Eins, zwei oder drei – Bauermann und die Feldquote

"Teure" Nationalspieler bei Bayern

„Teure“ Nationalspieler bei Bayern

Bauermann hat zeit-online ein Interview gegeben und da ist sie nun wieder, die Quotendebatte. Ex-Bundestrainer Dirk Bauermann holt die Feldquote hervor. Nach seiner alten 4+1-Forderung kommt nun ein medial griffiges 1-2-3 und die Medien und Foren greifen es dankbar auf. Ach, wenn es nur so einfach wäre, wie ein plakativer Abzählreim.

Ich habe viel über die damalige Quotendebatte geschrieben (und noch mehr). Vor ziemlich genau drei Jahren hat die Liga sich zur gegenwärtigen Quotenregelung nach harten Debatten – und auch dank Bauermanns Druck – durchgerungen. Wir haben 2010 zunächst den Schritt auf 5 Deutsche im 12er-Kader gesehen und nun 2012 werden wir den nächsten Schritt (6+6) sehen.

Ich betitelte im Mai 2009 meinen Blogpost „Die Deutschenquote, ein Ende der Debatte?“ bewusst mit einem Fragezeichen. Das damalige Ergebnis, die Quote, wie wir sie heute kennen und wie sie trotz aller Kritik doch in der ersten und zweiten Stufe ganz gut umgesetzt worden ist, ist eben ein Kompromiss. Ein Kompromiss zwischen denen, die deutsche Fähnchen auf den Trikots (und damit eine Feldquote) sehen wollen und denen, die Nationalitäts-Quoten grundsätzlich für Wettbewerbsverzerrung halten. Stellt Bauermann den status quo nun mit gutem Grund in Frage oder sind es (auch) andere Interessen, die dort durchscheinen?

Bauermann muss man zugestehen, dass er sich in der Position treu bleibt. Nur seine Motive, die kann man hinterfragen, wenn er nun als Bayerntrainer im selben Atemzug der Zeit in den Block diktiert:

„Wir haben uns entschieden, möglichst viele deutsche Nationalspieler einzusetzen. Das ist das Leitbild Bayern Münchens, da orientieren wir uns am Fußball.“

Richtig, das habt ihr Bayern getan. Aber es kann eben nicht jede Mannschaft der Beko BBL wie der FC Bayern sechs gegenwärtige und ehemalige Nationalspieler im Kader haben. Eine Feldquote, ein 1-2-3-Abzählreim, funktioniert zufälligerweise dann am besten, wenn man wie der FC Bayern auf gleich mehreren Positionen zwischen mehreren deutschen Spielern auswählen kann. Schwethelm und Greene, Benzing und Jagla, Hamann und Doreth. Wer eben ganz vorne am Futtertrog der Spielerverpfichtungen steht, kann sich auch unter – von einer Feldquote verschärften – taktischen Einschränkungen die Wunschmannschaft basteln. Wem dies nicht gelingt, der muss dann, wenn der Backup-Center (ohne Fähnchen) eingewechselt wird, gleichzeitig den US-Pointguard durch den Nachwuchsspieler (mit Fähnchen) ersetzen. Dies kann nicht der Sinn des sportlichen Wettbewerbs sein.

