Herbstmeisterschaft im Frühling

Es ist Pokalwochende im deutschen Basketball. Nach dem neuen Pokalmodell – ich nannte es pöbelnd Copa del Pommer – wird erstmals der Herbstmeister ausgespielt. Wie jetzt, Herbstmeisterschaft im April? Ja, da fehlt eine gewisse Stringenz.

Gleich geht es   los: Halbfinale beim TOP FOUR... on Twitpic by fotoduda

(c) fotoduda.de

Einen Schritt zurück: Der Pokal wird diese Saison unter den sieben besten Teams der Hinrunde ausgespielt. Die besten sechs hatten sich fürs Viertelfinale qualifiziert und Ausrichter Frankfurt durfte sofort ins Halbfinale. Alle 18 Teams der Liga hatten bis zum Ende der Hinrunde Anfang Januar in 17 Spielen die gleichen Chancen.  Klar, dass Frankfurt nicht durch die Quali musste, bricht mit dem sportlichen System. Dafür hat man aber eine in jedem Fall volle Halle mit Stammpublikum und jemanden, der sich um das Event kümmert. Und das hat man gesehen. Es war ein lebhaftes Event mit wechselhafter sportlicher Qualität.

Ich denke, dass gerade das erste Halbfinale zwischen Bamberg und Göttingen gezeigt hat, dass die Pokalreform im Grundsatz richtig war. Eine Halle an einem Basketballstandort, die klein genug ist, dass man mit 700 und 1200 Fans Stimmung machen kann. Es könnte sein, dass wir schon das Highlight des Turniers gesehen haben (hier im sport1 replay). Wenn’s noch leidenschaftlicher und niveauvoller wird, dann um so besser. Wurde es am ersten Tag jedenfalls nicht.

Allerdings  können die Göttinger sich fragen, was passiert wäre, wenn das Top4 wirklich als Herbstmeisterschaft ausgespielt worden wäre und nicht am Ende der Saison? Denn nach den Viertelfinals glaubten doch viele an einen sicheren Göttinger Pokalsieg, oder?

Gestern hat Bamberg verdient gewonnen. Und das ist gut so. Sie haben den schöneren, strukturierteren Basketball gespielt. Trotz aller Liebingsfreundschaft schlug das Fanherz für die Franken. Dennoch ist die Göttinger Leistung beeindruckend, weil das Konzept diese Saison auch mit Verletzungen funktioniert, weil mit Rochestie ein sehr beeindruckender Spieler geholt wurde. Schwach hat das Spiel begonnen, stark wurde es beendet.  Schön, dass die Göttinger dann am Ende sehr faire Sportsmänner waren und die letzten 30 Sekunden nicht unnötig verzögert haben.

Dann kam das zweite Halbfinale: Schwache Skyliners gewinnen gegen noch schwächere Eisbären. In der Primetime am Samstagabend war ein Basketballspiel im Fernsehen zu sehen, bei dem man sich als Fan dieser Sportart fast schämen musste. Spannend war’s, irgendwie… aber Spannung ist eben nicht gleich Qualität. Das mit großem Abstand bessere Spiel wurde nur zur Hälfte am Nachmittag übertragen.

Wenn die Skyliners heute irgendeine Chance gegen Bamberg haben wollen, dann müssen sie wie verwandelt auftreten. Das heute gezeigte sollte vorne und hinten nicht reichen.

In den letzten Wochen stand der Pokalmodus mächtig in der Fankritik. Das Blog Germanhoops hat sie pointiert befeuert. Hunderte von Beiträgen auf schoenen-dunk.de folgten. Die Kritik fand ihren Weg in die Medien, Jan Pommer nahm dazu mit klaren Tönen auf der Pressekonferenz vor dem Top4 Stellung (via Spox):

Unser Zwischenfazit kann nur positiv sein, der Erfolg gibt uns bisher Recht. Die Kritik aus der zweiten Liga und von puristischen Fans sind Einzelmeinungen.

Bei einem Satz (via Süddeutsche) musste ich als ALBA-Fan schlucken, denn Pommer trägt seinen Wunsch nach „Spannung“ wie eine Monstanz vor sich her:

«Das ausgeglichene Teilnehmerfeld sorgt für Spannung. Es macht den Reiz aus, dass nicht die üblichen Verdächtigen die Endrunde erreicht haben»

Für ne Herbstmeisterschaft wäre das ja o.k. und sehr berechtigt, wenn das dann die besten sind. Denn die besten Teams sollen doch spielen, oder? Aber kurz vor den Playoffs entwertet es selbige. Außerdem ist es auch sachlich fraglich, denn die Teilnehmer sind wohl kaum vier Außenseiter, sondern eben vier veritable Playoffmannschaften.

