Lemons to Lemonade


Das Offensichtliche liegt mir bekanntermaßen überhaupt nicht, deswegen heute ein schräger Blick auf jemanden, der basketballerisch eigentlich völlig uninteressant ist und vielleicht gerade deshalb fast symbolhaft für alles unverrückbar Gute steht, was den Collegebasketball in den USA ausmacht. Jemanden, der aus Sportsicht so langweilig und gewöhnlich ist und gleichzeitig als Typ und Mensch so besonders und witzig, dass er förmlich zum Kultstar geboren scheint – allerdings nur rückblickend.

Damals in der 5. Klasse, als er ein richtig guter Highschoolspieler war und einen Aufsatz schreiben mußte, was er mit dem Rest seines Lebens anfangen will, war er höchstens einer von Tausenden, denn er war ein talentierter Junge aus dem Ballerstaat Indiana und wollte (Überraschung, Überraschung) ein Basketballstar in der Big Ten Conference werden. Ungewöhnlich an ihm waren höchstens seine mangelnde Athletik, seine große Klappe, sein Zynismus, sein Hang zur beißenden Selbstironie und seine übergroße Liebe zum orangen Leder. [Ähnlichkeiten mit lebenden Bloggern sind selbstredend rein zufällig].

Das Leben schreibt einfach die besten Geschichten und Mark Titus hatte nach der Highschool ein Basketballstipendium für Harvard und die Illusion verloren ein richtig großer Star mit dem Leder zu werden. Eine einzige falsch angekreuzte Mathefrage erledigte dann auch dieses Thema und das Schicksal nahm seinen Lauf. Ende 2006 ging er mit seinen guten AAU-Kumpels und jetzigen NBA-Spielern Greg Oden, Mike Conley and Daequan Cook an die große, renommierte Ohio State University (OSU) in Columbus, Ohio. Hier reichte es nicht zum Basketballstipendium, sondern nur zum normalen Studenten und „Teammanager“ – das heißt Wasserflaschen auffüllen und Trainingseinheiten auf Video bannen. Er flog nach einer Woche raus. Mehrere Verletzungen im Team führten dann dazu, dass Spieler (lies: Bankwärmer) fehlten. Mark erhielt einen Anruf und hatte fortan seine neue Berufung gefunden auch wenn er sich anfangs nicht mit seinem Status anfreunden konnte. Einige Zeit später fing er an (zunächst aus reinem Frust) zu bloggen und ermöglichte so Hundertausenden einen unvergleichlichen Blick hinter die Kulissen der NCAA – garniert mit nerdigem, staubtrockenen Humor und liebenswerter Aufmüpfigkeit. Er hatte ganz einfach beschlossen „Alles“ aus „Nichts“ zu machen und das Beste aus seiner Situation. Zitronen zu Limonade.

Sein Blog „Club Trillion“ („Life views from the end of the bench“) hat es in nicht einmal anderthalb Jahren auf 2.8 Millionen Hits gebracht. Sein Twitteraccount zählt knapp 15.500 follower und Mark Titus ist schlicht Kult. Nach seinem ersten Jahr hält er eine spontane Pressekonferenz, als er verkündete nicht in den Draft zu gehen. In fremden Hallen skandieren die gegnerischen Fans seinen Namen und fordern seine Einwechslung.  Hunderte Buckeyesfans sitzen mit seinen gemeinnützigen „Club Tril“-T-Shirts und aufblasbaren Plastikhaifischen in der heimischen Riesenarena. Sie können sich mit ihm identifizieren – sind vielleicht selbst Bankwärmer, ob im Sport oder im Leben.  Genauso urkomisch-kreativ wie Titus selbst scheinen sie zu sein, denn sie haben sich inzwischen selbst „Trillion Man March“ getauft.

Alles was er sich in der 5. Klasse erträumt hat, ist jetzt wahr geworden, wenn auch ein wenig anders als geplant. Mark „The Shark“ Titus ist ein Star. Mittlerweile der größte Star in seinem Team, Held der Massen, obwohl (oder weil?) er nie spielt – und wenn dann nur ein paar Sekunden Garbagetime.

