Manche Dinge sind wertvoll – Dirks Ringparabel

Manche Dinge sind wertvoll. Wertvoll, weil sie so schwer zu erreichen sind, wertvoll, weil man über Stock und Stein muss, um ans Ziel zu kommen, weil man viel investieren muss um vielleicht, nur ganz vielleicht, am Ende etwas besonderes zu bekommen. Nicht nur Dirk Nowitzki hat bekanntermaßen eine 13jährige Berg-und Talfahrt hinter sich, um endlich an den begehrten Championshipring der NBA zu kommen, auch als Fan hatte man es letzte Nacht wahrlich nicht leicht. Fanqualen parallel zu Spielerqualen und eine Basketballnation fieberte mit, mit ihrem „Helden“ – so wie beinahe jedes Jahr, aber so dicht wie dieses mal war man noch nie dran.

Seit 2006 war der Titel nicht mehr so zum Greifen nahe und jetzt war man sogar noch einen Tick näher dran als damals. 3-2 Siege vorn, nur noch 2 Spiele maximal. Nur noch ein Sieg nötig, aber beide Spiele auswärts beim besser platzierten Team in Miami bei den Heat. So wie damals 2006. Die Revanche letzte Nacht so dicht vor Augen, aber keiner hatte vergessen, was damals in den langen Playoffnächten passiert ist. 2006. Eine 2-0 Führung, ein großer Vorsprung in Spiel 3 – und dann das bitterste Saisonende. Vier Spiele hintereinander verlor Dirk mit seinen Mavs 2006. Statt des ersehnten Titel unterlag man tragisch 2-4 nach Spielen. Alles schien verloren, auch in den Jahren danach. Nie wieder kam man auch nur in die Nähe des Titels, trotz aller Bemühungen seitens des Managements und seitens ihres erklärten Stars und Grundbaustein Dirk Nowitzki. Viele bezweifelten, ob die gegenseitige Treue eben nur dies war – romantisiert aber unzweckmäßig im big business – oder sich tatsächlich noch in Hardware und Titel auszahlen könnte. Und jetzt? Sollte es besser werden, sollte es endlich klappen? Nicht nur Nowitzki wusste vor Spiel 6, dass das die letzte Chance sein würde, eine Chance, die so nicht erwartet worden war und um so verzweifelter und entschlossener genutzt werden wollte. Auch alle, die hier auf der anderen Seite des Teiches mitten in der Nacht mitfieberten, wussten es. Jeder wusste es. It was now or never. NOWitzki or never. Wieder mal NO-witzki oder endlich YES-witzki?

Das war der Stand nach Spiel 5 und dem 3 zu 2:

Zunächst war vorschlafen angesagt und dann möglichst den/die Wecker so stellen, dass man auch wach wird. Schlaftrunken aus dem Bett gequält und erwartungsfroh zattoo aktiviert. Wie ein Lauffeuer ging es gestern Abend noch durch die Basketballrepublik: zattoo würde einen legalen Stream vom Spiel der Spiele bereitstellen. Aber…..Pustekuchen. Auf zatto waren zu nachtschlafender Zeit jede Menge blonder Menschen zu sehen, leider aber nicht bekleidet und auch alles, von ganz ganz nah, nur nicht ihre Gesichter, so dass es einen Moment dauerte, bis fest stand, dass der „Große Blonde“ aus Würzburg sicher nicht dabei war. Weiter gings mit der verzweifelten Streamsuche. Ein noch etwas ruckliger Stream, kurz vor Tipp-Off schnell gefunden, passt perfekt zum Start der Mavs. Auf dem heimischen Sofa werden die Bewegungen hektischer, wenn wieder der Stream aussetzt, Dirk einen Wurf versemmelt oder die Heat frei zum Korb kommen. Ein Beginn ganz nach Geschmack von Miami. Und dann auch noch der erste verbrauchte Stream. Tiefe Talsohle. Nächste Stream-Seite durchforstet, neuen Stream gefunden und siehe da ruckelfrei. Zufällig oder vom Basketballgott so gewollt läuft es für die Mavs nun auch  runder. Auch wenn Dirk deutlich mit seiner Nervosität zu kämpfen hatte, sein Team nahm ihm endlich mal die Verantwortung von den Schultern. Dies war in seinen vergangenen 13 Jahren in Diensten der Mavericks nicht immer so. Vor allem in den Playoffs klappte bei Dallas in den meisten Jahren nicht so viel. Eine ausführliche Zusammenfassung der Leiden des jungen W. (Dirk Werner) liefert sehr lesenswert: einkorbeintor.

