Blogauskas #3 – Von Level zu Level zu Level…

Gestern Abend kurz vor 23 Uhr, Siauliai Arena. Das Spiel gegen Italien ist vorbei, der hart erkämpfte Sieg eingefahren. Die deutschen Fans klatschen, aber nur noch relativ leise, nassgeschwitzt und erschöpft. Den ganz, ganz großen Erleichterungsjubel gab es schon Minuten vorher, als „Azzurri Killer“ Joe Herber einen Dreier (Team gesamt satte 7 von 12) eiskalt versenkte und so den 2. Sieg im 2. Turnierspiel klar machte. Die Anspannung aus dem Kampfmatch wollte noch nicht so richtig weichen, die Zähne waren noch gefletscht, die Kaumuskulatur noch deutlich verkrampft – es war richtig, richtig hart. Dazu noch die Schrecksekunde am Schluss, als Robin Benzing sich verletzte, wohl aber weniger schlimm als befürchtet. Wir haben die Faust noch in der Tasche und den Wunsch nach Gallinaris Handynummer noch im Ohr, als wir beschließen Downtown Siauliai aufzusuchen. Schnell ist ein Siegerbier bestellt, leider dursteshalber auch viel zu schnell geleert („Saluti a tutti!“), als unser Vermieter Petras per SMS Glückwünsche sendet „Ich liebe Deutschland“. Wie unsagbar süß :-) Als wir später nachts zurückkommen ist er nicht da, er muss also in der Stadt sein, wohl um sich unser Spiel im Fernsehen anzusehen. Ein schieres Wunder! In der tollen Kneipe, die wir in Siauliai finden wird gegessen, getrunken und gefeiert – schlafen kann jetzt sowieso niemand. Das Adrenalin blubbert noch durch die Adern. Ein paar Italiener kommen herein und bestellen auch bei der coolsten Bedienung, die auf diesem Erdball wandelt. Sie ist die perfekte Kombination aus Kasernenhofton, Sexappeal und Charme. Die Herren in unserer Gruppe bestellen auffallend viel und oft. Jetzt ist sie am italienischen Tisch hinter uns. Sie kommandiert: „Who wants beer?“. Wir dolmetschen laut: „Wer findet Gallinari ist ätzend?“ Die Italiener melden sich geschlossen. Nettes Spielchen – in endlosen Variationen. Auch die sport1-Crew mit Stephan Baeck lässt sich noch blicken und wieder wird der Abend viel zu lang. EM ist nun mal kein Spaß.

Das Spiel gegen Italien wird rekapituliert. Die zweite Ganzfeldzone im zweiten Spiel gegen uns. Das muss einfach ein Zufall sein. Wieder starten wir mit Unsicherheiten und Ballverlusten und sind in der Verteidigung zu langsam auf den Füßen. Diese Starts sollten eher nicht zum Themenabend auf 3sat werden. Und Dirk Nowitzki wird mich verfluchen. Gestern hatte ich noch lässig lächelnd „blaue Flecken muss“ in die Tastatur gehämmert und nicht berücksichtigt, dass die Italiener wohl meinen Blog lesen. Der achtlos dahin getippte Wunsch wurde gestern ganz schnell Wirklichkeit. Sorry, Fanbrille hin oder her, was da auf dem Feld abging war nicht mehr feierlich. Nowitzki wurde vorne und hinten verdroschen, bekam aber statt Freiwürfen nur eigene Fouls. Am liebsten noch Offensivfouls, denn die Unparteiischen goutierten die eher offensichtlichen Schauspielbemühungen Gallinaris (Denver Nuggets) nur zu gerne. So sauer hab ich Dirk Nowitzki allen Ernstes noch nie gesehen – und es war nur zu verständlich. Zunächst versuchte er noch mit den mit den Schiedsrichtern zu reden, aber eingangs der 2. Halbzeit, als mal wieder von drei Fouls an ihm keines gepfiffen wurde, die Italiener daraufhin einen 8-0 Lauf starteten und Bauermann eine Auszeit nehmen musste, verlor er fast die Beherrschung. Etwas, was man die ganzen NBA-Playoffs lang nicht gesehen hat. Den Italienern ist kein Vorwurf zu machen, die haben gnadenlos verteidigt, was und wie es ihnen gestattet wurde. Die Unparteiischen müssen sich allerdings fragen lassen, warum erst im letzten Viertel die Deutschen ähnlich physisch zur Sache gehen durften wie ihre Gegner. Egal. Wie auch immer, der zweite Sieg ist da und da geht noch was.