Gesichter der Quote - Zazai

Gesichter der Quote – Zazai

Natürlich, das wird man mir vorhalten – und das haben auch einige, teils sogar Offizielle, die sich durch sehr guten Einsatz deutscher Talente auszeichnen, bereits getan – auch jetzt benachteiligt de facto eine Quote die Mannschaften, die sich eine Viertelmillionen-Steffi oder ein deutsches NBA-Talent nicht leisten können. Auch jetzt bevorzugt die Quote Teams, die etatbedingt  auf Nationalspieler setzen können. Schaut man sich aber die Top50 der BBL-Scorer an, dann stehen da Philip Zwiener, Maik Zirbes und Chris McNaughton. Alle drei zuletzt nicht A1-Nationalspieler. Das Bild ist also durchaus differenzierter: Strasser im Artland, Maxi Kleber in Würzburg, Mittmann (aber auch Schröder) in Braunschweig, Bahiense de Mello und Freese in Oldenburg oder Staiger und Schultze in Berlin, Zazai und Oehle in Gießen, Günther in Ulm, WoBo und Thülig in Bonn und der Storch in Hagen. Das sind die Namen und Gesichter der heutigen Quote. Diese noch nicht einmal vollständig entwickelte Positivquote in Gestalt einer Teamquote hat also viele verschiedene Profile.  Die Quote in der gegenwärtigen Gestalt zwingt die Topteams bereits, deutsche Spieler einzukaufen und einzubauen. Sie führt aber auch dazu, dass junge Spieler in kleineren Teams eine echte Chance auf Verantwortung bekommen, statt in Berlin oder Oldenburg auf der langen Bank zu sitzen.  Vor der Quote philosophierte und wunschträumte man bekanntermassen über ein junges, pures „Team Germany“ in Köln. Bauermann baut sich sein nicht ganz so junges aber umso besser verdienendes Team Germany nach dem typischen FCB-Modell. Es ist nur eine Randnotiz, dass heute, an dem Tag, an dem anhand dieses (wohl ein paar Tage alten) Interviews die Quotendebatte via SID-Meldung (hier Handelsblatt) wieder hervorgezaubert wird, der Fussball-EM-Kader bekannt gegeben wurde und der größte Nationalspielerblock da auch – wie könnte es anders sein – vom FC Bayern kommt.

Die Quote rechtfertigen, das kann man meines Erachtens nicht mit einem Fähnchen auf der Brust, sondern nur damit, dass man einen Anreiz für Nachwuchsarbeit und Spielerentwicklung schafft. Beim FC Bayern bekam aber diese Saison genau ein Nachwuchsspieler im engeren Sinne überhaupt Minuten. Bogdan Radosavlijevic, seit 2010 beim FC Bayern, ausgebildet in Urspring. Bauermanns Fähnchengarde ist eingekauft. Das ist auch nicht schlimm, so funktioniert der Spielermarkt. Jedenfalls im Zeit-Interview hat Bauermann auch aufgegeben, die Quote nur mit Nachwuchsförderung zu rechtfertigen. Nun ist sie der Mia-san-Mia-Rhetorik gewichen. Er verweist auf starre Quoten in Griechenland, Spanien und Russland (nur Russland hat die Feldquote). Erstaunlicherweise sind alles Ligen mit einem sehr starren wirtschaftlichen und sportlichen Machtgefüge.

Es ist wichtig, dass Vereine Spieler entwickeln, dass Mannschaften auch mit eigenem Nachwuchs wachsen. Mir ist es bekanntlich herzlich egal ob der eigene Nachwuchs die deutsche Staatsangehörigkeit hat. Warum dem auch das Europarecht entgegensteht, schrieb ich anlässlich der Einbürgerung von Smeulders.

Gesichter der Quote - Freese

Gesichter der Quote – Freese

Bauermanns Einwurf ist richtig, denn es gibt kein Ende der Quotendebatte. Aber drei Jahre vor dem Ablauf der ausgehandelten Quotenregelung, noch vor Umsetzung der letzten Stufe das gesamte System in Frage zu stellen, das halte ich für falsch. Die Ansage für 2012/2013, die kommende Saison, ist, dass 30 % der Spielzeit bei einer 6:6-Quote auf deutsche Spieler entfallen sollen.  Bei der Debatte darf man eben nicht vergessen, dass die Liga mitten in einem Prozess steckt. Der „Maximalausbau“ der Quote kommt erst in diesem Sommer. Die Effekte verfehlter Sportpolitik, der totalen Liberalisierung, einer ganzen verlorenen Spielergeneration und des nun einsetzenden langsamen Wiederaufbaues hallen düster nach und werden dies auch noch lange -quasi als Erbe dieser „dark years“ – tun.

