Gastbeitrag: Nach Spiel 5 ist vor der neuen Saison

[sc-fitzel schreibt] Der Meisterschaftspokal ist kaum übergeben und schon kreisen die Gedanken um die Offseason. Nicht trotz sondern wegen der unglaublich knappen Niederlage von ALBA in Spiel 5 der Finalserie der Beko-BBL. Wir waren so knapp dran. Nächstes Jahr wollen wir wieder die Nase vorn haben und beim Saisonabschied nicht nur die Meisterschaft der Herzen (zumindest in Berlin) feiern dürfen.

Erste und sicherlich wichtigste Frage für die Hauptstädter ist, wie es auf der Trainerposition weitergehen soll. Deshalb soll hier auch schnell eine Entscheidung getroffen werden. In ein bis zwei Wochen sollen wir laut Marco Baldi und Mithat Demirel schon mehr wissen. Muli Katzurin hat bewiesen, dass er es versteht aus Individualisten ein Team zu formen, dass sich auf dem Spielfeld jederzeit 110% unterstützt. Er legt genau jenen taktischen Variantenreichtum an den Tag, den die ALBA-Fan bei seinem Vorgänger noch schmerzlich vermisst haben. Manchmal erweckt er aber auch den Eindruck, dass ihm – insbesondere im Offensivspiel die „leitende Hand“ fehlt, die wieder Struktur ins Spiel bringt, gerade wenn der Gegner einen Lauf hat und folglich doppelt intensiv verteidigt. Hier verschenkt ALBA unter Katzurin zu viele Possessions. Ich bin daher der Vorstellung nicht abgeneigt mit Katzurin weiterzumachen. Seine Weiterverpflichtung ist für mich aber auch kein No-Brainer. Auch die abschiedsschwangeren Worte nach Finale 5 legen einen Abschied des Israelis nahe.

In der Folge stellt sich also die Frage. Wer käme als Alternative in Betracht. Die AZ hat kürzlich das Gerücht gestreut, Gordon Herbert wäre in Berlin als Coach im Gespräch und solle seinen Musterschüler DeShawn Wood gleich mitbringen. Ohne es rational begründen zu können, war meine erste Reaktion, dass ich weder den einen noch den anderen bei ALBA sehen möchte. Herbert hat zwar ein Händchen für no-name-Amis von College, aber eine große Linie habe ich bei ihm bisher auch nicht erkennen können. Und DeShawn Wood, der MVP? Den brauch ich auch nicht an der Spree. Ich glaube nicht, dass Wood der Stratege, der General wäre den ALBA meiner Meinung noch braucht, um Bamberg nächsts Saison vom Thron stoßen zu können. Mittlerweile hat auch Herbert selbst, der derzeit mit den Frankfurt Skyliners über einen neuen Vertrag verhandelt, gegenüber dem Tagesspiegel einen Wechsel vom Main an die Spree dementiert: „An den Gerüchten, dass ich zu Alba komme, ist nichts Wahres dran.“ Auch Wood hat in Frankfurt noch Vertrag, sodass auch diese Personalfrage sich wohl nicht wirklich stellt.

Wenn also nicht Herbert, wer kommt dann noch als neuer ALBA-Trainer in Betracht? Vielleicht ein alter Bekannter. Viele ALBA-Fans träumen immer noch von einer zweiten Amtszeit von Svetislav Pesic. Zumindest ist der gerade auch auf dem Markt. Nach einem kurzen aber erfolgreichen Zwischenstopp bei Power Electronics Valencia ist Pesic noch ohne neuen Arbeitgeber. Aber hat ALBA ein Konzept in der Hinterhand, das für diesen Mann, der vielleicht einer der besten und erfolgreichsten Trainer in Europa ist, hinreichend interessant ist. Ich denke zumindest eine Wildcard für die Euroleague bzw. die Quali wäre erforderlich und auch die Schweitzers müssten wohl noch mal ein bisschen die Privatschatulle aufmachen, um wenigstens einen weiteren Kracher zu finanzieren. Sollte es gelingen Pesic von einem zweiten Engagement bei ALBA zu überzeugen, wäre der langersehnte Schritt in die europäische Belle Etage vielleicht endlich machbar. Damit hätte man nämlich einen Trainer für sich gewonnen, dessen Name europaweit, auch bei den Spieler, einen guten Klang hat. Doch Pesic als Coach, das ist wohl ein Gerücht, dass am ehesten auf dem Mist von uns Fans und der Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ gewachsen ist.

Auch was den Kader angeht, stellen sich viele Fragen: Kann man Raduljica halten? Wer wird der neue Point-Guard? Geht Jenkins zu den Bayern? Was wird aus Derrick Allen?

