Eine Zeitreise nach Braunschweig

Ein Post über das Spiel Braunschweig vs. Gießen, der eigentlich gestern online gehen sollte, dann aber von der Beurlaubung Luka Pavicevic‘ überholt wurde.

Donnerstagabend, ich bin in Braunschweig und falle in alte Rituale zurück. Aber doch ist es nur teilweise eine Zeitreise. Der Bus ist jetzt Tram und heißt anders, dort wo früher ein Park war, in dem wir als Schüler den Ferienbeginn feierten, steht jetzt ne Shoppingmall hinter der Fassade der SS-Junkerschule des Schlosses, vor der der Oberbürgermeister das Herumhängen verbieten möchte. Statt nach Norden zur Alten Waage laufe ich nach dem traditionellen Zwischenstopp beim Burgerbräter am aufgehübschten Bohlweg gen Süden an der Ägidienkirche vorbei zu Bürgerpark und VW-Halle. SG, Metabox, Stadtsport, TXU Energy, BS Energy, New Yorker Phantoms Braunschweig gegen LTiGießen46ers  steht auf dem Programm.

Nein, meine alte, neulich wiedergefundene Dauerkarte, die hier als Schmuckbild dient,  hilft mir nicht. Irgendwie ging mein Braunschweiger Fandasein auch kurz vor dem Umzug in die VW-Halle zuende. Ich habe neulich versucht zu rekapitulieren, wann ich vom Basketballvirus angefixt wurde. Es fällt schwer. Harald Stein, Arigbabu (ggf. mal zwo), Migliniks, das könnte die Saison gewesen sein. Jedenfalls vor der einen Saison in der W. Liga Nord mit den Derbys in Lindenhalle und Hannover Linden. Ich weiß nur, dass Harald Stein bei meinem ersten Gastspiel nen Cut am Auge bekam und wir fürchterlich auf die Refs schimpften. Irgendwie bin ich mir da treu geblieben… War es 1993/1994? Für Tipps bin ich dankbar.

Zurück in die Gegenwart. Vor der Halle findet sich schnell jemand, der mir zu fairem Preis ein Ticket in Sponsorenqualität in die Hand drückt. Auf in das Ufo im Park. Schnell noch den Merch-Stand angesteuert und wetteradäquat einen witzigen Karoschal erstanden.  Praktisch, dass das Rot des Schals gegen Gießen auch eine subtile Doppelbedeutung hat. Man merkt irgendwie, dass in Braunschweig ein Bekleidungsunternehmen Merch macht. Es ist… anders. Teilweise ja richtig kleidsam, wenngleich Grausamkeiten wie das Playoffshirt 2010 ja wohl auch von New Yorker verbrochen wurden. Nur auf die Frage, was Rot denn mit den Phantoms (Wird es heiß, trag ich weiß) zu tun habe, bekam ich als Antwort „Wir wollen ein wenig Farbe in die Halle bringen“. Ah… Corporate Identity? Farbenlehre der Ligafanblöcke? Das wäre ja zu viel verlangt.

Natürlich war ich auch mit oldschoolballerischem Rechercheauftrag da. Wie macht sich der neue Gießener Coach Steven Key? Kämpft die Mannschaft? Key modisch ein US-amerikanisches Klischee: Weite Khakis und Sakko, ein gänzlich anderer Stil als sein Vorgänger, dessen Modewahl zu rüden Blogposts führte (buzemanns). Key eher ruhig, eher beobachtend.   Insofern greife ich mal vor: Insgesamt sah es so aus, als wollte Key möglichst viel von seiner Mannschaft in der Praxis sehen, ausprobieren, was geht und was nicht.

Das ging auch gut, denn nach dem ersten Viertel war die Messe gelesen und ein ansehnliches, körperliches und zuweilen spektakuläres Trainingsspiel entspann sich. Die Schiris verstanden sich auch gut darauf, sich hier wie dort nicht allzu sehr einzumischen.

Die Phantoms, bei denen überraschend Nick Schneiders startete, ließen im ersten Viertel defensiv nichts anbrennen. Früher Druck, gut in den Passwegen, die Gießener waren verunsichert, Skinn und Co. klauten Bälle und schlossen schnell und spektakulär ab. Hieraus wuchs der Vorsprung, denn mit klassischem Setplay tat sich Braunschweig anfangs gegen Gießen arg schwer. Mehrfach kam es zu Notwürfen wegen ablaufender Shotclock. Aber der Gießener Wille war irgenwann gebrochen, Braunschweig kam ins Laufen und das war es. Gießen rannte immer 15 bi 20 Punkten hinterher.

