Gastbeitrag: My Violet Heart Is Bleeding

John Patrick, Bild: Starting5 GmbH[Hardyn schreibt:] Far from home erreicht mich die Meldung, dass sich die Wege der BG Göttingen und John Patrick trennen. So ganz vom Himmel fiel diese Meldung dann doch nicht, deshalb hatte ich folgenden Text schon vor meiner Abreise am 7.5. vorbereitet,  allerdings mit einem kleinen Rest Hoffnung, dass doch noch alles ganz anders kommen möge… kam es dann aber nicht, die Gräben waren offensichtlich so tief, dass sie auch durch wohlabgewogene Presseerklärungen kaum überbrückt werden können.

Zu schade, dass folgende höchst subjektive Meinung zum Abschied von John Patrick aus Göttingen nicht im Daten-Nirvana verschwinden konnte.

Von allen Blümchen  im BBL-Garten  haben in den vergangenen vier Jahren die Veilchen aus Göttingen am prächtigsten  geblüht. Dreimal in Folge unter den ersten  acht der Tabelle, zweimal für europäische Wettbewerbe qualifiziert, davon einen gewonnen und beim zweiten unter die besten acht gelangt. Ähnliche oder gar größere Erfolge waren nur wenigen anderen Teams vergönnt, national sicher Bamberg, international ALBA Berlin, beide allerdings mit einem Vielfachen des Göttinger Etats. Das erneute Ausscheiden in der ersten Runde der Playoffs relativiert diese Bilanz nur ein wenig, zweimal in Folge „coach of the year“  für den Vater  dieser Erfolge verdeutlicht, dass dieses erfolgreiche Abschneiden auch in der Liga gewürdigt wurde.

Dass der maßgebliche Faktor dieses Göttinger Erfolgs Trainer John Patrick ist wird wohl von kaum jemand bezweifelt werden. Dass viele Beobachter der Basketballszene  seinen Wechsel zu einem finanzstärkeren Verein vorausgesagt haben war ebenfalls nicht überraschend. Dass Patricks Zeit in Göttingen nun zu Ende geht aus Gründen, die in der Göttinger Basketballszene  selbst zu finden sind, haben wohl nur wenige Insider kommen sehen.

Selbstmord aus Angst vor dem nahenden Tod

Die Argumentation der starting 5, der Inhaberin der Göttinger BBL-Lizenz und Trägergesellschaft der BG Göttingen (obwohl starting3 eigentlich die korrektere Bezeichnung wäre, weil zwei der ursprünglich fünf Gesellschafter mittlerweile nicht mehr aktiv sind), die natürlich in der offiziellen Verlautbarung so nicht zum Ausdruck kommt,  lautet überspitzt, aber dafür prägnant zusammengefasst: wirtschaftlich in Ordnung war eigentlich nur die Debütsaison 2007/08, da wurde man zwar nur 14, konnte aber den Abstieg vermeiden und hatte am Ende eine ausgeglichene Bilanz. Die drei folgenden, sportlich sensationell erfolgreichen Spielzeiten haben die BG Göttingen an den Rand des wirtschaftlichen Ruins getrieben. Folglich sei  es nur konsequent den Etat zu kürzen, insbesondere auch den für Spieler  und  Trainer und sich sportlich eher unter die Teams einzureihen, die gegen den  Abstieg aus der Liga kämpfen. Dass unter solchen Prämissen  Playoff oder gar Europa eine  Perspektive wären scheint kaum möglich.  Sollte man aber von einem Coach, der auf nationaler und europäischer Ebene hohes Ansehen genießt, verlangen, zukünftig nur noch kleine Brötchen zu backen?

