Juristenlyrik – Wir zahlen auch wenn tot oder talentfrei.

Juristen prokrastinieren manchmal merkwürdig. Heute: Ausgewählte Vertragsklauseln und Versatzstücke aus einer Rundschau durch die aktuellen Schiedssprüche des FIBA Arbitral Tribunals, kurz FAT. Im O-Ton und ein wenig kommentiert.

Ein caveat: Die Verträge, die vor dem FAT landen, sind natürlich in der Regel solche mit Clubs, denen man von Haus aus schon nicht traut, dass sie rechtzeitig bezahlen oder fair spielen und wo dann auch das Kind in den Brunnen fällt. Griechen, Italiener, Slowenen und Türken… nein, keine Klischees, fragt mal Sven S., Steven A. und andere Legionäre.

Nicht nur der griechische Staat ist pleite, auch ALBAs letztjähriger Qualischreck Maroussi ist arm dran. Die gibt’s zwar momentan noch, aber sie mussten nicht nur aus der diesjährigen Euroleague-Quali sondern auch dem griechischen Pokal zurückziehen. Wenn Jan Pommer also stolz verkündet, dass die Offseason-Insolvenz bei Düsseldorf kein Problem sondern ein Beispiel für tolles Turnaround-Management ist, dann hat er wohl Recht. Die haben zwar rudelweise Amis eingeflogen, die niemand kennt, aber Murat und Euroleague-Sponsor Turkish Airlines werden das Ding gloria-like bis zum Abstieg wuppen… aber ich lenke ab.

Mazzon vs. Aris Thessaloniki – FAT nullnullneunundsiebzig aus nullneun

So robust, wie die Griechen sich gegen uns letzte Saison im Eurocup gezeigt haben, so robust stehen sie auch vor (Schieds-)Gericht.

Andrea Mazzon, italienischer Erfolgscoach, Liebling des Präsidenten. Er kam zur Saison 08/09 und wurde im Oktober 2009 gegangen. Dummerweise reicht auch einem Schiedsgericht eine Kündigungsankündigung zwischen den Zeilen auf der Webseite „The Hoop“ nicht. Wenn du’s nicht beweisen kannst, wurdest du nicht gekündigt, dann war’s einvernehlich… Jaaaa, der deutsche Zivilist mag  sich hier wundern, Rosenberg’sche Formel und so, aber Vertragsrecht vor dem FAT ist eben equity (ex aequo et bono) pur. „Recht“ gilt da nicht, nur Bauchgefühl, pardon „Gerechtigkeit“:

“Unless the parties have agreed otherwise the Arbitrator shall decide the dispute ex aequo et bono, applying general considerations of justice and fairness without reference to any particular national or international law. When deciding ex aequo et bono, the arbitrators pursue a conception of justice which is not inspired by the rules of law which are in force and which might even be contrary to those rules.”

Ach so, der entscheidende Absatz zur Sache gehört natürlich auch dazu:

The Arbitrator asked the Claimants [Mazzon und Agenten]… to “provide evidence that the Respondent terminated the contractual relationship between the Claimants and the Respondent [Aris] unilaterally and that it was not terminated by mutual consent.” In their response … the Claimants provided a news article taken from the website ‘The Hoop’, dated 2 October 2009. The article implies that if the Club does not win its next game, the Club may replace Claimant 1 with another coach. The Arbitrator finds that this is not sufficient evidence that the Respondent terminated the contractual relationship unilaterally and thus that the Claimants have not proven that the contractual relationship was terminated unilaterally.“

Hätte mich mein Amtsrichter für sowas mit dem Aktendeckel aus dem Amtszimmer gejagt, oder trägt wirklich der auf Erfüllung klagende Coach die Beweislast für die fristlose Kündigung? Wer mag, kann das in bester Udo-Vetter-Fangroup-Manier in den Kommentaren ausdiskutieren.

