Blogauskas #11 – Jeder hat das Recht, ein Basketballspiel zu gewinnen

Litauenfan

Litauenfan

Auf der anderen Seite des kleinen Flüßchens Vilnia gibt es hier in der Hauptstadt Vilnius einen kleinen Stadtteil (damals ein Vorort) namens Užupis. Früher eine der heruntergekommensten und ärmsten Gegenden der Stadt, hat sich hier direkt nach der Unabhängigkeit Litauens von der UdSSR eine Art Künstlerkolonie, ein wenig wie Montmartre in Paris nur in klein, gebildet. Einer der Künstler wachte wohl auf und fühlte sich wie ein Präsident, also wurde er einer, erzählt man augenzwinkernd. Wahrscheinlich hat einfach jeder das verfassungsmässige Recht Präsident zu sein. Es wurde die „Freie Republik Užupis“ausgerufen, ein Denkmal für Frank Zappa errichtet, eine eigene Verfassung festgelegt, eine zwölfköpfige Armee (mangels Angstverbreitung schon wieder aufgelöst) gegründet. Das alles ist weniger Ernst zu nehmen, es stand eher eine Spaßguerilla denn eine politische Idee hinter dieser Staatsgründung, andererseits hält die kleine Republik den echten, großen durchaus einen kritisch-ironischenen Spiegel vor. Und seine Verfassung ist all das was eine Konstitution sein sollte: grundlegend, wichtig, richtig und witzig.

Auch Uzupis schaut heute: Lietuva-Vokietija 21Uhr

Auch Uzupis schaut heute: Lietuva-Vokietija 21Uhr

  • Jeder Mensch hat das Recht, beim Fluss Vilnia zu leben, und der Fluss Vilnia hat das Recht, an jedem vorbei zu fließen.
  • Jeder Mensch hat das Recht auf heißes Wasser, Heizung im Winter und ein gedecktes Dach.
  • Jeder Mensch hat das Recht zu sterben, aber das ist keine Pflicht.
  • Jeder Mensch hat das Recht, Fehler zu machen.
  • Jeder Mensch hat das Recht, einzigartig zu sein.
  • Jeder Mensch hat das Recht zu lieben.
  • Jeder Mensch hat das Recht, nicht geliebt zu werden, aber nicht notwendigerweise.
  • Jeder Mensch hat das Recht, gewöhnlich und unbekannt zu sein.
  • Jeder Mensch hat das Recht, faul zu sein.
  • Jeder Mensch hat das Recht, eine Katze zu lieben und für sie zu sorgen.
  • Jeder Mensch hat das Recht, nach dem Hund zu schauen, bis einer von beiden stirbt.
  • Ein Hund hat das Recht, ein Hund zu sein.
  • Eine Katze ist nicht verpflichtet, ihren Besitzer zu lieben, aber muss in Notzeiten helfen.
  • Manchmal hat jeder Mensch das Recht, seine Pflichten nicht zu kennen.
  • Jeder Mensch hat das Recht auf Zweifel, aber das ist keine Pflicht.
  • Jeder Mensch hat das Recht, glücklich zu sein.
  • Jeder Mensch hat das Recht, unglücklich zu sein.
  • Jeder Mensch hat das Recht, still zu sein.
  • Jeder Mensch hat das Recht zu vertrauen.
  • Niemand hat das Recht, Gewalt anzuwenden.
  • Jeder Mensch hat das Recht, für seine Unbedeutsamkeit dankbar zu sein.
  • Niemand hat das Recht, eine Ausgestaltung der Ewigkeit zu haben.
  • Jeder Mensch hat das Recht zu verstehen.
  • Jeder Mensch hat das Recht, nichts zu verstehen.
  • Jeder Mensch hat das Recht zu jeder Nationalität.
  • Jeder Mensch hat das Recht, seinen Geburtstag nicht zu feiern oder zu feiern.
  • Jeder Mensch sollte seinen Namen kennen.
  • Jeder Mensch kann teilen, was er besitzt.
  • Niemand kann teilen, was er nicht besitzt.
  • Jeder Mensch hat das Recht, Brüder, Schwestern und Eltern zu haben.
  • Jeder Mensch kann unabhängig sein.
  • Jeder Mensch ist für seine Freiheit verantwortlich.
  • Jeder Mensch hat das Recht zu weinen.
  • Jeder Mensch hat das Recht, missverstanden zu werden.
  • Niemand hat das Recht, jemand anderen die Schuld zu geben.
  • Jeder hat das Recht, individuell zu sein.
  • Jeder Mensch hat das Recht, keine Rechte zu haben.
  • Jeder Mensch hat das Recht, keine Angst zu haben.
  • Lass dich nicht unterkriegen!
  • Schlag nicht zurück!
  • Gib nicht auf!

