Anhaltende Europhorie – ALBA Berlin erreicht Eurocup-Finals

ALBA Berlin schlägt Hapoel Jerusalem vor 14.500 tobenden Fans in der o2 world mit 72:59 und zieht ins Finalturnier des Eurocup, dem zweithöchsten europäischen Vereinswettbewerb in Europa, ein. Es ist vielleicht der bislang größte Erfolg einer deutschen Vereinsmannschaft im Basketball, denn auf diesem Niveau spielte noch kein deutsches Team. Reflektionen eines Fans am Tag danach.

Gestern Abend war ich sprachlos. Habe ich auf einen Sieg gehofft? Sicherlich. Hätte ich vorher geglaubt, dass wir so ein großartiges Basketballspiel sehen werden? Eher nicht. Lange saß Block C noch in der Bar eines Maccabi-Fans feierte und redete über gelb-blauen Basketball.

Es war ein phantastisches Spiel. 14.500 Kehlen, 29.000 Hände, eine o2 world, die als sechster Mann hinter ihrem Team stand, wie bislang wohl noch nie. Auch wenn wir nur „Klatschpappenterroristen“ sind, wie oldschoolballer meinte, gestern war die o2 world eine Festung, gestern fieberte auch der letzte Gelegenheitszuschauer mit der Mannschaft. Ein Freund – eigentlich Fußballfan – kommentierte das Spiel mit den Worten „Ganz großer Sport“. Ja, ALBAs Werbespruch der Saison 2007/2008 ist gestern wahr geworden. Berlin ist europhorisch.

Es wird wohl noch ein paar Tage dauern, bis wir die Tragweite dieses Erfolges so richtig begreifen können. Als erste deutsche Mannschaft überhaupt zieht ALBA Berlin in das Halbfinale des zweithöchsten europäischen Wettbewerbs ein. Luka Pavicevic wiederholt den Erfolg, mit dem er sich bei Hemofarm 2005/06 in die Oberklasse europäischer Trainer katapultierte.

„Dies ist der größte Erfolg, den ich mit einer Vereinsmannschaft erreicht habe“, freute sich Hamann. (FAZ)

Euro-Experte robbe kommentiert auf schoenen-dunk:

ein wesentlich größerer Verdienst als die Top16-Quali. EuroCup Final Four, das heißt schon was.

Nur die Liga beißt sich bei den Glückwünschen etwas auf die Zunge. Die Endrunde „eines europäischen Wettbewerbs erreicht“, kein Wort darüber, was das eigentlich für ein Wettbewerb ist.

Respekt und Anerkennung nötigt das bisherige Abschneiden insofern ab, als dass sich die Berliner trotz temporärer Ausfälle von Schlüsselspielern nie aus der Balance haben bringen lassen.

Nur dafür Respekt? Alles andere wird als selbstverständlich angesehen? Aber als Botschafter der ach so ausgeglichenen Liga taugt man ja…

ALBA Berlin ist seit Jahren ein hervorragender Botschafter der deutschen Liga auf internationalem Parkett.

ALBA Berlin ist nicht vorrangig Botschafter der Liga. Es ist der ganz eigene Erfolg von ALBA Berlin, trotz aller Widrigkeiten in der Liga. Etwas, was der Liga immer wieder schwer fällt anzuerkennen, wie es die Presse auch im Kontext der gegenwärtigen Debatten darstellt:

Ein Tropfen Bitterkeit mischte sich in die Freude. „Wir müssen in Europa niemandem zeigen, wer wir sind“, sagte Manager Baldi im Blick auf den spanischen Gipfel. „Ich habe eher den Eindruck, dass wir das in Deutschland müssen.“ Damit spielte er darauf an, dass sich seine Mannschaft in den täglichen Mühen der Ebene, in der Bundesliga, insbesondere von den Schiedsrichtern schlecht behandelt fühlt. Mit dem Ticket nach Vitoria, daran erinnerten die Berliner, sollten sie sich auch Respekt erworben haben für den Alltag. (FAZ)

Genug der Bitterkeit. Auf zum Jubel.