Wenn es nächste und auch übernächste Saison mit den angepeilten 30 % wirklich nicht klappt, muss man darüber nachdenken, warum es gescheitert ist. Was muss dann anders laufen, damit die Trainer bereit sind, der zahlenmäßigen Hälfte ihrer Mannschaft auch ein Drittel der Minuten anzuvertrauen? Oder: was sind die Gründe, die dem bislang entgegen standen? War das wirklich eine fehlende Feldquote? Dann können die Fakten neu bewertet und die Karten neu gemischt werden.

Leider ist der Ticker bei waskommtnachdirk in dieser Saison nicht mehr mitgelaufen. Das schöne Blogprojekt dort ist im letzten Sommer eingeschlafen. 2010/2011 waren wir ligaweit bei 20 %, also ein gutes Stück weit weg. Ohne im letzten Sommer die Quote verschärft zu haben sind wir bei den Playoffteams  diese Saison bei knapp 25 % (google docs via zeit-online.de).  Natürlich schwankt es zwischen Bonn (13 %) und Bayern (47 %). Und für die ALBA-Fans: Es sind etwas über 26 %. Was vollständige Zahlen angeht, mag vielleicht das Ligabüro aushelfen? Es ist jedenfalls ein Fortschritt und der richtige Weg.

Aber gerade diese Zahlen zeigen auch, dass Bauermanns Feldquotenargument letztlich momentan nur ihm selbst nützt. Die Bayern haben so eingekauft, dass sie eine solche Abzählreim-Quote schnell erfüllen können. Eine Feldquote – auch mit drei fähnchentragenden Feldspielern – ist jedoch für die Bayern kein Ansporn in die Nachwuchsarbeit zu investieren. Wenn sie aber zwei, drei Prozent ihres hohen Spieleretats mehr für Nachwuchstrainer ausgeben müssten, vielleicht irgendwann auch ein Nachwuchsteams in der ProB fördern müssten, das würde sicherlich helfen, mehr Talente in die Liga zu bringen, wenn auch vielleicht nicht zu den Bayern. Bauermanns Quotenforderung hilft beim heutigen Stand nur dem Tabellenplatz der Bayern und dem Ego seiner Jungs, die sich dann im Ligaalltag nicht nur optisch blass gegen manch einen  Würzburger oder Tübinger Rookie vom College aussehen. Denn in der von der Zeit zur Verfügung gestellten Datensammlung steht eben auch, dass beim FC Bayern zwar 47 % aller Minuten auf deutsche Spieler entfallen, aber nur 31 % aller Punkte (im ersten Viertelfinale 29 %). Da sind es dann doch Homan, Troutman, Wallace und Foster, die liefern. Zum Vergleich: Bei ALBA Berlin ist es ausgeglichener. Dort sind es 26 % der Minuten und 25 % der Punkte.

Allen Kritikern zum Trotz bleiben die Teams auch mit der 7-5-Quote variabel, die Coaches haben Freiheiten und die Fans können ihre Lieblinge fordern und den Trainer fürs Zwienern des Nachwuchses dissen. Die Zeiten vertragloser Nationalspieler, wie wir sie noch vor drei Jahren hatten, sind vorbei. Wir lernen neue Namen, neue Talente kennen. Und wir sind noch lange nicht am Ende der Fahnenstange der vereinbarten Quote angekommen.

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9 Gedanken zu „Eins, zwei oder drei – Bauermann und die Feldquote

  1. Dein Foren-Link im ersten Absatz unterschlägt die ersten 4 posts zum aktuellen Thema. Die Diskussion beginnt auf Seite 37 des Threads.
    Zum Thema: Ich erachte es für unbedingt notwendig jetzt, also vor Ablauf der Regelung, über den nächsten Schritt nachzudenken und nicht darauf zu warten und bis man zum Stillstand gekommen ist.

