Finalyse #3

Das Ärgerliche an dem „blutrünstigen“ Bild-Artikel nach Spiel 2 der Finalserie war ja nicht nur die völlig andere Darstellung einer Szene – und in der Folge – eines ganzen Spiels, sondern auch, dass tatsächlich die komplette Stimmung im Titelkampf der BBL kippte. Eine Bambergnahe Zeitung sah sich unverzüglich genötigt im gleichen Duktus zu antworten, postwendend gabs neues Feuer aus Frankfurts 4 Buchstaben zurück. Die Fanmeinungen auf SD polarisierten plötzlich zusehends und man konnte eigentlich nur froh sein, dass am Sonntag mittag gegen 15 Uhr endlich wieder das Hauptthema der Sport war.

Was man doch mit ein wenig geschickter Garnierung von Originalzitaten so alles anstellen kann. Die öffentlich-unbedarfte (Kantinen)Meinung hat zwar sonst keinen Schimmer, wußte aber auf einmal bestens über Schiedsrichterprobleme und Ellbogennutzung im deutschen Basketball Bescheid. Nicht, dass es überhaupt noch groß interessiert hätte.Blut oder nicht Blut – vorgebliche Skandälchen oder nicht. Seit letztem Freitag ist Fussball-WM in Südafrika und spätestens seit dem Eröffnungsspiel ist das allgemeine Interesse an den Basketballfinals aber mal so richtig im Keller. König Fußball regiert und – machen wir uns nichts vor – nur noch ein paar wenige eingefleischte Fanatiker außerhalb der Frankfurter und Bamberger Fankreise jucken die BBL Finals 2010 noch mehr als ein gequältes Tröööööt.

Rückblick auf Spiel 3 (in Bamberg): Eigentlich müßte man an dieser Stelle nur das Ergebnis dokumentieren: 97: 52 (43:24). Kurz gesagt war das ein Spielbeginn in der Art, wie Bamberg ihn heute auch unbedingt braucht und Frankfurt ebenso unbedingt vermeiden muß. Als die Kameras mit Tennisverspätung und nerviger Endloswerbung endlich draufgehen, steht es bereits 29:9. Frankfurt kam mit der, auf der Weakside stark absinkenden, Broseverteidigung (und Tibors Spannweite) nicht zurecht und die Gastgeber hatten einfach Tag des Herrn. Jeder Schuß ein Treffer, 3 Schuß `ne Mark – es war einer dieser Tage, an denen dort alles ging und bei Frankfurt nichts. Seltsamerweise war es aber eher ein Vorteil für die Jungs aus Mainhattan, dass sie nicht mit 10-12 Punkten, sondern so richtig derb mit unfassbaren 45 Punkten Differenz aus der Halle geprügelt wurden. Einer zusätzlichen Motivation, diese peinliche Schmach zu Hause in der Ballsporthalle wiedergutzumachen, bedurfte es nicht mehr. Nach kurzer Depression war man heiß wie Frittenfett auf die Revanche am Dienstag.

Rückblick auf Spiel 4 (in Ffm.): Dunkelrote Invasion in Frankfurt, wohin man auch sah. Das Brosedirndl gebügelt, die Meisterpappe strategisch im Rückfenster plaziert, die Championshirts für die Spieler im Gepäck, der gesamte Tross im schicken Anzug. Bamberg war bereit für den Titel in Frankfurt und hatte offenbar einfach nichts dazugelernt. Wie ein roter Käsefaden zieht es sich durch die Brosepizzasaison: immer wenn man sich zu sicher war, verlor man. So auch in Spiel 4. Wer geglaubt hat, dass der sonntägliche Blowout der Neckbreaker für Frankfurt war, hat es immer noch nicht verstanden. Die Skyliners kommen immer wieder zurück, wie die Gummiflitsche ins Gesicht, und schlagen dich auch gern mal mit eigenen Mitteln. Ab Viertel 2 machte eine auf der Ballseite unglaublich aggressive und auf der schwachen Seite stark absinkende Verteidigung den Bambergern arge Probleme, obwohl genau mit dieser Taktik in Spiel 2 und 3 selbst agiert wurde. Brose wirkte überrascht, die Dreier von außen fielen gar nicht, Jacobsen kämpfte, aber Gavel und Suput standen völlig neben sich. Turnover häuften sich, Roberts verbreitete blankes Chaos, die arthritischen Dribblings in die Frankfurter Verteidigung waren ein gefundenes Fressen für die hungrigen Skylinersguards und die 3-2-Zone kam viel zu spät von Fleming. Frankfurt hatte sichtbar Probleme dagegen, überlebte aber den fränkischen Ansturm mit viel Herz. Ich bin gespannt, was der Bamberger Headcoach an Offense-Ideen noch im Ärmel hat, das wird heute ein entscheidender Faktor in Spiel 5 sein. Mit 69:56 (35:30) endete das 4. Spiel, der Sekt mußte zurück in den Kühlschrank und ca. 800 Bamberger Anhänger enttäuscht wieder heim ins Fränkische.

