Blogauskas #4 – Urlaub in Lettland

Endlich ein freier Tag! Diesen Tag Urlaub haben wir uns wirklich redlich verdient und so ging es nach einmal halbwegs ausschlafen auf zum nördlichen Nachbarn nach Lettland. Das vierte Land in 6 Tagen, für einige von uns (die zur Zeit gerade live im McCafe in Riga im Sessel liegen und schlafen) das 5. in 6. Die vierte Sprache, die vierte Währung, totales Chaos im Geldbeutel und im Kopf. Stadtpläne, Karten, Reiseführer, Sprachführer. Esperantinisches Geschwafel – so richtig können wir keine Sprache mehr und gestern wirkt bereits, als wäre es Monate her – unsere Festplatten glühen und auch wieder nicht. Wir schwimmen einfach mit im Strom, abgespeichert wird schon lange nicht mehr, wir sitzen einfach nur entspannt in unserem ganz privaten 24-Stundenkino. Wir verlaufen uns, verfahren uns, dass wir die Sprachen nicht mehr können ist jetzt einfach mal egal. Ganz gepflegt im Hier und Jetzt – nach uns die Sintflut und der restliche Spielplan. Life is a journey.

Ein Abstecher nach Kreuzberg, ganz ohne U-Bahn, den berühmten „Berg der Kreuze“ bei Siauliai. Symbol der Religion, aber auch des Widerstandes. Mehrere Male von den jeweiligen Machthabern eingeebnet, enstand jedes Mal wieder langsam, langsam auf einem einsamen Hügel im Nirgendwo nördlich von Siauliai diese symbolträchtige Ansammlung mit Kreuzen, die aus der ganzen Welt dorthin gebracht werden.

Von Lettland hatten wir nur eins im Kopf, die eher stressigen Fans damals in Polen 2009 bei der EM. Daher sind wir umso überraschter, als wir über die Holperpiste die Grenze nach Latvija überqueren. Bilderbuchhafte Landschaften erstrecken sich links und rechts der Straße, wie man sie so nicht erwartet hätte. Die Bevölkerung macht ausgedehntes Extremchilling und ist wirklich sehr gut darin. Die Sonne scheint, der Himmel ist strahlendblau und so nutzen dutzende Menschen die Möglichkeit zum Radfahren (auf der Autobahn, ist hier erlaubt!). So auch ein Pärchen, dass am Straßenrand Pause macht. Sie sehen aus, als seien sie aus einer Heile-Welt-Lila-Wölkchen-Soap entsprungen und sitzen Hand in Hand und sich gegenseitig verliebt ansehend an der Bushaltestelle. Fährt man weiter ins Landesinnere so erscheinen kleine malerische Häuschen, blaue Seen, sattgrüne Wiesen und Wälder. Die Milka-Kuh fehlt irgendwie noch in dieser wirklich sehr realitätsnahen 3-D-Animation und alles sieht einfach mal aus, als seien wir direkt in der Filmkulisse eines Astrid-Lindgren-Films gelandet. Man projiziert ein romantisches Klischee nach dem anderen auf unsere Lebensleinwand, dass es fast nicht mehr auszuhalten ist. Noch ein Tag länger hier und wir haben alle Diabetes. Als wir dann auch noch Richtung Jurmala abbiegen und an einem wunderschönen ewiglangen Sandstrand landen, ist der Tag perfekt. Sonne, Sand und körperstabilisierende Übungen zur Unterhaltung der glücklich lächelnden Strandläufer („Ich könnte Ihnen stundenlang dabei zusehen“) – es fühlt sich an wie Urlaub.

