Leiden für Deutschland – Deel één

Leiden kann man auf verschiedenste Arten und Weisen. Manche leiden bei Bauermann´schen „suicides“ auf Mallorca, manche unter der stickigen Sommerhitze New Yorks. Andere wieder unter den Auswüchsen des Sommerlochs auf SD. Manch einer leidet ganz still und leise vor sich hin in der Offseason, weil es keine Spiele mehr zu sehen gibt. Originalgespräch mit einer Achtjährigen: „Gibt es auch keine Jugendspiele mehr?“ „Nein.“ „Gar nichts? Auch nicht die Männer aus dem Computer?“ „Nein.“ „Und wie lange dauert das noch?“ „Noch bis nach deinen Sommerferien.“ „Das halt ich aber doch nicht aus. Das ist die allerallerschrecklichste Zeit im ganzen Jahr!“ Recht hat sie. Und um dieses scheußliche Gefühl, ähnlich dem von Gummibärchenessen direkt nach einem sauren Apfel, loszuwerden, beschloß Randgruppenreisen Abtlg. Gießen: Wir Leiden.Das Fantastische an Auslandsreisen sind unbestritten die Vorurteile.

Lieblingsartikel über Holland

Lieblingsartikel über Holland

Nichts ist toller, als dass diese sofort voll bestätigt werden. Außer, man findet noch mehr tolle Vorurteile zum Mitnachhausenehmen. Das toppt dann natürlich alles. Voreingenommenheit „for here or to go?“ fragt das Leben überraschend schnell, wenn man in den Niederlanden ankommt. Deutlich kürzer als die meisten Auswärtsfahrten, keine Grenze nur ein Schild – und doch fast eine andere Welt. Putzige Puppenstubenbacksteinhäuslein für die längsten Menschen der Welt, Heringe, die am Stück in deren Schlund verschwinden und Wasser. Wasser überall. Genauso wie ganze Regalreihen voll von Lakritzspezialitäten. Mit Salz, in süß, mit Salmiak (welches Meister Proper und ich gemeinhein zur Fensterreinigung nutzen), weich oder hart, als Bonbon, Lutscher, Münze oder Kaugummi. Und es heißt von Gastgebern angeboten so schön lecker „drop“. Wieder so eine Falle für Leute, die meinen bei der niederländischen Sprache handle es sich praktischerweise um eine Mischung aus Deutsch und Englisch mit halsentzündeter Aussprache. Dem ist nicht so, ganz im Gegenteil. Lustige nie gesehene Vokale (gern auch drei hintereinander) mit Pünktchen und Strichen drüber. Die heimtückische und absichtliche falsche Andersaussprachen aller unserer Vokale, Wörter mit 16 solcher Selbstlaute drin (bei wenig mehr Gesamtbuchstabenzahl) und ähnliche komödiantische Einlagen, helfen dabei, sich als deutscher Besucher mühelos aber nachhaltigst zu blamieren.

Und überall ist es voll. Auf den Autobahnen, auf den Gehwegen und Straßen, in den Cafés, Restaurants und Geschäften. Einwohnerdichte kurz vor Hongkong. Kein anständiges Brot, strengste Vorschriften im lockersten Coffeeshop, mittlere Pizza Margherita für > 12  Euro, ein nicht vorhandenes Pfandflaschensystem und die strikte Verweigerung der Annahme gültiger Währungsuntereinheiten des Euro, lassen einen schon mal mit dem Kopf schütteln. Doch es gibt deutlich mehr positive Überraschungen als Kopfschüttelgelegenheiten. Ausgeklügelter, bezahlbarer ÖPNV, feierfreudige Einwohner, ein leicht skurriler Humor, unglaubliche Neugierde und viel Selbstironie. Sowie ein liebenswert kleines, hausgemachtes, handgestricktes Basketballturnier für Nationalmannschaften (dieses Jahr ausser NL und D noch Schweden und Belgien dabei) in der eher unbekannten, aber wunderschönen Stadt Leiden.

