Der Boulevard staigert sich rein

Heute geht es für ALBA Berlin gegen die Dragons. Nach dem Sieg gegen Pepsi Caserta und der vorzeitigen Eurocup-Top16-Quali kommt ein ambitioniertes Playoffteam der Liga. Und dazu gleich die in den (Boulevard-)Medien thematisierte Frage vorweg: Spielt Staiger? Unser Berliner Lieblingsboulevard, die B.Z., bauscht Luccas Minutenfrage grad auf. Staiger ist Kurz-Arbeiter und legt einen Kommentar nach. Anders als bei Zwiener äußert sich diesmal auch Luka Pavicevic kritisch.

Staiger sagt zur B.Z. die Sätze, die jahrelang Zwiener sprach: „Klar bin ich nicht glücklich. Aber ich muss mich gedulden, mich durchkämpfen.“ Und: „Der Trainer hat mir gesagt: Du bist nicht bereit. Du machst zu viele individuelle Fehler.“

Die machen andere Albatrosse auch, doch Staiger wird sofort ausgewechselt. Pavicevic: „Lucca muss sich gedulden und weiter an seiner Defensivarbeit arbeiten.“

Lukas Wahrnehmung wird von nicht wenigen Livezuschauern in der Halle geteilt. Staiger ist defensiv nicht selten zu langsam. Stänkert Staiger nun über die Presse, ist dies kalkuliertes Spiel oder nur die ewige Suche des Boulevards nach dem Aufreger? Jedenfalls hat er anscheinend einem Journalisten dieses Häppchen und die Interna zugeworfen und man muss schon ganz schön naiv sein, um nicht zu erkennen, was der Boulevard damit anstellen würde.

Minuten gibt es nicht durch Einsatz des Boulevards. Minuten gibt es, indem man seinen Job auf dem Feld erledigt. Und da sahen wir – die BZ schaut ja offenbar lieber auf Dunks und Dreier, wenn sie schreibt, dass Staigers wilde 3er Fans in die Halle locken würden – leider gegen schnellere Guards schwache Defense. Staiger wollte weg vom College, weil er ihm die Rolle des Dreierwerfers zu wenig war? So geht jedenfalls die Legende. Momentan ist seine 3er-Quote bei 31 %. Das mag in manchen BBL-Teams toll sein, aber Price, Dragicevic, Jenkins und Schultze liegen deutlich über 40% und auch Marko Marinovic, der zuletzt keinen schlechten Wurf kannte, trifft immerhin 33 %, einen von drei. Natürlich gab es auch solche Spiele, wenn auch nicht in Berlin:

Das Grundproblem, das man auch von der Tribüne sieht, ist ein anderes: Es ist die Defense. Auch am Dienstag gegen Pepsi lief wieder der erste Angriff nach Staigers Einwechslung über seinen Gegenspieler. Man kann die Uhr danach stellen, mit ein paar Blöcken und Cuts wird der Flügel freigespielt und soll den 3er nehmen. Manchmal ist Staiger schnell genug oder der Gegner zu langsam. Manchmal fliegt Staiger aber auch nur noch heran.

Dreier werfen und beim Horse gegen Marinovic gut aussehen, das ist eben nicht genug. Lucca Staiger ist ein junger Spieler und muss wie andere vor ihm auch zunächst in der Defensive zeigen, dass man ihn ohne Bruch auf das Feld lassen kann. Spieler wie früher Leutloff und Rödl, heute Tadda oder Faßler machen dies vor.

Die BZ schreibt, dass ALBA ja gewusst hätte, wen sie holen. Die Verpflichtungen von Berufseinsteigern sind aber auch Wetten auf die Zukunft und die Entwicklung. Und Staiger kannte das Beispiel derer, die sich in Berlin nicht durchsetzen konnten. Trotzdem hat Staiger sich für Berlin, für die Herausforderung immer Meister werden zu wollen, entschieden und dafür vor Abschluss seiner Collegeausbildung Profi zu werden, auch das sollte man nicht vergessen.

Mit Alex Seggelke und Adam Hess hat der heutige Gegner gleich zwei Small Forwards, die nicht gerade durch übermäßig flinke Füße glänzen. Gleichzeitig ist Hess doch das Kaliber, an dem sich ein ALBA-Spieler messen muss. Vermutlich bekommt Staiger die Chance zu zeigen, ob er sie halten kann. Beide sind allerdings auch prädestiniert dafür den 3er zu nehmen. Ihre „wilden 3er“ treffen sie bislang mit 39% und 44% besser als Staiger. Auf dem Feld ist wichtig, nicht im Boulevard. Si tacuisses…

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18 Gedanken zu „Der Boulevard staigert sich rein

  1. Sehr guter Beitrag mit einer kritischen Note die ich teile. Hoffen wir, dass das Zitat nur vom Boulevard aufgebauscht ist, wenn nicht, hat sich Staiger keinen Gefallen getan und das wäre sehr schade.

