TV-Doubleheader am Samstag: Das ist die Basketball-Bundesliga

Vorberichte über fremde Teams, das ist meine Sache eigentlich nicht. Aber dieses Wochenende gibt Anlass zu einem Experiment. Ich schreibe einen Vorbericht über den TV-Doubleheader auf sport1: Trier vs. Bonn und Artland vs. Frankfurt. Mal nicht besonders analytisch, sondern ich versuche auch an den Gelegenheitszuschauer und Reinzapper zu denken.

Vor ein paar Tagen sprach ich mit einem Freund,  nennen wir ihn mal Tom. Tom ist kurz nach der Jahrtausendwende aus Trier nach Berlin gekommen und ich schleppe ihn hin und wieder mit zu ALBA. Er kennt Charlie Brown und James Marsh, aber sagt zu mir: „Wenn ich mit dir zu ALBA gehe, dann kenne ich da doch keinen Spieler.“ Bei insgesamt fast 300 Transfers in diesem Sommer ist da viel dran. Warum also sollte nun Tom am Samstag um 18 Uhr und um 20 Uhr Sport1 einschalten, wenn er kein übermäßig großer Basketballfan ist? Ich versuche mich an einer Erklärung, warum gerade dieser Doubleheader am Wochenende perfekt zum (Wieder)Einstieg ist.

Da spielt doch weder der Ligakrösus ALBA Berlin, noch der deutsche Meister Bamberg, mögen mir manche entgegnen. Vielleicht gerade deshalb, sage ich. Berlin und Bamberg könnte man noch irgendwie kennen, dann schaut man vielleicht deswegen. Aber das nackte, reine Alltagsgeschäft der Beko Basketball-Bundesliga, das gibt es diesen Samstag kompakt. Es sind vier ganz unterschiedliche Clubs, vier verschiedene Teamkonzepte und trotzdem steht jede einzelne Mannschaft, aber auch beide Spielpaarungen, irgendwie für das was die Liga ist. Der samstägliche Doppelschlag ist nicht Glitz, nicht Glamour der BBL, sondern da spielt sozusagen vier Mal „Ute Musterteam“ – laßt uns mal sehen was den Durchschnittsschauer (Frau Mustermann mit ihrem Mann Tom und Chips, ungarisch auf dem Sofa) so erwarten wird, denn Alles, was gut ist an der deutschen Liga wird aufgefahren:

Die Liga wirbt für ihr Produkt mit dem vorstehenden Video und mit vielen Szenen aus der Vergangenheit. Das Video war daher sozusagen schon alt, als es rauskam. Es spricht wohl eher Fans an, die früher in die Hallen kamen. Wahrscheinlich ist auch Tom irgendwo darin zu sehen. Die Liga versucht die Grätsche zwischen alter Glorie und neuen neugierigen Zuschauern. Das kann glücken, denn die alten Emotionen – sei es vom Mäusheckerweg oder aus der Alten Waage – sind tief verwurzelt und schaffen beim Zusehen sofort ein wohliges Samstagabend-Bauchgefühl. Jetzt heißt es nur noch die hippen Newcomer ebenfalls anzusprechen. Tradition und Moderne. Das neue Produkt ist am Samstag auf jeden Fall spannend – hoffen wir dass es von sport1 auch genausogut verkauft wird, wie es ist. Hier ein paar Benchmarks fürs Verkaufsgespräch:

18 Uhr – TBB Trier vs. Telekom Baskets Bonn

Trier gegen Bonn. Das ist das Trainerduell Henrik Rödl gegen Mike Koch. Es ist das Duell zweier Trainer, die deutschen Spielern vertrauen, die man getrost als zukünftige Kandidaten für den Job des Nationaltrainers bezeichnen kann. Beide zudem echte Stars der goldenen Generation des deutschen Basketballs in den 90er-Jahren.