Aber fangen wir mit den Spielern an, bei denen man mit einiger Sicherheit davon ausgehen kann, sie auch nächstes Jahr wieder im Trikot der Albatrosse zu sehen: Heiko Schaffartzik werden wir wiedersehen. Er hat sich nach Anlaufschwierigkeiten bei ALBA etabliert. Er wird sicher nicht mehr der geniale Spielgestalter, aber er ist mittlerweile ein Mann, den man für harte Defense und viel Energie jederzeit von der Bank bringen kann. Yassin Idbihi ist zuletzt unter Katzurin regelrecht aufgeblüht. Keine Frage, Yassin wird auch nächste Saison wieder unter den Brettern der O2-World gründlich aufräumen. Schön dass unsere beiden Nationalspieler mit längerfristigen Verträgen ausgestattet wurden. Schon ungewisser ist, was aus Lucca Staiger wird. Er hat zwar noch bis 2012 Vertrag bei ALBA, wird aber mit seiner Rolle im Team kaum zufrieden sein. Ob ihn ALBA allerdings ziehen lassen wird, ich weiß es nicht. Spieler mit deutschem Pass, die nicht nur zum Busfahren geeignet sind, sind eben doppelt wertvoll. Ich kann mir außerdem sehr gut vorstellen, dass wir Sven Schulze (hat ohnehin noch Vertrag) und Patrick Femerling (würde gerne noch ein Jahr dranhängen) auch nächste Saison als die Spieler 5 und 6 auf den langen Positionen wiedersehen, solange sie in das finanzielle Konzept von ALBA passen.

Und der Rest? Beginnt jetzt wieder das große Steine-Umdrehen in Berlin? Ich für meinen Teil bin jedenfalls sicher, dass ich einen neuen Point-Guard in Berlin sehen will. Genauer gesagt einen Spielmacher, der diesen Name auch verdient hat. Branislav Ratkovica, zuletzt bei den Walther Tigers Tübingen, wäre so einer gewesen; aber der geht ja leider in die Türkei. Oder jemand wie Marco Popovic, aber so dick ist das Scheckbuch der Schweitzers wohl dann doch nicht, oder? Wer ist also realistisch unter den Kandidaten als neue (alte) Nr. 1 in Berlin? Da wäre zunächst der aktuelle Inhaber der Position, Taylor Rochestie: Sicherlich war er in dieser Saison eine Bereicherung für die Albatrosse, nachdem das Duo Marinovic/Price sang- und klanglos gescheitert ist. Restlos überzeugt hat er mich aber nicht. Weder als Scorer noch als Spielgestalter war er so starkt, dass er es hätte rechtfertigen können, dass man ihn gelegentlich in Defense (in einer Zonenverteidigung) verstecken muss. Vielleicht versucht sich Berlin aber auch erneut mit einer Rückholaktion? Unbestätigten Gerüchten zufolge, soll Bobby Brown wieder im Gespräch sein. Nach einem kurzen Gastspiel in der NBA, war Bobby zuletzt bei Prokom in Polen und Aris BC in Griechenland unter Vertrag. Auch wenn der eine oder andere ALBA-Fan jetzt feuchte Augen bekommt und in Erinnerungen an denkwürdigen Spiele, wie dies hier schwelgt, mit Hollis Price ist die letzte Rückholaktion ziemlich misslungen. Wenn er aber an seine alte Form anknüpfen kann, wäre Bobby sicher eine echte Verstärkung auf der Point-Guard-Position. Das Gerücht, dass ALBA an Demond Mallett (33) dran wäre – unter anderem in der Berliner U-Bahn zu lesen – scheint uns eher vom Agenten gestreut, denn ernsthaftes Interesse des Clubs zu sein.

