Finalyse #2

Spiel 2 ist gelaufen und man könnte meinen man steht, wo man stand bevor die Finalserie losging. 1 – 1 und jetzt alles wieder zurück auf Los. Die Serie also nur noch ein „best of three“ und nix passiert? Mitnichten.  Ein „Gemetzel“ war es, „Basketball brutal“ war es und die „Skyliners wurden verprügelt“. Aha. Da kann man mal sehen. Niemand von meinen Arbeitskollegen war mit beim Spiel, keiner hatte Lust oder Zeit. Den fraglichen Bildzeitungsartikel haben sie dann aber alle gelesen oder zumindest drüber gehört und Freitag mittag in der Kantine herrschte reger Diskussionsbedarf. Any press is good press? Finde ich gar nicht und versuche schon an der Suppenaufwärmanlage, zu erläutern, wie es wirklich war. Dass ich davon nichts gesehen habe, dass ich auch von Frankfurter Fans oder Spielern so etwas nicht gehört hätte nach Spielende, dass die Zitate geschickt plaziert, mit manipulativen Spitzen garniert und so andere Dinge suggeriert werden, als die die wirklich gesagt wurden. Dass das Originalzitat von Frankfurts Coach Gordon Herbert bei den Gänsefüßchen endet und der nachfolgende Satz es völlig verändert. Dass das Foto nach einem unglücklichen Zusammenprall mit den Köpfen entstand und keineswegs Ergebnis einer gar vorsätzlichen Ellenbogenattacke ist.

Ach ja. Seufz. So richtig überzeugen kann ich nicht, die Macht der Bilder, Macht der Worte läßt mich machtlos am Salatbuffet zurück. Kurz kontempliere ich, wie gern ich einmal mit meiner Schreibe solche Massen bewegen und Meinungen machen können möchte – dann siegt der Wunsch nach nächtlichem gutem Schlaf und einem reinen Basketballgewissen.

Also zunächst zurück zu Spiel 2: Auch auf die Gefahr hin, dass mich niemand liest,

Brutal niedergemetzelt: Gewalt gegen Bären!

denn außer einem abgetrennten Bärenkopf hab ich nichts Spektakuläres zu bieten – und auch dieser ging bildzeitungsleider nur auf die Hallenhitze zurück und nicht auf eine schicke Guillotine, glänzende Axt oder ähnlich Martialisches. Das ist eigentlich auch gar nicht nötig, denn die Finalserie bietet alles was das Herz begehrt.

Mit Hilfe der zahlreichen Bambergfans herrscht in der Ballsporthalle endlich richtige hitzige Playoffatmosphäre .

Frankfurts Anhänger halten ordentlich dagegen und das macht Spaß auch wenn die drückende Hitze draußen und drinnen kaum Luft zum Atmen lässt.  Nur die peinliche Sache mit der pathetisch schlecht vorgetragenen Nationalhymne hätte man sich besser gespart – nicht alles was man von irgendwoher abkupfert ist auch transplantiert noch gut.

Das Spiel beginnt in einem rasend schnellen Tempo. Suput, Gavel und Jacobsen legen bis zum 7-13 vor, erst als Roller für den hektischen Reese kommt, sortiert sich das Angriffsspiel der Skyliners. Frankfurt verlegt und verliert noch viele Bälle, aber man sieht, dass Bamberg Schwierigkeiten hat die individuell schnelleren und athletischeren Gegenspieler foulfrei zu halten. Das war schon das Problem in Spiel1 und das kann aus Brosesicht so nicht bleiben. Mein Notizblock freut sich diebisch (und ist auch ein wenig erleichtert), als nach einer Auszeit der Frankfurter endlich die von mir in Finalyse #1 prognostizierte Brosezone ausgepackt wird. Diese 3-2 Zone kämpft aber noch mit interner Abstimmung und greift nicht richtig, weil ein Pascal Roller in jeder Hinsicht einen Sahnetag erwischt hat und vor allem weiß wie man gegen so ein Gebilde spielen muß. Sicher kann Coach Herbert seinen McKinney und vor allem Reese jetzt 24 Stunden am Tag gegen eine Zone trainieren lassen, doch wenn man das nicht mit der orangen Muttermilch aufgesogen hat, dann kann man niemals so intuitiv richtig dagegen spielen, wie es zB ein Roller, oder auf der anderen Seite Gavel und Goldsberry, kann und können. Frankfurt holt zunächst auf und geht sogar in Führung als Bamberg das freie Foul verweigert und statt dessen einen typischen Rollerdreier zum 17-16 kassiert.