Dann zum Flughafen und unsere Gruppenstärke auf 14 hochgeschraubt und weiter in die wunderschöne lettische Hauptstadt Riga. Hier treffen Pariser Eleganz, Prager Bohéme und Geschäftssinn a lá „Moskau Inkasso“ aufeinander – eine tolle Mischung. Und natürlich kann es nur ein Zufall sein, dass heute das Lettische Bierfest stattfindet. Frisch gebrautes Bier und leckerestes Essen, Live Musik und ausgelassene Stimmung. Wir sind selig. Aber jetzt: Auf zurück nach Hause in die raue Wirklichkeit, dorthin, wo EM kein Spass ist und in den Wald zu den Uhus und den Lüchsen. Wir müssen ausschlafen, Serbien kommt.

Falls das optimale Ziel (Platz 2 in der Gruppe, um möglichst wenigstens einen Sieg in die Zwischenrunde mitnehmen zu können) noch erreicht werden soll, wäre es schön, den Erfolg gegen Serbien aus dem WM-Jahr zu wiederholen. Damals gewann man in einem Irrsinnsthriller nach zweifacher Verlängerung. So spannend muss es nicht wieder werden, aber der dritte Sieg ist in Spiel 4 durchaus drin. Serbien liegt uns mit seiner Spielanlage deutlich besser als Frankreich. Meist präsentieren sie eine Manndeckung, aber auch eine Zone hat man schaon ganz kurz in Litauen gesehen.

Die eher NBAartige Spielweise von Frankreich war gestern nicht unser Ding. Tony Parker erwischte einen absoluten Sahnetag und traf wie er wollte – so ganz ohne seine „verzweifelte Hausfrau“. Ganz objektiv muss man einfach sagen, dass sehr viele Fouls an den deutschen Spielern nicht gepfiffen wurden. Ganz objektiv kann man aber auch erklären, woran das lag. Frankreich ist in jedem Moment der Verteidigung bereits dran mit dem Körper am Mann. Wir gehen immer erst hin, wenn der Mann zum Korb zieht. Foul ist zwar Foul, aber das eine (agieren in Richtung Gegenspieler) wird abgepfiffen, dass andere (ständiger Körperkontakt und dann erst auf die Wurfhand klatschen) eben nicht. Das Leben ist unfair, aber so ist es nun mal und das deutsche Team hätte besser damit zurecht kommen müssen. So zerfiel man förmlich nach einer tollen ersten Halbzeit. Schade drum. Aber gut zum Lernen allemal. Man könnte noch endlos darüber debattieren, ob man vielleicht Joe Herber statt Robin Benzing gegen Parker hätte probieren können oder gar ne Box-and-one, aber einerseits habt ihr das Spiel selbst gesehen und andererseits ist es quasi systemimmanent, dass in so einem Turnier zurückschauen nichts bringt. Am meisten ärgern, wie das gestern gelaufen ist, wird es ohnehin die Spieler. Macht nichts, klüger werden, schlauer spielen, physischer spielen, weniger passiv agieren, dann geht das auch noch einmal gegen Serbien.

Omma Margot sacht: Ich hab heut frei und fahr zu den 46ers.

osbaite grüßt aus Riga und gewinnt morgen gegen Serbien.

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Ein Gedanke zu „Blogauskas #4 – Urlaub in Lettland

  1. Da es in dem Beitrag ja auch ein bisschen touristisch ist, mal noch meine Reisetipps von meinem Lettland/Litauentrip im letzten Jahr. In Kaunas nicht nur die Altstadt besuchen, sondern auch das kaunische Meer (ein großer See am Stadtrand mitsamt völlig vereinsamtem Kloster) und, wenn man reinkommt, dass Arvydas Sabonis Trainingszentrum. Außerdem noch unbedingt besuchen: Die kurische Nehrung bei Klaipedia (EIne Stunde mit dem Bus durch den Wald und dann einfach nur ein Traum) und die Wasserburg Trakai mitsamt umliegender Landschaft.

    Ansonsten bitte weiter so schöne Beiträge, die eine optimale Ergänzung zu den Fernsehübertragungen sind, weil sie die Atmosphäre aus dem Land schön rüberbringen.

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