Zur Lage der Liga zum Jahreswechsel – Teil 1: Von Euroteams und Spielzeit für Deutsche

Kritisch begannen wir den Start in die Saison. So richtig verstanden hatten wir nicht, was in der Offseason passiert ist. Sind wir nun zum Jahreswechsel schlauer? Dankenswerterweise haben wir von in-the-game.org spannendes Statistikmaterial bekommen und können so das eine oder andere Bauchgefühl belegen oder eben auch nicht. Wir machen dies in zwei Teilen und verzichten erst einmal auf jede Reihung der Teams. Hier nun Teil 1.

2010 war das Jahr der Bamberger. Die Brose Baskets sind aus der Winterkrise gekommen, den Trainer gerade noch so behalten und dann BÄM, PENG, KABUMM! EuroCup-Top16, Pokalsieg, Meisterschaft und nun seit dem 15. Juni 2010 in der Liga ungeschlagen. Die Ex-Jako, nun Stechert-Halle ist auch kommunal refinanziert und auch wenn die Brösels in der Euroleague gegen Rom und Charleroi verkackt haben, so haben sie doch Oly, Real und Malaga geschlagen. Seit dem Ende ihrer Euroleague-Teilnahme wird’s richtig bitter. 51 Punkte-Sieg gegen ALBA,  35 gegen Oldenburg, 38 in Ludwigsburg. Brose beendet das Jahr 2010 in einem Rausch. Wenn’s so weiter geht, wird 2011 das Jahr der Rekorde: Repeat des Doubles, Hauptrunde mit so wenig Niederlagen wie noch nie? Schon jetzt wird deutlich, wie imposant die Leistung der Brösels ist. Ballineurope ranked sie gegenwärtig als Nr. 10 in Europa.

Stoppt nur der sommerliche Transfermarkt eine neue Bamberger Ära? Selbst daran ließe sich zweifeln, Sponsor und Manager haben bis 2014 verlängert und die Mannschaft ist noch jung. Das weighted age, also das durchschnittliche Alter in Abhängigkeit der gespielten Minuten ist von allen Topteams das jüngste der Liga. Bei Bamberg kommt Jugend nach, wir können nur hoffen, dass der eine oder andere noch nach Spanien wandern will.

ALBA Berlin hat zum Jahreswechsel Training angesetzt. Es war ein Jahr mit viel Licht und Schatten. Vize-Titel im EuroCup, Reisemarathons der Mannschaft und der Fans durch Europa bleiben in Erinnerung. Allerdings auch ein Viertelfinalaus, eine verpasste Pokalteilnahme und die höchste Niederlage der Vereinsgeschichte in Bamberg. Obwohl im Sommer das große Steineumdrehen anstand, scheint das neue Team noch nicht richtig Fuß gefasst zu haben. Pavicevic sitzt nicht mehr unangefochten im Sattel. 2011 müssen er und das Team sich beweisen. Während Bamberg recht jung ist, ist Berlin das älteste Team der Liga. Allerdings, so durften wir kürzlich ebenfalls von @robbe lesen, sind sie noch immer die beste Offensivmannschaft der Liga. Tabellenplatz vier ist das Resultat am Ende des Jahres, in die Pokalquali werden die Blau-Gelben kommen, Playoffs sind wohl auch sicher und man ist so dominant wie nie ins Eurocup Top-16 eingezogen. Dass 2011 das Jahr der Berliner wird, daran kann man jedoch durchaus zweifeln. Wenn die Mannschaft so alt ist, liegt nahe, dass wir gegenwärtig eher ein Übergangsteam sehen als ein neues, wachsendes Projekt.

Mit ein wenig Abstand wird deutlich, dass die exzessiven Wechselspiele in der Offseason auch anderenorts für Veränderung gesorgt haben. Der Mitteldeutsche BC ist ein solches Beispiel. Galten sie letzte Saison als jung und konnten damit überraschen, sind sie plötzlich zu einem recht alten Team geworden. 28 Jahre gewichtet im Schnitt und gelandet sind sie wie viele andere auch im Niemandsland kurz vor dem Abstiegskampf.

Aber auch die NewYorker Phantoms Braunschweig zeichnen sich durch einen „alten“ Kader aus. Goree und Greer, zwei Mittdreißiger machen da den Unterschied. Auffällig bei Braunschweig ist aber noch ein anderer Wert. Führte sie das Nationalmannschaftsduo Schaffartzik und Idbihi 2010 ins Halbfinale, so haben sie diesen Weg wieder komplett verlassen. Neun von zehn gespielten Minuten werden in Braunschweig von Amerikanern absolviert.