Offenbar hatte das Gebrülle von Bambergs Trainer Fleming ob dieser sagenhaften Dummheit, Erfolg. Brose startet ins zweite Viertel als gäbe es kein morgen mehr. Vorne fällt fast jeder Schuß und hinten steht die nun sinkende Mann-Manndeckung oder die After-Timeout-3-2-Zone wie eine Mauer. Kümmerliche 6 Punkte gelingen den Skyliners im 2. Viertel vs. 24 Brosepunkte mit einer satten 23-40 Bamberger Führung. Fleming packt jetzt alle taktischen Varianten aus und mein Basketballherz juchzt. Nach einer Frankfurter Auszeit deutet er mit aggressiver Mannpresse übers ganze Feld erst die eine Variante an um nach dem ersten Pass bzw. an der eigenen Dreierlinie in die Zone zu wechseln. Heißa! Wenn das nicht allemal mehr Aufmerksamkeit verdient hat als sensationsheischende Blutstories.

Ersatzanlage aus Zuschauersicht

Nach der Halbzeit beginnt Frankfurt eine aggressive Aufholjagd, wenn auch die hessische Version von „stop-the-clock“ als taktische Maßnahme eher selten eingesetzt wird, so ist sie doch ungeheuer effektiv. Spaß beiseite – die Frankfurter Zeitnahmeanlage streikt nicht zum ersten Mal und es entsteht eine elend lange Pause als Ersatzuhren beschafft werden müßen. Gut, dass ein Kuchen dabei ist und die Fernsehzuschauer bestens von dem unschlagbaren Duo Frank Buschmann/Stefan Koch mit launigen Geschichten aus der (Uhr)Zeit vor Noahs Archebau unterhalten werden. Besser als bei der Muppetshow!

Der Bambergexpress ist nach der langen Pause sichtlich ins Stocken geraten und Frankfurt kämpft wie verrückt. Obwohl Allen und Labovic Totalausfälle sind, gelingt es den, von Motor und Kopf Pascal Roller angetriebenen, Frankfurtern bis auf 43:54 nach 3 zu verkürzen. Es verspricht nicht nur Dank des Gewitters und der Blitzeinschläge draußen ein energiegeladenes 4. Viertel zu werden.

Auch im Schlußabschnitt bleibt es dabei: Frankfurt kämpft bis zum Letzten und Bamberg setzt eiskalte Coolness und herausragende Taktik dagegen. Es dauert einen ganzen Moment bis ich begreife was da gespielt wird. Kurz sieht es aus wie eine Box-and-one, dann wieder wie eine Manndefense, dann wieder Box-and-one. Was macht Bamberg da bloß? Wenn mans durchschaut hat, kann man es sehen. Der ballführende (lies ballverliebte) Frankfurter wird in harte Manndeckung genommen, die restlichen 4 Bamberger sinken extrem in die Zone ab. Klingt simpel, ist äußerst schwer zu spielen, erfordert ständige Wechsel und überragend gutes Verständnis der Spieler untereinander. Ich bin beeindruckt und ziehe meinen imaginären Hut.

Es folgen der unglückliche Zusammenstoß zwischen Suput und Reese (Gute Besserung, Bree!), Geplänkel zwischen DeutscheBankMitarbeitern in der ersten Stuhlreihe und Brosespielern, korbverhindernde Fouls von Casey Jacobsen und ein Trikomaterialtest zwischen de Mello und Goldsberry. Bis auf 8 Punkte kommt Frankfurt nochmal ran aber den Topleistungen von Jacobsen mit 24 Punkten, Marathonmann Gavel (36 Minuten), einem guten Suput und der Spielintelligenz von Goldsberry haben die Skyliners nur „Oldie but Goldie“ Roller und einen prima aufgelegten Greg Jenkins entgegenzusetzen. Resse und Labovic sind gar kein Faktor und auch Allen zeigt „too little too late“. Brose siegt auswärts in Frankfurt mit hochverdienten 68:77 (23:40). Die Serie steht 1 zu 1.

