Time for a Revolution? ALBA Offseason-Analyse 2010 – Teil 1

Die Offseason geht in ihre heiße Phase. In den nächsten Tagen laufen die ersten Optionen aus, Entscheidungen stehen an, vieles ist noch offen, einiges bereits absehbar. Grund genug, eine kleine Analyse des bevorstehenden Umbruchs bei ALBA vorzunehmen. Eine Serie in sechs Teilen, Position für Position, Puzzlestück für Puzzlestück.

Die ALBA Offseason-Analyse 2010 stammt der Feder desjenigen, der bei schoenen-dunk.de als Ron-Revolution bekannt ist. Wir hatten ihn hier schon einmal im Viertelfinale als Gastautor. Da Gruebler sich ab heute in Big Apple einlebt, überlässt er das Feld dem Vor-Ort-Revoluzzer. Einblicke oder Gerüchte?  Es bleibt ein subjektiver Text, den wir hier gerne veröffentlichen. Macht euch selbst ein Bild und take it with a grain of salt.

Teil 1: Der Trainer und der Verein

Das wichtigste zuerst: das Geld. Der Etat, vor allem der relevante Teil, der für die Spieler ausgegeben wird, bleibt weitgehend unverändert. Trotzdem wird es eine Umbruchsaison. Ich würde das nicht Ende einer Ära nennen, aber es ist das Ende eines Zyklus. Ein Teil der Spieler hat fast drei Jahre lang zusammen gespielt, wir werden viele davon nicht wieder sehen. Die Mannschaft wird zerfallen, gewolltermaßen, das ist der erklärte Wunsch des Trainers. Für ALBA, und vor allem für Pavicevic, ist es trotzdem eine entscheidende Saison. Wenn ALBA wieder früh in der Bundesliga scheitert, wird es wohl das Ende für Luka Pavicevic bedeuten. Das könnte man dann Ende einer Ära nennen.

Der Trainer bleibt vorerst, aber er bleibt nicht derselbe. Pavicevic will sich und sein Konzept verändern, es gab intensive und offene Diskussionen und erstaunlich viel Einsicht. Die erste Veränderung ist eine personelle: Umberto Badioli wird nächste Saison nicht als Co-Trainer wieder kommen. Ihn wird höchstwahrscheinlich Herr M. vom Balkan ersetzen, ein –ic übrigens.

Es geht im Kern um zwei Punkte: Wie kann die Mannschaft eine Belastung von etwa 60 Saisonspielen wegstecken, ohne in der entscheidenden Phase der Bundesliga leer zu wirken? Und wie muss sie zusammengestellt sein, damit die einzelnen Teile des Puzzles passen?

Die europäischen Ambitionen will und kann ALBA nicht reduzieren, insofern bleiben die Rahmenbedingungen kommende Saison dieselben. Die Frage ist, ob es klug wäre, die Ansprüche rhetorisch zu reduzieren. Da scheiden sich die Geister, das hat viel mit Symbolik zu tun. Ich fände es richtig. Der Druck muss von den Spielern weg. Wer 60 Spiele in Folge hört, dass er nie nachlassen darf und immer gewinnen muss, verliert irgendwann die Fähigkeit, in wichtigen Situationen zuzulegen. Dazu kommt, dass andere BBL-Teams auch Basketball spielen können, die Liga hat sich geändert, ein paar Mannschaften investieren fast genauso viel Geld und Leidenschaft. ALBA ist derzeit einer unter drei, vier anderen. Sorry to say, auch wenn die alten Zeiten schöner waren.

Diesen Paradigmenwechsel einzugestehen, würde Handlungsspielraum eröffnen. Mal ein Spiel nicht so wichtig nehmen, mal die Leistungsträger schonen, mal die Rotation erweitern, dafür in entscheidenden Momenten Topfit sein: das wäre neu.

So weit geht die Diskussion nicht, aber fast. Diese Saison wird auch beantworten, ob Pavicevic (und Baldi) lernfähig sind.