Bonns Mike Koch ist einer der erfolgreichsten deutschen Basketballer aller Zeiten. Wie? Ist das nicht Nowitzki? Nein. Mike Koch hat mit Panathinaikos Athen 2000 den Europapokal der Landesmeister gewonnen. Er war Europameister 1993 und hat neun weitere nationale und internationale Titel im Regal. Aber eben noch keinen Titel als Trainer.

Der Trierer Trainer Henrik Rödl ist ein legendärer Spieler ALBA Berlins, mit denen er sieben Meisterschaften in Serie sowie einen Europpokal gewann. Auch er war Europameister 1993. Er ist der einzige Spieler, dessen Trikotnummer in Berlin nicht mehr vergeben wird, die höchste Ehrung, die ein Basketballer von seinem Club erhalten kann. Rödl gewann als bislang einziger deutscher Spieler die amerikanische Collegemeisterschaft (mit North Carolina), den wohl prestigeträchtigsten Titel im amerikanischen Basketball. Als Headcoach führte er ALBA Berlin 2006 zum Pokalsieg.

Am Samstag stehen sie sich also an der Seitenlinie gegenüber. Auch wenn beide dem deutschen Nachwuchs vertrauen, könnten ihre Mannschaften unterschiedlicher kaum sein.

Trier beweist diese Saison viel Mut. In einer Liga, die von Amerikanern geprägt ist, vertraut Rödl deutschen Spielern. Nicht denen der ersten Reihe, die man von der Weltmeisterschaft im Sommer her kennen könnte, sondern jungen Spielern vor dem Durchbruch. Der, auf den man vor allem achten muss, das ist Philip Zwiener. Philip saß die letzten Jahre bei ALBA Berlin vorwiegend auf der Bank. Jetzt ist er mit fast 15 Punkten pro Spiel der elfbeste Scorer der Liga, der beste mit einem deutschen Pass. Das ist eine echte Hausnummer. Neben ihm spielen gleich drei weitere Ex-Berliner: Oskar „Ossi“ Faßler, Dragan „Eiergott“ Dojcin und Oliver „Olli“ Clay. Und ein weiterer junger deutscher A2-Nationalspieler lebt mit wachsenden Minuten auf: Center Maik Zirbes, 20 Jahre. Dazu neben ihm in der Zone mit „Sarge“ Evans den ältesten Spieler der Liga, ein Brocken unter dem Brett, der erst viel Zeit mit der US Army verbrachte, bevor er Profibasketballer wurde. Ein Gerüst erfahrener Spieler und junge hungrige Talente ist – mit kleinem Budget  –  das Trierer Erfolgsrezept. Trier spielt gut, auch gegen starke Teams, zwei ganz unglückliche Niederlagen in Oldenburg und Bremerhaven stehen jüngst zu Buche. Es ist Zeit für einen Heimsieg. Freut euch auf eine junge, hungrige Mannschaft, die kämpft, keinen Ball verloren gibt und in der deutsche Spieler befreit aufspielen können.

Der Gegner, die Telekom Baskets Bonn, spielen für gewöhnlich in Magenta. Pinkies, Telekomiker, ewiger Vize. Es ist ein ambitionierter Club, lange in der Liga, aber oft und dramatisch in den Finalspielen gescheitert. Sie sind in der Außendarstellung ungleich professioneller als Trier, auch als Club bekannter:

Auf dem Parkett sind die Bonner eine Mannschaft, die traditionell deutlich athletisch ist. Klar, auch Mike Koch setzt mehr auf deutsche Spieler als andere Trainer, doch die Bonner Stars sind die Amerikaner.   Wer auf spektakuläre Dunks und flinke Finger steht, wird also seine Freude an Bonn haben. Aufbauspieler Jeremy Hunt ist einer der Top10 Scorer der Liga und wow… der Junge kann Blocken:

