plog #18 Von Polizeieskorten, Straßensperrungen, Zungenbrechern und Europas Zukunft

Am Abend nach dem Spiel der deutschen Mannschaft bekommen wir endlich auch noch unsere eigene Polizeieskorte, sogar mit endcooler Straßenvollsperrung. Und womit? Mit Recht natürlich.


Der polnische Autoverkehr ist wirklich nicht immer leicht, aber wenn dann auch noch unbeschrankter Bahnübergang auf eine Konstruktion trifft, die eindeutig einen Verkehrskreisel darstellt, in dem man aber plötzlich nach der ersten Kreiselausfahrt eben keine Vorfahrt mehr hat, und gleichzeitig auch noch von beiden Seiten die Straßenbahn ankommt, dann ist eben kurz mal alles zu spät. Mit einem einzigen geschickten wie halsbrecherischen Manöver begeht unser Fahrer ca. 8 schwere bis schwerste Verkehrsdelikte auf einmal. Schon zu Beginn der Aktion hatte ich leise protestiert, jetzt sind beide Hände vors Gesicht geschlagen, daher seh ich nicht sofort Blaulicht, Kellen und massenweise Polizisten in Warnwesten, die sich eben noch furchtbar gelangweilt haben. Man wartet ja ewig auf diese Teambusse der Basketballer und ein paar Ausländer müßen ja offenbar ganz schnell zum Mexikaner.

Zu weit mit der Autonase in die Kreuzung rein, ohne das es weitergehen kann. Hinter uns wird dann die Ampel rot. Andere Autos kommen schnell von links und hupen wild. Nichts geht mehr. Rote Ampel also de facto überfahren, um die Kreuzung freizumachen. Zwischen einer Straßenbahn von links und einer von rechts hindurchgezischt, um nicht auf den Gleisen zu stehen, die mitten durch den Kreisel führen, und zermalmt zu werden. Dem von rechts kommenden Bus dabei unabsichtlich die Vorfahrt genommen, ausgewichen, mehrere durchgezogene Linien und weitere Vorfahrten mißachtet und was weiß ich nicht noch alles. Es sah einfach ganz, ganz schlecht für uns aus, als die blonde Polizistin uns rauswinkt auf die Verkehrsinsel. Dunkler als bei Buschi im Fahrstuhl sozusagen.

Ganz unbewußt tut der Fahrer dann das in Polen einzig richtige. Er erzählt und erzählt und erzählt. Erklärt, wie das alles kam, stammelt auf englisch und vor Aufregung eine Klassestory zusammen, die vor allem deshalb so gut ist, weil sie so wahr wie blumig ist. Eine saudumme Aktion, die immer schlimmer wurde, je mehr der Fahrer sich bemühte den Ursprungsfehler zu korrigieren. Die wirklich absurde Komik der Detailschilderung kommt an. In Deutschland wäre mit jedem Wort – wahr oder unwahr, komisch oder nicht – die Strafe um 10 Euro gestiegen, spätestens nach dem dritten „und dann….und dann“ hätte man die erste unmißverständliche Aufforderung zum Schweigen erhalten und diese besser auch befolgt.

Anders hier in Polen. Immer mehr Polizisten scharen sich um unser Seitenfenster und lauschen mitleidig nickend der händefuchtelnden Geschichte, wie das alles passiert war und sowieso und überhaupt. Und unsere Nationalmannschaft hatte ja schließlich auch noch verloren. Nach 15 Minuten deutschenglischpolnischen Gestammels kein Alkoholtest (wäre negativ gewesen, so einen stunt bringt man schließlich nur stocknüchtern), kein Strafzettel, keine Ausweiskontrolle, einfach nichts – nur die höfliche Aufforderung demnächst „etwas besser aufzupassen“. Die Untertreibung des Jahrhunderts.

Wir winken mit unseren neuen Polskaschals zum Abschied, aber schnell wird klar, so wie wir da auf der Verkehrsinsel stehen, halb entgegen der Fahrtrichtung und rückwärts ausparkend, kommen wir da nie runter und wieder raus, ohne doch noch groß in den Nachrichten zu landen. Zudem ist der Rückverkehr von der Halle in die Stadt jetzt sehr, sehr dicht geworden. Einfach keine Chance, wir machen eine Figur wie Socke Femerling im Ballett oder eher wie Wal am Strand. Marcin Gortat am Straßenrand hats auch gesehen.

Vier Polizeiwagen und 6 Polizisten zu Fuß sperren nun für uns den sechsspurigen Kreisel und noch 2 Zufahrten und wir können endlich (bis in die letzte Faser peinlich berührt) rückwärts von der Insel poltern. Schnell ins Hotel und weg mit dem Teufelsgefährt auf den Parkplatz. Das kommt davon, wenn man einmal nicht zur Halle läuft.

Aber die Polen lieben eben Geschichten, nur gut müßen sie sein, glaubhaft und ein wenig spektakulär. Wenn in Deutschland die Ladentür zu ist, ist Feierabend. In Polen öffnen tolle Geschichten über weinende Kinder oder kranke Großmütter (wahlweise auch umgekehrt) fast wieder jede (Laden)Tür. Einfach liebenswert. Und viel Glück für uns. Das gesparte Geld – und die Freude über den noch vorhandenen Führerschein – wird in eine Lokalrunde Wodka für alle investiert – zu Fuß und beim Mexikaner natürlich. „W Szczebrzeszynie chrzaszcz brzmi w trzcinie“, der beliebteste polnische Zungenbrecher für Touristen, spricht sich erst nach ein paar weiteren Runden halbwegs rund.