Eine Lehre aus dem vergangenen Jahr ist die Zusammenstellung des Teams. Die Personalentscheidungen dauern dieses Jahr besonders lang. Pavicevic sucht intensiv nach den Puzzlestücken, es geht ihm um das Gesamtbild, in das sich ein Spieler einfügen muss. Es gibt einen unverstellten Blick darauf, dass das schlechte Scouting des vergangenen Sommers erheblich zum Scheitern beigetragen hat. Der Ausfall von Bajramovic und später Golemac hat nicht nur viel Geld blockiert, sondern das Team an entscheidender – vor allem im System Pavicevic – Stelle geschwächt. Robbe hat auf Schönen Dunk unlängst sehr schön analysiert, dass ALBA 2007/2008 vor allem deshalb Meister geworden ist, weil Nikolic als Power Forward so verlässt gespielt hat. Ich bin immer noch überzeugt davon, dass diese Position gegen Frankfurt der Schlüssel war. Klären wir noch ein Rätsel der vergangenen Saison auf: Wie kam es zum Rauswurf von Golemac? Dem Rückspiel gegen Braunschweig am Mitte April kam eine wichtige Bedeutung zu. Es war die Generalprobe vor dem Final Four im Eurocup und zugleich Golemac Rückkehr nach sechs Wochen Pause wegen seines Handbruchs. In diesem Spiel kassierte Golemac ein technisches Foul wegen Meckerns, das setzte er auch intern fort, die Ansagen des Trainerstabs ignorierte er. In Vitoria spielte er mäßig (14 Minuten im Halbfinale gegen Bilbao) und wollte mehr, aber Pavicevic hielt an Dojcin fest, der eingespielt war. Die ohnehin angespannte Situation eskalierte dann im ersten Playoffspiel gegen Frankfurt: 4 Punkte in 16:29, eine Horrorquote von 1/9 aus dem Feld, -3 Effektivität, -7 bei Plusminus, vorgeführt von Derrick Allen: eine desaströse Bilanz. Als er im letzten Viertel ausgewechselt wurde, fuhr er den Coach an, wenn der ihn jetzt vom Feld nehme, brauche er ihn nie wieder bringen. So kam es.

Dieses Jahr wird deshalb auf das Scouting besonders viel Wert gelegt, und das ist gut so. Wir werden sehen, ob auch das Ergebnis gut ist.

Morgen: Die Pointguards.

Autor: Ron-Revolution.

Auch wenn es hier zuerst stand: Die heißen Debatten finden auf schoenen-dunk.de in der ALBA-Wechselbörse statt.

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7 Gedanken zu „Time for a Revolution? ALBA Offseason-Analyse 2010 – Teil 1

  1. Danke für die Ein-/Ansichten. Zum Teil recht erhellend. Dass Golemac seiner eigenen Leistungsfähigkeit mental im Wege stand, war ja auf SD schon länger vorher thematisiert worden. Schade, dass er sich so verrant hat, anstatt lieber noch einen Monat die Backen zusammenzukneifen und (vor allem ja auch für sich!) die mögliche Leistung abzurufen.

    War denn die von Dir beschriebene Abkapselung bzw. Cliquenbildung überwiegend ein Problem von Golemac & Sekulic oder waren die amerikanischen Guards auch mit Persönlichem mehr beschäftigt als mit dem Professionellen?

  2. Wenn der gruebler schon nach NYC verschwindet, dann fragt man sich ja, warum er sein neues Apple-Produkt nicht dort eingekauft hat, soll ja ein gewisser preislicher Unterschied bestehen…;-)

    • Weil er bei ordnungsgemässer Verzollung (dürfte bei aktuellem USD-Kurs über der Zolfreigrenze liegen) und Entrichtung der Einfuhrumsatzsteuer auch nicht mehr viel gespart hätte.

      Da wir beruflich viel mit Apple-Produkten zu tun haben, kann ich nur davor warnen, da Apple bei der Garantieabwicklung von US-Geräten in Europa extram biestig sein kann!

    • Und weil ich keinen Bock hab, jedes Sonderzeichen blind zu tippen… So. Nun auch Internet im Zimmer im Studiwohnheim. Bis auf die Zeitverschiebung und die heftigen Temperaturen ist nun alles fein.

    • das mit den sonderzeichen – insbesondere unsere geliebten umlaute – ist weniger schlimm, als man denkt. zumindest am mac. doch nun zum eigentlichen thema: danke rev. ron! aber eines wuesste ich gern noch. wie verlaesslich ist deine quelle bzgl. der golemac-story? es klingt ja sehr plausibel. grundsaetzlich hat sich luka p. noch lange nicht in mein herz gerumpelstilzt. aber (s)eine entwicklung ist deutlich erkennbar. wenn es ihm gelaenge, sein konzept so zu modifizieren – von „aendern“ mag ich hier nicht schreiben, dass die mannschaft nach dem euro-cup-finale (oder wo auch immer sie dieses jahr landet) nicht wieder derart einbricht wie diese saison, dann hat auch er einen richtig grossen schritt in seiner eigenen entwicklung zur trainer-groesse vollzogen.

      beste gruesse,
      mrx.

  3. Pingback: ALBA Offseason-Analyse – Teil 2: Die Pointguards « gruebelei.de – Ansichten eines Basketballfans

  4. Eine gute Analyse.

    Dass die Zeiten sich gewandelt haben, finde ich so negativ nicht. Konkurrenz belebt das Geschäft und hebt – hoffentlich nachhaltig steigend – das Niveau der BBL und damit auch das Publikums- und Medieninteresse.

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