Sachen gepackt, ins Auto geworfen, rauf auf die A45. Mitten in der Nacht ankommen, zwischendurch die Baustellen- und Umleitungswut unserer orangefarbenen Nachbarn verfluchen und dann Freitag los auf Besichtigungstour in Frau-Antje-Land – nicht aber ohne ein echt holländisches Frühstück, wie uns die RGR-Teilnehmerin KLS live berichtet:

Voreingenommenheit ist meine Stärke. So war es auch, als mir am ersten Morgen in Holland ein Glas mit gelbfarbenen Deckel und einer hellbraunen, stückigen Paste in die Hände fiel. „Ihhh, was ist das?“ „Das ist Pindakaas.“

Calvé Pindakaas Stukjes Noot

Calvé Pindakaas Stukjes Noot

„Was ist das?“ „Erdnußbutter.“ „Ihhh.“.  Ich weiß nicht mehr genau, wie es dazu kommen konnte, aber ich habe mich dann doch todesmutig dazu durchgerungen ein Stückchen Brot mit der komisch anmutenden Paste in der Größe von 1×1 cm zu probieren. „Ihhh, das ist ja widerlich, ist das salzig??“ „Hmm, Nein, das schmeckt ganz normal.“… Fünf Minuten später („Willst du noch?“ „Nein, auf keinen Fall, das ist eklig. Okay, vielleicht doch.“) wird das zweite Stückchen probiert. Dieses Mal ist es nahezu doppelt so groß und es schmeckte beinah annehmbar. Somit habe ich mich dazu entschlossen, den Rest des Brots damit zu bestreichen. Danach war es um mich geschehen, ich habe meine neue große Liebe gefunden: Holländische Erdnussbutter „Calvé Pindakaas Stukjes Noot“. Von diesem Tag an war Calvé mein fester Begleiter in Sachen morgendlicher Grundversorgung in Holland. Selbstverständlich musste der neue Freund mit nach Hause genommen werden. Dummerweise nur ein kleines Glas. Und es ist schon halb geleert. Soll diese große Liebe wirklich so früh enden??

Wie mit dem Frühstück ist es mit vielen Sachen in den Niederlanden. Sehr anders, aber nach dem 3. Mal gar nicht mehr so schlecht. Und spätestens wenn man zu Hause ist, will man zurück.

Oh je, die Seite ist voll, das Länderspiel gegen Rußland fängt in wenigen Minuten an, jetzt wirds wohl doch ein Mehrteiler. Wenn kein Mecker aus den Staaten, später mehr aus dem Land der Mühlen, Grachten und Deiche. Dann auch garantiert mit bewegten orangen Bällen und einer Einschätzung unseres Nationalteams 2010.

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17 Gedanken zu „Leiden für Deutschland – Deel één

  1. @osb

    Eines haben wir gemeinsam. Sucht!

    So wie du süchtig nach „Pindakaas“ bist, werde ich langsam aber sicher süchtig nach deinen herzerwärmenden Geschichten.
    Mehr davon in dieser trostlosen ,(fast) basketballlosen Zeit.

    • Danke, das tut richtig gut.
      Das bin ich aber nicht ;-) im kursiven Teil, aber ich liebe das Zeug auch. Das ist die tragischkomische Geschichte von KLS einer Teilnehmerin von Randgruppenreisen. Die partout nicht hören wollte und es ablehnte einen großen Pott von dem Zeug zu kaufen. Also mußte man kurz vor Abfahrt noch durch die halbe Stadt und ein weiteres Geschäft aufsuchen, was kleine Pöttchen bereithielt *rolleyes*. Und jetzt maunzt es hier per skype herum ;-), dass ihr Minigläschen schon fast leer ist. Und das Ganze wegen baldiger Entfernung aus Mitteleuropa ohne jede Hoffnung auf Nachschub (hehehe).
      Ich kann dazu Folgendes sagen: Das Zeug ist so geil, dass man es sich pötteweise mitbringen läßt. Dann isst man zu viel davon, weil es zu gut schmeckt. Dann kann man es 1 Jahr lang nicht mehr sehen. Dann gibts Turnier in Leiden und dann geht alles wieder von vorne los ;-)

