plog #10 – Freistil statt Freischwimmer

plog_kl(OSB schreibt) Gefordert war der Freischwimmer, bekommen haben sie Freistil – und zwar im Ringen.

Merke: Letten sind nur so lange lustig, wie man nicht gegen sie spielen muß und damit ist nicht nur das Spielfeld unten gemeint. Aber auch da ist es seltsam anders als zuvor.

Irgendwas hatten die weinroten Jungs heute früh im Hotel in ihrem kollektiven Müsli. Montag und Dienstag haben die deutschen Fans noch das lettische Herz und den Kampfgeist bewundert und waren eigentlich nur aus taktischen Gründen für den jeweiligen Gegner. Und Lettland spielte gegen FRA und RUS wirklich gut, es machte sogar so viel Spaß zuzuschauen, so dass der ein oder andere BBL-Manager sich laut Kaspars Kambala fürs eigene Team wünscht. Leider ist heute Mittwoch und irgendwas hab ich verpasst. Die Atmosphäre ist aufgeheizt bis unters Dach und geht teilweise bis tief runter unter die Gürtellinie, die fröhliche Partystimmung ist weg. „Alles unter 5 Promille verlässt die Halle“ ruft jemand und die Deutschen packen ihre Sachen, aber das ist nur halb als Spaß gemeint. Nur der Vollständigkeit halber berichte ich jetzt von Nazigruß und Pfiffen während unserer Hymne, dummen Sprüchen und der schnurrbärtige Herr von Mo. und Di. hinter uns, trägt jetzt Hitlerbärtchen. Ich beiß mir auf die Lippe und – Verzeihung – es kotzt mich an, wenn Fans, egal woher, den Sport als Bühne für ihre eigene politische Tumbheit missbrauchen. Jetzt aber genug davon, sonst bekommen solche Leute mehr Aufmerksamkeit, als sie verdienen und es waren ja beileibe nicht alle Letten so. Ein sehr nettes Päarchen entschuldigt sich bei uns.

Beliebtester lettischer Merchandisingartikel sind rote Boxhandschuhe und das nicht ohne Grund, denn auf dem Feld geht’s heute richtig ab. Femerlings Nase fängt sich gleich eingangs einen Ellenbogen (ohne Absicht) und blutet, er muß erstmal raus. Spätestens ab da ist klar, daß wird ne lange (Box)Nacht im DSF. Benzing und Harris holen sich bei Bauermann abwechselnd Trost und deutliche Aufforderungen zu mehr internationaler Härte ab. Auch Ohlbrecht zahlt ganz schnell Lehrgeld. Da sind sie endlich die Welpen, die Buschi uns so lange versprochen hat zu kriegen und er sieht jetzt, wie seine „jungen Hunde“, aber auch die Altgedienten verdroschen werden und kaum legale Mittel finden sich zu wehren. Das Spiel macht keinen Spaß, es ist bestenfalls ein Heavyweight-Boxkampf über 15 Runden. Ich schätze die Kameras habens nicht gesehen, daß Kambala beim Gang zur Auswechslung Jan Jagla sein Oberarmtattoo aufs Brustbein kopiert. Der Schiedsrichter konnte es sehen, pfeift aber nicht. Die drei Herren in Grau haben schon geraume Zeit Mühe, nicht die Kontrolle über das Spiel zu verlieren. Jagla regt sich zu Recht auf, aber anders als sonst beschließt er wohl, es diesmal richtig zu machen und nicht wie vorher, mit sich und der Welt zu hadern, sondern es mit basketballerischen Mitteln heimzuzahlen. Wir liegen hinten, -11 und sind raus aus dem Turnier, Lettland jubelt und skandiert. Jan Jagla nimmt allen Mut (und bestimmt eine gehörige Portion Wut) zusammen und ein Dreier von hinter der Birne zischt durchs Netz – es wird endlich leise. Minus 8 und wir sind wieder mittendrin im Turnier. Aus Deutschland simst es, dass wir minus 7 brauchen, ich hatte im Kopf was anderes errechnet, aber das ist jetzt auch schon egal. 2 eiskalte Freiwürfe später, ganz allein drüber in der lettischen Hälfte, hat Jagla nämlich seine verdiente Genugtuung und mit ihm die ganze Mannschaft und alle Fans.

Selten so laut über eine Niederlage gejubelt.
Deutschland hat zugegeben schlecht gespielt, vielleicht den „Sieg“ nicht verdient, aber diese Letten ganz bestimmt auch nicht.

Umso süßer die Revanche unten auf dem Feld. Die deutschen Spieler freuen sich wie verrückt und Sven Schultze ist kurz davor die Tribünen hochzuklettern. Geballte Fäuste, Freude und Erleichterung beim DBB-Tross.

Wir wollen die Mannschaft hinten am Ausgang feiern wie schon gestern gegen Russland. Auch das ist heute anders. Verdammter Mist. Irgendwas passiert gerade da drin. Polizei und Security marschieren auf, die lettischen Fans buhen und pfeifen alles aus, was nen kleinen Adler auf der Brust trägt und sei es nur der Zeugwart. Es dauert ewig aber keiner kommt raus. Die Security geht rein und holt Steffen Hamann alleine. Durch die Letten hindurch geht’s ab zu einem Auto und zum Zahnarzt. Kambalas Ellenbogen. Schon wieder. Steffen lacht noch und winkt rüber, hoffentlich ist es nicht so schlimm. Der Rest der Mannschaft wird schnell in den Bus verfrachtet und kann sich hinter den getönten Scheiben noch feiern lassen, aber auch die Fanfreude ist nicht so wie sie sein sollte. Ein Spieler sagt noch: „Irgendwas läuft hier ganz gewaltig schief“. Stimmt.