Dallas dreht das Spiel und macht aus dem anfänglichen Rückstand schnell eine kleine Führung. Mit +5 geht es ins zweite Viertel und das alles mit nur 2 Nowitzki-Punkten. Die Twitter-Timeline überschlägt sich jetzt schon. So langsam bahnt sich #nba den Weg unter die deutschen Trends. Die Stimmung wird besser, einzig Uns-Dirk machte noch schwere Sorgen. Auch im zweiten Viertel musste zusammen gezittert werden. Twitter wurde angeschrien, im ICQ nervöse Nachrichten an noch schlafende Mitfans geschrieben und auf dem Feld war nach einem Dallas-Blitzstart wieder Miami am Zug. Die Emotionen auf dem Feld schwappten hoch. Nachdem sich die Heat die Führung wiedererobert hatten und Mavscoach Rick Carlisle eine Auszeit beantragt hatte, kam es zur Eskalation. Miamis Mario Chalmers lief mit erhobenen Faust Richtung Bank und geriet da mit DeShawn Stevenson  aneinander. Es kam zu einer Rudelbildung. Durch die Möglichkeit für die Schiedsrichter, sich die Situation im Video ausführlich anzusehen,  wurde ein vertretbares Strafmaß gefunden. Die Entscheidung Doppel-T für Haslem und Stevenson, sowie je einem Technischen für Stevenson, Howard und Chalmers, erklärten die drei Unparteiischen dann ganz ruhig den beiden Bänken – so souverän sollte das häufiger sein. Dirk traf dann den anschließenden Freiwurf für Dallas, allerdings bei weitem nicht so sicher, wie sonst in diesen Playoffs.

Mit 51:53 aus Miami-Sicht ging es in die Halbzeit. Die Dallas-Führung bei nur spärlichen 3 Nowitzki-Punkte und einer Trefferquote von 1/12 aus dem Feld (he can´t hit the broad side of a barn), ließen die Hoffnung steigen – so konnte Dirk einfach nicht weiterspielen, unmöglich. Dirks Crunchtime-Qualitäten und LeBrons Ruf als Crunchtime-Pussy wurden beschworen. Mit der spanischen Halbzeitanalyse im kurz vor der Halbzeit gefundenen, nunmehr dritten Stream, gings daran die Weckwünsche zu erfüllen. Anderenorts wurde aus Solidarität mit Dirk Chicken Soup gekocht, die ihn vor Spiel 4 vom Fieber befreit hat. Zwischenzeitlich erreichten einen diverse Grüße aus den USA, facebook quoll schier über mit Nachrichten und ganz Deutschland schien tatsächlich am Internet zu zittern und zu leiden, egal wo und in welcher Zeitzone man gerade war auf der Welt.

Zur zweiten Halbzeit war jetzt jeder wach, es war klar, heute Nacht konnte Geschichte geschrieben werden. Vom schlaksigen Jungen aus Würzburgs zweiter Liga in den absoluten NBA-Olymp. Zu schön, um wahr zu sein und jeder wollte es teilen. 2006 und auch danach (bitteres Erstrundenaus gegen seinen Mentor Nelson und Golden State) mitgelitten und den Schmerz gefühlt, jetzt kurz vorm Triumph und jeder an seinem Rechner war ein winziger Teil davon. Sternenstaub.

Zur Beruhigung der deutschen Fan-Gemeinschaft begann die zweite Halbzeit dann mit einem erfolgreichen Nowitzki-Jumper. Es entwickelte sich ein offenes drittes Viertel. Jeder Dallas-Korb bekam eine Jubelfaust. Bei jedem Fehlwurf oder Turnover Miamis wurde ein Jubelschrei ausgehaucht, man wollte ja doch die schlafenden Mitmenschen im Haus nicht wecken. Und vor allem einen Grund zum Jubeln gab es plötzlich des öfteren. Miami leistete sich bei 33 Freiwürfen 13 Fahrkarten. Allen voran hatte James sein Händchen nicht gefunden (0/4). Schritt für Schritt setzte sich Dallas ab und hatte ein Polster von neun Punkten vor dem vielleicht letzten Viertel der Saison. „9 Punkte müssen reichen. Wie lang die 12 Minuten jetzt wohl werden… Bitte!“ Solche oder ähnliche Texte wanderten vermehrt durch den deutschen Internet-Orbit. Miami bäumte sich nochmal auf und es kam, wie es kommen musste. Auch der bis dato so reibundslos laufende Stream gab den Geist auf. 8 Minuten vor Ende und es ging in die entscheidende Phase. Hektisches Suchen an allen Orten, man schickte sich gegenseitig seine funktionierenden Streams per Twitter, Facebook, ICQ und sogar mühsam abgetippt per SMS zu. Und die meisten fanden dann tatsächlich irgendeinen Stream, mal ruckliger, mal mit mehr Werbung, aber egal, um den letzten Akt der Achterbahnfahrt zu sehen. ESPN blendete immer wieder eine feiernde Sportsbar in Würzburg ein und überhaupt durfte da jetzt einfach nichts mehr schief gehen, auch wenn das Match mehr und mehr einem Schwergewichtsboxkampf als einem schönen Basketballspiel glich – zu wichtig war jeder Ballbesitz, zu entscheidend jeder Wurf, jeder Rebound. Die Leichtigkeit des Seins war lange vergessen, jetzt wurde nur noch gefightet, während Freund und Kollege Jason Terry Dirk Nowitzki Durchhalteparolen ins Ohr raunte. Dieses Spiel 6 konnte nicht, durfte nicht verloren gehen.