    Hinweis: An Deinem zweiten Satz solltest Du noch mal arbeiten. So spontan würde ich Dir ein „Pepsi Caserta“ und ein kleines „u“ schenken ;-)

  2. Ich halte eigentlich nichts davon, auf Print-Geschichten in Blogs zu antworten, aber ín diesem Beitrag werden so viele Vorurteile bedient, dass ich mal kurz einschreiten will.

    Das Staiger-Thema war seit Wochen virulent. Natürlich ist es journalistisch absolut gerechtfertigt und alles andere als „reingestaigert“, dass sich eine Zeitung mit einem Neuzugang beschäftigt, der keine Spielzeit erhält und offenkundig unzufrieden ist. Das Thema lag auf der Straße und wurde von der Redaktion deshalb angegangen.

    Nein, Staiger selbst hat nicht „gestänkert“, wie hier rufschädigenderweise spekuliert wird. Er wurde vom Reporter befragt und hat darauf überkorrekt und vorsichtig geantwortet, wie es bei Alba Gepflogenheit ist. Es wäre schade, wenn Staiger dadurch Nachteile entstünden.

    Anmaßend ist es zu suggerieren, BZ oder wer-auch-immer vom bösen Boulevard würde mit zähnefletschenden Basketball-Geschichten Auflage treiben; das spricht nur für die Tatsache, dass sich einige Teile einer pseudo-intellektuellen Basketball-Szene einer realistischen Einschätzung ihres dahindämmernden Sports verweigern. Das sage ich als Basketballer und Basketball-Funktionär, der sich das Gegenteil wünscht. Zur Erinnerung: Es gibt 8000 Basketballer in Berlin (3,35 Mio Einwohner). Das ist wirklich eine „riesige“ Basis, auf deren „breiten“ Schultern es sich lohnt, durch überspitzte Geschichten Leser zu generieren.

    Zum Sportlichen. Es gibt keine großen Meinungsunterschiede zu den Leistungen, die Staiger bei Alba bisher gezeigt, aber ganz sicher darüber, was er leisten könnte, wenn er mehr Spielzeit erhalten würde. Staigers Dreierquote heranzuziehen ist absolut lächerlich, weil er in der ganzen Saison bisher 14 Stück genommen hat, von denen er vier traf. Jeder, der mal auf vernünftigem Klubniveau Basketball gespielt hat, weiß, dass es sich mit Vertrauen (Spielzeit) im Rücken natürlich ganz anders spielt; das gilt vor allem für Schützen, aber auch und besonders für die Defense. Erster Block, zweiter Block – ich kann mich an ganz andere Spieler erinnern, die damit Probleme hatten. Hier wird stigmatisiert.

    Ich empfinde es auch als borniert so zu tun, als sei Zwiener ein Basketballer zweiter Klasse, weil er „nur“ in Trier spielt, er hat sich binnen kürzester Zeit nachgewiesen, dass er sehr wohl auf absolut akzeptablem Niveau spielen kann, und das hätte er auch bei Alba gekonnt, wenn man ihn gelassen hätte. Aber natürlich, in Trier hat er nicht den „unmenschlichen“ Berliner Erfolgsdruck, an dem die Spieler reihenweise zerbrechen und das natürlich auch dürfen, wie etwa beim Aus gegen Frankfurt.

    Den Hinweis, dass Albas Gegner ihre Systeme an Staiger ausrichten, halte ich für fragwürdig. Erstens spielt er kaum. Zweitens erst dann, wenn das Thema durch ist. Drittens habe ich mit zwei BBL-Trainern über das Thema gesprochen. Beide wussten gar nicht, auf was ich hinaus will. Matchups hin oder her, so funktioniert keine Offense, auch, wenn das gerne von Alba so verkauft wird.

    Ich finde es billig, ein diskutables Thema wie Staiger mit der Anti-Boulevard-Keule zu knüppeln. Kann ja sein, dass Gruebler keinen Dunk und keinen Dreier aus 8 Metern sehen will. Ich wette aber, es gibt auch FAZ-Leser, die gerne mal welche bejubeln würden.