Bei der ganzen Kritik der letzten Wochen wird m.E. vorschnell vergessen, dass dieser neue Modus nicht ohne die mehrheitlche Zustimmung der Clubs möglich gewesen wäre. Die Clubs haben sich eben dafür entschieden sich „abzumelden“. Nur weil der eine oder andere Fan was anderes will, wird sich das nicht ändern. So attraktiv alternative Modelle auf dem Papier sind, so schwerwiegend waren die Probleme der Praxis in der Vergangenheit. Eine Antwort darauf, wie man bei den alternativen Modellen die größte Schwäche des alten Pokals, die hundsmieserablen Zuschauerzahlen und das auch damit verbundene Kostenproblem in den Griff bekommen soll, las ich noch nicht. Wird schon besser werden, lasse ich nicht zhlen. Denn das wurde es nicht. Deutscher Basketball hat eben nicht die Zugkraft von College-Basketball. Ich denke, dass da ein gut vermarktetes, attraktives und sportlich relaventes FinalFour viel wert sein kann. Ich wiederhole mich: Aber ich denke wirklich, dass man in diesem Fall das Pferd vom Kopf aufzäumen muss: Gebt dem Top4 eigenen Raum im Februar und dann sehen wir weiter.

Die Abstimmung mit den Füßen in Frankfurt (und beim Viertelfinale in Bamberg) hat jedenfalls gezeigt, dass – zahlenmäßig betrachtet – vor allem die Bamberger, Göttinger und Frankfurter Fans den Pokal so wie er ist, annehmen. Dass er – vom Modus, von der Art des Events, von den teilnehmenden Mannschaften – nicht jeden in die Halle lockt (auch mich nicht), geschenkt…  Leider war das zweite Spiel keine so berauschende Werbung für unseren Sport. Aber es waren trotzdem zwei für die Liga charakteristische Playoffteams, also genau das, was Jan Pommer so gerne wollte ;-)

Beim DSF-gucken fiel mir dann wieder ein, was gegen ein Top8 spricht: Das Zuschauerverhalten. Wenn die eigene Mannschaft nicht spielt, dann sind die Ränge erschreckend leer. Das war übrigens selbst beim Euroleague FinalFour in Berlin phasenweise nicht anders. Es ist halt nicht jeder Hardcore-Basketballfan, sondern eben oft nur Fan des eigenen Clubs. Wenn man sich das jetzt mit acht Mannschaften vorstellt, dann kann das echt bitter sein, wenn nur wenig mehr als ein Viertel der Zuschauer in der Halle ist.

Mich ärgert eigentlich nur noch der Termin richtig. Die internationale Pokalwoche liegt Mitte Februar, 19-21. Februar war die Semaine des As in Frankreich, das Finale der Copa del Rey war auch am 21. Februar. Das wäre wohl auch in Deutschland möglich gewesen. Die Hauptrunde endet Anfang Januar, selbst mit etwas Zeit für Nachholspiele (hoffentlich zukünftig wengier dank verteilter Doppelspieltage) ist da noch Luft. Unsere Viertelfinals waren – ursprünglich – am 11. Februar. Eine Woche später Top4? Wow, die damalige Begeisterung auch abseits der Teilnehmer wäre weitergeschwappt. Nun sind Göttingen und Berlin im Kopf schon in Europa, Göttingen nach langer Saison angeschlagen, Bamberg viel gefestigter als im Winter und Frankurt hat fleissig umgebaut. Mit Herbstmeisterschaft hat es wohl wenig zu tun.

Ich hoffe heute trotzdem auf ein gutes Finale. Ein Finale, in dem sportliche Qualität überzeugt, eine Mannschaft sich die wichtigen 10 Europunkte ehrlich verdient und daraus nächste Saison auf dem europäischen Parkett viel macht, möglichst ohne noch im April eine Herbstmeisterschaft auszuspielen.

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5 Gedanken zu „Herbstmeisterschaft im Frühling

  1. Hm, also Wochendspieltage und Turniere mit vier Teilnehmern in kleinen Hallen sind für Dich also nur „wird schon“ in der Zuschauerfrage – Geschenkt. Wenn ein BBL-Team bei einem Pro-B-Team keine Zuschauer lockt, dann ist das für mich ein strukturelles Problem der BBL – ein Zeichen, daß man abseits der eigenen Hochburgen öffentlich nicht wahrgenommen wird. Weglaufen ist da die falsche Alternative. An Stelle des Medienpartners DSF würde ich statt dessen erwarten, dass die BBL sich dieses Themas offensiv annimmt. Daher zählt für mich das Kostenargument nicht. Es ist für mich eine dringend notwendige Investition der BBL-Teams in die Breitenwahrnehmung, die mindestens so wichtig ist, wie all die Breitensport-Grundschulprogramme. Leider stehen dem die kurzfristigen Einzelinteressen der BBL-Teams entgegen. Da es aber durchaus einige Manager gibt, die strategisch denken, habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