    • du kannst kls sagen rettung ist näher als sie dachte.
      sie soll doch mal gediegen gen x (=jeder beliebige supermarkt in deutschland…ok fast jeder ;D) gehen, da gibts auch pindakaas.
      versteckt sich dort nur unter dem decknamen „erdnußbutter“ und ist absolut das selbe :P
      http://www.google.de/products?num=30&hl=de&safe=off&client=firefox-a&hs=Hou&rls=org.mozilla:de:official&q=erdnu%C3%9Fbutter&um=1&ie=UTF-8&ei=oWxgTPTqLcOCOLT5-P0G&sa=X&oi=product_result_group&ct=image&resnum=3&ved=0CDQQzAMwAg

  2. Ein wenig schade, dass ich da gerade in Deutschland war, wo Leiden doch nur 20 Minuten weg ist. Dafür muss ich nun mal mit Vorurteilen aufräumen:

    „mittlere Pizza Margherita für > 12 Euro“

    Ich hab hier noch für keine mittlere Pizza im Restaurant mehr als 9 Euro bezahlt.

    „ein nicht vorhandenes Pfandflaschensystem“

    Hier gibt es ähnlich zu Deutschland einen 25 ct-Einweg-Zwangspfand bzw. echten Mehrwegpfand beispielsweise beim Bier. Beides mit Automatenabfertigung.

    „die strikte Verweigerung der Annahme gültiger Währungsuntereinheiten des Euro“

    Beim ALDI runden sie nicht und nehmen folglich auch 1 ct- und 2 ct-Münzen.

    • Aldi ist ja auch deutsch ;-) aber ohne Mist (wie KLS sagen würde), das mit dem Auf- und Abrunden ist bizarr. Genauso wie die Tatsache, dass ich 3 Euro zahle für ein Produkt dass mit 2.98 ausgepreist ist und dann auf meinem Kassenbon steht: Total: 2.98. Wieso steht da nicht das was ich gezahlt hab? Also eben 3 Euro? Da kann keine brave schwäbische Hausfrau ihr Haushaltsbuch führen. Skandalöser Irrsin ;-).

      Beim Pfand sprach ich von den Säften von Albert Heijn. Es ist völlig krank dass da ein (auch so vermarktetes) absolut unglaublich unfassbar gutes Naturprodukt über das ganze Land verteilt in denselben genormten mit eingeschmolzenem ah-Logo versehenen Flaschen gekauft werden kann….und diese dann im Glasmüll landen. Das macht mich fertig :D
      Und geh mal in Amsterdam ne Pizza essen ;-) ich sag ja nicht dass wir das gemacht hätten, aber die Preise sind schon deftig. Auch 9 Euro find ich da sehr viel ;-)

    • Ok, das System ist noch nicht perfekt ;-)

      Pizza in Amsterdam hatte ich erst vor zwei Wochen und auch dort, direkt am Rembrandtplein, keine 9 Euro bezahlt. Und das war sogar ne Hawaii. Ich hoffe, ihr habt in Amsterdam das unglaubliche Park&Ride genutzt? Für 6 Euro gibt es da 24 h Parken plus zwei 60-Minuten-OPNV-Tickets für jeden Fahrzeuginsassen. Das ist nicht nur für niederländische Verhältnisse mal ein richtiges Schnäppchen.

    • Parken in Amsterdam für sechs Euro … da mag man sein Auto gar nicht mehr abholen. Mein letzter Parkschein in Masterdam kostet ca. das sechsfache – ohne Fahrschein für öffentliche Verkehrsmittel :P

    • Fürs nächste Mal weißt Du Bescheid. Ich hatte auch erst horrende Kosten vor Augen, als meine Eltern planten, mit dem Auto einen Ausflug nach Amsterdam zu machen. Aber dann hab ich nach P&R-Angeboten gesucht und gefunden. Kann man beispielsweise in der AmsterdamArena, was für Fußballanhänger oder Stadionhopper recht geil ist, weil die Zufahrtsstraße durchs Stadion hindurch führt.

      http://www.amsterdam.info/parking/park-ride/

  3. Tolle Holland-Geschichte. Macht immer wieder Spass, über dieses schnuckelige Land zu lesen. Wir waren erst im Juni auf eine einwöchige Radtour dort.