Daher auch der Name seines Blogs: „Club Trillion“. Eine Trillion, das ist die Zahl, die man auf dem Statsheet sieht, wenn man nur eine Minute spielt und sonst nichts macht, sprich eine lange Reihe Nuller produziert. Er wird inzwischen sogar scherzhaft von den eigenen 20.000 Fans im Schottenstein Center fürchterlich ausgebuht, wenn er bei 30 Punkten Vorsprung einen Rebound holt und so die „Trillion“ versaut. Was kann es besseres geben?

Nicht der talentierte Evan „The Villain“ Turner, der seinen Spitznamen natürlich von Mark hat, es sicher in die NBA schaffen wird und hier den Sensationsdreier (und Michigan) vor 2 Wochen versenkt, ist der beliebteste Spieler der „Bucks“, sondern der ewige Benchwarmer, der links im Video den ganzen Pressetisch abklatscht und wie immer das Handtuch wedelt:

Evan Turner wird „Player of the Year“, OSU wird Big Ten Champ, aber nur einer schneidet hier das Netz ab. The Shark macht aus seinen Limitierungen eine Tugend. Seine freche Klappe hat es am Schluß sogar geschafft David Stern das Fürchten zu lehren. Im Prinzip könnten wir alle uns für den NBA-Draft anmelden – keiner machts, Mark Titus hats getan und wurde der bislang einzige Spieler, den die NBA offiziell zurückgewiesen hat. Bei jedem anderen wäre das Anmelden einfach egal gewesen, die Dimension als unfreiwillige Internetmacht, in die Titus vorgestoßen ist, wird deutlich, wenn man erfährt, dass er von der NBA mit sanfter, aber sehr deutlicher Drohung aufgefordert wurde seinen Namen aus dem Draft zurückzuziehen („…or else“). Die große NBA hat Angst vor Mark Titus in der Draftnight. Schade hätte sehr, sehr lustig werden können. Die Knicks und die Nets hätte er auf jeden Fall besser gemacht ;-) .

Mark Titus ist einer der es erst gar nicht und dann doch nach ganz oben geschafft hat, auf die schier unmöglichste Art und Weise. Einer, der den Traum gelebt hat. Den Traum, den vielleicht jeder hat, der mal selbst gespielt hat oder auch nur richtig echter Fan ist. Nie im Training gefehlt, nie gejammert, 4 Jahre lang immer hart gearbeitet und alles gegeben, obwohl er wußte dass er „nicht gut genug“ war. Und obwohl das Video augenzwinkernd anderes suggeriert:

Die freche Schnauze, Intelligenz, coole Schreibe und Liebe zum Spiel lassen bei mir in einer Mischung aus Lachen, Respekt und Rührung die Tränchen kullern. Was für ein Kerl, was für eine Karriere!

Und – es könnte nicht besser passen – das allerletzte Spiel nach 4 Jahren Collegekarriere verbrachte er mit frisch operierter Schulterverletzung (natürlich nur aus dem Training!) und dazu noch viruskrank über dem Plastikeimer in einem Hotelzimmer in St. Louis vor dem TV. Sein letzter Tweet nach dem „heartbreaking loss“ der Ohio State Buckeyes 73-76 gegen Tennessee:

1 last thought: I wouldn’t trade my career for 4 national championchips. I love OSU, TMM, and everyone I had privilege of playing with.

Wären wir bei Darwin und der Evolutionsgeschichte des Basketballs, so hätten wir mit Mark Titus das „missing link“ zwischen den ballzaubernden hochbezahlten und unerreichbaren Glamourstars dieses Sports und dem großen Rest von uns gefunden. All uns Schoppenspielern aus der Kreisliga C, den noch träumenden Jugendspielern, den vielleicht ehemaligen Bundesligaspielern, Sofatrainern oder einstmals hoffnungsvollen Ex-Talenten. Aber eben auch und vor allem: all uns heißglühenden Basketballfans.

Marks Geheimnis: Einer von uns, der 4 Jahre bei den ganz, ganz großen Jungs dabei sein durfte. Ein Idol für jeden der Basketball träumt.

Mehr Tränen spätestens ab 04:45 und sind wir nicht alle ein bißchen Trillionäre?

OldSchoolBaller

P.S.: Way to go, Mark! (Abschied und Tribute mit einem Titel seiner Lieblingsgruppe Journey) This is TBDBITL!!!

