Quote ohne Effekt? Ahnenforschung statt Nachwuchsarbeit

Die Verpflichtung von Cody Toppert in Göttingen bringt ein auch in Deutschland in der Vergangenheit immer wieder bekanntes Thema auf die Tagesordung zurück: Den Stellenwert der Ahnenforschung und Naturalisierung.

Meine Position zum Sinn und Unsinn der Quote habe ich wiederholt klar gemacht. Mir geht es nicht um den deutschen Pass, mir geht es um die Verpflichtung der Clubs auf nachhaltige Nachwuchsarbeit.

Da wir aber gegenwärtig eine Quote haben, die an die Staatsangehörigkeit – Deutscher im Sinne von Art. 116 des Grundgesetz – anknüpft, gibt es eben auch Wege durch welche die Quote auf anderem Wege als durch homegrown players erfüllt werden kann.

Naturalisierte – so genannte eingedeutschte – Spieler waren in den BBL-Kadern der 1980er und 1990er-Jahre gang und gäbe. Der Tradition der Deutsch-Amerikaner in der BBL ist lang. In dem schönen Buch von Dino Reisner, 40 Jahre Basketball-Bundesliga, wird sie erklärt:

In den Siebzigerjahren bewiesen die Bundesliga-Manager Einfallsreichtum. Weil in jeder Mannschaft nur ein Ausländer pro Spiel bzw. zwei pro Saison erlaubt waren und die Anzahl der guten deutschen Spieler begrenzt war, hielten sie in Übersee Ausschau nach deutschstämmigen Akteuren.

Viele Spieler, die für uns auch heute noch klingende Namen sind, stammen aus diesem Pool: Mike Jackel, Gary van Waasen, Patrick King, Hurl Beechum and Steven Hutchinson. Nach dem Bosman-Urteil gab es dann zusätzlich die Bosman-Amerikaner, jene Amerikaner die aufgrund europäischer Wurzeln einen italienischen, spanischen, schwedischen oder sonstigen EU-Pass hatten.

In Ländern mit strikterer Quote ist das heute noch so. In Griechenland tauchen immer wieder mal plötzliche Einbürgerungen von Amerikanern in Mazedonien und anderswo auf. Und in Russland war die von Putin höchstselbst angeordnete Einbürgerung von J.R. Holden die prominenteste Umgehung der Quote durch die Hintertür.

In der deutschen Nationalmannschaft kennen wir das Spiel: Shawn BradleyChris Kaman (danke @FIVE) und Donte Greene und Joel Przybilla wurden ja auch diskutiert. Basketball-Blogs.de polemisierte hier schön. Freilich kommen diese Spieler für die BBL kaum in Betracht.

Was für die Nationalmannschaft nur recht und billig ist, das sollte man auch nicht den Clubs vorwerfen? Ich finde das Verhalten eingier Fans hier heuchlerisch. Weswegen wollen wir doch gleich eine Quote? Um Spieler mit Deutschlandfahnen auf den Trikots spielen zu sehen, oder um strukturell gegen die miese Nachwuchsarbeit anzukämpfen und Spieler zu bekommen, die Eigengewächse mit Identifikationswert sind?

Die Anknüpfung der Quote an die Staatsangehörigkeit zeigt sich hier als stumpfes Schwert. Und ich bin nicht überrascht, dass ein User, den ich schätze, in der Debatte um die Verpflichtung von Toppert auf die Frage nach der Staatsbürgerschaft schreibt:

Er ist deutsch. Das reicht vollkommen.

Genau. Vergessen wir einfach das Ziel der Quote. Hauptsache deutsch… Cody Toppert wurde (danke an @TheBloob) 2008 eingedeutscht, er hat Ahnenforschung betrieben und wie bei etlichen Amerikanern stammen seine Vorfahren irgendwo aus good old Germany:

Toppert might get the opportunity to play for the German National Team. Toppert traced some of his heritage back to Germany and he says the German National Team is interested in using his skills.

Nur von Bauermann haben wir noch kein Sterbenswörtchen über Toppert gehört. Na, wird er noch nachnominiert? Aber solange noch eine Chance auf Chris Kaman besteht, dürfte der Vorzug auf dem Platz des naturalisierten Spielers haben.