Das war jetzt alles vielleicht etwas mehr für die Juristen unter den Lesern. Amüsant ist eher ein anderer Aspekt. Es gab da irgendwie zwei Verträge, den ersten über rund 200.000 € im Jahr und einen zweiten, etwas später abgeschlossen, für knapp die Hälfte. Zahlungen waren sowieso nicht regelmäßig, aber letztlich näher am Gehalt des ersten Vertrags dran. Nur wo kamen die her? Na woher wohl, aus der Tasche des Präsidenten…

Secondly, the Arbitrator notes that there is a large discrepancy between the Coach’s salary for the 2008/09 season as set out in the First Contract (EUR 215,000.00) and as set out in the Second Contract (EUR 112,800.00). The Claimants have supplied evidence that the Coach actually received irregular, and often late, bi-monthly payments which totaled EUR 174,000.00. … The Respondent submits that the Club only paid the Coach the wages set out in the Second Contract and that any additional amounts were paid by the President of the Club, who had a personal friendship with the Coach. The Arbitrator finds that the effect of the bi-monthly payments that were made (regardless of whether the payments were made by the Club or by the President of the Club) was that the Respondent paid the Coach wages pursuant to the First Contract.

Ätsch! Das ist das schöne an ex aequo et bono. Egal wer zahlt, Zahlungen aus der Portokasse sind dann eben auch Lohn. Da gibt’s Geld… das reicht. Aber Moment, Spieler aus der Portokasse, weil der Mann im Hintergrund sie mag, wo hab ich das nicht ganz so weit im Süden schon mal gehört…

Lass uns Freunde bleiben – Ozbolt bzw. Ilievski vs. Union Olimpija FAS 83/10  und 85/10

Wenn zwei sich streiten, landet es irgendwann vor Gericht. Meist sind dann HandTischtücher zerschnitten, man redet nicht mehr. „Mit dem spiel ich aber nicht mehr!“… anders aber bei Union Olimpija Ljubljana. Denen geht es offenbar so schlecht, dass ihre Stars noch aus Mitleid für sie spielen, wenn’s schon im Frühjahr klar ist, dass es die Summe aus dem Vertrag eh nicht mehr gibt. Urteile in Höhe von rund ner halben Million Euro für zwei Spieler und deren Agenten haben die am Montag kassiert. 280.000 € netto plus 57.000 € Verzugsstrafen für Pointguard Ilievski (noch immer im Roster für die nächste EL-Saison) und nochmal 100.000 € für Scharfschütze Saso Ozbolt. FAT-Schiedsrichter Klaus Reichert schreibt dazu in res Ilievski:

„There is a notable feature of this case. Claimant [Ilievski] filed the Request for Arbitration during the course of the 2009/2010 season while continuing to play for Respondent [Union Olimpijia]. In many other FAT cases parties had gone their separate ways and claims were for playing services already rendered.“

…und er spielt immer noch da. Naja, 350k € netto wären wohl auch für Oldenburg, wo ihn SD-Schreiber sahen, nen Brocken gewesen. Wie schlimm muss die Zahlungsmoral oder die finanzielle Situation sein, wenn ein Spieler einen (nach Exequatur vollstreckbaren) Titel braucht, um bei dem Club, bei dem er noch immer ist, sein Scherflein ins Trockene zu bringen. Gut, dieses Vorgehen brachte ihm auch 57.000 € Verzugsstrafen… ein Schelm…

Und wer glaubt, dass es Prämien nur für Erfolge der Mannschaft gibt, irrt: Die Slowenen scheinen so in den Distanzwurf vernarrt zu sein, dass es für eine 3er-Quote oberhalb der 39%-Marke auch nen Leckerli gibt. 2000 € war es im Vertrag wert.

Crash, Boom, Bang und f-words. Baxter vs. Besiktas, FAT 0088/10

Eines hab ich gelernt: Geld gibt’s nur, wenn der Medi-Check bestanden wird. Der eine oder andere Agent bekommt dann seine Kohle und bei Lonny „I love playing with guns in front of the White House“ Baxter werden allein dafür auch schon 45.000 greenbucks fällig… naja, ist eben short on cash, musste wohl neue Waffen kaufen, nachdem das Verschicken per FedEx leider auch schief ging und neben 2 Monaten im Bau der Verfall der Beretta und der 12 gauge shotgut Teil des Deals war (2 Glocks, Bushmaster und die Para Ordnance blieben schon in DC)…. ich schweife ab… gegen Besiktas aber, da hat er gewonnen. Sein Autounfall? Disziplinlosigkeit? Kündigung? Nicht nachgewiesen. Besiktas hat unpünktlich gezahlt, die Kündigung seines Agenten ist sauber, das Gehalt war garantiert. Nur bei den Zinsen war der Richter knauserig… trotz der gleichen Klausel wie bei Ozbolt und Ilievski. Aber wer schert sich schon um die Einheit der Rechtsprechung im Schiedsgerichtswesen…

