Neue Freude am Spiel

 

Alba Berlin gegen Paderborn Baskets - 18

Image by th-dolby via Flickr

 

Sonntag geht für mich die Fansaison los. Mein erstes Heimspiel in der o2 world. Es ist ein Entscheidungsspiel, ALBA gegen Spirou. Riesenvögel gegen Comicfiguren. Der Gegner ist mir weitgehend unbekannt, aber dafür gibt es Christophes Gastbeitrag. Zeit für mich, mal kurz ein paar Worte über ALBA Berlin 2010/2011 zu verlieren.

Grundlage dieses Postings ist ein Textfragment, dass ich irgendwann in New York runtergetippt hatte, aber als Beitrag für die  SD-Saisonvorschau (Pflichtlektüre) zurückzog, da ein anderer, für den auswärtigen Fan deutlich besserer und informativerer Text eines anonymen Autors rechtzeitig zur Verfügung stand.

Endlich haben wir ALBA-Fans es mal wieder geschafft! Wir haben den Längsten! ALBA Berlin liegt in der Länge des Wechselbörsenthreads im Sommer 2010 uneinholbar vorn, noch vor dem FC Bayern München. Das Steineumdrehen, das Marco Baldi nach dem Viertelfinalaus angekündigt hatte, fand statt und die Reaktionen der Fans auf die dann doch eher überraschenden Entwicklungen blieben nicht aus. Von Spott und Häme nach dem Viertelfinalaus und Trainerbashing drehte sich aber die Stimmung wieder zum Positiven. Irgendwas hat ALBA richtig gemacht in dieser Offseason 2010. Nur was?

Zeit für Abschiede

Die Wechselspiele begannen mit den Gerüchten, dass der banksitzende deutsche Nachwuchs wechseln würde und schnell war auch klar wohin: Henrik Rödl wurde Trainer in Trier. Mit dem Abschied von Rödl endet ein Kapitel und wurde würdig gefeiert, indem nun das Trikot mit der #4 retired ist. Es war ein Moment für Emotionen, den ich leider verpasst habe:

Rödl nahm Pavicevics Adjutanten auf dem Feld, Dragan Dojcin mit. Eine ganze ALBA-Nachwuchsgeneration folgte: Philip Zwiener, Oskar Faßler, Oliver Clay.

Keine deutschen Spieler mehr bei ALBA? Weit gefehlt. Lucca Staiger machte nach dem frühen Saisonaus mit dem Coach einen Monat Einzeltraining und beginnt nun sein erstes planmäßiges Jahr bei ALBA. Nationalspieler Sven Schultze war der erste, schnelle Neuzugang, Yassin Idbihi und Rekordnationalspieler Patrick „Socke“ Femerling folgten. Alle drei neuen spielten keine WM sondern machten die Saisonvorbereitung mit. Das sieht man schon jetzt im Zusammenspiel. Und nach den Deals gab es plötzlich Spielraum für den wohl am heißesten diskutierten Deal der Offseason: Der noch laufende Vertrag mit Steffen Hamann wurde einvernehmlich aufgelöst und Steff konnte zurück zu Papa Bauermann wandern. Mit – gerüchteweise – einem Adidas-Deal in Aussicht spielt er nun ein Jahr ProAProB. Vielleicht ist es schade, eine Vorzeigefigur des deutschen Basketballs zu verlieren, doch auch wenn wir Fans „die Steffi“ schnell akzeptiert hatten, so richtig lieben wollten wir ihn dann doch nicht.

Nach den ersten Spielen zeigt sich, dass die Vorurteile über Luka Pavicevic‘ Verhältnis zu den deutschen Spielern nicht passen: Lucca Staiger spielt.

Aber auch von anderen lieb gewonnenen Spielern mussten wir uns verabschieden. Eurofighter Adam Chubb (zu CAI Zaragosa), Blagota Sekulic, Rashad Wright (verletzt), Derrick Byars. Manch einer mag hier und da eine klammheimliche Freude ob einiger dieser Abschiede verspüren. Doch ein wenig Wehmut mag schon angebracht sein. Es wird deutlich, dass hier ein Projekt zu Ende gegangen ist. Nicht der Trainer wurde ausgetauscht, doch die über Jahre aufgebaute Mannschaft, die zwar in der Liga nicht mehr überzeugen konnte, jedoch europäisch mit dem Vize-EuroCup-Titel zählbare Erfolge brachte.

Ein neuer Anfang

Wie wird ALBA Berlin 2010/2011 aussehen? Ist es wieder eine Mannschaft, die auch in der Liga hungrig ist? Schaffen sie es, die gemunkelten internen Querelen im Team abzustellen und sich auf das Spiel zu konzentrieren? Es wirkt so, nach dem, was ich aus Block C höre. Socke ist Papa der Kompanie, Schultze feuert an und abgeklatscht wird auch.