Fazit: Ein tolles, taktisch buntes, wahnsinnig interessantes, aggressives, intensives, gut geleitetes, kämpferisches, heißes Finalspiel, das viel, viel Lust auf mehr macht! So wie es sein muß eben. Nie unfair, nie überhart, aber verdammt hart umkämpft und alle Akteure können sich am Ende noch in die Augen schauen und abklatschen.

Ausblick für Spiel3: Frankfurt wird in Bamberg vor den lauten Heimfans nur eine Chance haben, wenn sie eine Antwort finden auf die taktischen Finessen, die Fleming gegen die 1-1-Überlegenheit der athletischen Skylinersspieler ausgepackt hat. Einerseits wäre da die 3-2 Zone andererseits die Pseudo-box-and-one aus der 2. Halbzeit am Mittwoch. Die hessische Antwort auf beide Varianten kann nur extrem schnelles Passspiel und weitgehender Verzicht auf ausgiebige Dribblings sein – ich bin gespannt auf die Umsetzung besonders bei Reese, Robertson und McKinney, die mit solchen Problemstellungen sichtbar nicht aufgewachsen sind. Schnelligkeit und Athletik gegen Taktikausbildung und Cleverness – um es überverkürzt darzustellen. Zusätzlich braucht es gegen die 3-2-Zone einen passgewandten Spieler auf Highpost. Den hätten die Mainstädter eigentlich, doch Doliboa ist seit Wochen irgendwie indisponiert.

Heißer als BILD also: Bambergs Fleming stellt die Frage – hat Frankfurts Herbert eine Antwort? Wir dürfen gespannt sein was die Taktikboards auf beiden Seiten hergeben – die Filzstifte werden qualmen.

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6 Gedanken zu „Finalyse #2

    • Na osb, was soll man da auch schreiben? Gut analysiert… klasse geschrieben… also alles wie immer. ;)

      Ok drei Fragen haben sich mir beim Lesen gestern schon gestellt, ich trau mich dann sie mal loszuwerden:

      1: Wieso war osb überhaupt beim Spiel? Wollte sie doch eigentlich grillen, auf dem Freiplatz zocken oder anderen Leuten dabei zusehen wie sie wie die Wahnsinnigen durch Frankfurt laufen. Und damit Gunnars Ticketpreise boykottieren.

      2: War Tante Lieschen auch mit in der BSH oder wo kam der Schoki-Kuchen her?

      Drittens konnte ich mir mittlerweile selbst beantworten, aber der vollständigkeithalber:

      3: Warum hat osb Fotos geknipst auf denen Buschi Tono interviewt und wieso war das nicht auf Sport1 zusehen? [Antwort: http://bit.ly/bqHp1t (Warum postet die BBL sowas eigentlich nicht bei FB?)]

      Genug getraut, osb? ;)

    • ad 3: Vermutlich weil sport1 nicht allzu einfach bei der Einbettung ist und den Traffic auf der eigenen Seite haben will, damit man immer brav die Werbung schaut. Sport1 macht kein sinnvolles Facebook-Marketing und die BBL bewirbt fast nie Videos auf Webseiten Dritter. Folge: Auch ich übersehe ständig, wenn sport1 Extras auf der Webseite hat….

  1. Und die Frankfurter haben nicht hier gelesen, von wegen gegen die Zone spielen ;-)

    Tante Lieschen konnte nicht gesehen werden, aber der Kuchen gehört zur BSH fast schon dazu.

    Bis zum nächsten Ticketpreisspektakel…

    • @Li: sie wollte nicht zusehen sondern mitlaufen. Nummer blieb dann im Büro und Freundin mit Europarechtsliteratur siegte über Wut und Stolz. Zu den Tickets: Ja, ich war dann nur alleine, eben ohne Anhang :-( aber der lieferte noch ein Zitat für die Ewigkeit: „Diese Zeit ohne Basketballspiele ist die schrecklichste Zeit im ganzen Jahr. Ich werde noch verrückt davon.“

      Nicht nur Buschi hat Tono interviewt, auch ARD hielt ihm so was weiches, puscheliges (ach nee das war der Bart) ähh son blaues Schaumstoffding unter die Nase ;-) siehe Fotos
      Was daraus wurde? Keine Ahnung. Das Interview von sport1 hätte man gesendet, wenn Frankfurt nicht das Uhrenproblem gehabt hätte. Das bringt uns zum Pausensnack….

      Schokokuchen muß.

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