plog #20 Los chicos de oro und das große Finale

Es sind erst ein paar Minuten gespielt, aber die erste Auszeit Serbiens kommt gerade noch rechtzeitig. Erstmal Mund manuell wiederverschließen und dann den Atemreflexknopf auf reset und wieder neu aktivieren. Wow.

Was die Spanier da gerade abliefern, ist ziemlich nah dran an perfekt. Jeder weiß, was er zu tun hat, jeder weiß, was der andere gleich tun wird. Den Vergleich mit der gut geölten Maschine muß ich leider noch einmal bemühen, denn kein anderer mag besser passen. Sogar Trainer Scariolo nennt sein Team anschließend einen „Ferrari“, den er steuern durfte. Gut, das ist jetzt ein italienisches Auto, aber was solls. Seat hätte jetzt nicht wirklich so prickelnd geklungen und er ist schließlich Italiener.

Nach 7 Minuten hat der V12-Zylinder hochtourig schon 18-7 vorgelegt, nach 9 stehts schon 24-9 und kurz vor Halbzeit 52-26. Atemlos fasziniert schaut man dieser rasanten Ballchoreographie zu und versucht möglichst alles mitzubekommen. Ein toller Augenschmaus für jeden Basketballpuristen, der mal die Länderbrille kurz zur Seite legen kann. JCN, Rudy, Ricky, Pau, & Co. spielen wie in Trance und das Finale ist längst entschieden, obwohl Serbien tapfer zurückkämpft. Da ist heute einfach kein Kraut gewachsen gegen Spanien und unwillkürlich kommen die Gedankenfragen, wie das heute wohl gegen ein Team USA ausgegangen wäre. Spanien war am Schluß dieser EM noch besser als letztes Jahr und das könnte wirklich sehr, sehr interessant werden 2010 in der Türkei. Mal schauen, ob man sich diesmal auf gemeinsame Regeln einigen kann.

Die Spanier aber sind endgültig die „chicos de oro“, des Basketball, mindestens mal auf dieser Seite des Atlantik. Amtierender Weltmeister (2006), Vize-Europameister (2007), Olympiazweiter (2008) und nun (kaum zu glauben aber wahr) im bereits siebten Anlauf endlich auch die europäische Krone 2009 in Polen errungen. Nach der gestrigen Basketballdemonstration fällt die Vorstellung schwer, daß die Spanier bisher alle ihre immerhin schon 6 Endspiele bei EMs verloren hatten.

Die schönsten Bilder kamen aber von den Tribünen. 10.000 bunte Fans aus ganz Europa in der pickepackevollen Halle haben viel Spaß, feiern sich selbst und untereinander. So wie es am besten immer sein sollte. Vor allem die Litauer singen sich schon mal warm für die EM 2011. Das eigene Team längst ausgeschieden und zu Hause, macht nichts – Li-e-tu-va! Li-e-tu-va! schallt es durch die Halle und die EM in Polen endet mit einem monstermäßigen spanischen Alley-oop Rückwärtsdunk. Felicidades Campeones!

Und was bleibt? Ne ganze Menge. Einfach mal drauflosfahren ins unbekannte Polen, unsere Nachbarn besuchen. Es lohnt sich! Unbedingt nachmachen, ich hab sehr, sehr viel gelernt. Koszykówka heißt Basketball auf polnisch und ich hoffe, daß irgendwer irgendwo (am besten hier bei uns) in Zukunft die deutschen BB-Küken spielen läßt. Ich habs satt, daß die BBL-Katze sich in den DBB-Schwanz beißt oder umgekehrt. Keine entsprechenden BBL-Regelungen, weil angeblich nicht genug deutsche Spieler von Format da sind? Oder etwa nicht genug gute deutsche Spieler da, weil sie keine „Spielplätze“ haben? Get over it, guys! Tauziehen oder konzertierte Aktion?

