Kellerkinder aus Hagen, Weißenfels und anderswo

Ach hätte ich heute morgen doch hier meine unsortierten Gedanken zum Spiel von gestern, ALBA vs. Hagen geposted. Dann hätte ich die Haue auf schoenen-dunk als Interaktion verbuchen können. Was ist geschehen?

Das ALBA gestern begeisternden Basketball gespielt hat, mit Sinn und Verstand, wie unser alter Bekannter und mein neuer Mitblogger peterzwei kürzlich schrieb, hat jeder gesehen. Das regt keinen auf. Selbst Arroganz wird uns Fans nur in Maßen nachgesagt, weil wir’s ja selbst nicht glauben können, wie’s grad läuft.

Nein, auf die Nase bekam ich für meine flapsigen Ausführen zum gestrigen Gegner, der mit 42 Punkten aus der Halle gefegt wurde. Was es war, das ich schrieb?

Hagen hatte wenig entgegenzusetzen. Klar, die können bestimmt den einen oder anderen Gegner überrollen. Die sind extrem flink und auch Sasa tobte mal, als die Transition nicht klappte. Aber letztlich lebt diese Mannschaft vom „besser treffen als der Gegner“. Schöner Basketball ist anders. Großes Talent läuft da nicht herum. Die bislang eingefahrenen zwei Siege auf vier Spielen sind möglicherweise schon 20 % des Saisonsolls (10 Siege, denn gegen Gießen hat man ja schon verloren)… Dennoch: Hess ist eigentlich zu gut für die Hagener. Ole Wendt macht sich als Pointguard durchaus solide und darf da gerne viele Minuten abgreifen. Angstfrei, nicht immer ganz clever. Und der Storch brannte zu Beginn des Spiels auch ein kleines Stohfeuer ab. Schoo kann zwar nicht viel, ne Kante isser trotzdem. Sein +/- ist das beste des Hagener Teams…

Richtig gelesen, ich halte für einen Abstiegskandidaten. Hagen hat nicht die besten Spieler der Welt und insbesondere als Team nicht den Willen zu verteidigen. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten machen sie einiges draus. Mein Basketball ist das Pferderennen nicht und trotzdem finde ich, dass ein Ole Wendt in seiner ersten Profisaison in der BBL einen guten Job macht, sich vielleicht auch für höheres empfiehlt. Kruel und Schoo sind immerhin zwei echte Center.

Und ja, ich stehe dazu, dass Adam Hess zu gut für dieses Team und diesen Stil ist. Adam Hess hat in den letzten Jahren über 60 % 2er und 40 % 3er geworfen. Jetzt in Hagen wirft er je 20 Prozentpunkte weniger. Das spricht Bände darüber, wie hier die Fähigkeiten eines Spielers ungenutzt bleiben. Ja, er muss mehr werfen, aber mehr Punkte gibt es trotzdem nicht.

Wenn der Hagener Manager fast mitleiderheischend in DerWesten meint:

„Die haben einfach nicht aufgehört, auch als wir unsere Nachwuchsspieler auf dem Feld hatten“, sagte Herkelmann.

Die Feuervögel haben schon irgendwie ihren Platz in der Liga. Kellerkinder gehören dazu. Ich sage bewusst Kellerkinder und zitiere nicht Degenhardt. Wirtschaftlich und sportilch ist für Teams wie Hagen nicht mehr drin. Mal mag es eine rauschende Saison geben, in der man an den Playoffs schnuppert. Aber ansonsten ist es das Brot und Buttergeschäft, der Liga zu 34 Spieltagen und sich selbst zum Klassenerhalt zu verhelfen.

ALBA hat in Anbetracht der Doppelbelastung des europäischen Geschäfts die einzig richtige Heimspielantwort gegeben: Von Anfang an feste Druff, zur Halbzeit mit 60:35 oder so weggezogen und den Gegner damit demoralisiert. Andere Strategien sind in der Vergangenheit wunderbar fehlgeschlagen.

Übrigens will die Liga wohl zukünftig  echte Absteiger (und logischerweise auch Wiederaufsteiger) haben und macht Wildcards teuer.

Was Aufsteiger können, die gleichfalls mit einem festen Platz im Tabellenkeller und dem Ziel „Vermeidung des Wiederabstiegs“ beginnen,  hat der MBC heute gezeigt. In der Vorbereitung noch die Berliner geschlagen, angstfrei und energisch aufgespielt. Heute dann den großen FC Bayern, dessen Starspieler wohl einzeln an die Starting Five der Weißenfelser kosten dürften, am Rande einer Niederlage gehabt. Aber doch nur am Rande, mag man fragen. Nein, es lag nicht an die Schiris, wenngleich die dem MBC das Leben nicht leichter gemacht haben.

Im Ergebnis lag es am Klassenunterschied. Der FC Bayern mietet sein spielendes Personal eben dann eben doch Belle-Etage und MBC findet zwar ein paar Perlen im Hinterhaus, doch Defizite bleiben. Wenn der isländische Star 2:1 kopflos zieht und bei +10 leichte Punkte verschenkt und im Gegenzug der israelische Nationalspieler für die Bayern klug einen Mitspieler in Szene setzt und Rice eine One-Man-Show hinlegt, spürt man dann doch, dass Geld Siege kaufen kann. So einfach ist das.

Nur was man ganz offensichtlich nicht mit Geld kaufen kann, dass ist Leidenschaft, Begeisterung und Zusammenspiel. Das fehlte den Bayern heute abermals und hiervon hatte der MBC genug, um die großen Bayern zu ärgern. Mit gar nicht so klammheimlicher Freude erfüllt es mich, dass der FC Bayern gegenwärtig verliert. Die werden noch kommen, ob nun mit neuem Coach oder mit dem gegenwärtigen… aber die Punkte die jetzt auf der Strecke bleiben, die kommen diese Saison nicht zurück.