Später setze ich mich allein im Dunkeln ans Meer und ärgere mich erstmal. Freude kommt nicht so richtig auf. Das war doch kein Basketballspiel, sondern eine Prügelei, aber ich hoffe daß die Adlerküken außer massig blauen Flecken, noch etwas anderes für die Zukunft mitgenommen haben. Solche Spiele muß man auch einmal gespielt haben und die Blutergüsse zahlen sich in Erfahrung aus. Die 6-Punkte Niederlage heute ist vielleicht wertvoller als der Sieg gegen Russland. Auch die Dummpolitisierung meines geliebten Sports ärgert mich maßlos, denn ich sitz da im Sand und weiß, der plog hier wird auch deswegen ganz ganz anders als ich wollte.

Der Tequila Sunrise brennt auf der aufgebissenen Lippe, schmeckt aber trotzdem um so süßer.
Die Sonne geht verdammt früh auf hier, ein paar Längengrade weiter östlich, und als langsam schwarz(rotgold) zu blau wird, ist die Frage: Bydgoszcz oder Hause?

Oldschoolballer lässt grüßen

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11 Gedanken zu „plog #10 – Freistil statt Freischwimmer

  1. Du wirst hiermit dienstverpflichtet, einen Dauer-Blog für die kommende Saison zu schreiben. Oder noch besser: Hallo Basketballmagazine! Hier ist jemand, dem Ihr unbedingt einen Vertrag anbieten solltet!

  2. klasse der abschluß mit schwarz zu blau, im licht des neuen tages wirkt alles dann doch irgendwie positiver.
    wobei man könnte auch eine referenz auf die sich bildenden blauen flecken der schwarz(rotgüldenen)spieler herauslesen :D

  3. ich weiß nciht wo du das gelernt hast, es ist aber eigentlich auch egal. Super!!! Wie ist es denn so in Polen?;) Die Forward wär doch was! Klopf dort mal an! Das du jeden tag 10 Followers bekommst, sagt ja schon alles:) Aber wie sagte ein Erfurter Kellner neulich, als ich das Essen als sehr sehr lecker beschrieb? -Das darf ich denen von der Küche nicht sagen, sonst werden die noch hochnäßig!
    Danke und mach so weiter!

  4. Ich dachte immer, dass mit wachsender Qualität des europäischen Basketballs auch die Spiele besser werden. Das war bisher auch so.

    Gestern aber der Rückschritt. Mann, das war mal alles ausser Basketball.

    Die Jungs haben es verdient. Toll gewehrt!

  5. Na, das hat man schon durch den TV gesehen das das gestern alles andere als BB war. Wir haben damals eine änliche Situation erlebt als Ulm damals 2. Liga Süd gespielt hat und wir in Chemnitz zu Gast waren. Nur nicht DE-Littauen sondern eben OST-WEST…. war irgendwie ein krass trauriges Erlebnis. Das waren nur ein paar „hängengebliebene“ die einen den ganzen Spass an der Sache nahmen. Später hatten wir mit ein paar „internet-SD-Fangenossen“ zu 100% Spass – vor und nach dem Spiel. Ich kann daher gut verstehen wie ihr euch gefühlt habt. Das ist schade.

    Das beweist aber mal wieder das solche Dinge leider auch im BB vorkommen :(

  6. so, zurück aus polen und ein kleiner nachtrag – wir hatten mit unseren lettischen sitznachbarn anscheinend mehr glück. gut ge“fachsimpelt“, mit den jeweiligen teams mitgelitten und am ende trotzdem fair auseinander gegangen… war aber vielleicht auch nicht so wild, weil man sich morgens auf dem campingplatz bereits über den weg gelaufen ist und auch auf der obligatorischen hafenrundfahrt das schiff teilen durfte. insofern also als ergänzung ein etwas anderer eindruck von den letten!

    • Es ist wahrscheinlich einfach wie in jeder Fangruppe… Bei manchen wird es unangenehm bierseelig ernst, bei anderen steht der Sport im Fordergrund.

  7. http://www.basket.lv/viriesu_izlase/news/2977

    Hier die Originalmeldung vom lettischen Verband.
    Ohne zu wissen, was da jetzt genau alles vorgefallen ist, ist es natürlich schwierig die Reaktion einzuordnen.

    Positiv finde ich die explizite Erwähnung und Verurteilung von Kambalas Aktion gegen Hamann sowie die Aussage, dass die Sperre durch die FIBA vollkommen gerechtfertigt ist. „Normal“ wäre es ja, sowas totzuschweigen.

    • absolut.
      Der Verband verhält sich vorbildlich. Trotzdem muß ja offenbar intern einiges vorgefallen sein. Schade drum, denn die Jungs können ja richtig spielen und sind keine alberne Zirkustruppe. Wirklich schade drum auch für die mind. 90% netten Fans.

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