Die beiden Stars, deren Namen man sich merken sollte, stehen aber unter den Brettern. Der erst 22jährige Nationalspieler Tim Ohlbrecht ist für Blocks, Dunks und nen frechen 3er gut. Und Liga-Urgestein Chris „Ense“ Ensminger räumt unter den Brettern auf. Ense, die Sense, spielt mit allen fiesen Tricks, Ellbogen und einem durchdringenden bösen Blick. Kaum ein Spieler der Liga polarisiert so. Doch er ist trotz seines Alters richtig gut. Bonn ist ein Klassiker der Liga. Sie haben eine neue Mannschaft, sie sind grad verletzungsgeplagt doch es ist noch immer Bonn. Das was für meinen Freund Tom bei Trier Charlie Brown und Aggy Mock sind, sind für Bonn diese Erinnerungen:

Es ist nicht nur das Trainerduell von zwei der erfolgreichsten deutschen Basketballer. Es ist ein Duell zweier Traditionsstandorte der Liga. Charlie Brown mag nicht mehr in Trier spielen, aber Spieler wie Zwiener, Zirbes und Faßler sind die Zukunft. Bonn ist diese Saison vielleicht kein Meisterschaftsanwärter, aber immer für ein starkes Spiel und einen Vizetitel gut.

20 Uhr – Artland Dragons vs. Deutsche Bank Skyliners Frankfurt

Teil zwei des Doubleheaders. Der Vizemeister Frankfurt tritt bei den Artland Dragons Quakenbrück an. Quakenbrück? Ja, das ist ein 12000 Seelen Nest bei Osnabrück in Niedersachsen. Das „Dorf“ oder „Entenhausen“, wie wir Fans sie liebevoll nennen. Quakenbrück, das ist pure Basketballbegeisterung. Seit dem Aufstieg 2003 ist die 3000er Halle in jedem Ligaspiel ausverkauft. Pokalsieger, Vizemeister – viel haben die Dragons erreicht. Mit dem Trainer ging leider auch der Erfolg, nach langen gemeinsamen Jahren wollten beide Seiten etwas Neues probieren. Fleming ging nach Bamberg, holperte zunächst und reüsierte dann grandios. Artland selbst sucht sich noch. Zwei schwere Jahre ohne Teilnahme an den Playoffs liegen nun hinter ihnen, ein neuer Trainer ist da: Stefan Koch. Stefan ist der Bruder von Mike aus Bonn. Nach mehreren Jahren Pause vom Trainerjob und Dasein als TV-Experte zog es ihn zurück auf die Trainerbank, denn er spürte wieder das Kribbeln, sogar noch bevor die Beko-BBL das Dribbeln fühlte.

Sein Gegenüber ist Gordon „Gordie“ Herbert. Pikanterweise Stefan Kochs Nachfolger 2001 auf dem Skylinerstrainerstuhl. Herbert war dann Frankfurter Meistertrainer 2004, kam kurz vor Ende der letzten Saison dann zurück nach Frankfurt und führte eine strauchelnde Mannschaft bis ins Finale. Frankfurt, das sind Bankentürme im Logo und dank eines auslaufenden Sponsorenvertrags mit der knauserigen Deutschen Bank befristete Spielerverträge. Das heißt: nur wer wirklich will, darf auch bleiben. So spielen die Skyliners dann aber auch: Mit Einsatz, nie aufgebend und egal wie schlecht es läuft immer mit dem unbedingten Willen zurückzukommen, wie sie erst letztes Wochenende gegen Braunschweig bewiesen haben. Auch die unglaubliche 5-Spieleserie im Finale um die Deutsche Meisterschaft im Juni 2010 war davon geprägt und ist unvergessen.

Frankfurt, das sind Kämpfertypen wie Marius Nolte oder der Finne Kimmo Muurinen, der grad erst nen Korb zerstörte und dessen Gegner mit Kopfverband spielen musste. Frankfurt, das sind aber auch Gentleman, wie der ehemalige Nationalspieler Pascal Roller mit seinem perfekten 3-Punkte-Wurf und dem Schwiegersohnsmile, das ist – seit Gordie Herbert zurück ist – Basketball, der Spaß macht.

