Der ACB-Präsident interveniert – Kurzschluss oder Kalkül?

Am 24. Januar teilten die Artland Dragons mit, dass sie den Ex-NBA Spieler Rob Kurz vom CB Granada aus der ACB verpflichtet haben. Schon vorher gab es etwas Lärm des Clubs auf der spanischen Internetseite marca. (wir berichteten) Und dann wurde deutlich, dass es ein erhebliches Problem mit der Freigabe gab. Die Dragons übten nach außen Geduld und kommentierten sehr zurückhaltend. Erst am Donnerstag konnten sie Vollzug melden. Gestern durfte Kurz dann gegen Ulm erstmals auflaufen. Aber aufhorchen lässt uns nicht nur die Verpflichtung, sondern die Geschichte hinter der Geschichte.

Wenn ein Spieler von einem Verein zum anderen wechselt, braucht der neue Club eine Freigabe. International läuft das über die FIBA, die die Gründe prüft, wenn der abgebende Club die Freigabe verweigert. Hier hatte Kurz mit seinem Agent den Vertrag in Spanien gekündigt. Aber einen Schritt zurück. Warum verlässt ein Leistungsträger des CB Granada in der Mitte der Saison seinen Club in der stärksten Liga Europas? Vor allem, da er noch vor kurzem der MVP des 15. Spieltages dort war. Nirgendwo sonst hat er doch eine so gute Chance sich wieder für eine Rückkehr in die NBA in Position zu bringen und in Spanien – so hört man immer – wird doch selbst in der zweiten Liga mehr als im BBL-Tabellenkeller gezahlt?

Moment. Schrieb ich gezahlt? Es gibt einen durchaus signifikanten Unterschied zwischen dem Geld, was im Vertrag steht, und dem, was letztlich auf dem Konto landet. Was bringt dir ein hohes Gehalt auf dem Papier, wenn das Geld nicht kommt. So war es hier. Gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung sagte Kurz, dass er über einen längeren Zeitraum nicht bezahlt wurde.* Geschichten, die man leider aus manchen europäischen Ligen immer wieder hört. Nur bislang eher selten aus der ACB. Nun – so wirkt es ohne Details zu kennen – holt ein amerikanischer Agent seinen Spieler aus der ACB und platziert ihn in der finanziell soliden BBL.

Klar, da gab es mit Akasvayu Girona und anderen auch immer mal den einen oder anderen Skandal. Die Immobilienkrise wirkte sich in Spanien unmittelbar auf einige Clubs aus. Das war dann aber immer sehr sichtbares Scheitern.  Anders jetzt bei Granada. Granada steht am Ende der Tabelle, hat keinen Hauptsponsor und dürfte, wie in Spanien oft üblich, von direkten oder indirekten kommunalen Geldern finanziert werden. Profisportfinanzierung aus der öffentlichen Hand ist in Spanien ein durchaus übliches Modell.

Schon vor dem Spiel gegen Oldenburg bekamen die Artland Dragons erstmals die Freigabe für Rob Kurz von der FIBA (27.1.2011). Warum aber spielte er dann doch nicht? Die Erklärung ist so einfach wie irritierend: Am Nachmittag des 28. Januar 2011 zog die FIBA die Freigabe zurück. Das ist der Punkt, der aufhorchen lässt, denn die Gründe hierfür und die handelnden Personen sind vorsichtlich formuliert merkwürdig.

Ausschlaggebend für das Handeln der FIBA war ein Schreiben des Präsidenten der spanischen ACB Eduardo Portela, in Personalunion Präsident des Verbandes europäischer Basketballligen, der ULEB. Vordergründig kritisierte er formal, dass sowohl ein spanischer Agent als auch Kurz amerikanischer Agent aufgetreten sein. Ein normales Procedere, lassen sich doch US-Agenten in Europa durchaus von lokalen handling agents vertreten. Das konnte schon mal nicht überzeugen.

Pikanter ist die Rechtsauffassung, die dieser Funktionär nach Berichten der Neuen Osnabrücker Zeitung gegenüber der FIBA zum Ausdruck brachte: Es genüge nicht, dass die Kündigung vorgetragen werde, sondern der abgebende Club müsse aufgefordert werden, Belege zu erbringen, dass die Gehälter doch gezahlt wurden. Solange sei der Transfer zu blockieren. Dies passt nicht. Die abgebende Liga muss nach den FIBA-Statuten innerhalb von sieben Tagen nach Anfrage die Freigabe erteilen oder unter Angabe von Gründen verweigern. Der einzige Grund, der hier greift, ist ein gültiger Vertrag mit dem Spieler. Den gab es aber nicht mehr, da er wirksam gekündigt war – was sich für die FIBA offenbar bei der ersten Freigabe auch so darstellte.

Auf welcher Rechtsgrundlage die FIBA dann für eine Woche die Freigabe zurückzog, bleibt bis heute im Dunkeln, wie die Neue Osnabrücker Zeitung unter Berufung auf Marko Beens berichtet:

Die FIBA hat die Freigabe am Donnerstag zwar auf einer Rechtsgrundlag erteilt, jedoch auf keiner Rechtsgrundlage zurückgezogen.

Die Folge war ein intensiver Mailverkehr zwischen den Beteiligten. Erst in der 56. E-Mail kam am vergangenen Freitag die Freigabe. Dabei kam eine weitere Merkwürdigkeit zu Tage: Der spanische Verband hatte längere Stellungnahmefristen eingeräumt bekommen, als der deutsche. Es riecht arg nach Verzögerungstaktik.

