Fans am Rande des Nervenzusammenbruchs – Part 2

Freitag Abend 18:30 Uhr. Anderthalb Stunden vor Spielbeginn gegen TBB Trier. Normalerweise bin ich dann schon lange an der Halle. Heute nicht. Ich will da nicht hin, will nicht sehen, was ich so oft gesehen habe dieses Jahr. Will nicht wieder hoffen dürfen, um am Ende doch unterzugehen. Also habe ich lang gearbeitet, bis es wirklich in der Firma nichts mehr zu tun gibt und jetzt bin ich auf der Autobahn – alles besser als die Osthalle, in der es höchstens wieder den Gefühlsmix aus Nostalgie, Schmerz und Trauer gäbe. 20:01 Uhr: an der Halle, hinter der Halle, wo ich immer parke. Da wo die Kaninchen fröhlich Löcher buddeln und Löwenzahn fressen. Jenseits des Zaunes quer rüber über die Wiese, schräg hinter dem Freiplatz, liegt die Rückseite der Osthalle in Sonnenuntergangsrosa. Schön sieht das aus. Aber die Sonne geht unerbittlich unter, Dunkel verschluckt die zarten Rosatöne, Lärm und Trommeln bleiben dumpf hörbar und doch merkt man bis hier her: es läuft nicht gut. Man kann es an den gedämpften Fanreaktionen, dem dumpfen Stöhnen spüren, das herüberdringt. Es sieht richtig mies aus, so wie sich das anhört. Als ich schließlich doch noch reingehe, steht es 10:29 und zur Halbzeit dann 17:38. Die Mannschaft läßt sich angstvoll und willenlos abschlachten. Etwas, was in der Osthalle immer ein „No go“ war. Abschlachten gabs hier nie, willenlos auch nicht. Keine große Stadt, kein Geld, keine gekauften Überfliegertruppen – immer die Underdogs, doch immer wurde gekämpft. Das war hier die große Stärke, das haben alle Gegner gefürchtet. Willen, Leidenschaft, Kampf bis aufs Blut.Und jetzt? Nichts davon ist mehr übrig. Alles kaputt gemacht. Die Spieler, die ich mit „meinem“ Schriftzug auf der Brust herumirren sehe, sind all das, was Gießen nicht ist. Was machen die hier? „We love Gießen – but we do hate you“ singen die Fans, Frust macht sich breit. Die Zuschauer sind bereit, alles zu geben und zu kämpfen, finden jedoch niemanden, der das für sie auf dem Feld tut. Das Team leidet an einer Art mentaler Glasknochenkrankheit – solange es keine echte Gegenwehr gibt, spielen sie mit, recht ansehnlich und gut. Aber wehe der Gegner verteilt mal nen Ellenbogen oder trifft 2 Würfe hintereinander, dann bricht das ganze Kartenhaus sekundenschnell in sich zusammen. Dagegen ist die mentale Verfassung bei den Kandidatinnen von GNTM als stabil zu bezeichnen. Gegen Trier ist es aber noch schlimmer. Die Spieler haben Angst. Erst als es in der zweiten Halbzeit um nichts mehr geht, weil das Spiel bereits in der Pause verloren ist, fangen sie an zu spielen. Jannik Freese, ist Jannik Freese, auch weil er es endlich sein darf und zeigt seinen US-Kollegen, was Einsatz heißt.

Auch der zweite „Gießener“, Moe Jeffers, zeigt wieso er längst adoptiert wurde, aber neben den anderen herz-und bocklos zockenden Ballbewegungsangestellten ist das zu wenig. Aber plötzlich explodiert die Halle wieder und plötzlich ist alles wieder eins: Zuschauer und Spieler. Ein paar tolle Minuten Gänsehautosthallenstimmung, die die Spieler zu Höchstleistungen trägt, sie besser macht, als sie sind. Magie pur. Reminiszenz an frühere, bessere Zeiten. Die Halle steht kurz vor der Explosion. Von -21 auf nur noch -4, aber die Kraft reicht am Ende nicht, das selbstgegrabene Loch war zu groß, das Spiel geht verloren, die Konkurrenten siegen und die Fans bleiben betäubt und schweigend auf ihren Plätzen zurück. Viel zu sagen gibt es auch nicht mehr. Trauer, Abschiedsstimmung, Verzweiflung und Hilflosigkeit.