Und bei zwei weiteren Spielern – allerdings in beiden Fällen langjährige BBL-Profis – wird ein anderer Weg der Einbürgerung von den Fans fleissig diskutiert. Wenn Hochzeitsglocken läuten, ist der deutsche Pass eine Option. Bonner Fans wollen Patrick Flomo als spielenden Quotendeutschen. Und am 4. Juli heiratete Koko Archibong eine Deutsche, eine gute Voraussetzung für eine Naturalisation gem. § 9 StAG. Allerdings sind hier zumindest in der Verwaltungspraxis gewisse Wartefristen zu beachten und ein Verlust der bisherigen Staatsbürgerschaft droht in der Regel.

Versteht mich bitte nicht falsch: Ich bin ein großer Freund eines modernen, liberalen Staatsangehörigkeitsrechts. Nur mit dem primären Sinn und Zweck der Quote als Instrument der Nachwuchsförderung hat dies wenig zu tun. Weg mit der Deutschenquote, her mit einer Anknüpfung an den Status als Eigengewächs.

Anderenfalls droht der Weg zurück in die  1980er, der Ära der naturalized basketball players.

Wer schauen will, ob sich nicht in den Kadern der eine oder andere einbürgerungsfähige Amerikaner findet, damit sich der Hudson-faux pas (lest bei Dino Reisner nach) nicht wiederholt, dem empfehle ich zum Zwecke der Ahnenforschung die hervorragende Datenbank der Mormonen, familysearch.com

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14 Gedanken zu „Quote ohne Effekt? Ahnenforschung statt Nachwuchsarbeit

  1. Denn Zusammenhang von Archibongs Hochzeit und dem Link dazu versteh ich nicht ganz: Ich wage jetzt einfach mal zu bezwifeln, dass er eine Ex-DSDS-Kandidatin geheiratet hat, di wohl gemerkt erst 16 ist ;).

    Ansonsten das Problem wie immer gut zusammengefasst.

    • Hinter dem Link versteckt sich folgende Info:

      Am 4th of July 09 werde ich auf der Hochzeit meines Patenonkels Singen!! Viele von Euch kennen ihn noch…Basketballer Koko Archibong!! Ich habe ihn so lieb!!!

    • Oh, das tut mir Leid. Hatte den Eintrag nur bis zur Hälfte gelesen und mich dem entsprechend gewundert. Merke: Vorher lieber doppelt lesen und erst dann dumm fragen ;).

  2. Mike Jackel, Gary van Waaden, Patrick King etc. zeigten Einstellung und Herzblut für den Verein wo sie spielten. Was haben wir in Bamberg in der Stauffenberghalle bei Jackel öfters gesagt: „Der braucht in der Auszeit ein Sauerstoffzelt“ Denn er hat stets mit vollstem Einsatz gespielt.

    Diese Spezies der „Deutsch-US-Boys“ gibt es leider nicht mehr. Es gibt zu viele „Kistenschlepper“ und „Schnellverdiener“ mit zu geringer Leistung.

  3. sehr schöner artikel treffend zusammengefasst.

    aber ein problem habe ich mit der diskussion. primär reicht es nach aktueller regelung der bbl das der spieler deutscher ist. damit ist die sache eigendlich erstmal vorbei.
    ich finde es zwar sehr fragwürdig das man als amerikaner eine deutsche staatsbürgerschaft erhalten kann nur weil ein ur ur ur irgendwas sich mal über den großen teich gemacht hat. aber daran kann man nix rütteln.

    Das mit dem Eigengewächsen ist auch so ein Problem meist hat ein Spieler bei unterschiedlichen Vereinen gespielt selbst wenn er aus der jugend kommt. Dies ist zumindestens in Trier so. Da spielt man ein Jahr MJC und das nächste TVG ist in der regel völlig egal. wie will man da trennen. (Gut dies ist mehr theoretischer Natur)

    Was in meinen Augen fehlt ist einfach kontinuität bei den Vereinen. Da ist es total egal obs ein Deutscher oder ein Ami ist. In Trier steht James Gillingham mittlerweile für die Marke TBB er spielt seit 2004 an der Mosel. Früher war es ein James Marsh (1986 – 2006 mit einer Unterbrechung) gut er war auch noch Deutscher und zwar ein richtiger ;-). Er gehörte zzusätzlich zu dem „harten Kern“ des TBB in den 90ern Bernard Thompson (94 – 2003 (letztes Jahr als Trainer)) Carl Brown (93-2003).