Daher zum Spiel nur ein paar Schlaglichter. Bei der Nachlese im Familienkreis – und den SD-Kommentaren – fiel mir auf, dass ich doch andere Akzente beim Beobachten setzte. Während Thomas und Hamilton für die regelmäßigen Zuschauer des Teams im Fokus standen, waren es bei mir eher Skinn, Schneiders, Cain und Goree.

Ob am Telefon oder auf SD, den Tony Skinn habe ich nach einem Fernsehspiel mal ziemlich zerrissen. Egozocker, nicht integriert, etc. pp. Das hat sich sichtlich geändert. In der Entwicklung und beim Zug zum Korb erinnerte er mich durchaus an die Berliner Saison von Bobby Brown, wenngleich ich seinen 3er nun nicht wirklich gesehen habe.

3er, das ist auf Gießener Seite das Stichwort für Smith. Was ein gewissenloser Shooter. Egal wann er nen Wurf hat, ob nach 5 oder 23 Sekunden. Er drückt ab. Mit den drei 3ern gegen die Defense von Noch im vierten Viertel korrigierte er den Score.  Wer trifft hat Recht? Mitnichten. Das Uptempo-Spiel, dass er seinem Team aufzwang, half wohl eher Braunschweig.

Die Phantoms spielen eine beeindruckende Transition, Gießen dabei heillos überfordert. Engagierte Rebounds, schneller Pass, Guard macht nach vorne, ein, zwei Stationen, Cain kommt an, penetriert, bevor die Verteidigung steht, scort einfache Punkte. Dazu hatte die Braunschweiger Frontcourt ein Blick für den besser positionierten Mitspieler. Leichte Durchstecker, anfangs auch der eine oder andere Wurf von Schneiders aus dem Low-Post.

Überhaupt Schneiders. 221cm-Lulatsch, hatten wir da vor Ewigkeiten nicht mal den ähnlich großen Bembeneck? Schneiders fehlt Spannung, aber dafür verändert er durch schiere Größe und gute Antizipation beim Block das gegnerische Spiel. Er ist sich nicht zu schade für’s Foul und gestern ging es gut… doch wenn da nen Schiri mal bekanntlich kleinlich pfeifft und nicht wie gestern getreu der Baeck’schen (Fuß)Ballerweisheit „War viel Ball“, kann’s ihm gehen wie anderen lanky shotblockers in der Liga vor ihm. Gestern gab’s nach acht Minuten nen Eisbeutel, die Knie haben sowieso nen Bändchen drum. Toitoitoi, dass da alles hält, denn der ist erst 21 und könnte ein ganz solider Griff der Braunschweiger werden. Size matters…

Der alte Mann der Braunschweiger, Marcus Goree, war gestern – bis auf ein kleines Privatduell gegen Peacock – unscheinbar. Er brauchte auch nicht viel tun für seine Punkte, ein paar nette Würfe, wenig Einsatz im Abschluss in the Paint. Doch es war auch so deutlich, dass er den Pfau auf der Gegenseite durchaus hätte dominieren können. Denn warum der so gehyped wurde zu Beginn der Saison, das ist mir schleierhaft. In der Defense wirkt er notorisch überfordert, dämliche Fouls hier und insbesondere weit ab von irgendeiner Aktion auch mal auf nen Goree-Fake reingefallen und mit rudernden Armbewegungen zugelangt. Na gut, er hängte Goree unmittelbar im Anschluss auch eins an, aber das war dann einer der technisch anspruchsvolleren Pfiffe zur perfekten Verteidigungshaltung, die gestern rar waren.

Erschreckend war, dass Gießen nahezu kein vernünftiges Pick’n Roll initiiert bekommen hat. Blocken ist des Peacocks Sache anscheinend nicht und Ovcinas Pässe aus dem hohen PnR landeten gelegentlich auch im Nichts. Ich weiß nicht, ob ich diese Saison schon mal ein Team gesehen habe, in dem die Fundamentals so eklatant fehlten. Es blieb bei Einzelaktionen, doch einen Gegner wie Braunschweig konnte man individuell eben auch nicht halten.

Steven Key steht in der Allstar-Break viel Arbeit bevor. Am 30.1. geht es in Bayreuth um vier Punkte gegen den Abstieg. Ein paar Systeme und etwas mehr Selbstvertrauen sollten bis dahin schon erarbeitet werden.