Hat es sie besser oder schlechter gemacht? Wohl nicht. Auch wenn sich die Tabelle wieder stärker nach den Budgets sortiert, liegen die Braunschweiger in etwa auf dem Niveau der letzten Saison. Knapp in den Playoffs, vielleicht knapp an der Qualifikation für den Pokal vorbeischrammend. Einerseits ist es natürlich schön zu sehen, dass ein Mittelfeldteam sich Eurostars holt, andererseits ist der Preis dafür wohl, dass jenseits der Jugendmannschaften keinerlei Nachwuchs aufs Feld kommt und sich hier entwickeln kann.

Anders ist es traditionell bei Ratiopharm Ulm. Auch im letzten Jahr vor der neuen Halle bleiben sie ihrem Weg treu. Endlich mit Bryant eine Centerkante und durch den stärker werdeneden Günther, Prospect Benzing und Sebastian Betz eine mehr als nur solide Troika deutscher Spieler. Die bringt ihnen die deutsche Minutenführerschaft in der Liga ein. Da sich insgesamt die Spielzeit deutscher Spieler nur wenig (auf 21,3 %, wie wknd ermittelt) erhöht hat, kann man schon darüber nachdenken, ob der große Unterschied in den Minuten zwischen den wenigen Teams mit klarem Bekenntnis zum Nachwuchs und der breiten Mehrheit dann doch ein Resultat des veränderten Ausbildungsfonds ist. Auch wenn es sich für Ulm nun nicht mehr finanziell lohnt, so bleiben sie sportlich konstant. Niemandsland, keine echten Abstiegssorgen und für 2011 die Hoffnung auf das nächste Level in der neuen Arena und einen Platz für Robin Benzing in der NBA-Draft. Benzing hatte 2010 die Lizenz zum Werfen, mittlerweile trägt es auch Früchte. Aber über 12 Wurfversuche pro Spiel, das gibt es wohl wirklich nur in einem kleineren Team wie Ulm.

Neu in der Liste der Clubs, in denen deutsche Spieler Spielzeit sehen, ist die TBB Trier. Es ist wohl der BBL Club, der in der Offseason 2010 sowohl positiv wie negativ am meisten Wirbel machte. Eine halbe Spielzeit später sind sie angekommen. Noch nicht in den Playoffs, aber wohl mit beiden Beinen dort, wo man an den Playoffplätzen kratzt. Wenn ich zuvor schrieb, dass manche Mannschaften alterstechnisch wohl eher ein Projekt ohne langfristige Perspektive sind, dann hofft man bei den Trierern immer darauf, dass aus den jüngeren Spielern eine Zukunft wächst. Aber – ein Blick auf die erste Tabelle oben – so jung ist die Mannschaft dann nach gewichteter Spielzeit doch nicht. Dojcin, Evans, Bynum. Rödls junges Team hat ein Rückgrat älterer erfahrener Spieler.  Für 2011 gilt es in Trier, sich sportlich zu festigen und finanziell zu schauen, inwiefern Kontinuität möglich ist. Dass andere Clubs ihren Topscorer Zwiener jagen werden, dürfte auf der Hand liegen. Zwiener ist übrigens im Scoring hinter Robin Benzing zurückgefallen. Schaut man auf die Zahlen aus den letzten Spielen deutet sich an, dass sich gerade die großen Clubs auf Trier und ihn einstellen und seine Kreise einengen.

Still und heimlich haben sich die Deutsche Bank Skyliners Frankfurt auf Rang drei der deutschen Minuten geschoben. Wir hätten vor der Saison ein wenig daran gezweifelt ob das Team der Zeitarbeiter an seine imposanten Erfolge aus dem Sommer anknüpfen kann. Europäisch unter die Räder gekommen zeigen sie jedoch in der Liga eine bestechende Form. Sie sind eines der prominenten Teams der Beko BBL im letzten Jahr des Namenssponsorings der deutschen Großbank. Coach Herbert scheint der entscheidende Faktor. Ein Glücksgriff, der doch in 2011 Perspektiven braucht. Manager Wöbke muss in 2011 einen neuen Hauptsponsor finden, damit die Frankfurter, gerade erst der sportlichen Bedeutungslosigkeit entkommen, auch langfristig wieder stabil oben mitspielen und ein Projekt mit Zukunft werden. Erst einmal stehen aber Pokal und Playoffs bevor. Doch wieder wurde ein Zeitvertrag nicht verlängert, wieder deuten sich Umbauten an. Und der Ausfall von AJ Moye, dem wir für 2011 weiterhin gute Besserung und eine rasche Genesung wünschen, hängt noch nach. Es ist – wie man an der Tabelle der weighted height sieht – ein kleines Team, was wohl nicht nur an Pascal Roller liegt.