Aber eines schreibt der Richter dem Lonny ins Stammbuch:

However, deciding the matter ex aequo et bono the Arbitrator considers that in the circumstances of this case, the Player must have been aware that a professional basketball club and competition are subject to rules in relation to discipline. In those circumstances, it is not inequitable for the Club to impose ordinary rules of discipline that would be expected within such a club. In particular, the Arbitrator considers that the Player should have known that:

(a) he would be subject to fines and a suspension from the league for swearing at a referee during a match;

(b) he would be subject to fines from the Club by reason of his suspension from the league; and

(c) he would be subject to fines from the Club for saying insulting words about team-mates and his coach before and after matches or during training sessions.

Ich hab meine Zweifel, dass das helfen wird. Wenn der schon auf US-Gerichte nicht hört…

Tot oder talentfrei – Papadopoulos vs. Fortitudo Bologna, FAT 0071/09

Doch den Vogel abgeschossen, das hat ein griechisch-italienischer Vertrag. Center Lazaros Papadopoulos verklagt Fortitudo Bologna auf Zahlung. Auch hier wieder ein kleines Drama, da die 400.000 € Jahressalär mit kleinen Nebenverträgen von Dritten irgendwie schon zusammengestückelt werden sollten. Es ist… ernüchternd. CAS-Schiedsrichter Quentin Byrne-Sutton findet klare Worte:

„The provision of a payment schedule in other contracts and the fact that certain payments would be made via a third party do not detract from the fact that the Club’s main obligation – i.e. to guarantee payment of the total amount of salary by the end of the 2008-2009 season at the latest – remains under the Main Agreement…“

Geradezu lustig ist aber folgende Vertragsklausel, die als Namensgeberin für diesen Blogpost fungiert, weil die Grenzen zwischen Talent und Tod doch fließend werden:

„The CLUB agrees that this Agreement and all of the payments required to be made to the PLAYER are fully and unconditionally guaranteed, provided that PLAYER passes the medical examinations administered by CLUB as provided above. Therefore, such payments shall be made even in the event of death, injury (whether permanent or nonpermanent and regardless of whether the injury is basketball related, provided that Injury or death are not due to negligence or misconduct of PLAYER), mental disability or lack of skill

Man beachte die Einschränkung! Fehlverhalten und Fahrlässigkeit des Spielers schließen zwar im Todesfall, nicht aber bei lack of skill die Zahlungspflicht aus…

Alle zitierten Schiedssprüche sind auf der Webseite der FIBA nachzulesen. Ich danke Elaj auf Interbasket für den Hinweis auf diese Texte, wenngleich es für seinen Club teuer und ein möglicher Sargnagel ist… es sei noch darauf hingewiesen, dass die Schiedssprüche frisch sind und der Rechtsweg zum CAS offen steht.

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6 Gedanken zu „Juristenlyrik – Wir zahlen auch wenn tot oder talentfrei.

    • Die Rechtschreibprüfung von WordPress hab ich deaktiviert. Mit viel denglisch und meinen oft einfach runtergerotzten Postings ist das nur Arbeit :-P. Das Edit-Fenster ist zu klein, um den Text nochmal gründlich zu lesen. Es ist, was es ist…

  1. Das FAT ist sicher immer sehr interessant – deswegen habe ich ja übrigens mein letztes Wahlpraktikum bei der Münchener Kanzlei Martens (www.martens-lawyers.com) absolviert, bei denen das FAT angesiedelt ist. War ein supercooles Praktium, welches ich den angehenden Juristen unter den Lesern nur empfehlen kann, auch, da Herr Martens als Ex-Bundesligaspieler natürlich tief in der Materie steckt, aber auch, weil in einer drei-Anwälte-Kanzlei natürlich eine intensive Betreuung möglich ist. Und auch wenn man eine Schweigevereinbarung unterzeichnet, wenn man in Mußestunden ein wenig durch die Verträge aus den FAT-Akten stöbert, stehen da schon sehr interessante Dinge drin…

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