    Das meiste von Dir Geschriebene habe ich auch so erfahren, aber ein bisschen sollte man denn schon noch relativieren: Holland ist nicht nur Amsterdam bzw. die Randstad, sondern z.B. eben auch Noordholland oder Friesland, wo es (zum Glück) nicht überall von Leuten ist, sondern ganz entspannt zugeht. Natur pur eben. Essengehen ist aber auch da für das Gebotene verhältnismäßig teuer. Das Beste in dieser Hinsicht sind die vielen Fischkioske, wo man „Gebakken Vis“ für wenig Geld bekommt, sehr lekkkkker :-) Und dazu ein Grolsch, Prost!

    • Ohne n den Oberlehrermodus wechseln zu wollen, lud deine Formulierung gradezu ein, kurz einige Worte zu diesem Thema zu verlieren:
      Noordholland zeichnet sich besonders durch Amsterdam aus – sofern man Texel nicht dazu zählt.
      In Zuid-Holland sind vorallem alte Städte wie Leiden eine Reise wert, wenn man es beschaulich und übersichlich mag – oder aber Rotterdam, wenn man ein Interesse an moderner Architektur hat.
      Insgesamt werden immer noch Holland als Synonym für die Niederlande und die beiden Provinzen Holland durcheinander gewirbelt, so dass es zu Missverständnissen führen kann (wie in @Schottis Beispiel Norrdholland anstatt Amsterdam).
      Das im Ausgangstext eingebettete Strencover verdeutlich, wie allen voran Frau Antje das Sysnonym ‚Holland‘ im Deutschen veranktert hat und auch dieses Bild (http://www.uni-muenster.de/imperia/md/images/hausderniederlande/zentrum/projekte/schulprojekt/lernen/beziehungen/20/grafik40_1_4.jpg) vedeutlicht die gängigen Vorurteile, bzw Sichtweisen der Niederlande in der Bundesrepublik.
      __
      Ich bitte diesen Offtopic Kommentar zu entschuldigen, aber das war eine Steilvorlage – oder nenen wir es im Sinne der Grübelei eher ein Alley-Oop Anspiel;)

    • heel leuk! genauso ist das. hatte ich auch gedacht. zum thema „holland“ in teil 2 noch mehr…….. :-)

    • Ähem, und jetzt? Natürlich weiss ich, dass Holland innerhalb der Niederlande im engeren Sinne nur zwei Provinzen darstellen. Gerade auch bei meinem letzten Niederlande-Besuch musste ich aber (wieder mal) feststellen, dass auch sehr viele Niederländer den Begriff „Holland“ für ihr ganzes Land verwenden. Z.B. wird die niederländische Fussball-Nationalmannschaft mit „Hup Holland Hup“ angefeuert. Da käme keiner auf die Idee, „Holland“ hier durch „Nederland“ zu ersetzen ;-)

      Es ist auch alles eine Frage der Sichtweise: für mich zeichnet sich die Provinz Noordholland eben nicht (nur) durch Amsterdam aus, sondern vor allem durch Städtchen wie Edam, Volendam, Hoorn oder Enkhuizen. Und die weite Landschaft dazwischen. In dem Zusammenhang verstehe ich deshalb nicht, warum ich fälschlicherweise Noordholland anstatt Amsterdam verwendet haben soll.

  4. hast du auch nicht ;-) du meintest den idyllischen Norden von Noordholland und BB#12 meinte den scheinbaren Widerspruch, dass du sagst man darf nicht nur Amsterdam anschauen, sondern zB auch Noordholland, wobei Amsterdam genau in dieser Provinz liegt. Es ist halt alles nicht so einfach mit unseren putzigen Nachbarn da drüben ;-)

  5. Pingback: Süpercüp – Hedefiniz Istanbul! « gruebelei.de – Ansichten eines Basketballfans

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