Spiele in der Liga waren in den letzten zwei Jahren oft erschreckend emotionslos, Strukturtreue bis zur Langeweile und doch etliche unnötige Niederlagen aus Überheblichkeit. ALBA 2010/2011 ist sicherlich keine Mannschaft der Stars, keine Mannschaft großer Namen, sondern eine Mannschaft der Arbeiter. Buletten statt Beluga nannten wir es hier im Blog.

Leadership und Lächeln auf der Eins

Auf der Aufbauposition erfüllt sich mit Marko Marinovic der Traum des klassischen ALBA-Fans. Wir haben wieder einen Balkan-Pointguard mit genug Eiern und Skills für den 3er und einem Uptempo-Spiel, dazu ein wenig Hitzkopf. Doch gerade emotionale Leader auf dem Feld brauchten wir dringend. Welch Balsam für das durch die Ballvorschlepper Wright und Hamann geschundene Auge. Marinovic kommt aus der klassischen Schule von Borac Cacak und FMP Zeleznik Beograd, drei Jahre spanische ACB, ein Jahr unter Trainerlegende Svetislav Pesic beim Roten Stern im Lebenslauf. Zuletzt gewann er mit Valencia gegen ALBA Berlin den Eurocup. Und das, was wir in den Testspielen sahen, macht Laune.

Dazu kommt Rückkehrer Hollis Price aus dem Artland, der Mann mit dem strahlenden Lächeln trotz so vieler Schicksalsschläge. Ich sehe nur Videos, konnte kein Preseason-Spiel live verfolgen. Er bekommt eine kleinere Rolle als 2006/07, vielleicht ne Viertelstunde von der Bank, macht bislang weniger Punkte, zwingt es aber auch nicht. Dennoch, er scheint nicht mehr der gleiche zu sein, der Berlin verließ und 2009 Vilnius und den EuroCup rockte. Er muss es in dieser Mannschaft aber auch nicht sein. Wenn er wieder zu seinen Stärken findet, ist er ein Joker in der Hinterhand. Zwei schnelle Pointguards, beide mit Scoringpotential. Das wir das Spiel verändern.

Franchiseplayer, Lucca und ein Bonner

Die herrschende Lesart der letzten drei Jahre war, dass Luka Pavicevic auf 2/3 mit einer 3-Spieler-Rotation antritt. Dies war ein Grund für das Bankschicksal Johannes Herbers und Philip Zwieners. Für die nächsten zwei Monate stehen wieder vier im Kader. Gehört zum Steineumdrehen auch eine Abkehr von diesen Prinzipien? ALBAs zwei Franchiseplayer Julius Jenkins und Immanuel McElroy können wir als gesetzt betrachten. Es sind zwei der besten Spieler der Liga, doch am Ende vergangener Saison konnten auch sie sich nicht mehr gegen den Abwärtstrend stemmen. Verteilt sich die Last im Backcourt in der neuen Mannschaft auf mehr Schultern? Es wäre gut. Doch schon in der Vorbereitung sehen wir wieder 30-Minuten-plus-Spiele beider und mit Jenkins Rolle als hervorstechender Scorer und Go-to-Guy bin ich nicht glücklich, wenngleich er jüngst in Vrsac bewies (Link zum Video), dass er vielleicht doch keine Crunchtimepussy ist.

Dafür stehen Lucca Staiger, der, wie es in den Vorbereitungsspielen scheint, durchaus das Vertrauen des Coaches hat, und der Ex-Bonner Bryce Taylor bereit. Die Verpflichtung Taylors überraschte. Nicht, weil noch ein weiterer Spieler geholt wurde. Das Prinzip Konkurrenz auf dieser Position sehen wir seit 2007, seit Vujadin Subotic. Es überrascht, weil Taylor undersized ist, weil mit Taylor ein kleiner Bonner Star für zwei Monate als Ergänzungsspieler geholt wurde. Wird er bleiben? Wird hier umgebaut? Selten ging ALBA in einer Pressemitteilung so deutlich mit Auflösungsklauseln um. Bereits jetzt gibt es neue Wechselgerüchte, nach einem Facebook-Posting des Jordanischen Nationalteams ist ALBA an Forward Zaid Abbas dran.

Die Rückkehr des Insidespiels

Neben der Aufbauposition erfährt das Spiel unter den Brettern voraussichtlich die größte Veränderung. Kein Centerduo mehr, sondern ein bunter Mix an eher kleineren, variablen Spielern. Der langjährige Frankfurter Derrick Allen, einer der wohl besten Scorer der Liga, der uns in den letzten Jahren oft sehr wehtat, wechselt auf die Berliner Centerposition. Zappel-Allen? Ja, er ist sicherlich kein Nadjfeji, aber auch er bringt die Variabilität, den Mitteldistanzwurf und Hustle-Qualitäten. Schaue ich auf die Stat-Bögen, ist Allen schon jetzt die Nr. 2 hinter Julius Jenkins. Meine Blocknachbarn lieben ihn und ich hätte echt nicht geglaubt, dass die Integration ins System Pavicevic so reibungslos verläuft.