    Was will ich damit sagen. Man braucht nicht zwangsweise deutsche Spieler um seinem Verein eine Identität zu geben. Man muss auf konstanz setzten, und zwar mehr als 2 Jahre.

    Wenn man auswärts weiss, Frankfurt kommt mit Roller, Trier mit Gillingham usw. und man jedem Verein nicht nur einen, sondern vieleicht zwei oder drei Spieler spontan zuordnen kann, dann hat man geschafft.

    • @relevator
      Der Punkt wird auch immer zu sehr vernachlässigt und ist, wie ich auch hier in den Kommentaren geschrieben habe, noch viel wichtiger als die Quoten-Debatte.

      Dabei geht es auch nicht darum, dass mal einige Spieler den Club wechseln (das wird oft bei SD kritisiert, geht aber am Kernproblem vorbei). Es geht um das Problem, ständig nur Jahresverträge zu verhandeln, keine Konzepte oder Strategien zu verfolgen, sondern meist nur zu reagieren. Das müssen auch allgemein Fans verstehen, dass man nicht jedes Jahr das Maximum erreichen kann, sondern das Maximum unter dem Strich (vielleicht einem Zeitraum von 10 Jahren) sehen muß. Selbst im Fußball scheitern solche Strategien, wie man beim Klinsmann-Rauswurf bei den Bayern sehen kann. Kein Verständnis für nachhaltigere Entscheidungen, das Ergebnis muß direkt zu sehen sein.

      In den letzten Jahren hat sich aber bei einigen Clubs da durchaus etwas getan. Das Oldenburger Meisterteam ist zum Großteil schon letzte Saison so aufgelaufen und wird das auch nächstes Jahr machen. Die Artland Dragons haben ebenfalls einen Kern, der schon länger dabei ist (gerade Hall ist da ein wichtiger Anker), den sie zur nächsten Saison gut aufgefüllt haben und jetzt schon komplett sind. Bonn sorgt durch Investitionen in Steine für die Notwendigkeit Dinge im Großen und Ganzen zu sehen und nicht nur von Jahr zu Jahr zu planen. Da muß man meiner Meinung völlig wertfrei auch eine professionelle Entwicklung des Basketball in Deutschland feststellen. Ich sehe im Vergleich zu anderen Sportarten meist auch nur eine zeitliche Verzögerung von Maßnahmen, kein strukturelle Defizit (natürlich relativ gesehen, denn die Fußballzahlen wird man nie erreichen).

  4. Wieso aber bevorzugst Du dann eine Quote gegenüber Lizenzauflagen entsprechende Jugendarbeit durchzuführen? Denn gerade in den gewünschten langfristigen Wirkungen sehe ich den Widerspruch in einer Quote. Die Quote erfüllt von heute auf morgen einen bestimmten Zustand. Wie die Quote erreicht wird, ist nebensächlich. Aber gerade auf das wie kommt es an.

    Eine _nachhaltige_ Stärkung in Deutschland ausgebildeter Spieler erreicht man nicht durch das Ausblenden des Wie. Das Wie muß gestärkt werden, im Falle der Diskussion eben die Jugendarbeit und nicht z.B. das Finden von einbürgerungsfähigen Spielern. Und genau da liegt das Problem von rechtlichen Vorgaben. Wenn ein Club kein Interesse an Jugendarbeit hat, dann wird er sich andere Wege suchen. Dein genanntes Beispiel zeigt, dass dies auch schon früher gemacht wurde. Man muß bei solchen Clubs mehr ins Detail gehen und dann eben vorschreiben bestimmte Formen der Jugendarbeit durchzuführen. Aber auch bei dieser Methode bleibt eines offen: Mit rechtlichen Vorgaben ist keine innerliche Überzeugung zu schaffen, nachhaltig Spieler auszubilden bzw. einen Club nachhaltig zu führen. Mit Vorgaben erreicht man einen bestimmten Status. Um aber etwas zu erreichen, wofür alle kämpfen, wofür alle arbeiten, ist mehr nötig. Dafür muß man Leute offen und ehrlich überzeugen und nicht zwingen. Diesen Punkt wird auch eine Auflage bei der Jugendarbeit nicht erreichen.

    Ich halte es aber wesentlich sinnvoller an Punkten anzusetzen, die eine Basis gründen als einfach nur Ergebnisse vorschreiben. Das gilt auch analog zu anderen Lizenzbedingungen. Dort ist es der Versuch, Clubs durch ansteigende Auflagen zu professioneller Arbeit zu verpflichten.