Am ersten Spieltag sahen wir, wie das deutsche Team spielerisch zusammenwuchs, gestern gegen Italien tat sie es kämpferisch. Das ist die Erkenntnis des Abends – ebenso banal wie vielleicht turnierentscheidend. Das Ende der Schönspielerei. Es war nicht hübsch, aber es wurde gefightet was das Zeug hielt. Eine Tugend, die man nicht hoch genug einschätzen kann und die als Vorbereitung auf das ganz, ganz schwere Frankreich-Spiel heute sehr wichtig sein kann, wenn sie nicht zu viel Kraft gekostet hat. Sinnbildlich dafür stand das verschmitzte Lächeln, das irgendwann, als es richtig derbe mies lief, über Heiko Schaffartziks Gesicht huschte. Da hatte einer Spaß, richtig Spaß an dem Gekloppe und dem Fight auf dem Platz – und blieb rattencool dabei. Heiko war in seinem eigenen Videospiel. Eben alles eine Frage der Perspektive, vor allem wenn man dann einfach mal recht souverän endbossmäßig das Team zum Sieg dirigiert. Nowitzki (21Pts.) war unnachahmlich, Kaman (17 Rebs) toll, Benzing (14 Pts.) mutig, aber nur einer hüpft da fröhlich von Level zu Level zu Level – vor den Augen der versammelten deutschen Basketballgemeinde.

Heute gegen Tony Parker wird er die aufreizend stoische Ruhe nochmal upgraden müssen. Das wird ganz, ganz bitter, denn Frankreich ist schwer zu spielen. Die agieren nie am Limit, aber sind jederzeit mal kurz in der Lage am Gas zu drehen und entscheidend wegzuziehen. Das wird heute ein Spiel der Runs und eine Schlacht in der Zone. Denn obwohl der schrankartige Brustkasten von Turiaf aufgrund einer gebrochenen Hand fehlen wird, gibt es jede Menge Masse, Muskeln und Athletik im französischen Frontcourt. Das erste echte Entscheidungsspiel in der Gruppe B steht an. Einsteigen, Anschnallen, Festhalten – das wird ein richtiger Showdown und wir hoffen, dass das Team sich besser fühlt, als wir heute morgen.

Trotz nur eines Biers sind wir gerädert, denn wilde Träume folgten dem aufregenden Spiel. In dem meinigen beschloss ich, eine philosophisch fundierte Doktorarbeit über die gesellschaftspolitische Relevanz der Spielweise der europäischen Fußballnationalmannschaften unter besonderer Berücksichtigung des Aspektes „Spielen Länderauswahlen Basketball wie ihre Fußballmannschaften Fußball spielen?“ zu schreiben. Ab der heftigen Debatte zwischen Macchiavelli und Kant wurde es dann etwas unscharf, aber der Arbeitstitel lautete schlußendlich „Wo war Freud als Gallinari ihn brauchte?“ als ich heute morgen wach wurde. Ansonsten ist hier bei uns „in the hood, ähh wood, noch alles klar. Die Wölfe heulen noch, das Pferd denkt noch, es wär ein Hund und kommt freudig zur Begrüßung angaloppiert und der Teil mit dem Anspringen wird dann etwas gefährlich, circa so wie Zonenpenetration gegen Frankreich sich anfühlen wird, aber wir leben noch und machen uns nun auf den erneuten Weg in die Halle.

Und dann, und dann …..ist Frankreich dran! Von Level zu Level zu Level.

Omma Margot sacht: Kall, mei Droppe! Da musst ich wegschalten zu Flori Silbereisen so aufregend war das. Gegen Frankreich müssen die Buben ruhig bleiben, dann kanns was wern.

osbaite grüßet aus Siauliai und drückt sowas von die Daumen.

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11 Gedanken zu „Blogauskas #3 – Von Level zu Level zu Level…

  1. Es wird diesem wunderschönen Blog in keinster Weise gerecht, aber weil ich wirklich keine Zeit habe, mich hier inhaltlich einzubringen, bleibt es bei einem:

    „I like“ und vielen Dank für die Mühe, fiTzeL

    • Macht nix ;-) trotzdem Danke :-* bruell sie alle zusammen! Remember: ich hab hier bezahlt – ich schrei so lange ich will ;-)

  2. Serbien und Italien bekamen heute in den wichtigen Momente die richtigen Pfiffe gegen die Aussenseiter.
    Wenn das jetzt anders wird und unser NBA-Doppel so verteidigt wie gestern ist ALLES drin!

    Handy aus und aufstehen für die FIBA-Hymne.

  3. Philosophisch fundiert finde ich auch ne nette Kombination ;-)
    Schade, ich hätte auch gerne gelesen, wie der Abend verlaufen wäre, hätte der liebe Vermieter nach dem Sieg noch mal den Buddel aufn Tisch gestellt… ;D

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