Nur warum gibt sich der Präsident der ACB für solche Spiele her? Warum stellt er sich mit wenig haltbaren Argumenten vor einen Club, der seine Spieler nicht mehr zahlen kann oder will? Diese Griffe in die Trickkiste setzen ihn als europäischen Basketballfunktionär doch durchaus der Kritik aus, hier die Regeln sportlicher Fairness überzustrapazieren? Wir können nur Vermutungen anstellen. Während wir den spanischen Basketball und die ACB im Besonderen immer als Maßstab für die beste Liga Europas nehmen, entwickeln sich dort im Schatten der Wirtschaftskrise ganz handfeste Probleme. Licht ins Dunkel bringt hier die Webseite Encestrado.es, die jüngst die wirtschaftliche Lage der ACB beleuchten, während die Liga ihre Probleme lieber totschweigen würde. Neun von 18 Clubs sollen so in finanzieller Schieflage sein, dass unklar ist, ob sie die Saison ohne eine Insolvenz überleben. Ein Club wie Bilbao musste einen Budgetcut von 40% vollziehen und wackelt trotzdem. Im zweiten Teil schreibt Encestrado.es, dass acht ACB-Clubs mit den Zahlungen an ihre Spieler im Verzug sind. Das Problem ist einfach: Große Anteile der Finanzierung stammen von den Kommunen und die haben schlicht kein Geld mehr. Offen wird von einer Verkleinerung der ACB auf 16 oder realistischer 14 Teams gesprochen.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, welche Relevanz der Kurz-Deal hat und warum ein so prominenter Funktionär ihn mit allen Mitteln zu verhindern sucht. Wenn Clubs ihre Spieler nicht bezahlen können, können diese die Verträge kündigen. Die Griechen, von denen wir solche Probleme kennen, haben in der Vergangenheit dann gerüchteweise lieber die mobilen Ausländer als die Inländer bezahlt. Der Kurz-Deal ist vielleicht noch kein Fanal für die Situation der spanischen Liga, aber wenn Agenten anfangen, ihre Spieler wirtschaftlich in Sicherheit zu bringen, leidet das Bild der Liga. Wirft der Verbandspräsident nun all sein Gewicht gegenüber der FIBA in die Waagschale, kann man schon den Eindruck bekommen, dass da die blanke Angst regiert.

Noch ist das Wechselfenster offen. Sehen wir in den kommenden Wochen eine weitere Spielerflucht oder vertrauen Agenten darauf, dass doch noch irgendwann die schon ausstehenden Gehälter kommen? Die Transferfenster drohen sich zu schließen. Mich würde es nicht wundern, wenn der eine oder andere Agent ähnlich handelt, wie der von Kurz. Und so gerne wir die BBL kritisieren: Was das Zahlen von Gehältern angeht, hat sie einen guten Ruf. Kündigungen aus wirtschaftlichen Gründen, wie zuletzt in Düsseldorf, sind die absolute Ausnahme.

*In spanischen Medien wird er konkreter: Zahlungsrückstände von über 80 Tagen, zwei Monatsgehälter und ein Teil der Vergütung für Bildrechte war Kündigungsgrund. Quelle: Ideal

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5 Gedanken zu „Der ACB-Präsident interveniert – Kurzschluss oder Kalkül?

  1. Da kann man wirklich nur hoffen, daß sich die Situation in Spanien (und den anderen Mittelmeerländern) stabilisiert. Nicht daß das ambitionierte Ziel der BBL verpufft. Kaum etwas kann dem deutschen Basketball derzeit so sehr schaden, wie eine handfeste Krise im europäischen Basketball. Etwas Stagnation in Spanien oder Griechen – gerne. Aber bei einem massiven Zusammenschrumfen dort würde der Stellenwert des Basketball insgesamt leiden.

  2. Grundsätzlich habe ich so meine Zweifel, ob die „Neue Osnabrücker Zeitung“ oder andere aus der Region wirklich gute Quellen zum Thema FIBA und ACB sind. Besonders weil sie ihr wissen nur von Marko Beens haben. ;-) Da geht doch einiges wild umher. Z.B. war Portela in einer Zeitung auch mal Präsident von CB Granada.

    Bei den Gründen für den „Brief“ von Portela bin ich mir auch nicht so sicher. Vielleicht war er einfach dazu verpflichtet? Jedes ACB Team muss einmal ein richtig heftige Gebühr bezahlen (Baldi sagte mal etwas von 2.Mio im Tagesspiegel) und bekommt dafür Gegenleistungen. Da könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass die ACB verpflichtet ist einen Klub vor der FIBA rechtlich bei Streitigkeiten zu vertreten.

    In Spanien selbst war die ganze Sache kein großes Thema. Jedenfalls habe ich fast nur regionale Artikel im Netz dazu gefunden und vor allem die Streitigkeiten mit der FIBA waren kaum noch ein Thema. Das die ACB da wirklich etwas mit aller Macht verhindern wollte, damit nicht etwas raus kommt, glaube ich daher weniger.

  3. na dann hat der jan ja doch ne chance das die bbl die beste liga europas wird.
    immerhin scheint es so als ob in deutschland unterm strich besser gewirtschaftet wird. und ne querfinanzierung durch den öffentlichen haushalt ist im großen maßen eher die aussnahmen als die regel

  4. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass in Spanien, Griechenland usw., würde nach den Vorgaben der BBL gewirtschaftet werden müssen, ein Großteil der Clubs den Laden sofort schließen könnten.

    Im Fussball gilt, soweit mir bekannt, ähnliches.

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