Der BG Göttingen sagt man ja gemeinhin einen US-lastigen Stil nach, durch Einbürgerungen fallen sie hin und wieder auf, doch sind die Veilchen bei den deutschen Minuten noch immer vor dem Ligaschnitt. Ja, sie sind ein kleines Team. Doch sie sind längst nicht mehr so guardlastig wie in den Vorjahren. Waleskowski, Meeks, Raffington, dreimal deutsche Minuten und dreimal Zentimeter. Göttingen muss wegen des schmalen Budgets weiter Kreativität beweisen. Finanzielle Entlastung sollte in 2011 die Rückkehr in eine neue Turnhalle bringen. Dass dabei der besondere Charme der Lokhalle verloren geht, ist etwas bitter, aber soll auf den unglaublichen europäischen Erfolgen 2010, dem Gewinn der Eurochallenge und dem Erreichen des Eurocup Top16 aufgebaut werden, braucht es Stabilität. In der Liga könnte man meinen, dass sich die eine oder andere Mannschaft besser auf Patricks Stil einstellt. Aber ist das wirklich so, oder braucht Göttingen nur Zeit sich zu finden? Sie haben sich in 2010 zu einem der Signature-Teams der Beko BBL gemausert. Doch ewig schwingt die Angst mit: Wieviel ist echte Substanz und wieviel hängt am Coach? Und wird es in 2011 für zählbares auf dem nationalen Parkett und der Sponsorenlandschaft reichen?

Finanziell längst in der Oberklasse der Liga angekommen, das sind die EWE Baskets Oldenburg. 2010 war jedoch so gar nicht ihr Jahr. Die Ära der Troika Gardner-Foster-Paulding ging zuende. Der Neuaufbau geriet mit den Verpflichtungen von Smith und Protic zu einem sportlichen Desaster. Ein ungeschliffener Center und Campbell, der in einem strukturierten Team nicht so richtig funktioniert, machen das Bild einer nicht funktionierenden Teamzusammenstellung rund. Die Resultate waren deutlich: Blamabeles Abschneiden in einer vergleichsweise machbarne Eurocup-Gruppe, in der Liga kämpfen sie um die Pokalteilnahme. Oldenburg spielt traditionell einen Mix aus Euro- und US-Spielern. Dieses Jahr ist er nicht in Form gekommen. Namhafte Nachverpflichtungen standen jüngst an, für die Rückrunde in 2011 muss Oldenburg angreifen. Viel Zeit sich zu finden bleibt nicht mehr. Ist der Erfolg in Göttingen die Handschrift des Coaches, so muss man rückblickend festhalten, dass es in Oldenburg wohl die gewachsene Mannschaft um drei MVP-Kandidaten war. Ach so: 11,9 % deutsche Minuten. Oldenburg hat noch immer keine Antwort auf die steigenden Herausforderungen der Deutschenquote.

Die weiteren neun Clubs von Bayreuth bis Quakenbrück folgen zeitnah.

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11 Gedanken zu „Zur Lage der Liga zum Jahreswechsel – Teil 1: Von Euroteams und Spielzeit für Deutsche

  1. Ich lese euren Blog ja eigentlich sehr gerne… aber könntet ihr nicht mal den Feed überarbeiten? Die Karte (scheint zumindest der Grund zu sein) mit Pin auf New York braucht trotz 16k-Leitung ewig zum Laden und hält dabei den ganzen Artikel auf.

    • War wohl irgendeine Spielerei, die vermutlich irgendwann aktiviert war. Mail mir, sollte es weiterhin nerven.

  2. Sehr schöner Artikel mit dem Blick über viele Tellerränder. Freut mich sehr hier so was immer mal wieder zu lesen und damit das Gesamtbild deutscher Basketball besser im Blick zu haben.

    Wenn wir schon bei Wünsch-Dir-Was sind: Magst Du nicht die Schneeflocken abschalten? Auf etwas schwachbrüstigen PCs (Netbook u.ä. bremsen die den Browser etwas aus. Wie heißt es so schön: Content is king …. und da braucht ihr eigentlich kein Lamettta ;-)

  3. Super Artikel!
    Kleiner Minuspunkt: Es gibt im Deutschen kein „in 2010“. Das kommt aus dem Englischen und wird mittlerweile leider oft fälschlicherweise auch im Deutschen benutzt.

  4. Oh man Peinlich das Braunschweig meine Heimatstadt mal wieder die sind, bei denen deutsche am wenigsten spielen und sowas nennt sich Basketballstandort. Ich weiß warum ich nicht mehr in die VW-Halle gehe. Ich hoffe das sie es mit Daniel Theis nicht verkacken und dem Jungen nächsten Saison Spielzeit geben!

    • Ach, zum Teufel mit den Toitschen. Ihr habt Nils Mittmann und Marcus Goree. Ich wiederhole: MAR-CUS GO-REE!!!

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