Was mich gerade an den kleinen Mannschaften ungemein freut, das ist, dass wir neue Gesichter auf Erstligaparkett, junge Talente zu sehen bekommen. Der ehemalige Paderborner NBBL-Star Ole Wendt nun in Hagen, Malte Schwarz aus Hagen zum MBC gewechselt. Dagegen glänzen etablierte Nationalmannschaftsspieler wie Robin Benzing (heute 0 Punkte, 17% aus dem Feld in dieser Saison) gegenwärtig eher weniger.

Ein Beitrag zu Kellerkindern ist nicht vollständig, wenn man nicht auch Gießen nennt. Gießen, das sind die mit den besonderen Fans. Am ersten Spieltag stand ich auf dem Balkon der o2 world und eine Hessen fluchte jubelnd ob des sich abzeichnenden Sieges gegen Hagen, dass sie die letzten Jahre die Osthalle ja nur noch weinend verlassen habe und jetzt, wo sie (mal?) in Berlin sei, Gießen gewinnt. Nun ja, die Hoffnung war ein zarter Keim. Nachdem Bremerhaven (Zwiener 12p, 100%)  die Osthölle am Sonntag mit 34 Punkten nahm, und nur mehr knapp 3000 Zuschauer kamen, scheint dort das zu zerbrechen, was sie ausgemacht hat. Es wäre traurig.

Doch sicherlich gehört Auf- und Abstieg, das Lästern der Großen über die lästigen Spiele gegen die Kleinen (und die Freude am Kantersieg). Wichtiger noch ist wohl die echte und anhaltende Freude der Kleinen über den Sieg gegen den Großen, die legendäre Geschichte des Upset oder des Nichtabstiegs am letzten Spieltag. All dies gehört zu einer Liga dazu.

Wer mich heute früh so interpretierte, dass ich bestimmte Stile oder Teams nicht in der Liga sehen will, irrt. Klar, ich glaube, dass 18 Teams mittlerweile zwei zu viel sind. Sicher, ich mag manche Stile – unabhängig davon wo sie nun sportlich angesiedelt sind – nicht. Dennoch gehört der bunte Mix, das oben und unten, die Überraschung und das Scheitern  gerade zu einer Liga dazu. Klingt sozialromatisch wie die Berliner Mischung, kann im Sport aber nicht weggentrifiziert werden, ohne den Sport abzuschaffen.

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4 Gedanken zu „Kellerkinder aus Hagen, Weißenfels und anderswo

  1. Obwohl Hagen-Fan, muss ich Dir in vielen Punkten Recht geben. Hagen muss leider versuchen aus den knappen Mitteln das Beste rauszuholen. Und da „Streetballer“ nun mal billiger zu haben sind, als defensiv-starke Spezialisten mit hohem BB-IQ sind wir darauf angewiesen, die Spiele durch Kampf, einer hohen Trefferquote und eventuell mehr Willen zu gewinnen (siehe die letzten beiden Jahre zu Hause gegen ALBA, wovon wir hagener Kellerkinder noch heute zehren müssen). Wenn das nicht passt, gehen wir, wie jetzt gegen Berlin und sicherlich noch das ein oder andere Mal in dieser Saison bitterlich unter….
    In einem Punkt muss ich Dir aber widersprechen: Adam Hess ist sicherlich nicht „zu gut für Hagen“. Wenn Du schreibst, dass seine Quoten um 20%-Punkte runter gegangen sind ist das wohl nur eine temporäre Momentaufnahme nach 4 Spielen. Er wird sich (hoffentlich) noch auf seine alten Werte steigern und bringt uns schon jetzt viel (so wie Jonusas in den letzten Jahren).

    • Genau diese Hoffnung in Bezug auf Hess teile ich nicht. Jonusas und Hess sind sich m.E. nicht so ähnlich, dass die Rechnung aufgeht.

      Dabei war Herkelmanns trotzige Ansage hinsichtlich Jonusas ja klar: wir lassen ihn nur gehen, wenn ihr uns so kompensiert, dass wir jemanden besseres verpflichten können. Nur dass ein alternder Hess, der trotz deutschem Pass anderswo nicht unterkam, der fuer sich kreierende Star und Heilsbringer im Alleingang sein soll? Ich hätte ihn als Edelreservisten oder achten Mann im oberen Drittel erwartet. Doch offenkundig sah er sich selbst anders.

  2. Ich muss diesen Beitrag doch nach nun rund 1/4 Jahr noch einmal ans Licht zerren. Ich freue mich, dass ich mit den meisten meiner damaligen Aussagen Recht behalten habe: 1.Unser Team hat tatsächlich einige DERBE Schlappen kassieren müssen (gut, das freut mich natürlich nicht, ich hatte es aber befürchtet) 2. Der gute Adam Hess hat sich zu einer tragenden Säule unseres mittlerweile recht gut funktionierenden Teams gemausert, incl. deutlich gesteigerter Trefferquoten, welche zwar nicht mit den Quoten seiner letzten Saison zu vergleichen sind, aber immerhin ziemlich identisch seiner 2010/11er-Saison (Link zu BBL-Stats: http://k-urz.de/abd ).
    Seine ansteigende Formkurve ist vermutlich auch dadurch begründet, dass er sich in Hagen einfach sauwohl fühlt! :-)
    Und eventuell hast Du (zumindest in dieser Saison) Unrecht, wenn Du Hagen als „Kellerkind“ bezeichnest, mit viiiiiiiiiel Glück kratzen wir in dieser Saison an den Playoffs (auch wenn ich uns da noch nicht wirklich sehe, aber träumen darf man ja mal…)

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