Alle schweigen. Ich sage: bringt mich irgendwo hin, wo es laut und dunkel ist. Gesagt, getan. Sie singen „Numb“. Linkin Park. Wir schreien jedes Wort mit. Betäubungsversuche gelingen nur momentan und kläglich. Egal wo man hingeht in dieser Stadt, jeder spricht einen auf das Spiel an. Jeder will wissen, was los ist, jeder leidet mit. Die Gefühlspalette gibt alles her: Hohn, Spott, Aggressivität, Wehmut, Trauer, Dissen, Zorn und Wut. Jeder geht hier anders damit um – kalt läßt es keinen.

Zu Hause spät nachts am PC: die Uhr, der Herzschlag der 46ers, schlägt noch. Ganz, ganz unten auf der Homepage: Seit 44 Jahren, 6 Monaten, 15 Tagen…..sie läuft noch, aber wie lange noch? Erst einmal stand sie still. Das war vor knapp 2 Jahren. Das war, als wir alle noch Kraft hatten, gegen den Abstieg zu kämpfen. Das war, als wir dann alle gemeinsam um die Wildcard gekämpft haben, jeder mit seinen Mitteln. Das war, als ich mich um Kopf und Kragen geschrieben habe bei Herrn Gruebler. Und als wir dann das heißersehnte Wiedereintrittsticket bekamen, um alles besser zu machen, war der erste Schrei in der Stadt: „macht die Uhr wieder an“ und jeder wußte was gemeint war. Irgendjemand muß genauso gefühlt haben, denn als wir schauten, lief sie schon längst wieder. Damals. Seufz, damals. Und jetzt ausgerechnet vor dem 46. Jahr? Wir wissen es noch nicht, aber Endzeitstimmung macht sich breit. Es ist Sonntag vormittag und in den sozialen Netzwerken haben die Verabschiedungsrituale schon begonnen. Nur wenige können und wollen noch fighten, weil sie keinen haben, der ihren Kampf auf das Parkett trägt. Sonntag, 17 Uhr gegen den MBC.

Noch 5 Stunden bis zum letzten Heimspiel. 5 Stunden bis zum MBC. Nur noch 5 Stunden bis Spielbeginn. Nur noch 5 Stunden bis zu den bitteren Tränen? Nur noch 5 Stunden bevor die Uhr abgeschaltet wird?

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13 Gedanken zu „Fans am Rande des Nervenzusammenbruchs – Part 2

  1. Danke für diesen Eintrag.
    Er berührt mich, er nimmt mich mit…verstehen das eure Spieler/Trainer/Manager?
    Ich werde bei einem unbedeutenden Spiel sehr viel auf den livescore eines Spiels schauen, für dessen Fans ich seit meiner Studienzeit Sympathien hege…was meist sehr wenige verstehen :-)
    Vielleicht auch nur, weil ich selbst Anhänger einer Mannschaft bin, deren Anhängerschaft bei SD neulich so ungefähr als Bodensatz der Basketball-Fans bezeichnet wurde…
    Viel Glück und hoffentlich verstehen alle Spieler, was BB in der BBL für Giessen bedeutet, wenigstens heute nochmal…

  2. OSB …. dieser Beitrag, das ist Herzblut und Leidenschaft. RESPEKT!

    Doch vermutlich wird es ein bitterer Abend werden, denn euren Kistenschlepper traue ich zu ……… die vergeigen das Spiel komplett.