    Wenn in Hamburg am Finaltag ohne eigenes BBL-Team über 1400 Zuschauer mehr in der Halle waren, als in Frankfurt überhaupt in die Halle passen, dafür der Gastgeber aber automatisch qualifiziert ist, dann ist das laut Pommer eine Abstimmung mit den Füßen – na gut. Für mich ist „Ausverkauft“ in Frankfurt eingentlich ein absolutes Muss, wenn man Hamburg als Mißerfolg zum Maßstab nimmt. Die Lücken gestern im Oberrang in den Ecken und teilweise auf den langen Seiten veranlassen unsere Gästefans übrigens regelmäßig, eine Zuschauerzahl von 4.700 in Frage zu stellen.

    Aber deine Idee, das Top-4 nur eine Woche nach dem Viertelfinale zu haben und zu glauben, daß es dann voll wird, ist wirklich blond. Du wirst ordentlich Tickets an eine Heimmannschaft verkaufen, ok – und dann noch einige an Gästeteams, die so nah sind, daß es mit zwei Einzelfahrten geht. Organisiere mal Hotelunterkünfte für 500 bis 1000 Leute mit einer Woche Vorlauf zu brauchbaren Preisen – in Frankfurt hat u. a. IBIS schnell mit höheren Preisen auf das Top-4 Turnier reagiert. Die parallele Messe ist wirklich nicht so bedeutend. In den meisten BBL-Standorten wird die Hotellage schlechter sein als in Frankfurt. Im besten Fall hast Du dann z. B. ein Heimturnier in Orten wie Bonn oder Bamberg – oder es ist nicht annähernd voll. Drei bis vier vergleichbar große Fangruppen gehören dann aber der Vergangenheit an. Der Februartermin würde mir zwar gefallen – aber dann müßten die Viertelfinale wesentlich früher sein.

    Als Purist sehe ich mich übrigens nicht. Ich habe nichts gegen einen Ligapokal. Aber ich frage mich halt, warum wir noch einen zweiten brauchen. Wir haben doch schon einen. UDas Original zu Saisonbeginn interessiert schon nicht wirklich. Ich befürchte ernsthaft, dass sich die Bedeutung des Ligapokals zum Saisonende mittelfristig an die geringe Bedeutung des Ligapokals zum Saisonbeginn angleicht. Die sportliche Basis dazu hat man weggeworfen – zugegeben, nicht ohne Not; Aber die Reformen sind in die falsche Richtung gegangen. Für einen Quick-Win hat es gereicht, in ein langfristiges Konzept kann ich _dieses_ Top 4 jedoch nicht einsortieren.

    btw. … als Stadtkind scheinst Du nicht so oft Pferde zu sehen und verwechselst allem Anschein nach den Schwanz mit dem Kopf. *ggg* Laß dich nicht treten.

    • Ja, ein 6-Wochen Zeitfenster ist knapp. Vielleicht kann man das nicht von heute auf morgen ändern, aber die europäischen FinalFours zeigen, dass wenige Wochen reichen. 400 Berliner in Vitoria, Göttingen baut ein ganzes Turnier.

      Ich halte das Wochenendargument nur bedingt für überzeugend. Denn ein Spiel, das von den Fans als wichtig und interessant angesehen wird, füllt auch unter der Woche die Halle. Das sehen wir auch ohne weiteres im Europapokal. Und – es mag Zufall sein – aber es fällt doch auf, dass ausgerechnet in dem Jahr, wo die Quali-Spiele für den Pokal erstmals wegfallen, deutsche Teams europäisch so weit kommen wie noch nie…

      Meine Prioritäten sind ganz klar: Europapokal geht dem Ligapokal vor. Letzterer muss im Rahmen des Möglichen organisiert werden, dabei kann er eben nur die Zeit bekommen, die übrig bleibt. Und bislang hakt selbst die Verzahnung von Ligabetrieb und Europa, wenngleich es schon besser ist als letztes Jahr.

