Derrick Byars und Basketball aus Fußballersicht

Ich las heute mehrfach – zunächst mit Verwunderung, dann mit Erstaunen und schließlich mit ungläubigem Kopfschütteln – den Artikel „Diskurs in der Ruhezone“ über das Spiel ALBA Berlin gegen die Artland Dragons. Der Artikel stammt aus der Feder des einstigen St. Pauli Spielers und heutigen Sportchefs der Berliner Zeitung, Markus Lotter.

Es bleibt jedem unbenommen, Coach Pavicevic mehr oder weniger zu mögen. Aber wenn man einen von manchen Großen der europäischen Trainerszene hochgelobten Trainer fachlich wegen seiner Auswechselpraxis in der größten Abonnementzeitung der Region angreift, wie es der Autor tut, wäre es besser, wenn dies Hand und Fuß hätte.

Markus Lotter schreibt:

Gegen Artland schickte er [Coach Pavicevic] Derrick Byars in der ersten Hälfte just in dem Moment auf die Bank, als der US-Amerikaner drauf und dran war, heiß zu laufen. Byars, der nach dem Ausfall von Julius Jenkins (Gehirnerschütterung) auf mehr Einsatzminuten gehofft hatte, nahm mit einem Kopfschütteln Platz auf der Bank.

Diese Analyse hinkt, wie man schön an dem von der Liga bereitgestellten Play-by-Play nachvollziehen kann. Nach dem starken Spiel in Jerusalem (Spiegel Online mit Video) und wohl auch weil Jenkins verletzt war, startete Derrick Byars und erzielte auch gleich die ersten zwei Punkte des Spiels.

Bei 5:14 zu spielen im ersten Viertel beging Byars sein erstes persönliches Foul, bei 4:10 im ersten Viertel sein zweites. Wenn ich mich nicht täusche, war dies in übermotivierter Sprung in Chad Prewitt. Bei 3:33 zu spielen im 1. Viertel wurde Byars erstmals ausgewechselt. Einerseits ist es ziemlich normal, dass ein Spieler nicht ein ganzes VIertel durchspielt, andererseits ist es üblich, dass ein Coach einem Spieler, der in Foulprobleme kommt, eine Pause gibt. Dies gilt gerade dann, wenn offensichtlich ist, dass der Spieler ein wenig übermotiviert zur Sache geht. Schließlich ist das Spiel für ihn beendet, wenn er fünf Fouls hat und auch ein Spieler mit vier Fouls muss in der Defense in der Regel ein wenig mehr aufpassen. Zwei Fouls in einem Viertel sind daher meist schon eines zu viel. ALBA hat eine tiefe Bank und kann daher reagieren.

Keine fünf Minuten später, bei 8:15 im zweiten Viertel wurde Byars wieder eingewechselt. Er traf einen 3er, beging aber nur wenige Sekunden später ein Foul, sein drittes persönliches, an Alexander Seggelke und landete bei 6:28 zu spielen auf der Bank und kam erst nach der Halbzeit, etwa Mitte des dritten Viertels, wieder ins Spiel. Nur noch einmal wurde er ausgewechselt, kurz vor Ende des dritten Viertels, sein Ersatz, Lucca Staiger musste dann ein taktisches Foul begehen. Auch hier also eine Auswechslung mit taktischem Hintergrund.

Aus der Perspektive eines Fußballers mag diese Wechselpraxis unverständlich erscheinen: Wenn jeder gelbbelastete Spieler ausgewechselt würde, wäre wohl schnell die Zahl an Auswechselungen erreicht. Auswechselungen im Basketball sind aber gerade bei Foultrouble ein Mittel den Spieler zu schützen, sei es vor sich selbst oder vor Referees, die ihn auf dem Kieker haben. Byars war am Samstag zu wichtig für ALBA, als dass man ihn hätte verheizen und sich ausfoulen lassen können.

Ein Verpfeiffen durch die Schiris war bei Byars aber wohl kaum der Fall. Denn auch wenn im Vorfeld sorgenvoll auf dieses erste Ligaspiel nach Baldis Schiri-Kritik geblickt wurde, das Trio Lottermoser, Rucht und Madinger zeigte eine überwiegend souveräne Leistung, die ein intensives Spiel zuließ.

Und wo ich gerade beim Kritisieren bin:

Dragons-Kapitän Darren Fenn hervortat, der mit 18 Punkten zudem treffsicherster Korbschütze des Abends

Darren Fenn war der Topscorer, aber nicht der treffsicherste Schütze. Er verwandelte nur 38,9 % seiner Würfe aus dem Feld, weit weniger als sonst (51,7 %). Möglicherweise ist diese – von Markus Lotter nur ALBA attestierte –  „Unsicherheit“ bei leichten Körben ein Ergebnis einer guten Verteidigungsarbeit der Berliner Center Sekulic, Chubb und Nalga. Die treffsichersten waren Rashad Wright und Hollis Price, bei denen jeweils zwei Drittel der Feldwürfe den Weg in den Korb fanden.

