Der Spirit von Freakcity

Gestern haben die Brose Baskets Bamberg das vollbracht, was seit Ende der Serienmeisterschaften ALBA Berlins im Jahr 2003 kein Team in der Beko BBL mehr geschafft hat: Die Wiederholung des Meistertitels, den Repeat, zudem einen Repeat des Doubles. Wir gratulieren herzlich und erklären, warum wir dies gut finden.

Viele Worte muss man über diese Finalserie nicht mehr verlieren. Alles ist längst gesagt und geschrieben. ALBA Berlin hat den Brose Baskets alles abverlangt, bis wenige Minuten vor Ende war die Partie weit offen, Bamberg am Rande der ersten – und einzigen – Heimniederlage der Bundesligasaison 2010/11. Doch dann zeigten sie, warum sie die beste Mannschaft in Basketballdeutschland sind. Der bis dahin Nichtscorer Goldsberry – angeblich sogar mit doppeltem Bänderriss – traf aus der Distanz und Clutch Guy Brian Roberts legte im direkt folgenden Broseangriff aus der linken Ecke einen weiteren Dreier nach. Ein Vorsprung von fünf Punkten, gegen den ALBA keine Antwort mehr fand. Am Ende war es im Kampf um die Meisterschaft – zum Glück für alle Fans – knapper als es die beinah beängstigend dominierende Hauptrunde der Bundesligasaison hätte vermuten lassen. Es war ein Marathon und am Schluss schmolz der Vorsprung – auch weil sich die anderen Teams zunehmend in ihrem Mannschaftsgefüge fanden. Gegen Saisonende nah kamen den Bambergern Teams wie die Phantoms Braunschweig im Pokal, die Artland Dragons in Pokal- und Meisterschafts-Halbfinale und ALBA Berlin eben in der Finalserie. Die Verfolger forderten die Übermannschaft um Finals-MVP Kyle Hines teilweise bis in die Verlängerung oder über die maximalen fünf Spiele, doch 2010/2011 war und blieb die Saison der Brose Baskets Bamberg, einer Mannschaft, die mit unglaublicher Geschlossenheit und beeindruckendem Spirit der Liga ihren roten Stempel aufdrückte.

Der Repeat des Doubles von Pokal und Meisterschaft war die logische Konsequenz daraus. Und nach sieben Jahren ohne Titelverteidigung ist es gut, dass die Beko BBL jetzt wieder eine solche Vorzeigemannschaft hat. Es ist ein wichtiges Signal im Jahr 1 vor Bayern, dass diese Playoffs zeigen konnten, wie stark die deutsche Liga geworden ist und dass es eine klare Messlatte gibt, die es zu schlagen gilt. Was Heyder, Stoschek und Fleming in Bamberg geschaffen haben, das ist sicherlich noch nicht abschließend das, was nötig ist um als Einzelklub dauerhaft Europas Spitze zu erklimmen oder insgesamt das Niveau auf das der besten Liga Europas zu hieven. Aber man kann die vergangenen Playoffs als großen Schritt in die richtige Richtung werten.

Wir haben in diesem Blog die Saison langsam und spät begonnen, uns der Wechselgerüchte der Offseason weitgehend enthalten und fremdelten gehörig mit der Liga und dem gesichtslosen deutschen Top-Basketball. Nach den Playoffs müssen wir dieses Bild relativieren. Wir haben großartigen Basketball gesehen, wir durften erleben, wie sich Mannschaften zerrütteten und doch wieder fanden, wie neue Projekte entstanden und andere unter den sich verschärfenden Bedingungen scheiterten. Clubs mit Kante und Profil sind wichtig. Wenn sie sich gegenseitig sportlich bis ans Limit fordern und zu Höchstleistungen treiben, ist dies um so besser.

Der geglückte zweite Neustart der Artland Dragons Quakenbrück, die Bamberg ins fünfte Halbfinalspiel zwangen, unter Coach Stefan Koch ist sicherlich etwas, was der Liga gut tut. Man kann von Mäzenatenclubs halten, was man will. Letztlich sind aber auch diese Liga und weite Teile derer Europas geprägt von ihnen. Gut, wenn es mehr als nur zwei griechische Reeder sind. Die Dragons sind die Nummer Vier im Land. Eine Position, die das Dorf mit Zähnen, Klauen und Kohle gegen den Angriff der Bayern verteidigen wird.

Kontinuität in Kurzarbeit, das waren die Skyliners. Die letzte Saison des Pascal Roller führte bis ins fünfte Spiel des Halbfinales. Standen sie nach der Hauptrunde noch vor den Berlinern, wurden sie auf der Zielgeraden überholt. Coach Gordon Herbert hat aus den verfügbaren Mitteln das Maximum herausgeholt, doch am Ende machte ein Wood noch keinen Sommer und die Berliner Tiefe siegte. Bleibt dieses Duo aber in Frankfurt, wird im Terminal 4 des Fraports ein spannendes Projekt in die neue Saison abheben.

Auch wenn für sie die Offseason nun schon länger andauert, war sicherlich ein Highlight der Saison die Neuerfindung der TBB Trier durch Henrik Rödl mit Zwiener, Faßler und vielen bekannten Gesichtern der Liga. Es ist der Beginn eines Projektes, das wir gespannt weiter verfolgen werden. „Wir setzen mit unseren bescheidenen Mitteln auf Nachwuchs und Teamplay“, dieses Motto scheint mehr und mehr als Vorbild zu dienen. Nein, ein Nachwuchsspieler muss sich nicht vom 12ten Bankplatz bei ALBA oder Brose durchsetzen. Wer sofort spielen will, findet andere Projekte, wenn er nur will.