    Und es würde dem einen oder anderen gut tun, über die wahren Gründe für Albas Probleme mal wirklich nachzugrübeln, anstatt hier reaktionär jede kritische Geschichte mit dem Hinweis auf die sensationelle Achtelfinal-Quali im Eurocup zu kontern. Und es gibt Schwierigkeiten, das weiß jeder, der bei einem Allerweltsbasketball-Spiel die O2 World besucht hat. Stichwort Identifikation: Vielleicht müsste man die oberen Ränge an solchen Tagen nicht abhängen, wenn es die eine oder andere Figur gebe, die nicht nur Basketball-Berlin, sondern auch den Rest begeistert. Das das hat man Staiger bei Alba wohl zugetraut, sonst hätte man ihn wohl nicht gescoutet.

    • Also ich als Frankfurter kann mich über die Basketballberichterstattung in der FAZ überhaupt nicht beklagen, im Gegenteil: Die berichten oft und fundiert über die Skyliners und gerne auch mal sehr lesenswert über Randaspekte unseres Sports. Aber bei unserem Dominik Bahiense de Mello liebe ich vor allem die sehr engagierte Defense, besonders wenn er knapp vor dem Überdrehen ist. Seine über 47% der Dreier von teilweise 8 Metern im Saisondurchschnitt – nun ja – die trifft er halt. Staiger sollte sich vor allem auf sein Spiel konzentrieren und eine Sache (Defense oder Offense) mal wieder richtig gut machen und die andere zumindest ordentlich – beides mäßig reicht vielleicht in Urspring. Manmal muß man halt bleiben und sich durchbeißen, auch wenn es nicht gut läuft.

  3. Ich kann mir auch nicht erklären, wie Gruebler zu der Annahme kommt.
    Es ist sicher mit vielen Berliner Sportlern möglich Auflage zu treiben – aber ganz sicher nicht mit Alba-Ersatz-Spielern. Auch wenn es hart ist: Dafür interessieren sich einfach zu wenig Leute für Basketball!

    Statt hier also unsachliche Medien-Kritik zu üben und einfach blind (und offenbar auch ahnungslos) auf den Boulevard zu schimpfen, sollte Gruebler sich mal über folgenden Fakten Gedanken machen:

    Die BZ berichtet als größte Berliner Zeitung täglich (mit ganz wenigen Ausnahmen) über Alba. Wer über Alba informiert sein will, kommt an der Zeitung nicht vorbei.
    Von dieser Print-Versorgung können Fans vieler anderer Klubs in Deutschland nur träumen. Sie sind auf PR-Nachrichten aus den Pressestellen der Vereine angewiesen.

    Über diese mediale Versorgung sollte sich Gruebler als Fan einer Randsportart freuen und glücklich schätzen! Macht er aber nicht!

    Stattdessen kritisiert er eine journalistisch völlig einwandfreie Geschichte als Boulevard-Übertreibung. Frei nach dem Motto: Boulevard-Bashing kommt bei meinen pseudo-intellektuellen Lesern immer gut an. Hut ab, Gruebler!

    Grundsätzlich freue ich mich über jeden, der sich mit dem Thema Basketball – in welcher Form auch immer – auseinandersetzt. Aber zu diesem Beitrag gibt’s von mir nur eines zu sagen: Sechs, setzen!

  4. Hoppla. Böse Worte zu einem guten Artikel. Dass Luccas Dreierquote besser werden würde, wenn er mehr Spielzeit bekäme, glaube ich zwar durchaus auch. Das ändert aber leider gar nichts an dem offensichtlichen Defensivproblem. Und Defense ist vielleicht eine Frage der Fitness oder meinethalben der Einstellung, bestimmt aber keine Frage der Minuten.

  5. Noch ein klainer Nachtrag:

    Über den Satz „Wer über Alba informiert sein will, kommt an der Zeitung (gemeint ist wohlgemerkt die B.Z.) nicht vorbei“ hab ich doch recht herzlich und gänzlich unpseudointellektuell schmunzeln müssen.

  6. Wow!
    Jetzt wird es hier spannend.
    Ist natürlich schon ne harte Sache, dass nicht nur Grübler hier so offen angegriffen wird, sondern seine Leserschaft gleich mit.
    Da darf man nur gespannt sein, wie dieser Agon aus bzw. weiter geht.

    • @ts, you made my day. Ein wenig legal lingo und eine ask compliance campaign. Was wäre die aktuelle Variante? Wanna get minutes? Ask Ulm!?

  7. Ulm ist für Urspringer keine Option. GAR KEINE. Wenn man sich für die böse Seite entschieden hat, dann wars das. Wir bügeln doch nicht deren systemischen Fehler aus. Auch wenn ich den Lucca mag, er sogar aus Ulm kommt … aber dont feed the urspringer ;-)

  8. Pingback: Bloggeburtstag: Die Gruebelei wird zwei « gruebelei.de – Ansichten eines Basketballfans

  9. Pingback: ALBA vs. Trier – Die Crux mit dem Talent | gruebelei.de

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