Allein die Tatsache, daß offenbar erst alles jahrelang auf der Rückseite von Moses 10 BBL-Gebotstafeln irgendwo als Postskriptum in Stein gemeißelt ist, was den einheimischen Nachwuchs in der BBL angeht und dann machen ein paar Adlerträger 3 tolle Spiele bei der EM, Mecker vom JHJ und plötzlich ist alles anders? Hmm, ich sags mal so: ich wünschte, ich könnt auf polnisch fluchen oder wie gut, daß das Wetter so warm war, daß man sowieso kein Mäntelchen brauchte (;-) ).

Naja, Hauptsache es bewegt sich endlich was. Setzt euch zusammen, Schluß mit dem Gejammer um Partikularinteressen. Zukunftsfähige Konzepte für den (Gesamt-)Basketball in Deutschland müßen her.

Ach ja, noch was: Laßt die Jungs einfach spielen!

„I’ve missed more than 9000 shots in my career. I’ve lost almost 300 games. 26 times, I’ve been trusted to take the game winning shot and missed. I’ve failed over and over again in my life. And that is why I succeed.“ (you know who)

What´s more?
Sven Simon von der Five schuldet mir noch `ne Antwort unter plog #16, die Aufkleber vom Firmenwagen sind abgefönt, selbiger nicht gestohlen worden, die Fotos für die Freunde natürlich wie immer noch nicht hochgeladen, der Kopf noch nicht wieder ganz zu Hause, der Sommer vorbei, wie ist es eigentlich so in Litauen und was ist denn jetzt mit den Füßen von Heiko S. und Jan J.? Apropos: bester Platz in Gdansk (pssst, bitte nicht weitersagen!) Samstag- oder Sonntagsnachmittags im winzigen, zerfallenden Stadtteil Brzezno, eigentlich ein altes Fischerdorf, am Meer. Entspannung pur mit den Einheimischen (radfahren, eisessen, inlinern, sonnen, joggen, skaten, schwimmen, gucken) und anschließend dort unglaublich leckeren Fisch essen. Ein Traum, ein Tag wie gemalt, ich will zurück.

Wenn ich dunken könnte, dann: der helfenden Physikercrew, die vor kurzem noch sinnlos Lebenszeit damit verplemperte Herschel ins All zu ballern und nun mit diesem plog endlich wirklich was für die Menschheit getan hat. Πριντεζις. Den ganzen SMSlern, Emailern und Telefonierern. Dem guten Wetter. Polen, dem Land und den Leuten. Allen Basketballspielern und -liebhabern. Allen Lesern hier, die hoffentlich genauso viel Spaß hatten wie ich, und natürlich besonders und vor allem dem Archäologen in der Nachdenkzentrale, ohne den das alles nicht möglich gewesen wäre (game recognizes game).

OldSchoolBaller ließ grüßen und das plog ist zu

Outtakes:
Beim Inder: Die Herren möchten von der Karte die Nr. 78 “Chicken Balti“ und ordern genauso lauthals wie unabsichtlich: „2 Mal Baltic Chicks“, die weibliche Bedienung nickt, guckt mich an und sagt leise: „Lithuania is not far away“. Wir grinsen beide, ich sage den Jungs nichts, der Gag ist einfach zu gut. Sie werden ja ihren faux pas hier lesen können.

Ist es eigentlich nicht schon voll krass web3.0 wenn man jemandem, der keine 30m entfernt sitzt, gute Internetsurftipps via 450km entferntem blog eines Dritten gibt?

Aus Steffen Hamanns EM-Blog: […]Frühstück selbständig[…]

Der ultimativ trockene Frank B. aus G. in Sopot im „Rooster“ auf die Frage eines Mitreisenden, was er denn da für eine Riesenplatte gegrilltes Fleisch geordert habe: „Das nennt sich hier Westerplatte.“. Ehrenmitgliedschaft im Club der polnischen Versager.

