Titel, Thesen und Talente

Nach dem Pokalwochenende und vor den EuroCup-Finals ist die Woche der Liga-Awards. Gestern gab es Best Offensive Player (Jenkins) und Best Defensive Player (McElroy), heute Pleiss als Rookie of the Year und Rochestie als Newcomer of the Year. Morgen wird dann der MVP dran sein. Ich habe grad wenig Zeit zum Bloggen, daher gesammelt zu den Themen dieser Woche ein paar mehr oder weniger fein geschliffene Gedanken.

Titel für Albatrosse

Die Wahl von Jenkins und McElroy ist jetzt nicht die riesige Überraschung. Es sind die beiden Franchiseplayer von ALBA, es sind Motor und Getriebe einer Mannschaft, die vom Coach nur als größeres Ganzes (vgl. Berliner Zeitung von heute) beschrieben wird. Auch die Liga erkennt dies in höchten Tönen an (Pressemitteilung):

Sie sind die Schlüsselspieler, sie sind die personifizierte Zuverlässigkeit und sie sind ausgewiesene Spezialisten in punkto Angriff und Verteidigung. Julius Jenkins und Immanuel McElroy, das US-amerikanische Guard-Duo in Diensten des achtmaligen Deutschen Meisters ALBA Berlin, nehmen in dem taktischen Konzept ihres Chef-Trainers Luka Pavicevic exponierte Rollen ein.

Dabei ragen sie aber auch auf ganz unterschiedliche Weise aus der Mannschaft heraus: Der stille feingliedrige Jenkins mit der Lizenz zum Werfen und für viele in der Liga nicht zu stoppen. Der noch stillere McElroy als Allroundpaket und Counterpart, der dahin geht, wo es weh tut, seit Jahren auf höchstem Niveau in der Liga und Europa verteidigt und immer dann aufdreht, wenn es wirklich wichtig wird.

Es ist für McElroy der zweite Titel der Saison, nachdem er jüngst als einer der besten fünf Spieler des EuroCup ausgezeichnet wurde. Mac auf seine Defense zu reduzieren, greift zu kurz.

Was macht eigentlich den MVP aus?

Daher fällt McElroys Name auch immer wieder, wenn Fans auf schoenen-dunk.de darüber diskutieren, wer nun MVP wird. Es sind fünf Namen, die immer wieder fallen, wenn diese Saison der MVP diskutiert wird: Foster, Jenkins, McElroy, Suput und… vielleicht noch Ense oder Gibbs. Doch was ein MVP, der Most Valuable Player aufweisen muss, darüber kann man vortrefflich streiten. @Kosmonaut fragt dazu auf schoenen-dunk.de:

Natürlich ist McElroy ein wirklich erstklassiger Spieler, aber da ist ja auch ein wenig das Dilemma: 10.1 ppg, 5.5 rpg und 3.4 apg zeugen zwar von unglaublich guten All-Round-Qualitäten, aber ich finde MVP ist anders.

Klar, emotional wünscht man sich als MVP nen Spieler, wo alle Gegner und Fans sagen „das ist der neue LeBron/Nowitzki/Jordan der BBL“. Gibt es aber nicht. Vielleicht in der Vergangenheit mit vereinzelten Spielern, die im Stile eines Wendell Alexis aus einer dominanten Mannschaft deutlich herausragten. Vielleicht sogar noch Jovo in seiner zweiten MVP Saison.

Spätestens mit der Öffnung des Spielermarktes hat sich die Liga aber verändert. Volumescorer und one-season-wonder finden sich wie Sand am Meer. Gute Spieler gibt es viele. Gute Verteidiger auch immer mal wieder. Doch auch die großen „Stars“ der Liga ragen selten heraus, jedenfalls in der Hauptrunde. In den Playoffs mag das anders sein, denken wir an Paulding, der letzte Saison noch einmal drauflegte. Wundert das? Oldenburg, Bamberg, Berlin, Quakenbrück, Göttingen hatten alle viel Arbeit im Europapokal. Dort waren die in dem Moment wichtigen do-or-die-Spiele.

In Berlin sahen wir klar, dass Liga oft nur Pflicht ist. Leider war dies nicht nur bei den Zuschauerzahlen so, sondern zuletzt auch immer wieder in den Köpfen der Spieler – zumindest wirkte es so. Zuletzt wohl auch in Braunschweig, wenn man das Toben des Coaches etwas interpretiert.

Diese Saison waren deutsche Teams in Europa erfolgreich. Es spricht dafür, dass die Liga in der Spitze etwas besser geworden ist. Aber es beeinträchtigt natürlich auch die Leistung im Ligaprogramm. ALBA hat am Wochenende in Vitoria die Saisonpflichtspiele Nr. 51 und 52. Zuvor mussten sie 18 mal in Europa, 31 mal in der BBL und einmal im Pokal ran.

Natürlich wird der eine oder andere Journalist, der eine oder andere Coach, der Oldenburg in der Euroleague, Bamberg und Berlin im Eurocup verfolgt hat, auch die Vorstellung auf dem europäischen Parkett im Hinterkopf haben. Wann hatten wir – wie dieses Jahr mit McElroy und Sekulic –  zuletzt je einen Spieler der BBL im EuroCup-1st und 2nd Team? Vermutlich noch nie.

Aber wenn man sich anschaut, welche BBL-Spieler sowohl in der Liga wie auch in Europa diese Saison mehr oder weniger konstant überzeugen, dann bekomme ich recht schnell ein All-BBL-1st Team zusammen: Foster, Jenkins, McElroy, Suput, Sekulic. Das wird in dieser Form wohl morgen nicht verkündet werden, schon aus Clubquotengründen und weil er deutlich mehr Minuten bekommt, seh ich da Ense vor Sekulic. Aber es kann auch ganz anders kommen, da ich nicht weiß, wie der Wahlmodus aussieht.