Das wirtschaftliche Argument hat  natürlich erhebliches Gewicht, wird aber von Seiten der s5 sehr einseitig auf angeblich zu hohe Ausgaben für Spieler abgewälzt. Sicher ist, es musste etwas passieren im Göttinger Basketball, Zustände wie in der vergangenen Saison, dass dringend notwendige Spielerverpflichtungen vor Ende der Wechselfrist nicht mehr getätigt werden konnten, weil die BBL die Aufsicht über die Göttinger Finanzen hatte,  sind zukünftig nicht mehr tragbar. Ist es also richtig, dass die wirtschaftlichen Schwierigkeiten allein durch zu hohe Ausgaben für Spielergehälter zustande gekommen sind?  Etliche der Spieler, die in den vergangenen Spielzeiten das lila Trikot getragen haben, würden diese Frage in keiner Sprache dieser Welt verstehen.  Auffällig ist, dass in der Argumentation der JP-Kritiker die eigenen Baustellen kaum problematisiert werden: Fehlende Großsponsoren werden mit der wirtschaftlichen  Struktur  Süd-Niedersachsens in Verbindung gebracht, eigene Versäumnisse – keine! Die MEG-Pleite, die zu Zahlungsausfällen  geführt hat – das konnten wir nicht ahnen.  Wirtschaftliche Erfolge wie die EuroChallenge werden gerne angeführt – zustande gekommen ist das Final Four in Göttingen allerdings nur gegen erheblichen Widerstand seitens der s5. Dass neben den angesprochenen Faktoren auch die nicht unerhebliche Hallenmiete sowie auch  Ausfälle durch Spielverlegungen an andere Orte  zu Buche schlugen, all das wird beiseite gewischt um in der Konsequenz auf die Lösung der Sportdirektor/Trainerfrage zu kommen. Allerdings: wenn die Argumentation stimmte, dass die wirtschaftlichen Schwierigkeiten auf die Kappe des Sportdirektors gehen, ist das nicht unbedingt ein Indiz für die Handlungsstärke des Managements.

Dabei steht die  Göttinger Basketballszene  ab kommendem Herbst  ohnehin vor einer schweren Herausforderung: Die bisherige Festung Lokhalle muss wegen der dauernden Terminschwierigkeiten aufgegeben werden (bis auf einige wenige Spiele pro Saison), der Umzug in die neue Sparkassen-Arena wird vollzogen. Die neue Spielstätte zu einem Bollwerk für alle Gegner zu machen  wird das  Ziel aller Beteiligten sein, das allein wird schwer genug werden.  Die neue Sitzaufteilung könnte zu Schwierigkeiten beim Dauerkartenverkauf führen, weil mit der Lokhalle vergleichbare Sitzplätze nicht in allen Fällen zur Verfügung stehen. Diese schwere Herausforderung mit einem völlig neuen, auf diesem Level noch nicht erprobten Trainerstab anzugehen, ist ein erhebliches Wagnis.

Dazu kommt:  Das Sponsoring in Göttingen litt schon bisher darunter, dass stets nur kurzfristige Verträge abgeschlossen wurden, z.T. auch deswegen, weil etliche Sponsoren ein längerfristiges Engagement von einer längeren Verpflichtung  JPs abhängig gemacht haben.  Die Trennung von diesem könnte auch auf Sponsorenseite zu einer Reduzierung des Engagements führen.

Schließlich: die Zuschauerbasis in Göttingen ist nach vier Jahren BBL längst noch nicht gefestigt, was man niemandem anlasten wird, weil es normal ist. Es pendelte in den vergangenen drei Jahren um den Schnitt von 3.000 weil Erfolg da war. Das kann  aber auch schnell wieder nach unten gehen, wenn der Erfolg ausbleibt, Verluste  weit größeren Ausmaßes  als die nun anvisierten Einsparungen sind dann nicht auszuschließen. Neue Halle, neues Team, kein Erfolg, das könnte eine Miß-erfolgsformel für den Basketball der kommenden Jahre in Göttingen sein.

Bei einer Analyse der Faktoren einer in wirtschaftliche Schwierigkeiten geratenen Unternehmung werden in aller Regel die Stärken und Schwächen untersucht und bewertet. Warum in Göttingen nun der Garant des sportlichen Erfolgs ausgerechnet der entscheidende Schwachpunkt sein soll, von dem man sich deshalb trennen muß, bleibt unerfindlich. Ein angesehener, erfolgreicher Coach, der an seinem Heimatort bleiben will und deshalb bisher (Stand: 07.05.2011) alle anderen Angebote abgelehnt hat muss gehen, alle Anderen, die die bisherige Lage mindestens ebenso entscheidend geprägt haben dürfen weiterwurschteln – das verstehe wer mag, ich schaffe das nicht!