(c) Randgruppenreisen

So war dies in der Vorsaison in Braunschweig mit den von anderen verschmähten Nationalspielern Schaffartzik und Idbihi, in Bremerhaven bis dato mit Schwethelm. Heiko und Yassin sind ein Schlüssel zum Berliner Revival, Schwethelm geht jetzt zu den Bayern. Als wir hier vor etwas über zwei Jahren mit dem Bloggen begannen, waren deutsche Nachwuchsspieler „out“ und die Quotendebatte „in“. Wir sahen einen Umbruch in der Nationalmannschaft und sehen, dass diese jetzt in ganz unterschiedlichen Mannschaften quer über die Republik verteilt spielt. Dazu kommen die Nick Schneiders, Robert Kulawicks, Alex Seggelkes und Jannik Freeses der Liga. Jungs, die vielleicht nicht Nationalspieler werden, aber eine lebendige und wichtige Rolle in der jeweiligen Rotation spielen. Unterschätzt wichtig für die Identifikation des Gelegenheits- oder Multisportfans mit einem Klub sind sie ohnehin schon. Die zur abgelaufenen Saison erhöhte Quote ist klar sichtbar – freilich weniger in den Minuten, als eher in Rolle und Status der deutschen Spieler. Dass die Einsatzminuten nicht wie erwartet gestiegen sind, mag daran liegen, dass manch ein Team noch immer nicht verstanden hat, was ein Mannschaftskern, der sich mit dem Verein (und der Liga) identifiziert, für den angestrebten sportlichen Erfolg bedeutet. Es war wieder eine Saison mit – vermutlich – einem neuen Rekord an Spielertransfers. Spieler kommen und gehen. Erfolg braucht aber eine Basis, auf der er wachsen kann, braucht Kontinuität. Was eignet sich da besser, als eigener Nachwuchs und echte Franchiseplayer? Was wären zum Beispiel die letzten 13 Jahre Skyliners ohne Pascal Roller gewesen?

Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass zunehmend bessere Stars und Sternchen des europäischen Basketballzirkus Station in der Beko BBL machen. Bei einem knappen Playoffteam wie Braunschweig bildet ein Euroleague-Altstar wie Goree gemeinsam mit Eurofighter Greer das Rückgrat der Mannschaft. Miro Raduljica oder Rob Kurz, Midseason-Verpflichtungen, die ihr Team prägten, kamen ebenfalls aus Europa statt der US-D-League. Wir werden in der Offseason mit Spannung beobachten, ob die neuen Stars, die diese Saison hervorgebracht hat – explizit genannt seien nur die ihre Teams so prägenden Pointguards Wood, Rice und Bambergs Roberts – gehalten werden können.

ALBA Berlin hätte es diese Saison fast noch geschafft, die noch im Laufe der Saison umgedrehten Steine festzuklopfen. Am Ende fehlte nur ein kleines Stück, genauer gesagt 103 Sekunden. Aber die Entwicklung, die ALBA Berlin in den exakt sechs Monaten zwischen der traumatisierenden 103:52-Niederlage in Bamberg und dem fünften Finalspiel genommen hat, ist eine gute. Verantwortung wurde neu verteilt und auch wenn uns der Stil des Coaches nicht immer schmeckt, haben er und das Management den vorläufigen Turnaround geschafft. Ob das aber schon die Basis und der Anfang einer neuen Mannschaft ist? Genug Stoff für die Offseason ist es allemal.

(c) Randgruppenreisen

Wie sehr Bamberg in dieser gerade vergangenen Saison die Liga prägte, wird auch dadurch klar, dass sie es waren, die ALBA veränderten. Mit deutlichem Klassenunterschied demontierten sie die Berliner kurz vor Weihnachten und rissen dem bequem gewordenen Zugpferd der Liga die Scheuklappen weg, so dass auch der Letzte sehen musste, dass Bamberg Berlin längst überholt hatte. Es war rückblickend ein bitter nötiger Weckruf. Ohne diese zur Tat zwingende Ohrfeige hätte Berlin höchstwahrscheinlich gestern nicht in Bamberg auf dem Parkett gestanden.

Mal sehen, was man sich bei ALBA und anderenorts einfallen lässt, um in der nächsten Saison Bamberg zu jagen. Leichter wird es nicht, denn medial war auch die nun beendete Saison, die seit gestern offiziell die der Bamberger ist, schon längst stark beeinflusst von dem neuen Stern des Basketballsüdens, dem FC Bayern. Doch auch deren Coach Bauermann muss erst einmal beweisen, dass er in der Lage ist, eine Mannschaft zu bauen, die aus dem Stand den Spirit von Freakcity entwickeln kann. Nicht mehr und nicht weniger wird es nämlich brauchen um die Nachfolge der Brose Baskets Bamberg in 2011/12 anzutreten.

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Ein Gedanke zu „Der Spirit von Freakcity

  1. Jaja, das „Freak City“ haben sie uns abgeklebt, ich glaube bei irgendeinem hohen Besuch oder so. Zeit da mal wieder nachzubessern.
    Die neue Saison wird definitiv der Hammer mit Frankfurt, Quakenbrück, Oldenburg, München, Berlin und Bamberg! Ich freu mich. UNd Europa rocken wir auch – Wildcard für die Quali habt ihr ja bekommen. :)

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