Talent zeigt sich

Kaum überraschend räumten heute Tibor Pleiss und Taylor Rochestie die Titel als Rookie of the Year und Newcomer of the Year ab. Das was Pleiss diese Saison gezeigt hat, war schlicht beeindruckend. Sicherlich neben dem Rookie-Titel auch einer aus dem engeren Kandidatenkreis für ein All-BBL 2nd Team, auch wenn nicht alles perfekt ist und er noch lernt. Es ist – nach McElroy – der zweite Ex-Kölner, der diese Saison einen Titel abräumt. Daher dürfen hier die Fans der 99ers jubeln:

Rochestie ist ganz klar der beste und herausragende College-Rookie (aka Newcomer) der BBL. John Patrick hatte das gewohnt gute Händchen. Ich sah Rochestie erstmals bewusst am zweiten Weihnachtsfeiertag, als er quasi im Alleingang ALBA abschoss. 15 Punkte im Schnitt. Brillant jenseits der 6,25m. Auch für ihn ist es der zweite Titel der Saison:

Und wo wir bei Talenten sind…

…gibt es grad auf schoenen-dunk.de eine spannende Diskussion über die Zukunft in Bamberg, denn dort häufen sich in den Farmteams mittlerweile junge deutsche Talente der Jahrgänge 1989 bis 1991, nur wo sollen die alle spielen und in die BBL geführt werden?

Mein Tipp für den MVP?

Es ist schwer. Für mich gibt es diese Saison nur vier echte Kandidaten. Rochestie ist zwar gut, hat aber m.E. nicht das Standing in der Liga, das für die Wahl zum MVP nötig ist.

Jenkins gehört natürlich zu den Kandidaten, doch ich sehe ihn nicht als MVP. Er ist zwar gut und dominant, was aber auch seiner exponierten Rolle bei ALBA geschuldet ist. Doch in Europa gegen stärkere Gegner baute er dann ein gutes Stück ab.

Auch Suput ist großartig. Grad aus Berliner Sicht ist er der fast perfekte Vierer. Er hat nur sehr wenig schlechte Spiele und zeigte gerade am Wochenende wieder, wie wichtig er für Brose ist. Aber irgendwie fehlt mir das „Extra“, er war schon immer guter Scorer, aber ist er der Winner oder „nur“ der herausragende Offensivspieler, der seine Mannschaft am Anfang des Spiels den Vorsprung gibt, wie gegen Göttingen oder in Berlin? Wie wichtig er für Brose ist, sah man im Eurocup. Leader in der Vorrunde, krasser Einbruch dann beim Ausscheiden im EuroCup Top16.

Aus Oldenburg heißt der Kandidat Je’Kel Foster: Er ist diese Saison der Spieler, der am ehesten aus dem Edelbackcourt der Huntestädter herausragt. Er war auch europäisch statistisch der beste Oldenburger. Seine Leistungssteigerung ist beeindruckend. Sicherlich ist er ein entscheidender Faktor für die anhaltende Stärke der Oldenburger trotz Gardners Press-Allergie und Pauldings Abtauchen. Ich weiß nur nicht, ob in Oldenburg nicht die Mannschaft statt des einzelnen Spielers noch mehr als bei Berlin der Star ist.

Mein Favorit ist und bleibt McElroy. Es mag platt klingen, doch er ist einfach dran. Er spielt eine großartige Saison in einem starken und erfolgreichen Team. Er ist ein Spieler, der wichtige Spiele gewinnt und die Mannschaft besser macht. Wenngleich er nicht viel scort, findet sich auf seinem Statbogen kaum mehr eine Schwäche.

Und eine fast identische, nur in wenigen Punkten abweichende Leistung noch einmal auf europäischem Parkett:

Wunderbare Quoten, über drei Assists, bester Rebounder einer starken Mannschaft in der Liga, mittlerweile auf jeder Position von eins bis drei zu Hause, der beste Verteidiger der Liga. Basketballerherz, was willst du mehr?

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2 Gedanken zu „Titel, Thesen und Talente

  1. Die Dreierquote ist mir so noch gar nicht aufgefallen beim Herren McElroy. In einer Saison, in der ich denke, dass Jenkins ballern muss und so immer einseitiger wird, weil es sonst kaum Schützen gibt, legt der IMac fast 40% hin? Respekt.

  2. Ist es vielleicht nicht sogar gut für die Liga, dass eurpäisch so viel gespielt wird. Klar, klingt wie die von dir so kritisierte Meinung. 1. Wenn ALBA europäisch Erfolg hat, ist das fürs Prestiger der Liga und des Basketball gut. Das kommt sogar mal im Mittagsmagazin etc. 2. Wenn ALBA sich auf Euro konzentriert, verlieren die in der Liga ein paar Spiele und es wird spannender. Tut der Liga auch ganz gut, wenn ALBA nicht unbesiegbar ist, wie ein paar Jahre lang ;-)

    Und brauch die Liga nen Topstar? Für ne MVP-Wahl wäre einer nützlich, wenn es aber viele klasse Spieler gibt, die auch in ner Mannschaft integriert sind, perfekt meiner Meinung nach. Da wäre McElroy vielleicht wirklich ne gute Wahl.

    Allerdings frage ich mich, warum man JETZT wählt? Noch ist doch über einen Monat Saison…

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