  3. Gießen, der Dino. Immer wieder? Beinahe scheint es, als sei das noch das Einzige, was man mit Gießen verbindet. Der Dino ist einmal abgestiegen, aber nur, weil jemand schummelte. Doch noch Dino. Wieder abgestiegen, aber es fehlte jemand. Und so überzeugte man mit Dino-Image und war wieder dabei, wieder Dino. Jetzt droht der dritte Abstieg, der der erste werden könnte, der zählt. Die Uhr gäbe es dann nicht mehr. Der Dino wäre tot.

    Die 46ers wären es noch lange nicht. Ein Abstieg muss kein Abschied auf immer sein. Manchmal kann er helfen. Dem Verein, sich neu aufzustellen. Neue Visionen zu entwickeln. Eine neue Identität jenseits des Dino-Images. Eigentlich brauchen die 46ers das nicht. Der Verein hat sich nach all den finanziellen Querelen mit Syring sehr gut aufgestellt. Auch ohne Dino-Quatsch hat man eine Identität, die vor allem durch die Fans bestimmt wird. Einzig sportlich ist mir nicht klar, was der Verein will bzw. was er soll. In einer 16 oder 18-Diskussion, wäre Gießen bei mir in der Braucht-eigentlich-kein-Mensch-Gruppe. Trotz Syring, trotz Fans. Sportlich stehen sie für mich für nichts. Vielleicht hilft da ein Abstieg. In der ProA braucht man ambitionierte Ziele, vermutlich klappt der Wiederaufstieg nicht sofort. Ambitionen, gab es sowas in den letzten zwei, drei Jahren in Gießen überhaupt.

    Auch den Fans tut ein Abstieg vielleicht gut. Die Wahrscheinlichkeit, dass man ein Team bekommt, was wieder Gießen repräsentiert, dürfte wohl größer sein als im nächsten BBL-Abstiegskampf-Jahr. ProA-Hallen sind für viele vermutlich eh die attraktiveren Hallen. Dazu gäbe es noch ein paar Siege zu feiern.

    Also wenn alles schief geht: Vielleicht hat so ein Betriebsausflug in Liga 2 auch etwas gutes. Könnt ja wiederkommen. Der MBC kam zurück, Bayreuth kam zurück. Vielleicht ist es diesmal an euch, zurückzukommen. Und ich wette, die Aufstiegsparty wird legendär…

  4. wenns man es genau nimmt, sind die 46ers ja nichtmehr wirklich unabgestiegen, die wildcard haben sie ja als offizieller abstieger bekommen nachdem klar war, daß für die neue saison 1 team zu wenig in der BBL spielt.
    als langzeitbegleiter des FCN kann/muß ich mich inzwischen damit abfinden, daß man 2-3 jahre tolle arbeit leistet und dann halt mal wieder 1 jahr pause im unterhaus einschiebt ;D
    für gießen wäre ein gang in die ProA jetzt nicht wirklich das ende der welt, zusammenraufen und mit klarem konzept neu angreifen.

    an OSB direkt gefragt, war denn das it dem kämpfen etc wirklich immer so gegeben oder lief es manchmal einfach nur einen tick besser(so rein erfolgstechnisch) und das ganze wird rückblickend verklärt?
    gerade im abstiegsjahr muß es doch ähnliche kraft-/kampflose heimspiele gegeben habe, sonst wäre man ja nicht abgestiegen.

    das alles bei seite, ein sehr schöner artike.
    insofern hoffe ich auch wenns evtl. gen ProA geht auf weitere blogbeiträge dieser güte.
    augen zu und durch!