Nachtrag 14.05.2011

Auch nach nochmaligem Durchlesen fällt mir an diesen Zeilen  nichts auf, was ich ändern müßte – schade eigentlich. Nun ist es also Würzburg geworden – bravo Unterfranken günstiger wurde eine Bahncard 100 selten angelegt! Daran wird auch deutlich, wie tief die Göttinger Gräben mittlerweile geworden waren: ein Coach, der in den vergangenen Jahren eher mit Italien, Rußland oder BBL-Topadressen in Verbindung gebracht wurde, zieht es nun zu einem Aufsteigerteam. Es wird aber auch deutlich, wie schlecht Patricks bisherige Arbeitgeber ihren Ex-Chefangestellten gekannt haben, sonst hätten sie nicht selbst Ulm als zukünftige Arbeitsstätte kolportiert. (Das hätte was gegeben  – Stoll gegen Patrick – Egomane gegen Egozentriker!)  Jeder, der JP nur ein wenig kennt, konnte wissen, dass es nicht mehr als drei ICE-Halte sein dürfen, dazu hängt er zu sehr an Göttingen und seiner Familie.

Nun fängt also alles (fast) wieder bei Null an, allerdings mit Vorteil bei Würzburg. Sie haben ein finanzkräftige(re)s Umfeld und ein Management, dass sich einige Zeit auf den Aufstieg vorbereiten konnte, plus Erfolgstrainer. Göttingen hat einen solchen nicht mehr und wird ihn sich auch auf absehbare Zeit nicht leisten können. Dazu Verantwortliche, die erst durch die Patrick’schen Erfolge auf das Dach einer  Welle befördert sind, auf der sie nun seit vier Jahren  geschwommen sind. Dass sie auch alleine das Göttinger BBL-Boot zumindest über Wasser halten können, müssen sie nun beweisen. Dennoch fürchte ich, dass die BG am Ende der Saison hinter Würzburg in der Tabelle zu finden sein wird.

Um nicht falsch verstanden zu werden: die Fans ziehen nicht mit Spielern oder Trainern um, ihr Herz bleibt in Göttingen, es bleibt lila und es unterstützt jeden der dieses Trikot trägt ……. aber mein lila Herz blutet.

Wir bedanken uns bei hardyn für diesen Beitrag. Sobald wir Zeit und Muße finden, schreiben wir auch mal wieder selbst…

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5 Gedanken zu „Gastbeitrag: My Violet Heart Is Bleeding

  1. Interessanter Artikel aus Göttingen! Ich verstehe deine Befürchtungen bzgl der Zukunft nur allzugut:

    „Neue Halle, neues Team, kein Erfolg, das könnte eine Miß-erfolgsformel für den Basketball der kommenden Jahre in Göttingen sein.“

    Das sehen auch in Bonn nicht wenige seit Mitte-Ende der Saison so…Definitiv ein großes Risiko. Aber mit großem Risiko ist auf der anderen Seite eben meist auch eine große Chance verbunden. Die Baskets haben sich dazu entschlossen, das Risiko des kompletten Umbruchs etwas zu minimieren, indem sie den Trainer behalten und ihm den Rücken gestärkt haben. Für mich die richtige Entscheidung, aber es bleibt abzuwarten, ob die Abwärtsspirale in Bonn nicht trotzdem schon durch die hohe finanzielle Belastung der Halle begonnen hat.

    Die nächste Saison wird definitiv spannend an mehreren BBL-Standorten.

  2. Das klingt alles nach einem neuen Mitkonkurrenten für uns Gießener im Abstiegskampf… Und Würzburg hat damit echt den Jackpot gezogen.

    Die Offseason beginnt schon wieder echt spannend.

  3. Das Datum am ende des ersten Teil liegt in der Zukunft und sollte vielleicht verändert werden. Ansosnten ein interessanter Blick, der mir so nicht klar war. Bleibe aber dabei, das ein passender Sponsor (wie in Würzburg) vieles überbrückt hätte. Dies sit kein Vorwurf an den Marketingleiter, vielmehr an eine REgion, die einfach kein solches Geld hat und an viele große Unternehmen,d ie scheinabr nciht bereit sind ein solches Projekt zu unterstützen…

  4. Dir ist also nach nochmaligem Durchlesen nichts aufgefallen, was du ändern müßtest?

    Nun, mir schon:

    Letzter Absatz vom wohl 7.5.11: „(Stand: 07.09.2011)“

    Haut irgendwie nich´so ganz hin, oder?!

    Vermutlich nur ein Tippfehler, aber immerhin handelt es sich um ein explizites Datum, was ausgerechnet den Bestand zu genau diesem (welchem?) Zeitpunkt markieren soll.

  5. Pingback: Rauschen im Blätterwald #67 « gruebelei.de – Ansichten eines Basketballfans

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