  5. Warum eine höhere Quote auch nur eine einzige Möglichkeit der Verbesserung der Jugendarbeit ausschließt, werde ich nie verstehen…

  6. Nachdem Bauermann ja den Wal-Mart Amis begrifflich geprägt hat, muss man die Frage stellen ob dieser Toppert dann ein ALDI-US-Wochen-Nationalspieler wäre?!

    Kosmo

  7. So wie ich das sehe, wird diese ganze Diskussion um mehrere grundverschiedene Themen geführt. Und dreht sich deshalb im Kreis.
    Da gibt es zunächst die an der Nationalmannschaft Interessierten. Die befürchten völlig zu Recht, daß es ohne Nowitzki in den nächsten Jahren ausschließlich Prügel geben wird. Also sollen die für die Nationalmannschaft spielberechtigten Spieler gefördert/gehätschelt/protegiert werden, egal ob sie es leistungsmäßig verdienen oder nicht. Liebe Leute, das kann nicht klappen. Klasse erzielt man nicht durch Schon-Verfahren, und Spitzensportler entwickeln sich nicht in einer beschützenden Werkstätte. Vielmehr lautet die Grundregel hier: ‚Klasse setzt sich durch.‘
    Dann gibt es die ‚Club-Identifikations-Sucher‘. Die glauben, daß ein Spieler, der aus der Jugend eines Clubs kommt, die Öffentlichkeit anzieht und mehr Fans an den Club bindet. Das mag zwar sein, finktioniert aber auch nur, so lange der dann Stamm- oder gar Starspieler gewordene Identifikationsspieler dem Club treu bleibt. Und alle BBL-Interessierten wissen, daß das praktisch nie klappt, weil wirklich gute Spieler eben woanders mehr Geld verdienen können. So wechseln schon immer die mittelguten Spieler innerhalb der BBL zu den Play-Off-Teams, die guten Spieler zu den wohlhabenden Play-Off-Teams, und die richtig guten Spieler ins Ausland. Außerdem ist für Identifikation die Staatsangehörigkeit eher zweitrangig. Viel wichtiger sind quantitative (Dauer der Clubzugehörigkeit) und qualitative (Persönlichkeit des Spielers) Merkmale, die nicht vom Paß abhängig sind.
    Und dann gibt es nationalistische Spinner, denen die spielerische Klasse eines Basketballers völlig egal ist. Die legen die Nationalität als wichtigsten (oft einzigen) Zuneigungsmaßstab an und erwarten/fordern von den Clubs und insbesondere von den Coaches, daß diese bewußt die spielerische Klasse ihres Teams verschlechtern oder bewußt die Siegchancen in Spielen schmälern, in dem sie schlechtere Spieler bevorzugen, bloß weil diese eine bestimmte Staatsangehörigkeit haben. (Und es soll ja sogar Idioten geben, denen der Paß als Qualitätsmerkmal nicht genügt, sondern die auch noch eine Herkunfts-, Gesinnungs- und Hautfarbenprüfung hinzunehmen wollen.) Ich würde gern erleben, wie die Fangemeinde eines Clubs reagiert, wenn der Coach sehenden Auges ein Spiel oder gar eine Play-Off-Teilnahme oder gar einen Titel vergeigt, in dem er nicht mit der bestmöglichen Besetzung spielt, sondern die Einsatzzeiten nach letztlich sachfremden Erwägungen vergibt. Das tut man vielleicht in der Bezirksliga, um alle bei Laune zu halten. Aber im Profisport … nein, wirklich nicht.

  8. Je strikter die Quote umso erfolgloser die Ahnenforschung. Ziel der Quote muss die Basketballjugend in den BBL-Hallen sein – nicht der Pass. Gekaufte deutsche Pässe bringen den Basketball in Deutschland weder sportlich noch wirtschaftlich voran; deutsche Talente mit Spielzeit aus dem eigenen Programm schon, das zieht. Frankfurts Verzicht auf die Eurochallenge bei gleichzeitiger Teilnahme an der ProB kann man durchaus als Fanal deuten.

    Natürlich war Suput in den Playoffs oft Turm in der Schlacht. Aber erinnern wird man sich in Bamberg an Tadda, der die Verlängerung in Spiel 3 ermöglicht hat. Nicht weil das besonders gut war, sondern weil er Eigengewächs ist, das Gardner & Co Paroli geboten hat.

    Sers

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