    • Muss man das wirklich? Wenn im Sommer 2013 oder 2014 klar ist, dass 30% der Spielzeit auf Eigengewaechse der BBL-Clubs entfällt, dass die Clubs auch ausbilden, dann ist das gesteckte Ziel erreicht. Und danach sieht es momentan aus. Die Quote isoliert von einem Ziel zu betrachten lässt sie zum Selbstzweck werden. Ich jedenfalls halte hiervon nichts. Und das gesetzte Ziel von 30% halte ich für hinreichend ambitioniert.

    • Die Umsetzung ist qualitativ und quantitativ aber noch weit von der Zielsetzung entfernt. Auf vielen Positionen drängen sich nicht eine Vielzahl überragender Spieler für die Nationalmannschaft auf oder sind von europäischen oder NBA-Clubs heiß begehrt. Daher muss der Druck der BBl vielmehr noch des DBB weiter aufrecht erhalten werden. Aus Sicht des DBB muss die Antwort auf jeden Fall JA lauten.
      Der Gedanke ist kein auch Lex-Bayern wie vielfach ausgelegt wird – diese Sichtweise ist kurzsichtig.
      Und wie ambitioniert die Quote 30% im internationalen Vergleich ist, lasse ich mal dahingestellt sein. Aus konservativer Sicht allerdings mag sie wohl ambitioniert erscheinen.

  2. Ich stimme Dir so weit zu, Du hast die Thematik gut auf den Punkt gebracht. Nur eine Anmerkung: Das eine Feldquote für die Bayern kein Ansporn wäre, mehr in die Nachwuchsausbildung zu stecken, stimmt schon. Aber es wäre eben nur kein zusätzlicher Ansporn. Die zwei bis drei Prozent mehr geben sie imho bereits aus und ich bin mir sicher, dass die Pro B dort mittelfristig auf dem Plan steht. Wenn man sich mal anschaut, wen die da alles für den Nachwuchsbereich geholt haben … Auch im Fußball lebt der FC Bayern ja nicht nur davon, die besten deutschen Spieler einzukaufen, sondern eben auch von der eigenen Nachwuchsabteilung (aus der sich wiederum auch andere Bundesligisten bedienen). Ich denke, das gehört durchaus zum Selbstverständnis der Bayern dazu. Nichtsdestrotz würde sie von einer solchen 1-2-3-Quote natürlich überproportional profitieren.

  3. Also von mir aus kann die Quote kommen :-)
    Ich hab gerade mal nachgerechnet, Trier kam der für manche Teams noch laufenden Saison auf 40% deutsche Minuten und unglaubliche 42% deutsche Punkte. (Ich hoffe natürlich, dass ich mich nicht verrechnet habe). Für Trier wäre die Quote also ein Segen, zumal wir ja bereits in dieser Saison immer mit mindestens einem Felddeutschen gespielt haben, weil wir gar keinen ausländischen Center haben.

    • Klingt gut. Nur wenn alle Deutsche aufs Feld schicken müssen, könnten Trier die Spieler fehlen. Das ist das Gute an der gegenwaertigen Quote. Sie lässt Raum für verschiedene Modelle.

    • Ob uns Spieler fehlen würden, weiß ich nicht. Klar wären Zirbes und Zwiener noch viel schwieriger zu halten, aber Trier hat sich durchaus den Ruf erarbeitet, jeden jungen Spieler besser zu machen. Das ist für einen deutschen Spieler, der grade aus der NBBL raus ist, erstmal wichtiger als vielleicht eine Playoffteilnahme.
      Was mich aber stören würde, wenn die 1-2-3 Quote kommen würde: Trier wäre nicht mehr cool. So komisch es klingt, noch sind wir das Team mit dem neuen, mutigen Weg. Das ist interessant, weckt Sympathien und bringt Zuschauer und vllt auch Sponsoren. Wenn plötzlich alle so sind, ist Trier wieder die graue Maus der Liga, ohne Geld und Perspektive. Freuen wir uns also, dass es wohl für die nächsten Jahre nur bei der Idee „1-2-3“ bleibt

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