    • „Und – es mag Zufall sein – aber es fällt doch auf, dass ausgerechnet in dem Jahr, wo die Quali-Spiele für den Pokal erstmals wegfallen, deutsche Teams europäisch so weit kommen wie noch nie…“

      Diese Aussage kann ich nicht nachvollziehen. Ich verstehe Dich doch richtig, wenn ich als Kern deiner Argumentation die zu hohe Belastung durch zu viele Spiele sehe, oder? Die Basis für die europäischen Erfolge wurde in der ersten Gruppenphase gelegt. Da nahmen die europäisch spielenden Teams bisher eh noch nicht am Pokal teil. Aber – es mag Zufall sein – es fällt doch auf, daß ausgerechnet in dem Jahr, wo es so viele Doppelspieltage zu Beginn der BBL-Hauptrunde gibt und die Teams richtig früh eingespielt sein müssen, deutsche Teams die europäischen Vorrunden so souverän wie noch nie überstehen.

      Europäisch spielende Teams brauchen einen tiefen Kader – da muß bei Kandidaten wie Oldenburg noch ein Lernprozess einsetzen. Kandidaten wie Göttingen spielen am Ende ihrer Fahnenstange … hoffentlich gelingt es, genügend Geld für eine längere Fahnenstange samt Fundament aufzutreiben.

      Bei Berlin muß wohl noch der Lernprozess einsetzen, daß man die Tiefe Bank auch zu Entlastung der Rotationsspieler einsetzen kann – gerade wenn man dort Nationalspieler sitzen hat. Der ostentative Anspruch, mit Europas Topteams spielen zu wollen und quasi nebenbei die heimische Liga dominieren zu wollen wird dann zum Bumerang, wenn es nicht klappt. Als Berliner Fan sollte man sich nicht Fragen, wie viel Respekt Alba von der Liga entgegen gebracht wird, sondern wie viel Respekt Alba verspielt, wenn man in dieser Situation
      a) über zu schlechte Gastteams einer zu großen Liga in der heimischen Arena lästert und
      b) über die Schiedsrichter jammert und über den gigantischen, und übermenschlich objektiven nächtlichen Aufwand sinniert, dafür 8 Spiele in zwei Jahren genau zu analysieren, um eine systematische Banachteiligung zu erkennen. Respekt ist keine Einbahnstraße. Ich sehe die Gefahr, daß Baldi nur Trotzreaktionen ernten wird und diese wiederum als Bestätigung seiner Wahrnehmung erkennt. Das hat etwas von einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Etwas mehr Gelassenheit täte gut, sonst dreht sich die Eskalationsschraube munter weiter. Wie gesagt, von außen betrachtet hat es den Eindruck, daß Baldi agiert und Pommer reagiert. Das fällt auf Alba zurück.

      Ich bin abgeschweift, sorry. Ich meine den obigen Absatz wirklich als konstruktive Kritik – da auch Albas Position und Interessen in die Pokalfrage mit hineinspielen.

  2. Nicht die üblichen Verdächtigen?
    Ja ALBA und Bonn waren nicht dabei. Oldenburg is ja noch nich sooo lange dabei.

    Aber Bamberg ist doch wohl immer dabei und spielt den mMn besten Basketball der Liga zur Zeit. Frankfurt auch des öfteren um Titel mitgespielt. Bremerhaven jetzt zum 3. mal in recht kurzer Zeit beim Top4. Und Göttingen ist mittlerweile auch elitär.

    Gibt mittlerweile doch so ne ausgeglichene Spitzengruppe, da ist keiner von extrem Underdog.

    Ob man allerdings nen Ausrichter benennen muss, der dann gesetzt ist… Nein, dann lieber wie bei der EuroChallenge, wo einer der 4 Teilnehmer das Final Four bekommt.

    Die Frage nach dem Sinn dieses Pokals stellt sich so doch ziemlich. Herbstmeisterschaft ist ein passenderer Begriff. Oder sollte man es Pre-Playoffs nennen?

    Aber war eine gelungene Veranstaltung, hat Spaß gemacht, sogar als fast-neutraler Fan. Nur die Bremerhavener waren ziemlich still da drüben in ihrer Ecke. Ansonsten schöne Blockbildung fürs Finale.

    Das ganze passt mir aber zu diesem Zeitpunkt auch nicht wirklich. Entweder wirklich direkt nach der Hinrunde oder wie früher zwischen Saison und Playoffs. Dafür ist dieser Pokal wirklich zu wertlos (für alle außer die Sieger!), dass er kurz vor internationalen Endspielen und der Liga-Endspurt kommt. Merkte man vor allem an Spiel 3, dass da nur noch gezockt wurde. 5 Deutsche bei Göttingen auf dem Feld, das gabs wohl nocht nie :-D

    Event eben, sportlicher Wert nicht sooo groß.

  3. Pingback: Montagmorgenrauschen #65 « gruebelei.de – Ansichten eines Basketballfans

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