Schließlich bewertet der Autor die Titelchancen von ALBA:

22 Siege aus 29 Spielen hat Alba in der BBL zu verzeichnen. Eine ordentliche Bilanz ist das, aber sicher keine überragende. Vielmehr drückt sie eine bemerkenswert hohe Anfälligkeitsrate aus, die im Hinblick auf die Playoffs einen bedenklichen Unsicherheitsfaktor darstellt. In der derzeitigen Verfassung würden die Berliner jedenfalls nicht als Favorit in die entscheidende Saisonphase gehen.

Natürlich ist bei ALBA in der Liga momentan spielerisch nicht alles so gelbgolden wie die Heimtrikots, die es seit heute im Angebot gibt, aber die Leistung in der Liga aus dem Gesamtkontext der Saison zu reißen, ist befremdlich. ALBA Berlin ist jüngst als erstes deutsches Team in das Viertelfinale des EuroCups (für Fußballer: Das ist das Äquivalent zur Europa League) eingezogen. Wenigstens diese Begleiterscheinungen der seit dem 26. Januar 2010 anhaltenden  „englischen Wochen“ ALBA Berlins könnten aber auch einem Fußballer zugänglich sein, koinzidiert die durch die Blume gerügte Schwächephase doch mit Top16 und Viertelfinale des EuroCup. Auch hat ALBA seit Wochen mit Verletzungssorgen zu kämpfen, fehlt doch der Starter Jurica Golemac (der kam von Panathinaikos, das ist (für Fußballer) das ManU des Basketballs) noch immer, war Spielmacher Rashad Wright zuletzt verletzt und musste ALBA gegen die Dragons auf ihren Topscorer Julius Jenkins verzichten. Eine Siegquote von 22 aus 29 ist in der Liga vielleicht keine allein alle anderen überragende, sie reicht aber gegenwärtig noch für Tabellenplatz eins und ist mit 0.758 nur einen Hauch schlechter als die des deutschen Meisters Oldenburg (0,777).

Was mir in dem Spiel an Byars gefiel, war die veränderte Körpersprache. Derausderreihevormir fragte irgendwann, was denn mit Byars passiert sei, da müsse ja irgendein Schalter umgelegt worden sein. Es ist nicht mehr der gleiche Spieler wie noch vor ein paar Wochen. Der neue Byars kämpfte um jeden Ball, verteidigte – bis auf die zu Fouls führenden Übermotiviertheiten – großartig und war der erste, der zur Halbzeit der Mannschaft entgegenlief, um jeden seiner Mitspieler abzuklatschen. Gerne mehr davon. Denn dieser Byars könnte den Unterschied machen zu einem ALBA Berlin, das einen „bedenklichen Unsicherheitsfaktor“ zeigt, wenn Julius Jenkins vom Gegner – wie in Jerusalem oder gegen Bamberg und Frankfurt gesehen – gut verteidigt wird.

Übermorgen geht es gegen Jerusalem. Ein wichtiges Spiel für den Basketball in Berlin und Deutschland und eine Chance für die Berliner Zeitung einen besseren Text über Basketball ins Blatt zu bringen. Die Berichterstattung der Berliner Zeitung kann man auf Fantasy-Rotation zusammengestellt lesen. Denn eigentlich kann es die Berliner Zeitung ja: Lesenwert ist zum Beispiel dieser Text über Adam Chubb aus der Feder von Christian Spiller, oder das „Signal an Europa“ von Christian Schwager.

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9 Gedanken zu „Derrick Byars und Basketball aus Fußballersicht

  1. Schöne Analyse! Finde grundsätzlich die Basketball-Berichterstattung der Berliner Zeitung ebenfalls gelungen (was vermutlich auch daran liegt, dass sonst andere Autoren am Werk sind), der heutige Text war allerdings tatsächlich Mist.

  2. Cool. Nächste Woche dann von mir also der Fußball-Blog. Immer wenn ich gucke, spielen mindestens 6 Mann Müll zusammen und alle 6 sind nach 10 weiteren Minuten Müll unverständlicherweise immer noch auf dem Feld. Das wundert mich schon seit Jahren. Freut euch auf meine kompetente Analyse zu diesem heißen Thema ;-)
    Ich sag mal so: Osterurlaub is schon echt gemein.
    P.S.: wer außer dem Tabellenführer geht denn jetzt eigentlich als Favorit in die entscheidende Saisonphase?

  3. Hmm, soweit volle Zustimmung von mir. Nur: Sollte man das „ManU des Basketballs“ nicht in der NBA vermuten statt in Griechenland oder Spanien?

  4. anfänglich sehr schöner diss, am ende etwas schwächer werden. mit sowas wie treffsicherster muss man sich hierzulande wohl oder übel einfach abfinden. noch schlimmer, aber ähnlich oft gelesen/gehört: er erzielte 18körbe!

    • wenn hier talentiert im Sinne von unausgeschöpften Potential verstanden wird, würde ich das sogar unterstreichen.

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