Löcher in der Defensive stopfen, auch gegen echte Brocken, das kann ALBA nun wieder mit der langen Socke. Wir werden keine Wunder von ihm erwarten können, aber eine solide Rolle als Ensebremse und Turm in der Schlacht. Einige auf den Tribünen werden gewohnt berlinerisch über das hölzerne Spiel des Langen meckern. Gehört auch dazu. In der Tiefe wartet Yassin Idbihi, der in Braunschweig vergangene Saison einen soliden Job gemacht hat, McElroy als Mitspieler kennt, aber sicherlich in seiner spielerischen Entwicklung noch einen längeren Weg vor sich hat. Doch da wir die Reifung der Wurst zur Edelsalami erlebt haben, können wir berechtigt hoffen, auch wenn seine Einsatzdauer noch sehr schwankt.

Eine fast schon eierlegende Wollmilchsau…

Schließlich bleibt einer: Tadija Dragicevic. 24 Jahre, 206 Zentimeter, sechs Jahre beim Roten Stern ausgebildet, Adrialeague MVP, von den Jazz gedrafted, etwas abgetaucht. Bereits jetzt in der Vorbereitung ist er einer der sichtbarsten Spieler. Er hat einen Wurf, er tanzt den Gegner aus und sammelt Rebounds. Es ist sicherlich ein Spieler, der das Potential hat einer der ganz großen der Liga zu werden. Meist liege ich mit solchen Tipps daneben, aber nach Jahren der Dürre auf des Trainers Lieblingsposition scheinen wir die Wollmilchsau, oder den Spielertyp, der dem geradezu absurden Anforderungsprofil am nächsten kommt, gefunden zu haben. Möge er fit bleiben. Doch in der EL-Quali scheinen ihm Allen und Femerling den Rang des Insidestars abzulaufen.

…und ein Fazit

In den Vorbereitungsspielen war zu sehen, dass es wieder mehr Punkte aus dem Frontcourt gab. Mehr Zusammenspiel, Durchstecker, herausgespielte und vergleichsweise einfache Punkte. Irgendwann im letzten Jahr haben wir gemeinsam auf schoenen-dunk herausgearbeitet, dass ALBA erfolgreicher spielt, wenn sie den Ball unter das Brett bekommen statt sich auf ihre (guten) Shooter zu verlassen. Was ich in den Highlight-Videos der Vorbereitungsspiele sehe, macht Lust auf die Saison. Er erinnert mich an die zweite Hälfte der Saison 2007/2008. Besseres Mannschaftsspiel, mehr Fastbreaks, ein Frontcourt der clever zusammenspielt.

Schnell muss (bzw. musste) sich ALBA beweisen. Bereits ab Mitte September spielen sie die Qualifikation zur ULEB Euroleague, der Königsklasse europäischen Basketballs. Es wird hart, sehr hart. Durch Solo-Shows ist das nicht zu wuppen. ALBA muss zeigen, dass nach all dem Steineumdrehen bereits jetzt eine neue Mannschaft steht. In der Liga steht ALBA dort, wo sie immer stehen, weit oben. Jedoch stehen sie dort nicht allein, sondern mit anderen starken Mannschaften wie Bamberg oder Oldenburg. Was am Ende dabei an zählbaren Erfolgen rauskommt, wird sich zeigen. Der Anspruch ist der alte, die Meisterschaft. Wichtiger ist aber, dass diese neue Mannschaft eine ist, die vom zu erwartenden Spiel Lust auch auf 17 Hauptrundenspiele in der Beko BBL macht und nicht nur für die europäischen Ambitionen dieses Schwergewichts des deutschen Basketballs steht.

Sonntag steht das letzte Spiel der Euroleague-Qualifikation an. In der ersten Runde wurde Roanne geschlagen, Jenkins schoss mit einem 3er in letzter Minute Hemofarm aus dem Wettbewerb und nun liegen wir mit vier Punkten hinten gegen Spirou Charleroi.

Zeit für mich, die gelben T-Shirts und Schals aus dem Schrank zu holen, Freunde und Familie anzurufen und in die Halle zu treiben. Machen wir es laut und gehen wir gemeinsam den letzten Schritt in Richtung Euroleague. Es wäre doch wunderbar, wenn endlich, nach vielen Anläufen, die Freude am Spiel ALBA in die Euroleague, die Königsklasse des europäischen Basketballs tragen würde.

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4 Gedanken zu „Neue Freude am Spiel

    • auch wenn er spielt, ist die frage, ob man das spielen nennen kann. aber im moment so oder so tatsächlich nicht.

      dachte mir schon, dass das was mit frankreich zu tun hat. passiert mir auch öfter.

  1. Schöner Text, danke dafür! Auch ich freu mich auf Sonntag, obwohl es nicht mein erstes Spiel ist diese Saison. Ich hoffe das dieses Mal die Halle noch voller, lauter und eben einschüchterner für den Gegner ist. Viel Mut, viel Kraft und viele Klatschpappen für Sonntag!

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