Zum ersten Mal ganz fest daran geglaubt, dass Dirk seinen Traum endlich verwirklicht, haben wir als Marion Wade den Rebound wegangelte und den Ball einnetzte. Der Wille war einfach größer, Dallas war da als Team und in der Endphase auch Dirk wieder in Crunchtime-Form. Miami gab sich auf, aber fassen konnte es kaum einer. Erst als Dirk das Parkett vor Ablauf der Spielzeit Richtung Kabine verließ und wirklich die Sirene ertönte war Zeit für ein kräftiges Jaaaaaaaaaaaaa! Ein Moment wo fast jedem ein paar Tränen kullerten, egal ob 9jähriges Mädchen oder der gestandene Mann. 13 Jahre haben wir mit Dirk gelitten, Nächte mit ihm gezittert und jetzt hatte er es geschafft. Endlich war er da. Sein Ring, gekrönt mit dem Titel des Finals-MVP.

Am Ende (105:95) war Dirk Nowitzki vom Augenblick so überwältigt, ja fast überrascht, dass es nun tatsächlich vorbei und geschafft war, dass er sofort nach Spielende bleich und erstarrt aus der Halle lief, erst einmal allein sein musste, mit sich und seinen Tränen, während die Mannschaftskollegen auch eher erschöpft und erleichtert als überbordend auf dem Parkett feierten. Und so bekam ein kleines Mädchen im Nachthemd seinen Wunsch erfüllt, Dirk einmal „in Echtheit“ spielen zu sehen, weinte mindestens genauso herzzerreißend wie er und war schlussendlich sehr erleichtert, dass „der Dirkster“ (den sie als Sammelkarte im Schulranzen trägt) doch noch aus der Kabine kam, die Meisterschaftstrophäe in den Himmel der Arena reckte, stolz seine MVP-Auszeichnung entgegen nahm und sich endlich auch noch richtig freuen konnte. Einige von uns feierten noch weiter, andere schliefen völlig übermüdet aber glücklich ein. Eine kurze Nacht, eine historische Nacht und wer dabei war, wird noch lange davon erzählen. Leider bekommen wir nur Links hin, Twitvid und wordpress will nicht, so wie ich will. Einmaliges Originalmaterial Teil 1 und Teil 2. Daher hier nur ein – vermutlich legendärer – letzter Abgang ohne Ring:

Ein nachträglicher Livebericht aus der Gießener NBA-Nachtschicht von oldschoolballer und zugvogel.

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4 Gedanken zu „Manche Dinge sind wertvoll – Dirks Ringparabel

  1. Bzgl. BBL kannste mir ja erzählen, wat de willst, doch hier stimmen einige Sachen nicht, die Du schreibst.

    Nicht Chalmers ist mit erhobener Faust an Stevenson geraten, sondern Haslem. Chalmers trat hinterrücks hinzu. Dein Satz zu den Ts ergibt zudem keinen Sinn. Demnach wäre Stevenson mit 2 Ts vom Parkett geflogen und Dirk hätte 2 Freiwürfe bekommen müssen.

    Weitere Punkte wie die Chicken Soup, die Dirk vom Fieber „heilte“, oder das „stolze“ Emporrecken des MVP-Awards sehe ich ebenfalls anders, wobei das im subjektiven Bereich liegt und ich Dir da durchaus Deine Sichtweise zugestehe.

    • Das mit Chalmers ist auf meinen Mist gewachsen ;) Und da hat mich meine Erinnerung dann getrügt. Die Fouls hab ich aus dem NBA-Game-Tracker. Stimmen so auch nicht mit meiner Erinnerung überein, aber da hab ich mich drauf verlassen. Is das BTW so, dass man in der NBA mit 2 T fliegt?

      Und die medizinische Wirkung der Chicken Soup hab ich damit auch nicht beurteilen wollen.

  2. habe das spiel live auf ESPN in Amerika gesehen – welch ein privileg weiss ich nachdem ich deine obige „berichterstattung“ (klingt zu trocken fuer das was du geschrieben hast) gelesen habe. fuer einen fan ein echtes leid, wenn der stream weggeht. noch jemand sass weinend unter der menge in miami: holger geschwindner. ESPN blendete ihn immer wieder ein. JA, das Spiel 6 war der Hoehepunkt einer grandiosen saison fuer dirk und seine tolle mannschaft. ohne dieses gesamte team waere dieser erfolg nicht machbar gewesen. siehe miami – superstars alleine sind ein shit.

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