„Boah, menno, der blöde Tony Parker mit seiner doofen Fernsehmoss.“ (SMS aus Gießen nach unserer unnötigen Auftaktniederlage gegen Frankreich)

*sing* Hammer,…wie ich mich beweg in meim Outfit,…Hammer (Sorry, Insidergag)

honorable mention: @guwac, der es nur um Haaresbreite vermeiden konnte, die Worte „ich mag“ und „Gießen“ in einem Satz zu verwenden :-p ;-)

Unnützes Wissen Nr.2 (wieso hat eigentlich niemand gemeckert, daß nach der Nr.1 nie eine Nr.2 kam?): das angeblich längste Gebäude Europas steht in Gdansk im Stadtteil Przymorze. Es handelt sich um einen unglaublich schönscheußlichen wellenartig gebauten Wohnblock („Falowiec“, „die Welle“) für über 7000 Menschen und ist über 1 km lang, weshalb er auch 3 eigene Bushaltestellen braucht.

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15 Gedanken zu „plog #20 Los chicos de oro und das große Finale

  1. Vielen Dank für einen der besten blogs/plogs, die ich je lesen durfte.
    Zudem kam noch die perfekte Vorbereitung auf einen eigenen Trip nach Polen. Ich kann allen Interessenten nur die Stadt Torun (50km östlich von Bydgosz (?) Zwischenrundenort der Adlerträger) empfehlen. Wahrscheinlich eine der schönsten Altstädte, die ich je gesehen habe.
    Und ich kann OSB nur beipflichten: Land und Leute in Polen sind einfach gut! Also tragt alle zur Völkerverständigung bei wie OSB & Crew egal ob durch Sport oder Privatreisen.

  2. Schade das es vorbei ist.
    Die EM sowieso, aber da wird es nachfolgende Tuniere geben.

    Nein, der plog wird mir fehlen!
    Ich hoffe, dass das hohe Niveau aufrecht erhalten werden kann.

    Grosses Kino!

    Wie wird denn der plog in der Türkei heißen? tyog? trog?

    • O! No bo po co to?
      (Klasse, kann ich das endlich auch mal sagen ;-) !)
      War schon nötig. Soll nämlich heißen, daß die Jungs eben spielen müßen, Verantwortung übernehmen müßen und Fehler machen dürfen, sonst klappts eben nicht. Siehe Heiko. Die knapp 34 Min. pro Spiel letzte Saison waren so wichtig.

  3. Djenkuje für das Plog!

    Das polnische Fremdenverkehrsamt sollte dir einen großen Präsentkorb mit ganz viel original polnischer Wurst, leckeren Piroggen, ganz viel Żubrówka, etc. pp. schicken.
    Bessere Werbung für einen Urlaub dort als deine Texte kann es ja nicht geben.

  4. Schade, aber auch die schönste EM geht irgendwann zu Ende…
    Vielen Dank für diese Hintergrundblicke, die leider zu früh den Heimweg antraten… Immer diese Holländer ;-) Die verstehen ja nichts von Basketball (sorry ;-) )
    Ich hoffe hier gehts mit OSB weiter, kann ein interessanter Gegenpol zum Gruebler werden!

    Eviva Espana!

    • Obwohl die Letten nicht mehr da waren, wollten wir OSB nicht alleine in Polen lassen.

  5. Zrobiłem z przyjemnością – Gern geschehen!
    Das hat einfach u-n-g-l-a-u-b-l-i-c-h viel Spaß gemacht.

    Und mehr als erstaunlich was aus so einer kleinen (Schnaps)Idee werden kann.

    :-)

  6. Auch von mir ein riesengroßes Dankeschön! Es war mir immer eine Freude, die Plogs aus der Mailbox fischen und hier veröffentlichen zu dürfen. Und natürlich habe ich den Luxus genossen, sie ein paar Minuten früher lesen zu können. Denn es sind richtig gute und intelligente Texte, mit Witz und Verstand, dem Blick einer Fachfrau und der Perspektive auch über den Spielfeldrand hinaus geschrieben.

  7. Ich kann mich den Lobeshymnen nur anschließen!!!
    Und du wärst nicht die Erste, deren ‚Kolummne‘ zu einem Buch wird und dann zu einem Film. (Biete mich jetzt schonmal zum Casten der Spieler an ;-) )

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