Die letzten 3 passen für heute doch schon mal super. Wir möchten gern noch Artikel 42 hinzufügen: „Jeder hat das Recht ein Basketballspiel zu gewinnen!“

The Dörk

The Dörk

Die Hauptbürgerpflicht in Uzupis besteht offenbar darin, so viel wie möglich zu lächeln, wie uns gestern erläutert wurde. Wir tun unser bestes, auch wenn das Duell mit Litauen verschärftes Magenzwicken bereitet. Weniger wegen des übergroßen Respekts vor der litauischen Nationalmannschaft (jedoch auch dazu besteht bisweilen verschärfter Anlass), sondern weil wir zwar weiterkommen wollen zur Endrunde nach Kaunas, gleichzeitig aber auf gar keinen Fall möchten, dass Litauen heute ausscheidet. Das kann einfach niemand wollen – wir zu allerletzt, so assimiliert wie wir schon sind. Ausserdem gönnt man es den Litauern einfach, man kann gar nicht anders. Furchtbar bescheiden und immer die anderen Teams lobend tritt einem hier jeder gegenüber. Kaum ein Wort über die eigene Mannschaft. Dabei gäbe es gerade in Vilnius hierzu guten Grund, denn von hier stammt und hier spielt(e) bei Lietuvos Rytas bis zum NBA-Draft (Pick #5, Toronto Raptors) diesen Sommer, das neue wandelnde Nationalheiligtum, der erst 19 jährige Center Jonas Valančiūnas. Nach einem kometenhaften Aufstieg (führte seine Teams 2010 zu Gold bei der U18 EM und 2011 bei der U19 WM und war jeweils MVP dabei) scheint ihm jetzt auch der Sprung in die A-Nationalmannschaft nicht zu viel zu sein – er sieht wahrhaftig mit seinen 19 Jahren schon so aus, als wäre er immer schon da und macht erstaunlich wenig Fehler. Er hat keine Angst vor Gasols oder Noahs und Kristics (hier seine Highlights gegen Spanien) und ist bereits jetzt schon ein Augenschmaus auf Center, der viel vom Spiel versteht und doch noch unendlich viel Luft nach oben hat. Und seine eigene Hymne (Big V):

Goldmedaille

Goldmedaille

Gestern haben wir sogar schon die Medaillen gesehen und nachts dann einen amtlichen Feiersamstag mit litauischen Freunden hingelegt. Heute morgen verkatert aufgewacht – nicht nur wegen des leckeren Cider. Letzter litauischer Abschiedsgruß aus der Ferne in der Fußgängerzone letzte Nacht: „Good luck tomorrow“. Verblüfft drehen wir uns noch einmal um: „You too.“ Beim Frühstück ist es still, alle drehen und wenden die Rechenbeispiele in ihren Köpfen, wägen ab, was wie wahrscheinlich ist, wer wen schlagen kann. Ein Spieltag auf Biegen und Brechen steht an, wir würden am liebsten nicht hingehen. Aber es hilft nichts, los gehts. Die Türkei muss jetzt gegen Serbien gewinnen (etwas, was ich ihnen leider absolut nicht zutraue) und dann müssen die Deutschen gegen Litauen gewinnen (vor der Kulisse eine wahre Monsteraufgabe – und das ist noch untertrieben), damit Litauen und D weiter sind und die Türkei und Serbien draussen. Dass ist das einzig mögliche Szenario, das uns wirklich glücklich machen würde, so irre unwahrscheinlich es auch ist (alle Möglichkeiten hier nachzulesen).

Aber wir fordern hier und jetzt unsere uzupischen verfassungsmässigen Rechte ein: Wir möchten ein Basketballspiel gewinnen und glücklich sein. Geht das bitte, bitte?

Omma Margot sacht: Das erschte Moal, dass ich was hör auch ohne Batterien. Un die deutschen Buben müssen kämpfen als wie ich, wenn ich mit em Rollator die Treppe hoch will.

osbaite grüßt mit Stein im Magen aus Vilnius und wünscht Litauen und Deutschland viel Glück!!!

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2 Gedanken zu „Blogauskas #11 – Jeder hat das Recht, ein Basketballspiel zu gewinnen

  1. …Nein. Ich finde keine Worte. Hoffnungslos.

    Der Begründer und Präsident von Uzupis hat 2001 einen kleinen Film als Ode an sein Viertel gedreht bzw. drehen lassen:



  2. Tja. Hier vor dem Fernseher sehen wir, wie das Nationalheiligtum mit Jagla aneinander gerät. Der eine als Bankspieler erschreckend blass, der andere vernascht den starken Kaman. Das vierte Viertel läuft und euer Leiden in der Halle nach rund zwei Wochen Basketball können wir Daheimgebliebenen wohl nur schwer nachvollziehen. Ausgleich durch Kaman, aber wird das noch reichen? Elf Punkte in sechs MInuten? Vielleicht brauchen wir das Dauerlächeln der Republik Uzupis, mantrahaftes Vorsagen der Gebote 39 bis 41. Und 42 stimmt auch: Jeder hat das Recht, ein Basketballspiel zu gewinnen. Litauen auch und die litauischen Fans mit ihrer freundlichen, ehrlichen Basketballbegeisterung ganz besonders. So scheidet man dann doch mit einem lachenden Auge aus. Und Buschis Schirischelte, über die müssen wir heute einfach mal weghören. Jasikevicius auf Valanciunas, der posterized Dirk und Chris. Wer so Basketball feiert, der hat jedes Recht, so ein Spiel zu gewinnen. Verloren haben wir die Olympiaquali in anderen Spielen. Wenn man am Ende gegen den Gastgeber mit 11 gewinnen muss, dann es der Zug schon abgefahren. Aber Heiko, der ist schon ne coole und furchtlose Sau…

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