Dieses Klischee über „die Polen“ und ihre Vorliebe für gute Geschichten, ist natürlich nur so wahr, wie es alle solche Klischees dieser Welt sind, aber eben auch nur so unwahr.

So untrennbar Polen und Deutschland auf verschiedene Weisen miteinander verbunden sind, so lang ihre gemeinsame Grenze auch ist (immerhin knapp 470 km), so dramatisch unterschiedlich sind die beiden Länder doch. Vieles davon führt zu Mißverständnissen oder Vorurteilen, ich kann aber nur jedem empfehlen sich unseren Nachbarn im Osten selbst einmal genauer anzusehen und sich ein eigenes Urteil (auch über die beiderseitigen Klischees) zu bilden. Einfach mal rüberfahren und gegenseitig Klischeebildchen austauschen, wie andere Baseballkarten oder Lilifeesticker. Es lohnt sich wirklich. Und anders ist eben nicht nur anders fremd, sondern auch anders spannend.

(Klappe, die Erste, rückwärts eingesprungener doppelter OSB) Spannend hätten auch die Viertelfinals werden sollen – waren sie aber nicht. Jedenfalls nicht wirklich. Spannend war nur zu sehen, wie Spanien das noch ungeschlagene Frankreich auseinandernahm (86-66). Tags zuvor schied bereits die Gastgebernation Polen chancenlos gegen JCN, Rudy & Co. aus, die blind zusammenspielen, als hätten sie schon ihr ganzes Leben lang zusammen aus einem Eimer Sangria getrunken. On a roll. Unstoppable. Eine gut geölte Basketballmaschine vorne und hinten – einfach ein Augenschmaus. Teamball at its best – Euroball at its best.

Im ersten Viertelfinale unterliegt der Jetzt-Ex-Europameister Rußland fast ebenso klar dem jüngsten Team (22.4 Jahre) des Turniers, Serbien, mit 68-79. Russia fehlt mit 8 Leuten zwar fast eine Mannschaft, mit der andere Europameister werden, trotzdem ist Timofey Mozgov (23, Center, 2.15m) für mich die Überraschung des Turniers.

Ein Prophet werde ich nicht mehr mit der Aussage: da kommt noch so richtig was, denn verteidigen kann er auch.

Und einfach weils so schön ist und grad gar nicht passt: 2 Videos von den deutschen Überraschungen:

Und ein deutscher Basketballspieler ist dann doch noch dabei, bei der EM in Polen. Bevor heute die zweiten Viertelfinals (Türkei- Griechenland und Slowenien-Kroatien) anstanden, fand um 14:30 Uhr zum ersten Mal das U18-Europe-Allstargame statt. 24 von Mentor Svetislav Pesic, der gestern das Feld unter Klängen von „Simply the best“ betrat, handverlesene Youngster, trainierten seit Mittwoch zusammen und maßen sich heute untereinander. Gestern in der Halbzeit des Knallerspiels Frankreich-Spanien wurden sie bereits einzeln in der Halle vorgestellt. Mit dabei eben auch Centertalent Philipp Neumann (Franken Hexer/Bamberg) aus Deutschland. Auffällig: 5 Serben, 3 Litauer, 2 Schweden plus jeweils nur ein Spieler aus weiteren 11 Ländern. Ob dies dem europäischen Proporz oder schlicht der Talentspreitung geschuldet ist, könnten mir vielleicht netter Weise ein paar U18-beschlagene Leser erklären, genauso wie die Tatsache, daß sich statt angekündigter 24 (12 gegen 12) plötzlich nur noch 21 Spieler auf der Turnierseite fanden. Dieselbe Seite hat rechts unten einen Downloadlink, der als Broschüre viele Infos über alle 32 ursprünglich nominierten Spieler zeigt. Heute hat es einen ersten Vorgeschmack geben, wen davon man sich dringend für die kommenden Jahre merken muß. Europas geballte Zukunft in der großen, ordentlich gefüllten Spodek-Arena in Katowice – ein tolles Ereignis für die jungen Spieler und eine prima Plattform noch dazu. Serbien nicht nur jetzt unter den besten vier Europas, sondern auch zukünftig so gut aufgestellt? Sieht fast so aus.

Schön jedenfalls, daß man dieses Spiel frei auf FibaTV schauen konnte. Mein Spickzettel: Klarer MVP Jonas Valanciunas (LIT) dicht dahinter mit Peciukevicius noch ein zungenbrecherischer Litauer und danach mit Musli und Djekic zweimal SRB. Dann – ungerankt – Person (SWE), Prostran (CRO), Meiers (LAT), Nedovic (SRB),  Radovic (MNE) und Neumann (D), der leider ein wenig zu eigensinnig war.

OldSchoolBaller läßt grüßen

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4 Gedanken zu „plog #18 Von Polizeieskorten, Straßensperrungen, Zungenbrechern und Europas Zukunft

    • Danke und: Nicht traurig sein! Ich trink einen mit, Prost! :-)
      „In Szczebrzeszyn zirpt ein Käfer im Schilf“

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