Auch auf der kleinen Flügelposition (eine wirklich Trennung zwischen Shooting-Guard und Small Forward lässt ALBA ja seit Jahren vermissen) sehe ich momentan viele Fragezeichen. Die Verträge von Imac, Julius Jenkins und Bryce Taylor laufen sämtlich aus. Gleichzeitig handelt es sich bei diesen drei Spielern um echte Leistungs- und Sympathieträger. Nachdem Jenkins zuletzt mit seinem Ruf als Crunchtime-Pussy zu kämpfen hatte, hat er mit seinen Leistungen im Finale und nicht zuletzt in Spiel 5 seine Kritiker vorerst zum Schweigen gebracht. Imac ist längst Herz und Seele der Berliner Verteidigung und der Verteidigungsminister ist den Fans mittlerweile sehr ans Herz gewachsen. Aber auch Bryce Taylor ist nach durchwachsenem Start in Berlin angekommen. Er ist sicher ein junger Spieler, der noch Entwicklungspotential hat, während Imac und JJ sicher nicht jünger werden. Da beide aber stark von ihrer Schnelligkeit leben, ist es wohl nur eine Frage der Zeit, wann hier ein Leistungsabfall droht. Vielleicht ist es besser, sich jetzt im Guten zu trennen, als in ein bis zwei Jahren im Bösen. Das Gerücht, Jenkins sei beim Aufsteiger Bayern München heiß begehrt  nicht zuletzt weil Bauermann immer noch damit hadert, dass er ihn einst nicht nach Bamberg lotsen konnte, wurde aber zwischenzeitlich wieder dementiert. Dennoch darf man zweifeln, ob sich ALBA nächste Saison noch beide Spitzenverdiener leisten kann und will. Ich glaube, hier heißt es aus drei mach zwei, wobei Taylor, der großes Interesse hat in Berlin zu bleiben, wohl von allen die besten Karten hat.

Unabhängig davon frage ich mich manchmal, ob man – immer unter der Prämisse, dass Staiger bleibt – nicht überlegen sollte, die Rotation auf den Positionen 2 und 3 um einen Spieler zu verkürzen und das Geld in zwei entsprechend stärkere Spieler investiert, das sich momentan auf drei Spieler verteilt. Andererseits war nicht zuletzt die tiefe Bank in den Playoff ALBAs großer Trumpf. Ich bin letztendlich ja auch nur Basketball-Enthusiast und Hobby-Manager…

Ich habe mich ja schon verschiedentlich dafür ausgesprochen, dass ALBA alles versuchen soll, um Miro Raduljica längerfristig an den Verein zu binden. Der Spieler scheint sich in der Mannschaft ja recht wohl zu fühlen. Jedes Mal wenn ich ihn spielen sehe, freue ich mich, dass es noch junge Spieler gibt, die echte Center-Moves drauf haben und nicht nur a la Lebron James Face-up.Iso spielen wollen. Das ist ein echtes Juwel, das zwar noch geschliffen werden muss, dann aber die durchschnittlichen BBL-Center ziemlich alt aussehen lassen wird. Auf diesem Wege. Schöne Grüße an Tibor Pleiss; das mit der NBA würd ich mir noch mal überlegen, wenn ich an seine Leistungen in den Finalspielen denke. Leider wird ein solcher Spieler unter normalen Umständen nicht zu finanzieren sein und auch Raduljicas Aussagen beim offiziellen Saisonabschied deuten darauf hin, dass die Zeichen auf Abschied stehen und Raduljica zurück nach Istanbul muss. Pacta sunt servanda. Miro selbst hätte sich einen Verbleib wohl durchaus vorstellen können.

Kommen wir abschließend zur Power-Forward-Position. Von einem Verbleib von Schulze wird man, wie ich schon geschrieben habe, wohl schon deshalb ausgehen dürfen, weil er als deutscher Nationalspieler noch Vertrag hat. Aber was wird aus Derrick Allen und Tadija Dragicevic? Mich würde es jedenfalls nicht überraschen, wenn wir beide nicht wiedersehen würden. Dabei würde es mich eigentlich freuen, wenn Dragicevic, dessen Vertrag nach der Saison auslief,  bleiben würde. Mit ihm hätte ALBA den perfekten Allrounder auf der Vier. Außerdem handelt es sich um einen jungen Spieler der noch Entwicklungspotential hat. Allen hingegen darf von mir aus gerne seine Koffer packen. Wenn es stimmt, dass für ihn ein Angebot aus Belgien und/oder Ffm vorliegt, würde ich nicht zögern den Vertrag mit Allen aufzulösen. Ich habe den Eindruck, Allen kann nur als echter Go-to-Guy richtig glänzen, für diese Rolle ist er aber bei ALBA schlicht nicht gut genug. Als Rollenspieler hingegen ist er rausgeschmissenes Geld. Wenn nicht regelmäßig im Angriff „für“ Allen gespielt wird, taucht er völlig ab. Selbst seine gefürchteten extralangen Mitteldistanzwürfe wollen dann häufig nicht mehr fallen. Auch dieses Jahr könnte es daher wohl wieder die nimmer endende Suche nach der Eier-legenden-Wollmilchsau auf der Power-Forward-Position bei ALBA Berlin geben. Viel wird auch hier davon abhängen, für welchen europäischen Wettbewerb man sich qualifiziert. Jan Jagla wird sicher wieder hoch gehandelt werden, nicht nur wegen seines deutschen Passes, aber zieht es ihn nicht vielleicht gen Süden zu seinem Schwager?