Braunschweig hingegen reitet weiter auf einer Welle des Erfolgs, auch wenn die zehn Siege in Folge, die ich in der Halle aufgeschnappt und prompt getwittert hatte, eine Mär sind, haben sich die Phantoms auf den fünften Platz gespielt und sitzen nun ALBA im Kampf um das Heimrecht im Nacken. Sie spielen wie ein Playoffteam und machen Spaß. Es ist sehr athletischer Basketball, es ist sehr viel US-Stil. Aber sie machen es gut und mit Erfolg. Die Playoffs werden sie erreichen und vielleicht geht es ja gegen meine Berliner. Vielleicht wird dann auch die VW Halle mal richtig voll, denn die 2631 Zuschauer gestern waren doch lichte Reihen. Stimmungsvoll war es trotzdem, auch ohne den früher so penetrant „jetzt wird es laut“ rufenden Hallensprecher. Aber mit der Alten Waage hat die Show in der VW-Halle nichts mehr zu tun. Das ist gut so, denn zurück in die Vergangenheit der Liga will ich nicht.

Gleich fährt mein Zug wieder in Berlin ein, das Basketballprogramm in der neuen Heimat? Samstagabend Allstar-Game im Fernsehen und Sonntagnachmittag um fünf ALBA II mit Kaffee und Kuchen live in der Schmelinghalle (Nebenhalle A). Dort gibt es dann doch noch das Turnhallenfeeling der Alten Waage.

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12 Gedanken zu „Eine Zeitreise nach Braunschweig

  1. Eine kleine Korrektur, Schneiders kommt zwar frisch von College und spielt noch nicht solange Basketball ist aber 25 oder 26 Jahre alt.

    • Hatte im Zug kein Netz zur Recherche und vertraute da einfach auf Halbzeitkommentare von Fans ;-). Sicherlich nicht der einzige inhaltliche Schnitzer…

  2. Der Schneiders ist aber doch schon 1984 geboren. Wird im Juli 27.
    Wenn er 21 wäre, dann wäre er ein Kracher. Dann hätte er in der ProB dank Doppellizenz Spielpraxis gewinnen können.
    So stehen auf der Uhr aber schon 6 Jahre mehr. Insofern ist der Entwicklungsfocus eingeschränkt.

  3. Ich kann mich nch sehr gut an die Dauerkarte erinnern. Meine erste Dauerkarte hielt ich in der Saison 92 / 93 in der Hand.

    Den Bericht hast du echt super geschrieben und liest sich wunderbar. Das Team macht jetzt wirklich Spaß, obwohl es am Anfang der Saison nicht so ausgesehen hat. Die PlayOffs werden diese Saison hoffentlich vor dem letzten Spieltag erreicht und eine volle Halle ist wirklich wünschenswert.

    Das Thema Merchandising ist in Braunschweig ein Thema für sich allein. Ich hätte gehofft sie würden sich da mal in Bezug auf Markenidentität von den guten Freunden aus Berlin ein paar Ratschläge holen.

    • Ich weiß nicht, ob Ratschläge aus Berlin da so förderlich sind… schau dich in der o2 world um, da siehst du ein paar Trikots und einige wenig schöne T-Shirts. Graues Phantom auf schwarzem Grund ist schon echt gut. Bamberg, Bonn, das sind so die Clubs, bei denen die Farbenlehre in Reinkultur anzutreffen ist. Was spricht in Braunschweig gegen einen schwarzen Block? :-P

    • Ich hab gehört, mit Prepaidkarte kommt man in die O2-World gar nicht rein…

  4. Es geht ja viel mehr um die Markenidentität. 2 feste Farben wodurch sofort der verein mit assoziert wird. Wie viele Farbkombis hatte Braunschweig schon? Jetzt wäre eine gute Chance etwas zu schaffen. Ich habe ein ALBA Berlin T-Shirt das trage ich auch in der Freizeit, weil es einfach alltagstauglich ist. So etwas gibt es bei den Phantoms nicht. Ich hätte nichts gegen einen schwarzen Block und einem weißen Block, dann müssen die Vereinsfarben aber so sein und ich dies auch im Marketing so einarbeiten, gerade bei den Fanartikeln.

  5. Pingback: Die „Woche der Wahrheit“ als Feuerprobe für den Coach « gruebelei.de – Ansichten eines Basketballfans

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