas nicht existiert. Ab da war seine größte Sorge nicht, dass wir in den ausufernden Outskirts von Kayseri verloren gehen könnten, sondern, dass diese Tatsache ein schlechtes Licht auf die Türkei werfen könnte. Mindestens zwanzigmal wurden wir gebeten, dadurch keinen schlechten Eindruck zu haben, richtig beruhigt war Yunus aber erst wieder, als er eine Handzeichnung der City aus der Tourist Info präsentierte. Wir bedankten uns artig, wohl wissend, dass wir mit der Karte nicht das allergeringste anfangen konnten. Er wußte es auch, aber alle taten so, als ob nun alles bestens wäre. Der Schein war gewahrt, das Gesicht Kayseris und der Türkei auch. Dabei war uns selbiges völlig Wurscht, darum ging es uns nicht, wir hatten einfach nur Angst, unsere gesichtslose Appartmentsiedlung in 20 km Entfernung und im Dunkeln nicht zu finden. Wie sich zeigte, ab und an zu Recht.

Dieses kleine Beispiel zeigt deutlich Befürchtungen und Bemühungen der modernen Türkei. Alles will man gut und richtig machen und allen Ausländern zeigen, wie weit man ist, was man alles kann und hat. Woher das genau kommt, weiß ich noch nicht genau, aber es ist das aller-, allerwichtigste für die Türken und die Türkei – die Anerkennung von außen, unser Lob.

Nicht genug loben kann man hier die Gastfreundschaft, die allen Türken eine ernstgemeinte Ehre ist. Gästen wird immer geholfen, das ist ein ungeschriebenes Gesetz. Die Verständigung ist extrem schwierig, aber funktioniert trotzdem irgendwie. Gestern abend waren wir in unserem Brotladen etwas spät dran. Es gab eigentlich nichts mehr. Nicht nur gaben uns wartende Jugendliche, die das Brot für ihr Ramadanessen in der Familie holen müssen, von ihrer Pide ab, es wurde sogar noch Hackfleisch dazugegeben, dass jede Familie selbst anrichtet, in die Bäckerei trägt und dort im Holzofen auf Brot backen läßt. Es war göttlich -wir fühlen uns daher pudelwohl und haben keinen Zweifel, dass es tolle Spiele werden.

Und heute gehts endlich los!!! Die Hallen sind fast alle ausverkauft, Kayseri tut sich noch schwer, ist eine extreme Fußballstadt. Aber wie gesagt der Spielort ist fantastisch, der Aufwand der getrieben wird enorm, es wird sicher klasse, nicht zuletzt wegen der Menschen.

Erster deutscher Gegner ist Argentinien, die sich gestern vor dem Mannschaftshotel extrem locker, freundlich und fotogen präsentierten. Luis Scola posierte ewig und drei Tage für alle Kameras, das argentinische Fernsehen hatte seinen smartesten Reporter am Start und die befragten türkischen Jugendlichen sagten brav in die Kameras, dass Argentinien Weltmeister wird. Nur um sich umzudrehen und der türkischen TV-Crew zu sagen, das ganz ganz sicher die Türkei gewinnt. Hmm, ich hätte mal nach Deutschland fragen sollen.

Auf SD habe ich schon geschrieben, dass ich von dem ach so „jungen deutschen Team“ eigentlich nichts mehr hören mag. Schon gar nicht von den ewigen Erwartungsprojektionen in die Zukunft – wo immer die auch liegt. Gerade bei einem jungen Team finde ich den Ansatz falsch. Es ist viel einfacher, sich selbst zu sagen und auch zu hören, dass man heute gut sein muß, alles geben und zeigen muß, als dieses Vertrösten auf später zu hören. Und wieso überhaupt später? Warum denn nicht jetzt und hier? Ich bin der Meinung, dass das Team gut genug ist, wenn es aus sich selbst heraus agiert und nicht darauf wartet, dass irgendein Input von außen kommt. Oder ein puertorikanischer Bodycheck. Jeder einzelne Spieler muß aus sich selbst heraus so einen Siegeswillen an den Tag legen, wie Heiko es immer tut. Oder eine Defense auspacken wie De(s)mond oder Steffi. Oder eine Euphorie wie Jan Jagla. Irgendwie muß das jeder für sich lernen und allein schaffen und nicht darauf warten, dass das jemand anderes für ihn tut und sei es nur der brüllende Trainer. Die Verantwortung liegt nur bei euch. Bärte wachsen lassen ist nett, Zähne fletschen wär mit lieber. Siegermentalitätsstatus (von mir aus auf facebook) bitte jetzt aktivieren.

Auch das eine Folge vielleicht der ewigen Jugenddiskussion? Wenn man dauernd „Olympia 2012“ hört, wie gut ist man dann 2010 in Kayseri? Manchmal hat man das Gefühl, dass gerade die jungen Spieler sich gar nicht einzuordnen wissen in ihrem aktuellen Leistungsvermögen, weil sie so viel über irgendwannmal hören.

NBA hier, Olympia 2012 dort. Bla, bla, bla. Vergeßt es, möchte ich am liebsten ganz laut rufen. Lebt im jetzt und hier und arbeitet für morgen, aber spielt nicht für morgen, sondern heute. Gut, das klang jetzt bescheuert, ich formuliere um: spielt heute, siegt heute, dann kommt morgen von ganz alleine. Und noch früh genug.

Ich fordere jetzt einfach frech 3 Siege aus 5 Spielen in Kayseri. Heute wird es extrem schwer gegen Argentinien, die mit Carlos Delfino (Milwaukee Bucks) und Luis Scola (Houston Rockets) immer noch mit 2 NBA-Knüllern aufwarten können. Doch was solls denn? Die kochen ihre Steaks doch auch nur mit Wasser.

Haut rein, Jungs!

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5 Gedanken zu „trog #5 Endlich: Dünya Basketbol Sampiyonasi!

    • Jaaaaaaaa :-D Auch manche anderen Menschen aus kleinen Städten im Kreis Gießen ;-)

  1. Schade, dass es gestern mit dem Sieg nicht geklappt hat. Ich hab lange nicht mehr so sehr bei einem Spiel mitgefiebert wie gestern. Bundesligasaison? War vor Ewigkeiten und ist erst in weiter Ferne. Ich bin schon gespannt auf das Spiel heute. Weiter so und noch viel besser bitte!

  2. Nur kann man vor Ort leider nicht auf youtube.com zugreifen.

    Ankara 1. Sulh Ceza Mahkemesi’nin, 05.05.2008 tarih ve 2008/402 nolu KORUMA TEDBİRİ kapsamında bu internet sitesi (youtube.com) hakkında verdiği karar Telekomünikasyon İletişim Başkanlığı’nca uygulanmaktadır.

    (The decision no 2008/402 dated 05.05.2008, which is given about this web site (youtube.com) within the context of protection measure, of Ankara 1. Sulh Ceza Mahkemesi has been implemented by „Telekomünikasyon İletişim Başkanlığı“.)

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