Wer sich dennoch schon mal einen Überblick auf dem europäischen Spielermarkt verschaffen möchte, ist hier am richtigen Platz. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre glaube ich aber nicht, dass ALBA noch einmal einen Spieler holt, der nur bereits ist für die Mannschaft zu spielen, weil er bei keinem Euroleague-Club mehr untergekommen ist. Stattdessen wird man bemüht sein, seinen Kandidaten von dem Projekt ALBA zu überzeugen; womit sich dann der Kreis auch wieder schließt: Für ein Projekt braucht man einen Trainer mit dem man gemeinsam ein Team aufbauen muss.

Es dürfte also auch in der Offseason spannend werden bei ALBA Berlin. Spürt ihr das Dribbeln?

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4 Gedanken zu „Gastbeitrag: Nach Spiel 5 ist vor der neuen Saison

  1. Danke, sehr schön ausformuliert und vor allem zutreffend.

    Emotional tue ich mich alleredings schwer nach der noch nicht ganz verarbeiteten knappen Finalniederlage gleich sofort in die Offseason durchzustarten.

    Wüßte auch nicht, wen ich von J.J., I-mac und Taylor „rausschmeißen“ sollte und warum.
    I-mac war ausgerechnet in den Finals nicht richtig da (das war er früher immer!); ich führe das auf seine Rückenprobleme zurück, das wurde bisher aber nirgendwo kommuniziert.

    Taddi als noch jungen Allrounder – sozusagen als Basis für den weiteren Kader – zu halten, ist in der Tat nicht doof. Aber Schultze ist ja auch schon da…

    Radu ist sicher einer der besseren und auch noch entwicklungsfähig. Neben einigen Lichtblicken hatte er aber auch etliche Schattenmomente. 1/7 FW oder riskante Hinterrückpässe bei -12 P. u. Ä.
    Er ist ohnehin nicht zu halten.

    Patrick – so sehr ich ihn schätze – ist zu anfällig geworden und damit nicht mehr wirklich eine Leistungsalternative. Soll er nur die deutsche Bank warm halten?

    Und endlich spricht mal jemand deutlich aus, was mit Allen wirklich los war/ist. Defensiv nicht vorhanden, offensiv nur bei guter Laune und wenn ihn keiner zu sehr stört. Seinen technisch guten Dreivierteldistanzbogenwurf hätte er mal beizeiten auch von hinter der Linie üben sollen.

    Auf jeden Fall wünsche ich mir ein wenig frisches Blut von außerhalb der Liga, allerdings nicht zuviel, denn sonst wars wieder nix mit der Kontinuität.

  2. Grüblers Analyse finde ich echt gut!
    Nach dem Finale ist vor der neuen Saison.
    Also Alba-Verantwortliche ans Werk.
    Grübler gibt die Richtung vor. Jetzt seid ihr am Zug. Wir warten auf ein neues Team (keine Solisten und Egoshooter!).

    • Danke für die Blumen. Nur bekomme nicht ich sie, sondern sc-fitzel, unser momentan sehr fleissiger Gastschreiber zu allem, was mit Alba zu tun hat.

  3. Jetzt ist es also doch Herbert geworden. Ich gehe jetzt fast davon aus, dass auch Wood noch kommt, sobald sich dessen Vertragssituation mit Ffm geklärt hat. Es sprechen doch viele Faktoren pro Wood.

    1. Der Vertrag von Wood mit Ffm verlängert sich wohl nur, wenn eine ganze Reihe von Bedingungen eintreten. Dies wird wohl einerseits die Sponsorenakquise betreffen, vielleicht hängt das aber auch mit dem Cheftrainer zusammen?!

    2. Herbert hat sich immer wieder gerade zu überschwänglich über Wood geäußert: Herz und Hirn der Mannschaft, General auf dem Spielfeld etc.

    3. Wood hat gegen ALBA mehrfach sehr stark gespielt und das ALBA-Management leidet ja seit Jahren unter dem Bayern-Syndrom, Spieler zu holen, die gegen die eigene Mannschaft geglänzt haben. Derrick Allen, Marco Marinovic aber auch schon früher Derreck Phelps und Imac.

    4. ALBA wünscht sich seit Jahre mehr Firepower auf der Point-Guard-Position, nicht zuletzt um JJ#11 zu entlasten. Da passt Wood sehr gut ins Anforderungsprofil.

    5. Ffm hat international nicht sonderlich viel gerissen, sodass die großen europäischen Vereine wohl noch nicht wieder auf Wood aufmerksam geworden sein dürften. Insbesondere da dieses Jahr eine wahre Schwemme von US-Boys droht (NBA Lockout, keine Summer League, keine D-League).

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