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16 Gedanken zu „Lemons to Lemonade

  1. coole story, nettes medienphänomen, nur irgendwie blöd, daß der gute im endeffekt nur richtung aufmerksamkeit via blogging(wenn auch mit dem richtigen riecher) strebte weil er nichtmehr wie auf der highschool „ein star“ war und auch das bball-video hauptsächlich ego-boost war um zu zeigen, wie toll er dennoch spielen könnte.

  2. Nee, das Video ist die pure Selbstironie. Zum Medienphänomen ist er erst später nach 2 Jahren und auch nur unfreiwillig geworden und hat dies dann genutzt um Geld für eine Stiftung zu verdienen. Worum es ihm eigentlich ging, war Basketball spielen, egal zu welchem Preis. Er war nicht gut genug und hat trotzdem genau das geschafft. Und auch noch an so einer Uni! Kein Stipendium, sondern ein sog. „walk-on“, der 4 Jahre lang wichtiger Bestandteil des Teams war.

    Und bitte: http://sports.espn.go.com/ncb/player/profile?playerId=34675
    Kein TO in 4 Jahren! Fantastisch, wer kann das schon von sich behaupten? ;-)

    • er sagt im rahmen des interviews im letzten video doch selbst, daß er spaß für andere wollte aber es ihm schon auch darum ging, daß leute erkennen „oh he’s got skills“(oder so, der genaue o-ton ist mir entfallen undso :P )

    • Ja, weil er seit ewig und 3 Tagen damit ver***t wird. Es gab/gibt genug Leute, die ihn nie haben spielen sehn und denken, dass da irgendein Pommesschüttler sitzen kann. Oder sie selbst. Die wissen nicht, dass man schon ziemlich gut sein muß um da hin zu kommen. Für diese Hater ist das Video.

  3. Unglaublicher guter Blog, hab gestern mal nur das Jahr 2008 gelesen und mehrmals laut gelacht. Danke an OSB für den gten Hinweis.

    Noch ne kurze Frage zu den Shirts. Was kostet der Spaß an Versand nach Deutschland? Bin gespannt, wie viele der Shirts ich demnächst in der Osthölle unterwegs sind.

    • Ach, Mist ich dachte mein Blog war gemeint ;-)
      Versand ist frei!

    • Sorry, OSB. Dein Blog ist natürlich auch geil! Schon während der EM und deinem PLOG hab ich dir einige Probz hier zukommen lassen, hoffe ich. Wenn nicht gibts dafür an dieser Stelle noch einmal virtuelle HighFive!

      Jetzt muss ich nur noch rausfinden, ob die Shirts auch „normal“ ausfallen. Bei der letzten Bestellung von XL-Shirts in den Staaten hab ich nen Kleidchen bekommen.

  4. Hohe Fünf zurück ;-) war nur n Scherz ;-)
    Nach amerikanischem Studenten-Verständnis fallen sie normal bis n Tickchen kleiner aus. Wie sich das mit unseren Maßen und Empfindungen verträgt….who knows. Der Fairness halber würde ich eh sagen, dass man mehrere bestellt, denn 25USD mit geschenkten Versandkosten, da kann für die Kinderhilfe nicht viel hängenbleiben. Aber auch nicht zu viel bestellen, sonst gibts Stress mim Zoll. So 3 Shirts is die perfekte Anzahl. Dann das Tee nehmen was dir am besten passt und die 2 anderen verschenken :D. Macht sich sehr cool als Präsent. Oder alternativ selbst vorbeifahren, kann ich nur empfehlen ;-)

    • Update: wie ich aus Ohio höre, ist der gemeinnützigen Organisation „A Kid again“ die T-Shirtsache über den Kopf gewachsen. Sie mußten das Ganze wegen enormen Massen an die Shirtprofis von „Homage“ weitergeben. Ihr werdet automatisch umgeleitet. Einerseits ist das sehr sehr schön, andererseits bedeutet das leider auch, das nun Versandkosten anfallen. Die halten sich aber mit 12$ (=8€) sehr im Rahmen, also kein Grund es nicht zu machen ;-)

  5. Pingback: Too big, yo! oder The road ends here « Grübelei – Ansichten eines Basketballfans

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