Der Lockruf der brechenden Knochen

Eine Gemeinschaftsarbeit vom Küchentisch bei Grüblers ;-)

Die Playoffs sind da. Im Internet und im Print Anlass für Vorberichterstattungen. Alba muss in der ersten Runde gegen Würzburg ran. Eine Konstellation, in deren Vorgeschichte einige hitzige Auseinandersetzungen liegen. Die Berichterstattung fokussiert dann auch visuell und verbal auf die Rippenfraktur von Albas Taylor, die BBL macht gar mit einem Foto von Boones U gegen Taylor auf. Die Presse stellt mit diesem Verweis auf die Würzburger Spielweise weitere Knochenbrüche oder zumindest ein martialisches Bild in Aussicht (Bild: Playoffstart gegen Prügeltruppe, BZ: Vor dem Scharmützel…)  Klingt aufregend. Aber tigern wir regelmäßig in die Halle in der Hoffnung neben Schweiß auch Blut fließen oder wenigstens schmerzverzerrte Gesichter zu sehen und der Entstehung blauer Flecken beizuwohnen?

Gewalt ist uns selbstredend zuwider, schließlich sind wir als Mitglieder einer zivilisierten Gesellschaft erzogen worden. Schließlich ist der Zweck der Zivilisation die Überwindung der Gewalt im zwischenmenschlichen Alltag. Je stärker Konlfikte in einer Gesellschaft durch gewaltlose regelhafte Mechanismen ausgetragen werden, als desto zivilisierter gilt diese. Dennoch kennt jede zivilisierte Gesellschaft ritualisierte Gewalt und ein Publikum für eben diese. So gehörten schon zur römischen Gesellschaft inszenierte Kämpfe auf Leben und Tod. Sie namen dort eine wesentliche Rolle für das Funktionieren der Gesellschaft ein, denn sie schafften Unterhaltung und Ablenkung für das Volk. Und das Volk zollte den Veranstaltern dafür Dankbarkeit und Anerkennung. Diese Spiele, die wir heute als grausam bewerten, stifteten Identifikationspunkte in der römischen Gesellschaft.

Der Zivilisierungsgrad unserer Gesellschaft ist nun soweit entwickelt, dass sie von der Wissenschaft als „posterheroisch“ bezeichnet wird. Demnach braucht unsere Gesellschaft keine Kämpfer mehr, die ihr Leben für das große Ganze riskieren. Wir ächten Gewalt, suchen sie einzuhegen und schätzen Gesundheit und Leben des Einzelnen.  Warum fokussiert die Vorberichterstattung über die erste Playoff-Runde dennoch so stark auf die gewaltsamen Auswüchse und schwelgt in martialischer Sprache? Trefflich kritisiert Baldi zwar im Tagesspiegel: „Wie [in Würzburg] gespielt wird, ist basketballkulturell sehr kritisch zu betrachten“ und kokettiert doch mit dem medial gewünschten Bild.

Denn aus der Nachrichtenwert-Theorie wissen wir, dass Journalisten bei der Auswahl ihrer Themen bestimmte Kriterien zugrunde legen und der Faktor „Konflikt“ oder auch „Negativität“ wird in der Regel zu den wichtigsten gezählt. Die Journalisten legen solche Kriterien an ein Themenfeld, um jene Facetten herauszupicken, die sich gut verkaufen. Beispielsweise finden viele Menschen politische Inhalte an sich nicht sexy, Streit zwischen zwei Spitzenpolitikern schon eher.

Aber gilt das auch für Basketball? Vermutlich schon. Schaut man sich die Debatten in den Foren an, dann wird wenig so leidenschaftlich diskutiert wie eine Mannschaftszusammensetzung, die Verpflichtung neuer Spieler und die Frage, wer wem nun welchen Quotendeutschen wegschnappt.

Wer erinnert sich nach wenigen Wochen noch an ein einzelnes Basketballspiel? Aber der Brawl zwischen Bonn und Bamberg, Boone vs. Taylor, die Kölner Dramen, Thompson auf der Reeperbahn, High-Ko, oder Marco Baldis öffentlichkeitswirksamen Auszug aus der Liga sind uns im Gedächtnis geblieben.

Ein wesentlicher Grund für dieses Verhalten ist, dass wir Menschen Geschichtenwesen sind. Wir strukturieren unsere ganze Welt mit kleineren und größeren Geschichten. Das gilt auch für den Sport, den wir lieben, und für die Playoffs ganz besonders. Aber gute Geschichten zu erzählen ist eine Kunst. Gewalt, Drogen und Skandale bieten immer eine Story, die sich leicht schreiben lässt und gern gelesen wird. Als Fans und Schreiber machen wir da gerne mit. Das hat dann aber oft etwas von einer Gratwanderung. Denn leicht tritt die sportliche Leistung hinter Querelen und Zickereien in den Hintergrund. Aber eine Sportberichterstattung ohne Sport ist irgendwann auch nicht mehr als platter Boulevard und nicht der Grund, aus dem ich die Zeitung aufschlage.

Heute Abend gehen die Playoffs los. Bonn trifft auf die sportlich überragenden Bamberger. Gleich im ersten Posting auf Schönen-Dunk wurde daran erinnert,  dass sich am Tag nach dem Spiel das hier zum sechsen Mal jährt:

Wir müssen sowas kein zweites Mal sehen… Der Kommentator leitet es treffend ein und aus: „Eigentlich wollten wir über ein sportlich hochwertiges Spiel berichten [2 Minuten Blut und Gezeter] Der Schaden für das Ansehen des Bundesligabasketballs ist erheblich.“ Tja, aber Quote hat es bestimmt gebracht und hättet ihr sonst mehr als 30 Sekunden gezeigt?

PS: Dass es auch anders geht, zeigt die Süddeutsche in einer schönen Playoffvorschau (Hat tip an @kosmonaut).

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