    • In der Abstiegssaison hatten wir hier massive Geldprobleme – dementsprechend sah der Kader aus. Da war eher Unvermögen ein Problem, als Unlust. Die Spieler waren damals auch alle hier voll integriert im Gegensatz zu großen Teilen der jetzigen Truppe. Das, dieses Jahr, dürfte die talentierteste Bande gewesen sein, die hier seit 2005 rumgeturnt ist und das ist das Problem. Ich sag mal so: Peacock spielt Sonntag zum ersten mal seit Monaten wie er spielen kann (für seine letztwöchigen Verhältnisse also wie ein junger Gott) macht 22 Punkte und 15 oder was weiß ich Rebounds, davon 9 offensiv und der Trainer sagt über ihn in der PK: er ist eben faul und manchmal nicht frisch. Sorry, aber so was hats hier noch nie gegeben. Vor allem hat diese Einstellung von einigen auf viele übergegriffen und kostet uns vielleicht den Kopf. Das ist es was hier keiner akzeptieren kann. Fighten bis aufs Blut, aber nicht besser können, das hat hier noch keinen gestört. Solche Gräben zwischen Spielern und Fans hatten wir hier noch nie und das hat genau darin seinen Grund. Wenn die Jungs kämpfen stehen 4000 Mann hinter ihnen, so wie gestern. Wenn nicht, haben sie ein Problem und bekommen das auch ganz direkt zu hören. Wenn wir absteigen, wollte ich eigentlich meine Kündigung einreichen. Der Chef muß mir aber noch sagen, was die Fristen sind, finde meinen Arbeitsvertrag grad nicht.

  5. „Es gibt Leute, die denken (Basket)ball ist eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist.“ Könnte man in Anlehnung an Bill Shankly angesichts dieses ergreifenden Beitrags von osb sagen. Aber, gerade wenn es so ernst ist, ist die Frage eines Neuanfangs eine Liga tiefer sicher eine Option. Mir fallen da spontan unsere Damen ein, die auch vor zwei Jahren in der DBBL sportlich und noch mehr finanziell in Schwierigkeiten waren und in der Regio wieder anfangen mußten. Schon dieses Jahr sind sie mit einem jungen, begeisternden Team wieder in die zweite Liga aufgestiegen und erfreuen sich trotz ziemlicher Dominanz der BBL-Herren einer treuen Anhängerschaft. Wobei sicher dieser Vergleich (wie auch fast alle anderen) hinkt.
    Vielleicht geht ja heut noch was. Falls ja, würden die Veilchen am kommenden Wochenende versuchen, den MBC dorthin zu befördern, wo er hergekommen ist. Eigentlich ja im eigenen Interesse — aber auch so ein bißchen für Gießen!

  6. Outing:
    Ich bin Fußballer!
    Mit Herz und mit Verstand! (Ja, das gibts im Fußball!)
    Heute habe ich wieder das erleben dürfen. warum ich mich vor ein paar Jahren in den Basketball verliebt habe und warum ich seit 2005 in eine Dauerkarte für die Osthalle habe: Leidenschaft, Emotionen, Kampf, Nervenkitzel!,

    Frak, jetzt habe ich vergessen, was ich schreiben wollte….

    • :D ….Meddes…au man. :-* was für ein Kampf – auf dem Feld und den Tribünen. Kaum zu glauben.

  7. @guwac und rake:

    Streitet euch nicht!

    Ohne mich wichtig machen zu wollen – ihr könnt ja nochmal nachlesen, was ich auf dieser Seite unter „Alba – Gießen“ vor einer Woche verzapft habe… ;-)

    In diesem Zusammenhang:

    OSB, im Nachhinein nochmal sorry. So ein Beitrag wie oben ist allemal interessanter und „wichtiger“ als ein blabla zu einem unbedeutenden Spül wie AB-Gi, zumal wenn er so gelungen daherkommt.

    War ja sicher nicht beabsichtigt, literarisch Hochgestochenes zu produzieren, aber womöglich erzeugt so ein Psychodruck die besten(?), jedenfalls intensivsten Beiträge.

    Außerdem is ja auch noch allet jut jejangen… (Na, fast. In die Veilchen habe ich da schon Vertrauen.)

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