Gestern sahen wir eine überragende Mannschaftsleistung, bei der jeder Spieler bis in die Tiefe der Bank alles gab. Ein furchtloser Steffen Hamann, ein Rashad Wright der in kritischen Situationen zum wiederholten Male Nerven behielt, ein überragend aufspielender Derrick Byars mit 10 Punkten im ersten Viertel. Drei Center, denen es gemeinsam gelang die Kreise von Brandon Hunter einzuschränken. Eine Mannschaft, die mit Teamdefense ein herausragendes Scoringteam bei sehr mageren 58 Punkten hielt. Doch sahen wir nicht nur die übliche 9er-Rotation, sondern früh spielten bereits Philip Zwiener und Lucca Staiger. Letzterer traf – endlich will man rufen – einen wichtigen 3er und setzte zudem mit einem spektakulären Block Akzente. Philip Zwiener verteidigte vortrefflich den Mann, dessen Rolle er 2007/08 übernahm, Dijon Thompson, und zeigte seinen Signature-Move, einen perfekten Nenad-Canak-Gedächtnis-Floater.

Aber noch einmal zu Derrick Byars, der vor dem Spiel in der Berliner Zeitung ein schönes Porträt bekam, das so beeindruckte, dass es bei uns im Block  herumgezeigt wurde. Byars ist ganz offensichtlich in Europa angekommen. Seine Punkte brachten ALBA den nötigen Vorsprung in der Serie bereits im ersten Viertel, den sie nie wieder aus der Hand gaben. Unermüdlich steckte der Ellbogen ein. Insbesondere Dijon „Reeperbahn“ Thompson tat sich da mit kaum mehr verdeckten dreckigen Hieben aus dem Block heraus hervor. Was hab ich Byars für seine Lethargie und sein Meckern gedisst, aber gestern rief ich die Sprechchöre mit.

Sprechchöre gab es von den Fans für jeden Albatros. Nach dem Abräumer gegen Hamann beherzigten wir auch Konstis Pre-Game-Aufforderung „Das muss heute nicht schön sein für Hapoel“ und Pfiffen den Gegner nach Strich und Faden aus. Ein klein wenig Südeuropa-Feeling im Entertainmenttempel. Die Halle trug die Mannschaft und das größte Lob für die „crowd“ kommt aus dem Munde des Coaches in der Pressekonferenz:

I think that our crowd was the sixth player that we talk about. Was what makes Berlin and ALBA Berlin tonight one of the best basketball nights in Europe. It’s always a game with a lot of energy that comes from all people that come and that support us through every game at home and on road. I think that together we achieved a very serious goal for this season going to the final four of this very high level competition.

Überhaupt ist die Analyse des Spiels durch Pavicevic beeindruckend. 10 Minuten, die man sich anhören sollte, zumal es ein typischer Luka ist: Leichenblass, todernst und nach außen komplett kontrolliert, dennoch hochgradig emotional in seiner Sprache.

Die Europhorie geht in Berlin weiter. Ziel ist jetzt „the ultimate“, das Finale. ALBA bietet eine Fanreise für 660 € an, privat kommt man wohl – wie auf schoenen-dunk geschrieben wird – etwas günstiger weg. So gerne ich würde, aber ich werde leider aus zeitlichen Gründen nicht fliegen können. Trommelt und klatscht für mich mit.

Bilder vom Spiel gibt es auf der Homepage von ALBA, bei Spiegel Online und heute um 17 Uhr in einer 1stündigen Zusammenfassung auf eurosport 2.

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4 Gedanken zu „Anhaltende Europhorie – ALBA Berlin erreicht Eurocup-Finals

  1. Naja, der Korac-Cup-Gewinn 95 ist immer noch der größte Erfolg. ;) Das war genial damals :) und die Mannschaft von damals spielte ähnlich konzentriert und fokussiert, wie die gestern.

    Viele Grüße
    Nathan

  2. „…und Pfiffen den Gegner nach Strich und Faden aus.“

    Ich bin schockiert! :-)

    Aber im Ernst: Gießen ist doch irgendwie überall :-))

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