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Fazit: Bislang war es eine Serie der Verteidigungstaktiken, sowie der großen und kleineren Runs. Überraschenderweise gibt es das nicht, was gemeinhin von Finalserien im „Best-off-Modus“ erwartet wird. Superstars hier wie dort, die alles überstrahlen, durchgehend dominante Vorstellungen der Leistungsträger, verläßliche Helden im Kampf ums BBL-Frühstücksbrettchen und knappe, hart umkämpfte Spiele mit vielen wechselnden Führungen, – alles Fehlanzeige. Selbst das einzige wirklich richtig knappe Spiel 1 bestand im wesentlichen aus 2 langen Runs, nämlich einer Bamberger Vorlage und einem Frankfurter Überholmanöver kurz vor der durchgezogenen Linie. Auf 2 Auswärtssiege folgten 2 Heimsiege nacheinander. Frankfurt – Bamberg – Bamberg -Frankfurt. Die Natur der Sache verlangt, dass nun der Sieger, der Deutsche Meister 2010 bestimmt wird. Schluß mit dem zermürbenden, ewigen Hin und Her – die Entscheidung fällt ein für allemal und unausweichlich heute Abend ab 19:55 Uhr in der Jako-Arena in Bamberg. Showdown, Hosen runter, „all in“ und Bart ab!

Ausblick auf Spiel 5: Beide Teams gingen 2004 und 2005 auch schon über 5 Spiele im Finale. Basketballschach. Die Mannschaft mit dem besseren Fokus und der besseren mentalen Kondition wird gewinnen. Anders als in den anderen Spielen wird es meiner Meinung nach weder einen Blowout noch schnelle, hohe zweistellige Vorsprünge geben, die verwaltet sein möchten. Ich erwarte zum ersten Mal ein wirklich ausgeglichenes Spiel und einen Schlagabtausch par excellence und sei es nur wegen der deutlich sichtbaren Defizite beider Teams – was an sich nichts Schlechtes sein muß. Vielleicht ist es auch nur der jeweils gut präparierte Gegner, der die Schwächen sichtbar macht wie Lackmuspapier. Oder die eigene Stärke, punktgenau und messerscharf eingesetzt, die das Gegenüber zeitweilig schwach aussehen läßt.

Die ganzen Runs, die diese Serie so prägen, sind verursacht durch Aktion und Reaktion. Ein bißchen wie im Chemiebaukasten. Bestes Beispiel dafür ist Spiel 4 von vorgestern. Frankfurt führt komfortabel 53:39 als Coach Fleming endlich (und viel zu spät) Bambergs 3-2-Zone auspackt. Diese Aktion von Brose zeigte Wirkung bis zum 55:53 nach exakt 36 Minuten. Es blubbert gewaltig im Skyliners Reagenzglas. Auf den 2-14-Lauf reagiert Frankfurts Roller mit viel Geduld und Übersicht und Aubrey Reese mit seinen typischen Moves und wilden Schüßen. Als die dann fallen, auch weil das Überraschungsmoment der Zone sich abnutzt, hat Bamberg keine weitere Antwort mehr, kann Frankfurt vor keine neue Frage stellen und verliert.

Die ganze Finalserie ist ein einziges Hin und Her an Maßnahmen und Gegenmaßnahmen, Taktikaktionen und Taktikreaktionen. Wer hier mehr Antworten parat hat auf die Aufgabenstellungen des Gegners und immer flexibel bleibt – physisch und vor allem psychisch – wird Spiel 5 gewinnen.

Aber wer wird das sein? Bamberg ist ausgeglichener, spielt disziplinierter, strukturierter, hat die längere Bank und die organisiertere Verteidigung. Dies kommt ihnen zugute, wenn das Spiel nicht zu schnell wird und der Gegner berechenbar bleibt. Frankfurt ist impulsiver, athletischer, wilder, leidenschaftlicher, lebt vorne wie hinten vom Hustleplay und wilden Last-second-shots. Wenn diese fallen, sie schnell spielen können und ihrer aggressiven Defense mit pomadigen fränkischen Dribbelpenetrations in die Hände gespielt wird, dann sieht Bamberg sehr schlecht aus. Sport1-Experte Stefan Koch sieht Bamberg vorn ebenso wie sein kongenialer Moderatorenkollege Frank Buschmann, der sich schon vor den Finals festlegte.

Aber Frankfurts Spiel lebt von Energie und purem Adrenalin und wenn hier ein bestimmtes Level überschritten wird, sehe ich nicht, wie Bamberg das noch stoppen könnte. Vor heimischer Kulisse gehe ich andererseits davon aus, dass Brose das auch verstanden hat und gleich zu Beginn Mittel einsetzen wird, um die hessischen Wirbelwinde nicht ins Laufen kommen zu lassen und auch mental besser reagieren wird, als sie das auswärts zuletzt taten. Frankfurt hingegen muß es schaffen, Intensität und Tempo hoch zu halten, dann tendiert Brose oft dazu einzuknicken. Die besseren Nehmerqualitäten und das, was gemeinhin im Sport als stärkerer „Charakter“  bezeichnet wird, liegen klar bei Frankfurt. Wenn jedoch den Brose Baskets die Spielkontrolle gelingt, weniger geschmollt und mehr wechselnde Defensevarianten gezeigt werden, sehe ich Bamberg aufgrund individueller Klasse und Pluspunkten in der Offensive leicht vorn und heute Abend mit der Platte in der Hand.

Es ist angerichtet – Let´s play Ball!!!

P.S.: Frage des Tages: macht Suputs berichtete 2 jährige vorzeitige Vertragsverlängerung bei Bamberg die divinen Hüften wieder geschmeidig oder setzt gar mehr Pizza an?


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4 Gedanken zu „Finalyse #3

  1. Mal wieder sehr schick geschrieben @OSB!
    Sogar Lackmuspapier eingebaut… geil!
    Ich sehe es auch so, dass die Bamberger Qualität nicht gerade die des Kopfes ist… zumindest glaube ich, dass die Frankfurter da „fester“ sind… egal was in Spiel 3 war.

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