Die Artland Dragons sind, auch wenn sie aus einem kleinen Ort kommen, eines der finanzkräftigeren Teams der Liga. Sie sind angetreten, die Playoffs zu erreichen und haben eine neue Mannschaft aus zumindest Ligakennern bekannten Gesichern zusammengestellt. Domonic Jones, Bryan Bailey, Alex Seggelke, Flo Hartenstein, Johannes Strasser. Es ist typisch BBL. Die Jungs können spielen und kämpfen, sind aber sicher keine Stars. Der Kameruner Nationalspieler und Ex-NBA-Center Ruben Boumtje-Boumtje… ein netter, witziger Kerl und so humble:

Dazu die beiden langjährigen Drachen und Topscorer Darren Fenn und Adam Hess. Letzterer trifft schon mal verdammt wilde Würfe:

Der puertoricanische Nationalspieler Nathan Peavy fehlt leider verletzt, doch auch ohne ihn liegen die Dragons vor diesem Spieltag auf dem vierten Tabellenplatz. Frankfurt hat nun die Chance mit einem Sieg an ihnen vorbeizuziehen. Wird dies klappen? 3000 feuerspuckende Jungs und Mädels vom Dorf in der Halle werden da was dagegen haben und fauchende Artländer Drachenspieler werden sich gegen die immer agressiv anfliegenden Skyliners wehren.

Das sind die Fakten und Geschichtchen rund um den Doubleheader – macht was draus!

Also, nicht vergessen: Samstag ab 18 Uhr sport1 einschalten und Basketball schauen. Vielleicht spürst auch du danach das Dribbeln.

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13 Gedanken zu „TV-Doubleheader am Samstag: Das ist die Basketball-Bundesliga

  1. sehr schöner Text. Zum Duell Trier gegen Bonn kann man noch dazu sagen, dass es für die Trier das einzige richtige Derby der Saison ist und normalerweise zusammen mit dem Spiel gegen ALBA der Höhepunkt der Saison.

    Durch den immer wieder tollen Fan-Support der Bonner in Trier herrscht bei diesem Spiel auch eine richtige Derbyatmosphäre. Mal hoffen, dass man das bei Sport1 auch mitbekommt.

  2. Sehr schöne Ankündigung! Wäre sie von der BBL, hättest Du vermutlich kritisiert, dass die Liga sich und ihre Stars nicht gut genug vermarktet, indem sie das top aktuelle Thema MLP einfach hinten runter fallen lässt ;-)

    • Ach, der verspätet geehrte MLP der letzten Saison ist nen Top-Thema? Ich hatte es schlicht nicht mehr auf dem Schirm.

    • Diesen seltsamen Titel mit dem fetten Klunker könnte man einem nicht BB-Junkie niemals nahe bringen, daher passts hier auch nicht so ganz.

  3. Schöner Artikel, danke dafür!

    Sehr interessant finde ich, was die Baskets aus Bonn im Bereich Bewegtbild für ihren Außenauftritt tun. Den Level sollten sie unbedingt auch mit ihrer Website halten, dort empfehle dringend ’nen Relaunch. Die Usability ist grausam.

    Habe in dieser Saison noch kein einziges BBL-Game gesehen – morgen wird der Anfang gemacht ;]

  4. Jajaja. Schöner Text. Dumm nur, dass Sport1 aus irgendwelchen Gründen in Berlin nicht mehr terrestrisch-digital per DVBT ausgestrahlt wird. Der Sendeplatz darbt dahin, und viele Freunde des gepflegten Korbball-Spiels leiden. Kann das mal bitte irgendwer lautstark anprangern?
    Noch tragischer wird das Ganze, falls stimmt, was heute in der Zeitung meines Vertrauens stand. Dass Sport1 nämlich auch Euroleague-Spiele überträgt.
    Tja. Da müssen wir dann doch wohl alle zum Gucken bei Herrn Grübler reinschneien.

  5. Pingback: Presseschau #2 – Vorfreude aufs Derby | TBB – Trierer Basketballfan Bloggt

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